SPEX-Nachruf

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Ein Teil meines Lebens ist vorbei. Meine erste Spex kaufte ich mir im März 1987 wegen THE MISSION auf dem Cover, denn die fand ich gut. Der dreiseitige Artikel von Michael Ruff war ein stichhaltig begründeter Verriss nicht eines Albums sondern gleich der ganzen Band. Er hatte sie interviewt und zerpflückte jede Aussage Wayne Husseys nach Strich und Faden. Er stand voll auf Andrew Eldritchs Seite. Ein Verriss, wie gesagt. Ein Verriss, den ich in all seiner unverhohlenen Subjektivität so mitreissend, so zwingend fand, dass ich mich ihm nicht entziehen konnte, obwohl „God´s Own Medicine“ einen Tag vorher noch ein gern gehörtes Album war. Dass ich nach dieser Coverstory nie wieder ohne leises schlechtes Gewissen The Mission hören konnte, mag auch an meiner durch autoritäre Erziehung geprägten Biografie, am eingebläuten Katzbuckeln vor jedweder hergelaufenen Obrigkeit gelegen haben, aber so oder anders: Die Erkenntnis, dass The Mission schlocky shit sind, setzte sich bald für alle Zeiten durch. Ich weiß noch, vom "impertinenten Wayne Hussey und seinen lackierten Fingernägeln" war die Rede. Unvergesslich für mich bis heute. Sowas war mir bis dato in Sachen Musikjournalismus noch nicht untergekommen. War ja auch kein Musikjournalismus. Ich so: Fanzine-Erfahrung? „Sounds“ noch mitgekriegt? Alles Fehlanzeige. „Haltung“? Hatte vorrangig was mit Knochen und Muskeln zu tun, 86% des Inhalts meiner ersten SPEX-Hefte verstand und/oder kannte ich nicht. Aber das musste ja nicht so bleiben. Ich wollte da rein.

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In den späten Achtzigern stellte Spex meine ganze Art, Musik wahrzunehmen, über sie und damit zwangsläufig auch über mich nachzudenken, auf den Kopf. Wo andere Leute eine Identität haben, habe ich eine Plattensammlung und ohne Musik wäre ich längst tot. Mindestens geisteskrank. Insofern kann ich ohne zusätzliches Pathos sagen, dass Spex meine Persönlichkeit und infolgedessen mein Leben verändert hat. Zum Besseren, versteht sich. Dazu gehören am vordergründigsten, logo, all die Bands und Künstler, die ich ohne SPEX nie kennen gelernt hätte…fIREHOSE, MINUTEMEN, THIN WHITE ROPE, TORTOISE, STABIL ELITE, YO LA TENGO, BIG BLACK, SONIC YOUTH, THROBBING GRISTLE und BLIND IDIOT GOD, um nur mal 10 zu nennen, die mir als Erstes einfallen und mich heute noch beschäftigen (naja, Blind Idiot God und 2-3 Andere vielleicht nicht mehr so, aber darum geht es ja auch gar nicht). Von dem ganzen anderen Kram, den ich mir servil und angefixt ins Haus holte, später aber wieder loswerden wollte, mal ganz abgesehen. DAS DAMEN, RUN WESTY RUN und ein Dutzend anderer SST-Bands aus der hmpften Reihe, LAUREL HALO, SANTIGOLD, DINOSAUR JR. (ja, die auch, Ihr Indie-Grossväter, aber ist doch alles Geschmackssache) und haufenweise Sonstiges, heuer Vergessenes, im Moment seines von SPEX entfachten Loderns aber Unverzichtbares.

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Der mich in Ekstase versetzende Impetus von Popmusik („Popmusik“ jetzt mal in all der Begriffsweite, die SPEX stets postulierte) bezog seine Kraft vor allem aus einem hochintensiven JETZT!, das hatte ich begriffen. Bin mir allerdings uneins, ob der Erwerb des einzigen MADONNA-Albums meines Lebens durch SPEXens jahrzehntelange Würdigung Frau Ciccones getriggert war. Vielleicht spielte Sonic Youths „Whitey Album“ die schlagendere Geige, aber SY waren ja, siehe oben, eine SPEX-Band, also wohl irgendwie um ein, zwei Ecken doch. Nicht zu vergessen: Andere Magazine rümpften über Popmusik die Nase, SPEX tat selektiv das Gegenteil, und da konnte ich vielleicht nicht überall mitgehen, aber herausfordernd war es allemal.

