WILWARIN 2018 / 01.06.2018 – Ellerdorf, am Arsch der Heide, Tag 1

Philipp: “WILWARIN – NOTHING NEW SINCE 1998”, stapeln die Veranstalter tief. Ich bin nach einem Päuschen im letzten Jahr wieder dabei und hab Bock auf ‘nen Bericht. JoyBoy schreibt mit, ansonsten ignoriert unsere Leserschaft den Aufruf zu weiteren Beiträgen nahezu komplett. Lediglich eine Band hat ein paar Sätze beigesteuert. Gut, dass ich nahezu pausenlos von einer Bühne zur anderen geeiert bin und insgesamt zwischen 13 und 18 Bands gesehen habe. Jan ML hat fleißig geknipst und wird sicher – ähem – sehr bald Fotos beisteuern…

Bericht von JoyBoy, Harry und Philipp Wolter, Fotos von Jan ML folgen…


CATTLEBAT


Harry: Wir haben zum ersten Mal hier gespielt und wegen der geilen entspannten Atmosphäre (die loide, die Fleissigen und die Tonschmiede) wurde da direkt n Mini Gig draus. Der Gig selber war dann richtig rund für uns. Haben uns wilkommen gefühlt auf diesem großartigen Fest. Danke und bis hoffentlich bald.
Cattlebat....


LOVEBOAT EXPLOSION

JoyBoy: Ich spare mir erneute Anfahrts-, Camping- und Badebeschreibungen und beginne direkt mit dem Auftritt von THE LOVEBOAT EXPLOSION, die ich heute zum dritten Mal live sehe. Die Band ist wiederum etwas tighter und damit noch tanzbarer geworden. Beinahe eine Soul-Version der New York Dolls, dann aber doch zu eigen für so einen Vergleich. Da wird gleich mal stark vorgelegt.

Philipp: Eines ist tatsächlich gleich geblieben: Obwohl das WILWARIN ja nun heutzutage deutlich größer ist als vor zwanzig, fünfzehn oder zehn Jahren, so verläuft die Einlass- und Platzfinde-Prozedur extrem entspannt und fix. Wir kommen erst gegen 16:30 Uhr in Ellerdorf an und schaffen es, eine halbe Stunde später pünktlich zu OI!TERCREME vor der Skatestage zu stehen. Klar, Bekannte haben uns einen schicken Platz freigehalten, aber allein das klappt ja nicht auf jedem Festival. Wir kommen also an, schütten unsere Dosen unters Auto (das bekommen vielleicht ZU viele neugierige Augen mit, sodass meine Palette sich geheimnisvoll schnell leert) und ab geht’s.


OI!TERCREME


JoyBoy: Den ersten Besuch auf der Skate-Stage können mir OITERCREME entlocken. Es gibt wohl niemanden, dem ein Bass so gut steht wie Kolja.

Philipp: Mein erstes Mal OI!TERCREME! Ich bin begeistert. Nicht nur stimmt es, was JoyBoy sagt, auch klingen Großtaten wie „Sportfreaks“, „Nasalgewitter“ oder „Julia Roberts ist ein Monster“ noch bösartiger und menschenfeindlicher als auf der monumentalen 10“. Der Mob ist hungrig, viele sind schließlich bereits seit gestern hier und konnten bisher nur saufen und warten. Da hat sich einiges aufgestaut, was sich nun in einer großen Wolke aus Staub, Bier und fliegenden Punkern entlädt.


HELMUT COOL

Philipp: Jan ML legt mir den HELMUT COOL-Besuch schwer ans Herz. Da Jan ziemlich oft Recht hat, folge ich seinem Tipp und bin im Grunde schon am lütten Merchstand der Band überzeugt. Erst mal haben sie ihr Album wahlweise auf Vinyl oder Kassette da, dann heißt das Ding „Schlachtrufe BRDGmbH“ und ist auch noch optisch wie die „Schlachtrufe“-Samplerreihe gestaltet, der eigene Bandname ist in alle möglichen einschlägigen Logos gezwängt worden, also HELMUT COOL im Look von RAWSIDE, SLIME, CANAL TERROR und so weiter. Schon mal großartig. Dann haben sie ein T-Shirt im Stil des NIRVANA-Klassikers, halt gelb, Bandlogo ersetzt und statt des toten Smileys/Frownies eine tote Birne. Die Band tritt in Kutten und Bärten auf und sorgt mit smarten Texten, die sogar in der Livesituation erstaunlich gut verständlich sind, für erhellende Momente. „Ja, dann können wir’s auch lassen, wenn das Kämpfen gar nichts bringt! / Wenn wir es nur verkacken, auch wenn wir viele sind.“, ziehen HELMUT COOL die furchtbare Bilanz aus der Erkenntnis, dass nach 40 Jahren Punkrock immer noch alles scheiße ist. Am Ende des Songs dreht man das Ding aber natürlich noch und verkündet „Die Vergangenheit, sie zeigt, wir haben immer Relevanz / Deshalb schreien wir noch lauter und zeigen KEINE AKZEPTANZ!“ Insgesamt sehr überzeugend und somit gleich mal die erste Entdeckung des Wochenendes.


