WACKEN XXIX / 03.08.2018 – Wacken, Tag 3

Freitag, 03. August

Philipp: Der heutige Tag ist sicherlich der heißeste des Festivals, ich bin mir nicht sicher, ob der Glutball in Wacken jemals derart erbarmungslos auf uns niedergebrannt hat. Aber wir wollten ja alle Sommer und jetzt haben wir ihn. Alles dauert dadurch natürlich länger, die Schlangen vor den Duschen sind extralang und so schaffen wir es nicht, rechtzeitig ready to rock zu sein, um THUNDERMOTHER zu sehen, welche bereits um 11:00 Uhr auf der Faster Stage stehen.



GHOST
 

Bericht von Strecker, Anke, Stefan, Philipp & Vincent, Fotos von Strecker, Stefan und Toni B. Gunner - https://mondkringel-photography.de/




Ist natürlich auch echt ‘ne Ansage, die Uhrzeit. Von weitem hören sich die Schwedinnen auch in neuer Besetzung genehm dreckig an und da Toni Gunner Frühaufsteherin ist, gibt es hier auch ohne näheren Bericht ein Foto:

 

 
THUNDERMOTHER

 

CANNIBAL COPRSE       

Philipp: Um 12:15 Uhr stehen wir dann aber vor der Harder Stage, als der Vorhang fällt und der Corpsegrinder uns einen verpult. Der Sound ist großartig, die Gitarren sägen alles weg, Drums und Bass ballern, bis die Hosenbeine flattern. Ich stehe ja auf das neue Album „Red Before Black“ mit seinen Thrash-Einflüssen und freue mich daher auch und gerade über die neuen Stücke „Code Of The Slashers“, „Only One Will Die“, „Red Before Black“ sowie „Scavenger Consuming Death“. Es ist bereits erstaunlich voll, was aber noch heftiger verblüfft, ist die Tatsache, dass trotz der Hitze permanent Circle Pits zu Gange sind. Wie halten die Beteiligten das aus? Mir läuft der Schweiß ohne Übertreibung bereits bei leichtem Bangen in Strömen herunter und der Salzkruste auf Streckers T-Shirt kannste beim Wachsen zusehen. Die Kannibalen haben mit „Pounded Into Dust“, „The Wretched Spawn“, “A Skull Full Of Maggots” oder “I Cum Blood” natürlich auch altbewährte Classics inner Setlist, zu denen George Fisher gnadenlos den Propeller anwirft. Als Strecker uns allerdings fragt, ob wir etwas früher zu ATTIC gehen wollen, da er backstage noch ein kaltes Getränk und eine Entschlackung brauche, muss keiner lange zögern. Zu brutal kommt die Sonne direkt von vorne, als dass Schatten und Flüssigkeit uns nicht locken könnten.

Stefan: Ich bin noch nie vorher wegen Hitze verfrüht von einem Konzert gegangen. Diesen Freitagmittag um 12:15 Uhr vor der Harder Stage bei CANNIBAL CORPSE ist es soweit. Schon als wir ankommen, brennt einem die Mittagssonne direkt von vorne auf die Rübe. Der Corpsegrinder Stefan und seine Mannen legen davon unbeeindruckt los, als gebe keinen Morgen. Anfangs werden relativ viele Stücke der neuen Scheibe "Red before Black", die mich sehr überzeugt hat, gespielt. Der Sound passt und der Corpsegrinder malträtiert mal wieder seine Nackenmuskeln und bangt, wie wohl nur er es kann. Einige offensichtlich hitzeabweisende Menschen starten tatsächlich Circle Pits! Unsere 4-köpfige Dremu-Crew beschließt allerdings nach einer knappen halben Stunde, dass die Sonne einfach zu brutal brennt. Ohne sich großartig zu bewegen, schwitzt Mann/Frau aus jeder Pore. Ein Schattenplatz im Backstagebereich und kühle Getränke sind in diesem Moment die besseren Alternativen gegenüber den wirklich guten CANNIBAL CORPSE.

