Rockparty!

Mann von entfernter Arbeitskollegin feiert Geburtstag in irgendso´ner Dorfscheune, und es wird Livemusik geben. Wir eingeladenerweise hin, ich antizpiere unheilschwanger, was auf mich zukommen könnte, und das Meiste wird sich bewahrheiten. Daß es am Ende ein ganz netter Abend wurde, liegt mal wieder an der Mischung aus Grauen, wie man dem Grauen begegnet und daraus, daß ich sonst gerade nicht so wahnsinnig viel erlebe, ehrlich gesagt.
Die ewige Gratwanderung zwischen hochnäsig spottender Dissidenz und der Sehnsucht, den ganzen verbastelten Überbau abzufackeln und einfach mitzumachen bei dem Scheiß. So ist das seit den ersten Klassenfeten, an die ich mich erinnere (obwohl die existenziell schlimmer waren). Und vielleicht wird es immer so bleiben. Ich werde keine Namen nennen, Namen sind nicht wichtig, helfen nicht weiter, kränken im schlimmsten Fall, und kennste eins, kennste alles.

Wir holen ein befreundetes Paar in NB ab, im Auto riecht´s nach selbstgemachtem Salat. Um meine innere Blockadehaltung zu erhalten und zu nähren, habe ich eine The-Fall-CD mitgenommen. Mark E. Smiths surreales Gegrantel zaubert ein wohliges Kribbeln in meinen Hypothalamus, und ich spüre, wie sich mein Mütchen diskret auf Krawall bürstet. Wir nehmen einen Schleichweg durch schummrige Gemarkungen. So recht warmgelaufen ist noch keiner, da fantasiert es sich leicht, und wir stellen uns vor, wie wir uns hoffnungslos verfransen, zuletzt bei einem einsamen Bauernhof an der Dielentür klopfen, um nach dem Weg zu fragen, freundlich Einlaß bekommen und nach mehreren Tagen grausamster Mißhandlung durch ledermaskentragendes Landvolk als Stücke unserer selbst an Fleischerhaken im Räucherkeller enden. Dann sind wir da.

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MES: Auch nach seinem Tod immer gut für eine Blockadehaltung

Im Entrée einer als „Rockparty“ deklarierten Privatsause mit GUNS´N´ROSES beschallt zu werden, ist genauso wenig verwunderlich wie delektabel. Ich hasse W. Axl Rose und sein gepreßtes Geknödel. Als ich klein war, wohnte ich mal bei meiner Oma einer Hühnerschlachtung bei. Die kopflosen Körper liefen manchmal noch ein paar Schritte, und aus den blutenden Halslöchern kamen entseelte Krächzer. So klingt W. Axl Rose.

Natürlich ist es zu früh, das eigene Mißfallen hinauszuposauen, lange bevor man das Büffett erreicht und den eigenen Beitrag draufgerumst hat, aber ich kann nicht anders. Die Musik ist mir Medium der Distinktion wie der Assimilation, sie ist Kommentar, Ergänzung, Verdrehung der Worte im Munde des Szenerios – oder einfach Partikulargebrabbel, das für diffuse Unruhe sorgt. Sie ist, je nachdem, was gerade benötigt wird, Tunnel, Filter, semipermeable Membran, Hautpanzer oder Angriffswaffe. Sie ist das unablässig durch die Räume geschobene Mobiliar meines Persönlichkeitshauses, und sie ist die metaphorische Prügelprinzessin, die hinhalten muß, damit ich und mir Nahestehende wissen: Ich rede nur schlecht von IHR, aber ich meine eigentlich ALLES. Und komme mir dabei entsetzlich stehengeblieben vor.

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Die Onkelz: Schlechter als G´N´R

F., die männliche Hälfte des anderen Paares, findet dagegen das gesamte Setting unheimlich authentisch. Sein Gebrauch des Wortes „authentisch“ wird im Laufe des Abends inflationär zunehmen, genauso wie mein Gebrauch des Wortes „Attitude“ (Englisch, wohlgemerkt). Die Holzvertäfelung, das legér gekleidete Ü-50-Publikum, die Bühne mit den Instrumenten und Mikrofonen, der Hauch Trockeneisnebel, der nußbaumfurnierte Lenco-Plattenspieler und Guns´N´Roses, das sei alles genauso wie in den Seventies auf irgendeinem Dorfdissenamüsement und also sehr stimmig und, genau, authentisch. Ich lasse das so stehen und erspare mir den altklugen und an dieser Stelle sicher verbissen anmutenden Hinweis, daß die Gunners, wie Kenner sie nennen, erst in den 80ern mit ihrem Unwesen loslegten. Aber seiner Frau gerät die Zustimmungsarie zu blumig, und sie raunt ihn brüsk zur Contenance. Später wird sie uns anvertrauen, daß er vor dem Aufbruch eine Dosis Toleranz geraucht hat. Ah, Substanzmißbrauch. Hätte auch Ecstasy sein können, so pro wie F. allem gegenüber eingestellt ist. Wäre in meinem Fall theoretisch eine Option für den nächsten Verwandtenbesuch („Hallo Mutter, toll, Dich zu sehen, an meine Brust, alte Lady!“), aber wenn ich in meinem Leben noch ein einziges Mal Drogen konsumiere, wird mein Gehirn in den Spagat gehen und sich nie wieder davon erholen.