Sabbeliges P.S. zum Stichwort „Mitgehen“: Konnte ich bei NICK CAVE nicht. Bei TOCOTRONIC erst spät. Und bei NEIL YOUNG leistete SPEX flankierend wertvolle Absicherungsdienste. Die Hauptarbeit erledigten Lasse Ortmann und der Künstler selbst.

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Neben einer halben Handvoll wichtiger Personen, denen zu begegnen ich das Glück hatte und deren Checkung in mir nachwirkte, so dass ich oft erst lange nach unserem Auseinandergehen schnallte, was sie gemeint hatten, ermöglichte SPEX meinem kleinen Geist auch ein Verständnis für die politische Dimension von Popmusik. Ja, über die nahezu ständige Präsenz des Politischen in meinem Leben. Ich glaube, meine sich dadurch über einen längeren Zeitraum verändernde Weltsicht wäre gehirnphysiologisch messbar. Danke, SPEX, für all die neuronalen Verbindungen, die mein Denkapparat wegen Dir herzustellen genötigt war. Anfangs reichte es mir, zu denken, das sei alles nur guitars, bass, drums und Schlumbadibumbum. Überwiegend affirmative Postillen wie der „Musikexpress“ unternahmen wenig bis nichts, diese Einstellung ins Existenzielle zu abstrahieren. Es brauchte zwar Jahre und a little help from my political friends and copperstingers, aber irgendwann verstand ich: Auch wenn eine Band, anders als z.B. Bap oder The Clash, keine explizit systemkritischen Texte dichtete, konnte ihr Schaffen voller politischer Implikationen sein. Und das sollte selbst für Instrumentalmusik gelten, z.B. für Dub, dessen bewusster Verzicht auf formale Strukturen an sich schon eine politische Aussage sein konnte. Dass also eine Band XY FÜR ETWAS STEHT oder zumindest für etwas stehen KANN. Das machte die ganze Chose nicht nur interessanter, nein, es gestand ihr (der Chose) auch eine Relevanz zu, die ich qua Geilfinden immer EMPFUNDEN hatte aber nie BELEGEN konnte.

Zum Beispiel, um wenigstens ein Mal eine Aussage über die Gegenwart zu machen: Wenn die Fischer angesichts des grassierenden Rechtsrucks in der Gesellschaft eben nicht zu ihrer Anhängerschaft spricht und sich von Nationalismus und Fremdenhass distanziert, dann ist das angesichts der Millionen, die ihr zujubeln, eine politische Unterlassungssünde (Ich weiss, sie hat kürzlich mal was zu den Vorgängen in Chemnitz gesagt, aber das war ein Statemäntelchen). Im Gegensatz beispielsweise zum ebenfalls sehr populären Grönemeyer, der sich zwar nie scheut, Stellung zu beziehen, leider aber auch im Verdacht steht, vor allem das Sprachrohr ungefährlicher Reihenhauslinker wie mir zu sein.


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Man kann es sich natürlich auch einfach machen und sagen „Is nur Musik“, aber die entscheidende Botschaft „der SPEX“ war immer: Nee, kann man eben nicht. Die 11 FREUNDE ist in vergleichbarer Manier unterwegs, wenn es um das Politische im Fussball geht, und solche Medien brauchen wir. Sie sind die aufmerksamen Hellsichtigen und die Spassverderber in einer Zeit, in der scheinbar alles danach strebt, nur noch Event und Geili-Geili zu sein. Sie beziehen linke Positionen. Werden natürlich nur von Leuten gelesen, die eh schon auf der richtigen Seite stehen. Und sind genau deshalb so wichtig.