Strecker: Beim Aufwachen brennt die Sonne bereits und gefühlt ist die Temperatur bereits jetzt jenseits der 50 Grad. Die kalte Dusche erfrischt auch nur ca. 10 Sekunden und dementsprechend träge hängen wir im Camp ab und beschließen, dass Thundermother zwar gut und bestimmt sehenswert sind, aber in der Schaubude und nicht auf der Hauptbühne in der Sonne. Irgendwann raffen wir uns dann aber auf und machen uns auf den Weg zu Cannibal Corpse. Der Band scheint es auch noch zu warm zu sein oder eine harte Nacht lag hinter Cannibal Corpse. Irgendwie wirkt die Band etwas unmotiviert, obwohl der Platz vor der Bühne gut gefüllt ist und es auch ein paar Crowdsurfer gibt. Nach ein paar Songs haben Cannibal Corpse den möglichen Kater weg gespielt und das Konzert wird mit jedem Song besser. Mir wird mit jedem Song heißer und ich muss einfach aus der Sonne raus und verziehe mich in den Schatten im Pressebereich.

Vincent: Der Freitagmorgen begann mit den ersten Ausfallerscheinungen und Grillen. Cannibal Corpse, eine meiner Lieblinge, haben wir leider um ein Haar verpasst und hörten leider nur aus der Ferne George Corpsegrinder Fischer röcheln. Die Show soll aber wie immer gut gewesen sein und das Aushängeschild des Death Metals konnte Punkte sammeln.


ATTIC

Philipp: Wow, ATTIC haben dekotechnisch noch etwas aufgestockt und bieten mit Weihrauch (krass, dass man das Zeug sogar weit von der Bühne entfernt riechen kann!), Kerzenleuchtern, sakralen Bühnenelementen und umgedrehten Kreuzen eine stimmige Atmosphäre. Wer die Band besser kennt und den KING DIAMOND-Touch in Meister Cagliostros Stimme mal ignoriert, der hört musikalisch noch ganz andere Einflüsse heraus, z.B. DISSECTION, HALLOWEEN (die US Band), WITCHFYNDE, HELSTAR oder SATAN’S HOST. Die Gitarrenarbeit ist herausragend und strahlt eine sinistre Schönheit aus. Unterm Strich sind es aber Hammersongs wie „Funeral In The Woods“, „Sanctimonious“, „Join The Coven“ oder „The Headless Horseman“, die das gut gefüllte Zelt und die Begeisterung der Besucher*innen erklären. Ich habe die Band schon oft gesehen und freue mich, dass sie auch auf einem derart großen Festival „funktioniert“.

Anke Bläck: ATTIC, die sich im Jahr 2010 gegründet haben, sehe ich heute zum zweiten Mal und freue mich auf einen stimmungsvoll-düsteren Happen um die Mittagszeit. Zugegeben: 13.10 Uhr ist vielleicht etwas früh für eine finstere Messe, aber ehrlich gesagt nimmt man bei der Wetterlage jeden geeigneten Anlass wahr, der einen im wahrsten Sinne in den Schatten treibt. Und man muss schon sagen, der Falsett-Gesang von Sänger Meister Cagliostro a la King Diamond geht sofort in Mark und Bein bis hin in die Tiefen der eigenen Psyche. Die Bühnendeko mit Kerzenschein und anderen mystischen Elementen, aber auch die Kostümierung und Bemalung der Bandmitglieder unterstützen den okkulten Anstrich auf gelungene Weise. In dieser Mischung aus psychedelischer Stimmung, beeindruckender Stimme und wirklich tighten Gitarrenrhythmen präsentieren ATTIC Songs wie „Sanctimonious“, „Join The Coven“ oder auch „Funeral in the woods“, welche vom Publikum andächtig gefeiert werden. Das Zelt ist um diese Zeit zwar nicht gerade voll und in der Nacht auf einer großen Bühne wäre die Show sicherlich noch beeindruckender gewesen, doch hat die Band auch so überzeugt und damit (getreu dem Motto „nur gute Techniker kommen mit wenig Platz aus“) ihre Qualität bewiesen!!!
 

WIRTZ

Vincent: In der Bullhead City Zeltbühne hatte die Band Wirtz angedockt und präsentierte uns Deutschrock. Ich hatte von der Band noch nie etwas gehört und die Show kam bei mir und meinem Kollegen auch nicht gut an, der recht wehleidige Sänger redetet mehr, als Musik zu machen, für uns der faule Fisch des Festivals.
 