F.: „Gibt auch schlechtere Bands als Guns´N´Roses.“

Ich: „Ja, die Onkelz zum Beispiel.“

Gespräche unter Männern über Musik. Man sollte meinen, das wäre exakt mein Boogie – ist aber gar nicht so. Das kommt strukturell daher, daß Ambivalenz einer der Grundpfeiler meines Daseins ist. Ich war Symptomträger eines Konflikts zwischen einem Vater, der im sozialen Treiben des Dorfes aufgehen wollte, und einer Mutter, die sich für etwas Besseres hielt. Abgesehen davon führen Gespräche über Musik zu nichts, und ich nehme das alles zu Ernst, um mal locker drüber plaudern zu können. Immerhin beziehe ich Position zu der nie an Aktualität verlierenden Frage, ob man sich für LED ZEPPELIN oder BLACK SABBATH entscheiden sollte. Zep seien mir meist zu akademisch, Sabbath irgendwie dümmer, geiler und relevanter für alle heavy music, die ich heutzutage höre, also Sabbath, klar. F. erklärt, er sei früher in der Tat ein großer „Stairway…“-Fan gewesen. Unsere Diskussion geht in die Pause mit dem Konsens, daß Songs wie „Stairway To Heaven“, „Highway To Hell“ oder „Born To Be Wild“ zwar infolge des soziologischen Gangbangs, dem sie über Jahrzehnte ausgesetzt waren und immer noch sind, bedauernswert abgewohnt seien aber deswegen ja nicht automatisch schlecht.

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Die Frage "Zeppelin oder Sabbath?" haben Ozzy, Jimmy und Tony längst hinter sich gelassen.

Lalala, über dem Tisch hängen zu wenig Lampen, man schlenzt sich amorph irgendwas auf den Teller, ohne genau zu wissen, was es ist. Dazu einen Humpen Cola, und schon fordert der Gastgeber alle auf, die Hochebene zu räumen und sich auf dem Floor zu tummeln, DENN DIE BAND FÄNGT JETZT AN. Von Natur aus bin ich eine sozial überangepaßte leere Hülle, und ich erlange mit dem Arsch an der Tresenkante mein Bewußtsein wieder, während die 6 Leute auf der ebenerdigen Bühne mit ihrer ihre Dienstleistung, nun ja, anfangen. Irgendwo stehen und nicht wissen, warum. Sich fühlen wie ein Schaf im Darkroom. Ich halte Ausschau nach der Liebsten, schon immer ein unabhängigerer Geist als ich, erspähe sie auf der Hochebene, sie ist einfach dort geblieben, und genau da gehe ich wieder hin.

Sie ist noch oder wieder am Kalibrieren. Als alternder Freizeitrockstar habe ich mir natürlich eine jüngere Frau genommen, und selbst die vom deejayenden Gastgeber vorher aufgelegte Tischmusik kennt sie zu 90% nicht, von "Hotel California" mal abgesehen. „Ooch, Hotel California“, sinniert F.s Frau U., „Dazu hatte ich meinen ersten Liebeskummer. Ich komm´ immer schlecht drauf, wenn ich das Lied höre.“ – „Geht mir genauso“, sage ich, „liegt aber daran, daß ich die Nummer so scheiße finde.“ „Hotel California“ verkörpert für mich alle Merkmale ablehnenswerter Rockmusik. Das sich endlos hingniedelnde zweistimmige Gitarrensolo am Ende ist wie jucknässende Hämorrhoiden im Bockzentrum, die man mangels Lobotomie-Besteck nicht kratzen kann.