SPEX war mein Kulturkompass. SPEX kalibrierte meinen Bullenscheisse-Detektor immer wieder aufs Neue. Und das ist nicht weniger so, nur weil SPEX und ich in späteren Jahren zunehmend nebeneinanderher existierten, ich mich nicht mehr um alles kümmerte, auf die Modeseiten problemlos hätte verzichten können, eher unregelmässig die CD-Beilagen durchzappte und schon längst am liebsten las, was mich interessierte, was ich also kannte (aber nicht nur). Allein die Heft für Heft von der Redaktion getroffene Themenauswahl reichte jeden Monat für ein erklecklich Mass an Distinktion und liess mich stets als zufriedenen, manchmal gar begeisterten Leser zurück, wenn eine ausgelesene Nummer in den Papierkorb wanderte (Nein, ich habe keine vier Meter SPEX auf dem Speicher). Und ob es das rezensierte Album war, die befragte Band, der mit Musik konfrontierte Solokünstler („Vorspiel“ hiess die Rubrik) – immer gelang es den jeweiligen Redakteur_innen, Überraschendes, aussergewöhnlich Treffendes, manchmal Lustiges, mindestens Interessantes herauszuarbeiten; und garantiert nicht das, was man schon anderswo gelesen hatte.

Und, und (undundund) das ist vielleicht das Wichtigste, auch wenn es wahrscheinlich nur für die frühen SPEX-Jahre gilt: Es musste nicht mal alles wahr sein oder gar objektiv, was sowieso meistens Quatsch ist. Für die aktuelle Ausgabe, die ich auf dem Foto oben in der Hand halte, schwelgt Clara Drechsler in Erinnerungen und schreibt: „…So wie wir das machten, war es richtig. Und dazu gehörte auch, dass man literarische Texte schrieb und nicht in erster Linie darauf achtete, dass eine Band angemessen repräsentiert wurde.“

Clara Drechsler, die der Zeichner eines selbstreferentiellen Cartoons in einem alten Heft den vor der Tür stehenden Besuch anblaffen lässt: „Wollt ihr ficken oder labern?!“ – was ich nie im Kern verstanden aber auch nie vergessen habe und bis heute ziemlich cool finde.

Clara Drechsler, die diesen Artikel scheisse im Quadrat finden würde und die für SPEX SLAYER interviewte. Und die schrieb: „Tom Araya isst nichts, weil er sonst kotzen muss.“ – Wo sonst gab es sowas je zu lesen?


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Alle, die von meinem Geschwurbel genervt sind, wissen jetzt, wieso. Und ich weiss es auch.

Schwamm drüber.

Die Zusammensetzung meines Archivs konfigurierte sich, wie bereits angedeutet, immer autarker. Der diesbezügliche Höhepunkt meiner Selbstermächtigung war die Rückbesinnung auf Metal, die vor mittlerweile 10 Jahren begann, ihren Lauf zu nehmen. Abgesehen von der Ära Dietmar Dath (die, glaube ich, nicht sonderlich lang währte) und Vereinzeltem (neben Drechsler-über-Slayer z.B. Mark Sikoras AC/DC-Interview, in dem er Brian Johnson mit einem derbe gemütlichen Ruhrpott-Dialekt sprechen liess), hatte SPEX mit Metal nichts zu tun – allenfalls mit hippen Derivaten (LITURGY z.B., die allein weil sie auf Thrill Jockey sind, schon zum engeren Kreis gehören), aber nach, sagen wir, IRON MAIDEN brauchte man in all den Jahren nicht zu suchen in 10000 Seiten SPEX.

Naja, was wollte ich eigentlich sagen? SPEX lesen und wieder Metal hören, das war fast wie zu Hause ausziehen.

Nebenbei enthüllt: Spex brachte mich auch vorübergehend auf die schiefe Bahn, weil ich ein knappes Jahr lang jede Ausgabe in ein- und demselben Bahnhofspresseshop klaute. Und dann schön sichtbar im Schulbus drin blättern. Bin nie erwischt worden und habe sie mir nach Abschluß meiner kriminellen Phase wieder ganz normal gekauft. Aber das hatte wohl alles nur mit mir zu tun. Andererseits: SPEX lesen und SPEX klauen, das waren in meiner kleinen Welt zwei subversive Handlungen, die wunderbar ineinander aufgingen.

Es ist durchaus ein harter Abschied. Ich weiss gerade nicht, was ich dazu noch sagen soll. Ab Februar ´19 soll es online weitergehen. Das ist zwar für Heftsozialisierte wie mich kein vollwertiger Ersatz aber besser als nichts. She‘s my Spex, I can‘t cross her from my memory.

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