Mr. BIG

Stefan: Mittlerweile brennt die Sonne nicht mehr ganz so erbarmungslos wie noch zur Mittagszeit und ich wage mich wieder ins Infield zur Louder Stage zu MR. BIG. Deren "Lean into It"-Scheibe habe ich anfangs der 90er schon gerne gehört, bevor das ausgekoppelte "To be with you" zum weltweiten Hit wurde. Vor ca. zehn Jahren hat sich die Band in Originalbesetzung reformiert. Leider ist Schlaugzeuger Pat Torpey Anfang diesen Jahres an den Folgen seiner Parkinson-Krankheit gestorben. Die restlichen Bandmitglieder haben sich entschlossen, ohne ihn weiterzumachen und sind dieses Jahr das 1. Mal in Wacken. Gitarrist Paul Gilbert und Bassist Billy Sheehan zeigen schon beim Opener "Daddy, Brother, Lover, Little Boy" ihr überragendes musikalisches Können. Die Band wechselt im Folgenden gekonnt zwischen erdigen Hardrock, bluesigen Rock und ihren bekannten Balladen. In der heutigen Zeit hört man diese Art von Musik viel zu selten, meiner Meinung nach. Weitere Highlights sind für mich "Green-Tinted Sixties Mind" und "Addicted to that rush". Klasse Auftritt!
 

DOOL
      

DOOL


Philipp: Schade, FIREWIND mit Ex-OZZY-Klampfer Gus G. hätte man sich echt mal ansehen sollen! Was wir vom Schluss des Auftritts noch mitbekommen, klingt ziemlich geil. Aber DOOL lassen jegliche Wehmut verblassen und zaubern bei Supersound einen unfasslichen Gig ins Zelt. Ryanne van Dorst versichert uns, dass die Band „hot and horny“ sei und wir verdammt „sexy“ aussähen. Schluck, ja, Danke! Schön ist, dass solche Ansagen bei ihr nicht plump kommen, sondern nur die Power dieser Ausnahmemusikerin unterstreichen. Vom genialen „Here Now, There Then“-Album genießen wir Großartiges wie „She goat“, „Vantablack“, „In Her Darkest Hour“ oder „The Alpha“. Es ist tatsächlich ein bisschen vergleichbar mit GHOST, da auch die Holländer*innen düster-diabolisch und gleichzeitig eingängig-poppig klingen, aber dann doch gerade im Gitarrenbereich verspielter agieren und Songs gerne ausufern lassen. Wen die Emotionalität in Ryanne van Dorsts Stimme nicht erreicht, der tut mir irgendwie leid. Eine der besten Bands unserer Zeit!


DOOLDOOL


Anke Bläck: DOOL haben mich schon beim ersten Mal auf dem Hell over Hammaburg im Jahr 2017 überzeugt und tun es heute unverändert. Hier merkt man einfach, dass nicht alles Geniale ausschließlich in der Vergangenheit liegt, sondern authentische Originale auch in der Gegenwart zu finden sind. Sängerin Ryanne van Dorst und ihre Band bilden einfach eine richtig stimmige Einheit, die nicht nur aufgrund ihres schnörkellosen Auftritts überzeugt. Ihre Songs haben einen unverkennbaren Stil, der sich zwischen Zerbrechlichkeit, Sensibilität und Selbstbewusstsein bewegt und die Hörer auch durch die schieren Längen in andere Sphären bringt. Das Publikum genießt die Stimmung im Zelt sichtlich und wiegt frenetisch zu Songs wie The alpha, Golden serpents, Vantablack, In her darkest hour und She goat die Köpfe. DOOL gehören für mich zu den Bands, die gerade auf eher kleinen Bühnen zur Geltung kommen, da ihre Songs etwas sehr Persönliches haben und keinem Pomp bedürfen. Es gibt keine großartige Show, sondern schlichtweg großartige Musik!

Strecker: Halbwegs abgekühlt geht es nun ins Zelt zu den niederländischen Dool. Eher durch Zufall habe ich mir die CD „Here Now, There Then“ gekauft und bin nach wie vor begeistert. Live gesehen hatte ich Dool bisher noch nicht. Aufgrund der Platte und den gelesenen Live Reviews sind meine Erwartungen an Dool sehr hoch und ich werde nicht enttäuscht. Trotz der Hitze im Zelt präsentiert sich die Band sehr spielfreudig und spielt sich in einen Rausch. Das Konzert wird vom Publikum mit lauten Applaus honoriert und Dool haben sich bestimmt ein paar neue Fans erspielen können. Hätte ich gerne länger gesehen, aber das Thema Spielzeiten hatte ich schon. Für mich waren Dool das musikalische Highlight des Festivals.

