SCHLEIM-KEIM, GEWALTBEREIT, KELLERASSELN, A9 / 29.12.2018 – Hamburg, Hafenklang

Eine barbarische Punkerparty hatte ich mir von diesem Abend erhofft und genau das auch bekommen! Schon die Zugfahrt zum good old Häfenkläng hat es in sich. Wir schleusen einen Obdachlosen durch die Fahrkartenkontrolle, überstehen eine schikanöse Behandlung durch DB-Sicherheitskräfte und latschen schließlich durch eiskalten Pladderregen vonner Reeperbahn runter. Egal, drinnen ist es schnell warm, die Hütte ist schließlich seit Monaten ausverkauft und man darf sich wundern oder auch nicht, wen man hier so alles trifft, den oder die man schon ewig nicht mehr gesehen hat.


SCHLEIM-KEIM
Fotos von Benjamin Bajramovic


A9A9


A9
, was dat denn? Komischer Name, aber eigentlich auch schon wieder ganz geil, denn der bleibt hängen. Voll Straße. Die Truppe trümmert dann auch gleich voll los, der Gesang zwischen grölig und nölig, der Gesamtsound zwischen schimmelig und bimmelig. Also ziemlich super. Die Stücke haben Titel wie „Saufen“, „Jeden Tag Bla Bla Bla“, „Dr. Grausam“, „Arbeit“ und sinnigerweise auch „Essen“. Ich bin beeindruckt von der Energie, die hier freigesetzt wird, und zwar von Band UND Publikum, welches jetzt schon anfängt, sich rücksichtslos zu zerlegen.


KELLERASSELNKELLERASSELN

KELLERASSELN haben etwas, was jede Band haben sollte: Mindestens einen Hingucker! In diesem Falle ist der Drummer, der spektakulär abliefert. Acht Arme und noch mehr Grimassen zähle ich. Wir müssen erst mal rausbekommen, wer denn jetzt überhaupt gerade spielt. Aber zum Glück ist es heute wie in der Kirche: Vorne liegen Textblätter zum Mitsingen. Auf Dauer tut der Gesang etwas in den Ohren weh, aber das ist ja auch eine Qualität für sich. Die Texte sind übrigens ziemlich durchdacht und legen in bester Biafra-Manier den Finger mit Zynismus, Wut und Verachtung in die Wunde. Dieses Trio aus Erfurt würde ich mir nochmal ansehen!


GEWALTBEREITGEWALTBEREIT


Aaah, GEWALTBEREIT machen ihrem Name alle Ehre! Es gibt mittlerweile so viele Ironiepunks, da tut es richtig gut, wenn eine Punkband derart brutal und hasserfüllt auf die Glocke gibt. Der Sänger brüllt im Stakkato, haut die Silben nur so raus, während die Band sich tempomäßig selbst überschlägt. Aber dabei jetzt keinen Grind spielt oder so, dat ist schon richtig fieser Pogopunk mit hohem Zertrümmerungsgrad. Der Schlagzeuger hat ‘ne richtig alte, verwarzte Kutte an, deren Patches so zerfetzt sind, dass man nur mit viel Phantasie erkennt, dass hier unter anderem DEATH und HELLACOPTERS dabei sind. Ich hole mir die Kassette mit dem „Ein Leben lang verreckt“-Album drauf, die es mit Biestern wie „Scheiße“, „Knast“ oder „Ende“ in sich hat Darauf sind 16 Songeruptionen, nur ca. die Hälfte überschreitet die Dauer von einer Minute. Richtig geile Entdeckung!


SKSK

SCHLEIM-KEIM bedeuten heute für viele Anwesende mehr als nur Musik, darunter für Veranstalter Fab und Labelheini Höhnie, die ich übrigens beide schon seit BONEHOUSE-Zeiten kenne. Aber auch ansonsten sind Leute aus ganz Deutschland angereist. Wenn eine, man darf sie wohl so nennen, legendäre Band wie SCHLEIM-KEIM zurückkehrt, zumal nach dem Tod eines Originalmitglieds (Ruhe sanft, Otze!), dann ist häufig das Gemecker groß. Wie können sie nur! Das dürfen die nich! Wenn SCHLEIM-KEIM lebt, ist Punk tot! Aber wo immer sich die Hater heute herumtreiben (da, wo Horst Seehofer schon seit den Achtzigern „sehr unterwegs“ ist, vielleicht?), hier sind sie definitiv nicht. Denn ein einziger Pogomob schwappt von links nach rechts von vorne nach hinten von unten nach oben durch den Laden. Als Drummer Lippe sich hinters Kit gesetzt und sich – ein kleiner Treppenwitz an sich – sein INQUISITION-Shirt ausgezogen hat, nimmt er mit den Worten „Wir sind das, was von SCHLEIM-KEIM übrig geblieben ist. Seht zu, wie ihr damit klar kommt…“ eh allen potentiellen Nörglern den Wind aus den Segeln. Und da Lippe auch singt, die Band also keinen Jungpunker ans Mikro geholt hat, der Otze „ersetzen“ soll, wirkt das Ganze sowieso nicht wie ‘ne komisch aufgemotze SK-in-modern-Reunion. Lippe hat es drauf, auch mit so einem ätzenden, keifenden Tonfall in der Stimme zu singen. Wenn man ihn denn überhaupt hört, denn der Mob ist extrem textsicher und grölt fast bei allen Songs mit, und das nicht nur die Refrains! „Bundesrepublik“, „Faustrecht“, „Kriege machen Menschen“, „Satan“, es ist alles dabei und klingt so, wie es klingen soll. Faszinierend an SCHLEIM-KEIM (und vielen anderen Bands aus „dem Osten“) ist meiner Meinung nach dieses Eigenwillige, Unkonventionelle. Das bringen SK heute noch gut rüber, folgerichtig rasten die Leute von Stück zu Stück mehr aus, gegen Ende liegen Punker auf der Bühne, andere haben eins der Mikros erobert und krähen schief mit.

Die Kieler Fraktion ist begeistert und analysiert das Gesehene bis um halb fünf haarklein, um zum Fazit zu kommen: „Oh, Herr der Hölle, ich kann Dir nicht mehr dienen / Die Liebe bläst mich weg von dir!“

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