THE KENDOLLS


JoyBoy: THE KENDOLLS sind für mich das erste richtige Highlight. Die Band hat mit „Dirty Dogma“ meine liebste Skandinavien-Rockplatte der 2010er rausgebracht und scheint heute nochmal um einiges mehr Spaß zu haben, als im letzten Jahr in der Schaubude. Besonders bleibt mir „Lone Wolf Larry“ im Gedächtnis – einerseits wegen des sehr gut mitsingbaren Chores, andererseits wegen des ausgiebigen Stagedivens des Sängers. Ein typischer Skate-Ramp-Stage-Moment.

Philipp: Von dieser Band hatte ich leider noch nie gehört und bin ziemlich entsetzt, als ich nur noch den letzten Song mitbekomme. Denn der klingt in der Tat ziemlich gut und ballert kompromisslos nach vorne. Und ärgern!

Naja, wir gehen denn mal aufs Hauptgelände und bestaunen die diesjährigen Installationen und Dekorationen. Das Motto ist offenbar „maritim & asozial“, womit ich gut klarkomme. Überall Schiffe, Seekreaturen und Wellen. Allerdings bisschen weniger Deko als in den Vorjahren, oder kommt mir das nur so vor?


IMPERIAL STATE ELECTRIC


JoyBoy: Nicke Andersson ist ein großer Musiker, den ich sehr bewundere. Diese Bewunderung ist so groß, dass sie mir sogar das Set von IMPERIAL STATE ELECTRIC einigermaßen schmackhaft  macht. Ich versuche verzweifelt, etwas von dem Ideenreichtum und der Energie der Hellacopters zu entdecken, aber meine Ohren greifen in eine Leere aus dem Standardrepertoire uninspiriertem Vintage-Rocks. Bis auf die Präsentation und den Promi-Faktor kann ich hier wirklich gar nichts Zwingendes entdecken, aber immerhin reicht allein das tatsächlich noch, um Spaß an dem Konzert zu haben.

Philipp: Ich bin zu 100% gegenteiliger Meinung und finde IMPERIAL STATE ELECTRIC absolut inspiriert und tatsächlich besser als die HELLACOPTERS. Meiner Meinung nach haben ISE nach ihren fünf Alben einen unfasslich großen Haufen grandioser Songs mit Killerrefrains und generell 1A-Melodien komponiert. Da steckt so viel 70er KISS drin, dazu frühe BEATLES, Hardrock, Soul, Blues und Rock'n'Roll und das alles so leichtfüßig und mitreißend präsentiert! Alle Bandmitglieder besitzen eine super Stimme und teilen sich den Gesang, was noch ein zusätzlicher Bonus der Band ist, die mit ihren Riffs die große Bühne zum Glühen bringt. Mit „It Ain’t Waht You Think (It’s What You Do“ geht es fulminant los, weitere Highlights sind “All Through The Night” (was für ein Refrain!), “Anywhere Loud” oder “Reptile Brain”. Zum Schluss kommt Johanna Sardonis auf die Bühne, in deren Band LUCIFER Nicke mittlerweile ja auch spielt, und schmettert beim ZZ TOP-Cover “Beer Drinkers And Hell Raisers” mit. Danach gönnen sich die beiden Zeit für einen Knutscher auf der Bühne. Dremu goes Yellow Press, aber ist das nicht ein Rock’n’Roll-Traumpaar? Egal, perfekte Festivalband, die bestimmt nicht jede*r Besucher*in vorher kannte, die aber einfach derart gut ist, dass sie den kompletten Festivalplatz füllen und bei Laune halten.


STALLION


JoyBoy: Schwer zu sagen, ob bei STALLION nun die Musik oder das Outfit mehr beeindruckt, aber letztlich ist es wohl die Mischung aus beidem. Der Sound ist ebenfalls hervorragend. Hier stimmt wirklich alles, einschließlich der klaren Statements.

Philipp: Soviel Konsens hat man selten nach einem Festival mit derart vielen Bands, zumal das Wilwarin auch stilistisch sehr breit aufgestellt ist. Aber ich höre und lese nach dem Wochenende immer wieder den Namen STALLION in den bilanzierenden Statements. Old School Heavy Metal mag nicht bei allen Besucher*innen die Lieblingsmusikrichtung sein, aber im Grunde ist es ja egal, in welchem Genre eine Band zockt, solange sie Bock, Action und Leidenschaft auf die Bretter spritzt. STALLION tun das. Und noch mehr – sie kloppen antifaschistische Ansagen und generell Positionierungen gegen diskriminierende Scheiße raus, was einfach viel zu selten geworden ist. Ich bin natürlich auf vielen einschlägigen Festivals und weiß gar nicht mehr, wie oft ich STALLION jetzt gesehen habe, aber hier auf dem Wilwarin kommt es besonders gut. Pauly und seine Band sind heute (na, eigentlich ja immer) extrem motiviert, haben die Spandexbuxen stramm gezogen und feuern bei übrigens sehr gutem Sound einen Kracher nach dem anderen ab. „Underground Society“ ist eine Abrechnung mit dem elitären Gehabe mancher Szenespackos, „Kill Fascists!“ ein notwendiger Imperativ, bei „Rise And Ride“, „From The Dead“ und „Canadian Steele“ sieht man den Hengst förmlich aufsteigen und mit seinen Hufen durch Nazihorden pflügen. Geil!


Philipp:
Das war ein schöner erster Tag. Spät gekommen, noch nicht soo viele Bands gesehen, dafür aber sehr exquisite. Am Folgetag werden es dafür überdurchschnittlich viele, darunter diverse Überraschungen, also watch out für Tach zwei!
Eingereicht von Philipp

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