Vincent: Aber es gab Besserung in Sicht mit der Band Dool aus Holland, die uns energiegeladenen frischen Metalrock präsentierten. Die Sängerin hatte Spaß an der Show und war von beeindruckender Körpergröße, mit um die 2 Meter, gutaussehend und sexy.


DOOL

 

DESTRUCTION 


DESTRUCTION
     


Philipp: DESTRUCTION habe ich in den letzten dreißig Jahren häufiger gesehen als meinen Hausarzt. Von daher erwartet man keine Überraschungen, sondern eher eine Show, nach der man das Fazit „nicht schlecht, aber früher waren sie besser“ o.ä. zieht. Weit gefehlt! Schmier, Mike und Randy reißen mir mit einer furiosen Thrash-Attacke fast die Rübe ab. Randy? Ja, genau, am Schlagzeug sitzt mittlerweile Randy Black, Ex-ANNIHILATOR und Ex-PRIMAL FEAR. Das hatte ich noch gar nicht mitbekommen, obwohl er bereits eine US-Tour und das Sweden Rock mitgespielt hat. Sein Einstieg als offizielles Mitglied ist aber auch erst Ende Juli von DESTRUCTION verkündet worden, wie ich in der nachträglichen Recherche feststelle. Wacken markiert somit Randy Blacks erstes Konzert als vollwertiges DESTRUCTION-Member und es wird sofort deutlich, dass hier ein frischer Wind weht. Das vollgepackte Zelt geht steil, als das Trio mit tighten Versionen von „Curse The Gods“, „Nailed To The Cross“ und „Mad Butcher“ losstürmt. Eine Thrashkeule nach der anderen saust auf die verschwitzten Schüttelrüben herab, die mit Fistbanging und Sprechchören reagieren. „Total Desaster“, „The Butcher Strikes Back“, „Thrash Till Death“ und das seltener gezockte „Life Without Sense“ rufen in Erinnerung, dass DESTRUCTION wirklich zu den besten deutschen Thrashbands gehören. In der Eifer des Gefechts überzieht die Band fast ihre Spielzeit und muss den Abschlusshammer „Bestial Invasion“ abkürzen. In der Form ist mit DESTRUCTION wieder zu rechnen – hoffen wir, dass sie diese Energie auf der nächsten Platte einfangen können!

Stefan: Als irgendwann 2001 DESTRUCTION, KREATOR und SODOM gemeinsam auf Tour waren, waren alle drei Bands ungefähr auf einem kommerziellen Level. KREATOR sind dann in den Folgejahren verkaufstechnisch nochmal richtig durchgestartet, wohingegen die anderen beiden Bands eher ein oder zwei Schritte rückwärtsgegangen sind. Ein wirklich überzeugendes DESTRUCTION-Album hat es für mich schon länger nicht mehr gegeben, weshalb ich ehrlich gesagt der Band heute nur eine Chance gebe, weil auf den anderen Bühnen nichts wirklich Spannendes spielt und hoffe auf eine schöne Old School Setlist. Dieser Wunsch wird mit Stücken wie bspw. dem Opener "Curse the Gods" oder auch "Mad Butcher" und dem abschließenden "Bestial Invasion" erfüllt. Sehr positiv fällt im Gesamtsound der neue Drummer Randy Black auf, der sehr tight und kraftvoll spielt und die Band definitiv nach vorne bringt. Lange nicht mehr so viel Spaß bei einem Destruction-Gig gehabt. Eine dreiviertelstündige Vollbedienung, die dementsprechend gut ankommt im Zelt. Jetzt wird es mal wieder Zeit für ein überzeugendes Album!

Strecker: Nun ist Schluss mit vor sich hin träumen und Musik genießen. Mit Destruction ist Geballer angesagt. Destruction haben Bock auf Zerstörung (musste einfach mal sein). Die Setlist aus Klassikern und Songs der jüngeren Bandgeschichte, die sich perfekt ergänzen und für einen ordentlichen Abriss sorgen. Publikum und ich hätten gerne noch etwas mehr gesehen. Dank der Zeitüberschreitung können Destruction nicht mal „Bestial Invasion“ bis zum Schluss spielen. Egal, trotzdem ein gelungenes Konzert, das Lust auf Bier macht und so geht es nun auch erst mal an die Bar.

