THE HELLACOPTERS, LUCIFER / 14.05.2019 – Hamburg, Markthalle

Manchmal tut ein Rock’n’Roll-Päuschen ganz gut. Im Falle des Rotzrock-Triumvirats THE HELLACOPTERS, GLUECIFER und BACKYARD BABIES war ich tatsächlich auch gar nicht enttäuscht, als sich diese Bands nach jeweils ca. zehnjähriger Existenz Mitte der Nuller Jahre auflösten. Alles schien gesagt zu sein, auf die starken Frühwerke folgten – so sah ich das zumindest damals – eher schaumgebremste Langweilerscheiben. Mittlerweile würde ich die letzten Alben gerade der HELLACOPTERS doch ganz gern abernten und finde, dass es Zeit für gute Vinyl-Rereleases wäre (bei “Head Off“ ist das ja bereits der Fall). Nach intensiver Beschäftigung mit dem frühen Rock’n’Roll der 50er bis 70er verstehe ich diese Phase der Band eigentlich erst so richtig und bin froh, dass Nicke & Co. nun eine Reunion durchziehen. Also ab, HUBSCHRAUBÄR!

 

Bilder von Jan ML folgen.

 

Ausverkaufte Markthalle, Familientreffen, eigentlich ist dieser Trip schon ohne Musik die Zeit wert. Den ollen Späthi hab ich zum Beispiel ewig nicht auf ‘nem Konzert getroffen, insofern witzig, alsdass wir zu BONEHOUSE-Zeiten immer herrlich über HELLACOPTERS und die oben erwähnte Entwicklung gestritten haben, uns jetzt aber einig sind, wie geil deren Inspirationen von frühen KISS über CHUCK BERRY bis hin zu CCR eigentlich sind.

 

Mit LUCIFER hat man einen Opener dabei, der nun wirklich mehr als eine „Vorband“ ist, schließlich sitzt hier der Chef höchstpersönlich am Schlagzeug und Ex-THE OATH-Sängerin Johanna schwingt das Mikro. Nicke Andersson unterstreicht damit en passant, was für ein verdammter Freak er ist, denn wer spielt schon sonst jeden Abend zwei Sets hintereinander und dann auch noch an den beiden schweißtreibendsten Positionen Schlagzeug und Frontmann? Herrlich sein gesamtes Linkshänder-Set-Up und die lässige Spielweise, welche dem ehemals doomigen LUCIFER-Sound eine deutlich hardrockigere Seite verleiht, was ja auch am Songwriting der zweiten LUCIFER-Scheibe die auffälligste Entwicklung ist. Und außerdem klingt Johanna Platow Andersson (ehemals Sadonis) mittlerweile souveräner oder der Sound passt besser zu ihrer Stimme. „Faux Pharaoh“, „Dreamer“, „Phoenix“ oder „Eyes In The Sky“ heizen die Stimmung in der knackvollen Markthalle ordentlich an, zumal Sound, Posen und Fransenjacken sitzen wie ‘ne Eins. Mit einer MOTÖRHEAD-Coverversion sackt man schließlich auch die letzten Zweifler*innen ein – „You know we do it right / A mission every night / It’s a bomber, it’s a bomber“!

 

Es ist eigentlich sofort klar: Das hier wird ein Totalabriss. Denn die Rahmenbedingungen sind schlicht perfekt: Die Band hat Bock, der Mob hat Bock, alle haben Bock! Nicke, Dregen, Keyboarder Anders „Boba“ Lindström, Robert Eriksson (d) und der Kenny-Ersatz Dolf DeBorst (IMPERIAL STATE ELECTRIC, THE DATSUNS, BLACK TRIP) frönen mit aller Leidenschaft dem Rock’n’Roll. Dabei gelingt es ihnen, die altbekannten Klischees derartig überzeugend mit Leben zu füllen, dass auch Menschen ohne großen Background oder Riesenplattensammlung mitgrooven, headbangen und sich nach drei Songs kreischend die Klamotten vom Leib reißen. Aber Moment! Was unbedingt erwähnt werden sollte, ist die Tatsache, wie stilvoll THE HELLACOPTERS dies auch inhaltlich tun: Dümmliche Macho-Texte/Ansagen, wie es sie bei vielen der großen Vorbilder ja immer wieder gab, werden komplett umschifft – die Schweden sind sich bewusst, welche sexistischen Plattitüden im 21. Jahrhundert unnötig sind (es natürlich auch schon immer waren). Elegant und dreckig rotzen sich die Hunde durch ihre Discographie, „Hopeless Case Of A Kid In Denial“, „You Are Nothing“, „Toys And Flavors“, „Born Broke“, “Soulseller” oder “By The Grace Of God” seien als einige der Setlist-Höhepunkte genannt, wobei die Stimmung nicht einen Moment lang absackt. Alle Alben werden gestreift, diverse EPs noch dazu und ich meine, dass es zwischendurch ein Chuck-Berry-Cover gibt. Beim Zugabenblock „Tab“, „I’m In The Band“ und „(Gotta Get Some Action) Now!“ werden noch mal alle Register gezogen – Dregen und DeBorst springen auf die Boxentürme, Eriksson verprügelt sein Kit im Stehen. Man kann die Begeisterung der Leute förmlich spüren, bis zum Schluss bleibt es proppenvoll und alle Hände sind oben. Ich fand es auch viel, viel besser als beim letzten Mal 2005 (siehe Schlagwort), wobei ich die IMPERIAL STATE ELECTRIC-Konzerte im Hafenklang (2 x) und auffem Wilwarin irgendwie sogar noch einen Ticken geiler fand.

 

RESPECT THE ROCK!

 

Ungefähre Setlist:

Hopeless Case Of A Kid in Denial

Alright Already Now

Carry Me Home

You Are Nothing

Born Broke

Like No Other Man

The Devil Stole The Beat From The Lord

My Mephistophelean Creed

Ghoul School

No Angel To Lay Me Away

Toys And Flavors

Down On Freestreet

Long Gone Losers

No Song Unheard

Psyched Out And Furious

Before The Fall

Soulseller

By The Grace Of God

TAB

I'm In The Band

(Gotta Get Some Action) Now!

Kommentare   

+3 #2 Philipp 2019-05-19 19:45
Ich sag gern Bescheid.

Der Song, den ich als CHUCK-BERRY-Cover eingestuft hatte, heißt übrigens "Before The Fall", ist ein von den HELLACOPTERS geschriebenes Tribut an CHUCK BERRY.
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+2 #1 DoctorJoyBoyLove 2019-05-17 10:53
Schade, dass ich das verpasst hab (ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, warum. Irgendwie verpennt). Für mich spielen die Hellacopters ja musikalisch zumindest mit der "High Visibility" nochmal ne Klasse über den genannten Skandi-Rock-Kollegen, auch wenn ich alle drei Bands auf ihre Art mag. Nächstes Mal komm ich mit.
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