Ganz hübsch, die silberne Showbiz-Hose der Sängerin, kneift aber vielleicht etwas unter den Armen. Dabei könnte man es bewenden lassen, aber die Bedeutung dieser Bühnenklamotte geht tiefer. Was auch für das T-Shirt des Drummers gilt, das die Aufschrift „SO MANY GROUPIES SO LITTLE TIME“ trägt. Über den gesamten Verlauf meiner Nichtkarriere bin ich immer wieder gefragt worden und eigentlich jedes Mal von Frauen, die keine Ahnung hatten und „Hihi“ machten, ob meine Band auch Groupies hätte. Aus Regionen, in denen solche Fragen entstehen, kommen dieselben Kräfte, die Machwerke wie „50 Shades Of Grey“ so erfolgreich machen.

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Das kommt als Erstes aus dem Internet, wenn man "So many groupies, so little time" eingibt.

Solche Hosen, solche Leibchen sind Symbole einer stillschweigenden und überwiegend unterbewußt stattfindenden Übereinkunft zwischen Publikum und Bühnenakteuren. Ich habe ja selber auch mal in einer Coverband gespielt (Heute würde ich die Kategorie „Tribute-Band“ vorziehen, weil sich das weniger weit aus dem Fenster lehnt). Wir hießen Clash City Rockers, zogen uns ein bißchen so an und spielten ausschließlich Musik von THE CLASH. Ich war besessen von The Clash, lernte eine Menge übers Arrangieren, wir spielten in den Punkrock-Kaschemmen des Landes, und die Leute fanden´s meistens gut. „Give the people what they want“, dachte ich damals oft, ohne mich je näher mit Ray Davies befaßt zu haben. Die heutige Beziehung zwischen Band und Meute entwickelt sich eher entlang der Regel „Jeder bekommt, was er verdient.“

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CCR: Ich hatte ja auch mal eine Coverband.

Der Bassist trägt ein blau gemustertes Piratentuch auf der Restfrisur. Er spielt einen metallic-grünen Fünfsaiter, und sein Ton erinnert an Flatulenzen. „HWOMP!“ macht es bei manchem Anschlag, und das Sustain verliert sich im Schaumstoff der Matratze. Irgendwann wird man eine neue Matratze kaufen müssen, weil die alte vollgefurzt ist. Sein Bassisten-Phlegma hat leider vor seinen Fingern nicht haltgemacht. Selbst wenn der Drummer was taugen würde, träfe der blaue Korsar keinen Punkt auf der sich abrollenden Timeline welches Songs auch immer. Das fällt besonders unangenehm bei ZZTOPs „Gimme All Your Lovin“ ins Gewicht. Die „Eliminator“ mag der Anfang vom Niedergang dieser gesichtsbehaarten Trump-Wähler sein, aber die einschlägigen Singles, gepaart mit der Comic-Coolness der dazugehörigen Clips, haben meine frühen Achtziger geprägt, und mit der Zeit lernte ich das ganze Album sehr zu schätzen.

Und wenn Cover-Kapellen überhaupt einen Sinn haben, dann vielleicht den, daß sie ein Bewußtsein über die Güte der Originale erneuern. Die heute Abend kredenzte „Gimme…“-Version geht ab wie ein batteriebetriebener Rollator. Ihr fehlt (und das vor allem dank der Rhythmusgruppe) jedes Fundament, jeder Flow, jeder Groove, und es soll nicht der erste ohrenkundige Fall der offenen Schändung eines Musikstücks heute Abend bleiben.

Der frühe Billy Gibbons ist einer meiner Lieblingsgitarristen. Ich liebe sein fließendes, zumeist unartistisches und doch gewieftes Gitarrenspiel. Seine bluesgetränkten Linien der „Eliminator“- Songs und vor allem der 70er-Jahre-Alben von ZZTop haben sich mir eingeprägt. Ich kenne sie Ton für Ton auswendig und bewundere Billy Gibbons für seine gitarristische Selbstbeherrschung. Wer so ausdrucksvoll spielen kann, braucht sich nicht ständig was Neues auszudenken.

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Ein Hauch von Muschi streicheln

Das Gitarristenduo dieser Rockparty hingegen spielt in den Solo-Räumen IRGENDWAS. Da wird rumpentatonisiert, was die Aale hergeben, und Billy Gibbons´ schwungvolle, gestochen scharfe Handschrift versuppt im solistischen Einheitsbrei dieser beiden Holzwürger. Später, bei „La Grange“ (auch eins dieser Stücke) wird sich der mit der metallic-roten Fittipaldi-Shreddergurke einen Bart umhängen. Der Sänger wird ihm mit den Fingern zärtlich durchs Kunsthaar fahren, und ein Hauch von Muschi streicheln wird in der Luft liegen.