Vincent: Nach einer Umbaupause und frischer Luft, standen die Urgesteinen des deutschen Thrash Metals Destruction auf der Bühne. Die Helden des Ruhrpotts spielten gleich den ersten Song „Butcher“…., der Sound wurde lauter und klarer. Sänger Schmierer beschwerte sich kurz über die kurze Spielzeit von 45 Minuten und verzichtet auf langes Gerede. Zum Ende des Sets bedanke sich der Sänger auf Englisch bei seinem internationalen Publikum. Destruction waren für mich die Band des Tages und hinterlassen einen positiven Eindruck.

Nach der Vollbedienung und Nackenstarre sahen wir uns die vielen Attraktionen des Wacken Westlandes an. Von Mad - Max, Fantasy, Mittelalter, bunter Zuckerwatte, war alles vertreten, also Rummel pur. Auch hatte sich wohl ein aus Kiel stammender Blöööööödel Baaaaarde namens Maschine beim Veranstalter des Festivals hochgeschlafen und seine eigene Show – „Maschines Late Night Show“ - mit eigenem Zelt erschlichen. Was bei uns aber auf Langeweile stieß. Als wir dann die Rücktour zu unserer Behausung antraten, war im Ortskern die Hölle los…. Von der Managerin im kleinen Schwarzen, Bodybuildern, kleinen Kindern, alte Omas, Ballermann-Touristen in Lederhosen war vieles unterwegs. Als ich dann ein paarmal mitbekam, wie sich erzkonservative Dorftrottel über uns echte Metaller lustig machen, verging mir die Lust und wir verbrachten den Rest des Abends damit, uns über Wacken 2018 und den perversen Auswüchsen einer Massenveranstaltung einen abzulachen. Hierzu traf auch ein unterbelichteter, durchweg betrunkener, in einem weißen T - Shirt und mit Badeschlappen gekleideter dauerlabernder Hesse bei, der das Konzertgeländen noch nicht gesehen hatte, sowie ein paar betrunkene und kotzende Jugendliche. Da meine Rückfahrgelegenheit leider schon am Samstagmittag für mich bereit stand, war der Freitag der letzte Konzerttag.


BLUES PILLS


BLUES PILLSBLUES PILLS


Philipp: Von dieser Band kann ich nicht genug bekommen. Schon so oft gesehen – nie wird es langweilig. Für BLUES PILLS ist dies heute das Wacken-Debut, was vielleicht erklärt, dass sie „nur“ im Zelt spielen. Das Ding ist natürlich knackevoll, die Stimmung vom Fleck weg super. Elin Larssons Temperament kann sich keine*r entziehen – ihrer Stimme mal schon gar nicht. BLUES PILLS haben für den vergleichsweise kurzen Festivalauftritt ihre Setlist stark umgeworfen, es gibt heute mal weniger Songs des zweiten Albums („Elements And Things“ und „You Gotty Try“) zu hören, dafür umwerfende Versionen von „High Class Woman“, „Devil Man“, „Astralplane, „Black Smoke“, dem Titelsong der 2012er EP „Bliss“ und dem GREAT-SOCIETY-Cover „Somebody To Love“. Insgesamt gar nicht so viele Stücke, aber BLUES PILLS wollen sich auch Zeit zum Jammen gönnen. Wie immer gibt es kleinere und größere Abweichungen von den Albenversionen, was einer der Gründe ist, warum es immer spannend bleibt, die Band live zu sehen. Dorian Sorriaux scheint mir als Gitarrist weiter gewachsen, das Zusammenspiel aller Musiker ist schlafwandlerisch sicher. Und wie Larsson permanent hüpfen kann, ohne außer Atem zu kommen, bleibt rätselhaft. Geil!  
Strecker: Zurück von der Bar geht es im Zelt mit Blues Pills weiter. Obwohl die Band seit gefühlt 5 Jahren auf Tour ist, sprüht vor allem Sängerin Elin Larsson nur so vor Energie und springt die ganze Zeit auf der Bühne herum. Trotz oder vielleicht auch wegen der vielen Bewegung ist ihre Gesangsleistung herausragend und bei Songs wie High Class Woman oder Somebody To Love frisst das Publikum Elin und Band aus der Hand. Der Rest der Band geht bei so viel positiver Ausstrahlung der Sängerin leider etwas unter. Trotzdem ist auch hier bei jedem Musiker Spielfreude pur zu sehen.


