FUCKED UP, CHASTITY / 30.01.2019 – Hamburg, Molotow

„FUCKED UP damals in der Meierei, das war wat, oder?“ Aaaargh, Schnauze! Denn: Ich war nicht dabei! Ich weiß nicht mehr, was der Grund war, wahrscheinlich ein eigener Auftritt, aber seit JAHREN warte ich darauf, diese Lücke zu schließen. Einmal war es fast soweit, da sollten sie mit OFF im Hafenklang spielen, mussten aber irgendwie die gesamte Tour absagen. Angesichts von vagen Andeutungen, die Sänger Damian in Interviews gern mal fallen lässt, dass er nämlich gar nicht so gerne toure und das Ganze vielleicht auch mal sein lasse, wurde mir der Kragen doch langsam eng. Aber dann, kurz nach Erscheinen des fünften Albums „Dose Your Dreams“, die Erlösung: FUCKED UP in Hamburch!

 

Dass ich nicht der einzige Kieler bin, der sich für dieses Konzert interessiert, ist von vorneherein klar, aber mit einer siebenköpfigen Reisegruppe hatte ich nicht gerechnet. Im Regio lässt es sich herrlich in Rage reden – wir philosophieren darüber, warum FUCKED UP so besonders sind, kommen auf die Entwicklung der Band vom Hardcore/Punk zur schwer stilistisch zu greifenden Experimental-Post-Sonstwat-Kapelle zu sprechen, die aber rein inhaltlich und intellektuell nie den gängigen Klischees entsprach und deren Mitglieder auch durch Tätigkeiten außerhalb der Band in Erscheinung treten (Damians Podcasts, Radio-Moderationen, TV-Aktionen…), ganz zu schweigen von Exzessen wie dem 24-Stunden-Auftritt oder ihrem mittlerweile schier unüberblickbaren Output an Sonderformaten. Natürlich reden wir auch über ganz schnöde Themen wie Flatties, Preppers und Lieblingsriegel.

 

Das Molotow ist ja eigentlich viel zu klein für die Band. Zum Glück haben die Veranstalter nicht übertrieben viel Karten verkauft, sodass die Zustände erträglich ausfallen und man durchaus während der Shows Getränke holen kann, sofern man Körperkontakt mit fremden, schwitzenden Menschen aushält. Interessanterweise hören wir aus CHASTITY alle etwas anderes heraus – ihr dürft wählen zwischen Post-Grunge, Proto-Wave, Indie-Pop, Shoegaze und Hardcore. Gleichzeitig haut die Band keinen von uns so richtig vom Hocker, auch wenn man dem hageren Sänger Brandon Williams ein gewisses Charisma nicht absprechen kann. Verhallter Gesang, klagende Melodien, atonale Riffs, ziemlich viel Midtempo und ruhige Parts bestimmen das Bild. Wie gesagt, alles sicher gut gemacht, mich kickt das aber vielleicht auch deshalb gerade nicht, weil ich mich wegen der FUCKED UP-Vorfreude gar nicht wirklich konzentrieren kann.   

 

Irgendwann ist es soweit und gleich kann der erste erfreuliche Fakt festgehalten werden: Der Sound ist sehr gut! Angesichts der drei Gitarren ein nicht unwichtiges Element für die Songwriting-Kunst der Kanadier*innen. Man hört alle drei Gitarren schön heraus, kann mitverfolgen, wie sie übereinander schweben, Riffs, Soli und sphärische Klänge miteinander verschmelzen. Generell lassen FUCKED UP die experimentellen Elemente in der Livesituation weg – das kesselt doch ganz schön und kann im Gegensatz zu diversen „Dose Your Dreams“- oder „Year Of The…“-Freak-Out-Momenten über weite Strecken als Hardcore/Punk durchgehen. Das aber selbstredend mit einzigartiger Klasse! Damian Abraham ist der springende, schreiende und Schweiß verspritzende Barthüne. Fast alle anderen Mitglieder singen aber auch mit, und das richtig gut! Der (übrigens grandios zockende) Schlagzeuger besitzt eine Sangesstimme, die im Grunde klassischen Stadionrock stemmen könnte, einer der Gitarristen überrascht mit einer hohen Stimme, die ich auf den Platten zum Teil fälschlicherweise Bassistin Sandy Miranda zugeordnet hatte. Lediglich Gitarrist Mike Haliechuk konzentriert sich ausschließlich auf sein Instrument (ich erwische ihn dabei, wie er einmal gähnen muss – höflicherweise dreht er sich dabei vom Publikum weg, was irgendwie irre sympathisch rüberkommt). Nach diversen Stücken wie „Raise Your Voice Joyce“, „Normal People“ und „Son The Father“ macht Damian die erste längere Ansage. Und die fällt sehr emotional aus: Während der Tour sei seine Mutter gestorben, er wolle sich an dieser Stelle bei seinen Bandfreund*innen entschuldigen, auf welch anstrengende Art er den Verlust zu verarbeiten versucht habe. Darauf berührt ihn Haliechuk beschwichtigend am Arm. Man spürt förmlich, dass die Tour nicht einfach gewesen sein muss (der heutige Auftritt ist der letzte), alles explodiert danach in „Queen Of Hearts“. Ich bin nicht völlig sicher, meine aber, dass alle fünf Alben in der Setlist repräsentiert werden, wobei das Ganze einen guten Fluss besitzt und mit einer Gänsehaut-Version von „The Other Shoe“ endet (mit diesen sich wiederholenden „Dying on the inside“-Passagen). Kollege Schrammi sieht FUCKED UP heute zum dritten Mal und resümiert, dies sei das bisher beste Konzert gewesen, was mich natürlich freut. Endlich ist die Lücke geschlossen!

 

Ach ja, verrückterweise zum ersten Mal im Molotow gewesen. Sehr nett dort!   

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