BLUES PILLS


LEE AARON


LEE AARON



Strecker: Ein sehr gelungenes Konzert, dass es Lee Aaron nicht gerade leicht machte, das noch verbleibende Publikum im Zelt zu behalten und für sich zu begeistern. Meiner Meinung nach macht Lee Aaron auch den Fehler, dass das Konzert mit „Metal Queen“ begonnen wird, also genau mit dem Song, auf den alle warten. Im Nachhinein habe ich das Gefühl, dass der Song eben gespielt werden musste und schnell abgehakt werden sollte. Im weiteren Verlauf werden die Songs immer poppiger und außer Lee Aaron hat keiner so recht Spaß an dem Konzert. Alles in allem war das Konzert ok. Nochmal werde ich mir Lee Aaron allerdings nicht angucken.


LEE AARON
 

RUNNING WILD


RUNNING WILD


Philipp: Normalerweise entscheide ich bei Bandüberschneidungen generell danach, welche von den betreffenden Combos ich seltener oder noch gar nicht gesehen habe. LEE AARON hätte also im Grunde vor RUNNING WILD gehen müssen. Aber wessen Scheiben zieht man eher aus dem Regal…? Eben. Leider können Rock’n’Rolf und seine Truppe nicht wirklich begeistern. Gerade wenn man am Tag danach HELLOWEEN gesehen hat und die Shows im Nachhinein vergleicht, wird klar, was RUNNING WILD hätten besser machen können. Die Kürbisköpfe werden alle Ex- und aktuellen Mitglieder auf die Bühne stellen, alle Phasen der Bandgeschichte abdecken und ganz großes Kino bieten. Rock’n’Rolf hat sicherlich kompetente Musiker am Start, die auch alles „richtig“ spielen, aber es fehlt letztlich das Feuer einer echten Band. So richtig mit Druck kommt das nicht rüber. Auch fehlen jegliche Songs der ersten beiden Alben! Nun gut, das Set enthält natürlich schon diverse Klassiker wie „Bad To The Bone“, „Riding The Storm“, „Port Royal“, „Blazon Stone“, „Lonewolf“, „Under Jolly Roger“ oder „Soulless“, die niemals ganz scheiße kommen können, aber die neuen Stücke von der „Rapid Foray“ und sogar eins von der kommenden Platte hätte man durch richtige Burner wie „Chains And Leather“, „Diabolic Force“ oder „Victim Of States Power“ ersetzen können. Auch merkt man der Band die fehlende Live-Erfahrung an, denn es entstehen immer mal Pausen zwischen den Songs. Schade! BLAZON STONE waren letzte Woche auf dem Headbangers Open Air geiler.

Stefan: Nach dem überzeugenden „Rapid Foray“-Album gebe ich heute Abend RUNNING WILD nochmal eine Chance, obwohl ihr 2015er Auftritt hier in Wacken doch reichlich uninspiriert und kraftlos bei mir in Erinnerung geblieben ist. Eine Steigerung zu damals ist auch durchaus erkennbar. Insgesamt kann mich der heutige Auftritt aber erneut nicht begeistern. Wenn ich mich vor der Harder Stage so umschaue, denke ich wohl nicht als Einziger so. Große Stimmung kommt eigentlich nie auf, obwohl Sänger/Gitarrist Rock'n'Rolf das Publikum mehrmals versucht zu animieren und die Setlist eigentlich ganz gut gewählt ist, auch ohne ganz alte Sachen. Der Schwerpunkt liegt auf den Albem um 1990 herum wie bspw. "Death or glory" oder "Blazon Stone", die ich damals gerne gehört habe und auch heute noch ab und zu auflege. Die Mitmusiker, die Alleinherrscher Rock'n'Rolf um sich geschart hat, haben aber einfach nicht das Niveau der früheren Mitstreiter wie z.B. Jörg Michael, Jens Becker oder Majk Moti. Und so kommen die durchaus guten Songs einfach nicht mehr so druckvoll rüber wie in früheren Tagen. Ganz schlimm ist das Drum Solo. So müde würde sich ein Jörg Michael nicht mal aufwärmen! Auch wenn Rock'n'Rolf in Interviews behauptet, RUNNING WILD wären so groß wie niemals zuvor (???), zumindest auf dem Livesektor ist es derzeit nur noch Durchschnitt. Vielleicht auch weil man kaum noch live aktiv ist und nur noch alle Jubeljahre ein Festival spielt?! Kein Vergleich zu PRIEST am Abend zuvor!


OTTO UND DIE FRIESENJUNGS


OTTO


Anke Bläck: Nach RUNNING WILD heißt es nun die Zeit rumzukriegen, ohne einzuschlafen, denn GHOST stehen noch an, die ihre Messe erst um 01.45 Uhr abhalten! Das wird nicht leicht und wir überlegen, was als geeignete Koffein-Spritze dienen könnte…. mmmhhh… OTTO? Sollen wir das wirklich mal wagen? Is ja eigentlich nich wirklich Musik, und schon gar nicht Metal. Vielleicht jetzt aber genau das Richtige?! Wir sind erstaunt, wie voll es vor der Louder Stage ist. OTTO ist nur auf der Leinwand zu erkennen und ob der Fülle an Menschen offenbar selbst total überrascht. Mit viel Elan und natürlich bewährtem Wortwitz startet er aber souverän die Show und die Leute sind von Beginn an voll dabei. Zwar sind bekannte (Cover-)Songs wie I´m a Believer (The Monkees), Wir haben Grund zum Feiern (We didn´t start the fire von Billy Joel), Urgent (Foreigner), Dänen lügen nicht (Tränen lügen nicht von Michael Holm) oder auch Fohlen in love (Can´t help fallin in Love von Elvis Presley), Aufm Heimweg wird’s hell (Highway to hell von AC/DC), (I can't get no) Satisfaction (Rolling Stones) und natürlich Englishman in New York (Sting) gefühlt schon uralt, aber die Texte sitzen beim bunt durchmischten Publikum als sei seit OTTOs Hooochzeiten keine Zeit vergangen. Menschen allen Alters und Geschlechts singen mit Inbrunst und spürbar guter Laune wirklich alle Titel mit, die OTTO mithilfe seiner FRIESENJUNGS virtuos präsentiert. Deutlich wird auch, dass dieser Kerl nicht umsonst und noch immer dort oben steht, denn der kann wirklich was! Er spielt verschiedenste Instrumente, heizt das Publikum an, macht bösgute Witze über Dieter Bohlen und springt mit seinen 70 (!) Lenzen und um diese Uhrzeit noch wie ein Flummi über die Bühne. Kurzum: der Auftritt ist besser als erwartet und heute Nacht definitiv mehr als ein schnöder Wachmacher. Ob das so in Wacken aber nochmal funktionieren würde, kann ich mir schwerlich vorstellen – maybe(not).

Strecker: Nun heißt es etwas Zeit zu überbrücken, bis Ghost um 1:45 Uhr ihr Konzert beginnen. Einen richtigen Anlaufpunkt habe ich nicht und so schlendere ich etwas über das Gelände und bleibe tatsächlich vor der Louder Stage hängen. Auf der Bühne spielt Otto mit seinen Friesenjungs und ich muss ehrlich sagen, dass ich das Konzert gut finde. Es ist auch überraschend voll und die Leute singen die meisten Songs begeistert mit. Der Klamauk, den ich erwartet hatte, hält sich in Grenzen und es werden bekannte Songs (z.B. „Born To Be Wild“) mit dem Originaltext gespielt und es gibt Cover-Songs, die einen Otto-Text bekommen haben. Hier wird aus „Highway To Hell“ dann „Auf dem Heimweg wird’s hell“. Wie gesagt, ein überraschend gutes und unterhaltsames Konzert. Auf einem Festival würde ich mir Otto durchaus nochmal angucken.  


OTTO
 

GHOST


GHOSTGHOST


Philipp: Für die Uhrzeit, die GHOST bekommen haben, nämlich 01:45 – 03:00 Uhr, ist das Infield erstaunlich voll. Das ist natürlich mit Recht so, und GHOST toppen dann auch showmäßig alles, was sie bisher gezeigt haben. Es gibt neue bewegliche Bühnenelemente, mehrere Extra-Ghouls und Ghoulinnen und noch schlüpfrigere Ansagen von Cardinal Copia. Dieser versichert uns, dass die Band gerne mit uns allen schlafen wolle, was leider nicht möglich sei. Der Kerl hat das Publikum sowas von in der Hand, nein, schon am kleinen Finger! Es sind häufig auch die kleinen Gesten, die einen schmunzeln lassen oder Ansage-Spielchen wie „Do you want to hear another HEAVY song? Yes? Hmm, we don’t have another heavy song… But we have good songs!“ Musikalisch sind GHOST heute überirdisch gut, auch wenn die Lautstärke offenbar begrenzt wurde. Mein Highlight ist das Saxofonsolo, welches der greise Papst aus dem Video in „Miasma“ tatsächlich live spielt (überhaupt ein Wahnsinnsstück)! Eine Gänsehaut reiht sich an die nächste („Rats“, Ritual“, „He Is“, „Mummy Dust“, „Square Hammer“…), bis wir wie immer mit dem orgasmischen „Monstrance Clock“ entlassen werden. Grandios!

Anke Bläck: Endlich ist das soweit! Wir haben gute Plätze mit einigermaßen Sichtkontakt zur Bühne und sind bereit für den Segen von Cardinal Copia! Auch die Deko ist mit drei riesigen eingeblendeten Kirchenfenstern hübsch sakral und leuchtet in dieser Nacht in allen Farben über den gesamten Platz der Harder Stage, der trotz nachtschlafender Zeit ordentlich gefüllt ist. Neugierige? Wahre Fans? Wahrscheinlich von allem etwas. Pünktlich um 01.45 Uhr geht’s dann los: aus den Boxen fällt mit immens viel Bass Ashes auf uns nieder, gefolgt von Rats mit mindestens genauso viel Wums. Auaaa, der verursacht gefühlt echt richtige Schlaglöcher in der Herzgegend und man fragt sich, ob die Menschen vom Sound überhaupt noch zugegen sind. Ein Genuss ist das nicht so recht und wir schlängeln uns mit Hoffnung auf weniger Schläge weiter nach hinten in die Mitte… Tatsächlich – hier geht´s besser und auch der Blick über die gesamte Breite der Bühne entpuppt sich als wirklich stimmungsvoll. So platziert entwickelt sich richtig Atmosphäre und wir lassen uns von grandiosen Songs wie Absolution, Ritual, From the pinnacle to the pit, Miasma, Year zero, He is, (was mich besonders freut) Mummy dust, Dance macabre oder auch Monstrance clock einfach nur mitreißen. Man muss schon sagen, dass der eigenwillige Stil von Ghost, ihre Songs und ihre Show echt was Einzigartiges haben und fast wie eine eigene Kunstform wirken. Die knappen und gezielten Ansagen vom Cardinal, seine Mimik und Gestik sind dabei wesentlicher Bestandteil und werden vom Publikum ebenso zelebriert wie die Musik. Ich bin gespannt, was diese Band in ihrer Karriere noch erreichen wird. Heute Nacht haben sie (trotz des nicht ganz so tollen Sounds) bestimmt weitere Anhänger in ihren Bann gezogen!


GHOSTGHOST


Strecker: Obwohl es bereits 1:45 Uhr ist, ist das Gelände vor der Hauptbühne immer noch sehr gut gefüllt. Viel der Zuschauer hatten Ghost vorher wohl noch nicht live gesehen, so dass eine gewisse Spannung über der Menge liegt. Vor dem Kirchenfensterbühnenbild machen sich dann die sieben namenlosen Ghouls bereit und beginnen das Set mit „Ashes“. Natürlich ist neben den Ghouls auch Kardinal Copia anwesend. Der Kardinal ist gut bei Stimme und erinnert bei den Ansagen eher an einen Mafia Paten als an einen Kardinal. Die Show ist natürlich sehr theatralisch angelegt, aber was anderes habe ich auch nicht erwartet. Eine kleine Überraschung gibt es noch, bei dem Instrumental „Miasma“ darf Papa Nihil kurz mit auf die Bühne und Saxofon spielen. Gespielt werden die Hits der Band wie „Ritual“, „Cirice“ und „Square Hammer“. Gelungene Show, die man aber mögen muss.  

Kommentare   

+2 #1 Philipp 2018-09-24 13:33
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