„Was wohl passieren würde, wenn ich mir was von Nirvana wünsche…“, denkt meine Liebste laut. Kann ich Dir genau sagen: Die Silberbüchsenfrau würde „Here we are now, entertain us!“ röhren und dafür diesen massakrierte-Micky-Maus-Modus aus der Trickkiste holen, mit dem sie später zwei kapitalen AC/DC-Verhunzungen die Amarenakirsche der Selbstentwürdigung aufproppt. Der Fittipaldi-Typ würde sich unterrepräsentiert fühlen, weil er im Solo-Teil nur den Strophengesang nachspielen muß, er würde eine seiner Tapping-Einlagen bringen, die so aufdringlich sind wie sich ins Essen lehnende Restaurantgeiger. Und die Rhythmusgruppe würde der Nummer den Rest geben. Smells like teen cadavers.

Aber so weit wagen sie sich kaum mal vor. Im zweiten Set recken ausgesuchte Perlen des 80s-Hardrocks ihr ohnehin schon häßliches Haupt, und eine Handvoll imposant verrissener Zweistimmer des Sangespaares sorgen für Gelächter am Tisch. Moderner wird es nicht, mit einer Ausnahme: Um ihre Version von „Sex On Fire“ kommen wir nicht herum. Der Sänger faselt irgendwas von „…den Sexgott in uns erwecken…“, und schon geht’s los. Scheißsong, scheiße gespielt, und die Crowd darf participaten. Sie soll „Ooooo-ho-hooo, your sechs is on Feier!“ singen, Fortgeschrittene dürfen dazu rhythmisch über Kopf klatschen.

Sie wissen alle, daß sie sich selbst und ihre Angehörigen belügen, denn ihr Sex ist on Abstellgleis, Sabbathjahr, bestenfalls on gemütliche Sparflamme oder was weiß ich wo-on, aber on fire natürlich nicht. Alle wissen das von allen, aber alle unterziehen sich dem Ritual und zittern sich, zusätzlich gezüchtigt von der eigenen peinlichen Berührtheit, mehrmals durch diese Zeile. Zuerst die „…Mädels…“, wie es bei solchen Veranstaltungen heißt, dann die Männer. Als ich und meine Geschlechtsgenossen dran sind, breche ich in ein verzweifeltes Gegrunze aus. Wie ein abgestochener Preisbulle höre ich mich an. Am Ende resümmiert der Sänger: Die Männer seien zwar lauter gewesen, die Frauen aber irgendwie, öh, schöner, hehe – womit dann ja auch alle im Gatter ihrer traditionellen Zuschreibungskataloge geblieben wären.

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Oooooh-ho-hooo: Your sex is on fire!

Ich bewundere ja meine Arbeitskollegin S. Die tanzt den ganzen Abend durch und macht sich nichts aus der Verkommenheit des Unterhaltungsprogramms. Vielleicht merkt sie auch einfach nichts davon. So schön dieser ganze zur Ideologie verbrämte post-pubertäre Attitude-Überbau auch ist – nach einer Weile erwachst du und merkst: Du bist der Typ der mit zwischen Belustigung und Ergrimmtheit changierendem Gesichtsausdruck am Tisch sitzt und nicht rein will, während die Anderen sich amüsieren und drin sind, und du hast allmählich keinen Spaß mehr an der Geschmackspäpstelei. Schlechte Musik ist im günstigsten Fall lustig, aber das gibt sich bald, und dann ist nur noch das Schlechte da. Und wenn du nicht aufpaßt, ist irgendwann der Punkt erreicht, an dem du einmal zu oft treffend umschrieben hast, WIE schlecht es ist. F.s und meine Frau haben schon während des zweiten Sets der Band beschlossen, beim nächsten zu tanzen, komme was da wolle. Ich will das eigentlich auch, weil es eine Perspektive ist und der notwendige Entwicklungsschritt, den ich heute Abend noch bewerkstelligen muß. Ich kenne dieses Gefühl. Es ist ein prä-Nadelör-Gefühl, und sein Hauptbestandteil ist die Angst vor dem Selbstverrat.

Ich kann unendlich lang in diesem Gefühl gefangen sein, nicht selten verharrte ich so lang in ihm, an Geist und Körper gelähmt, daß die Party vor mir die Segel streckte.

Ich halte mich am Tresen fest und flüchte mich in ein Gespräch mit G. Der ist 61 und kommt frischer um die Ecke, als ich mich gerade fühle. Hier unten fällt mir nochmal nachhaltig auf, wie schlecht die Instrumente der beiden Gitarristen klingen. Das macht irgendeinen schwammigen Radau, wie wenn einer in der Wohnung nebenan den Teppich saugt, eine bestimmte Art Verzerrung, eine parametrische Chiffre, so daß Heindoofi gleich weiß „Oh, eine Rockgitarre!“ Und dann zelebrieren sie ihre Bendings, ihre Tappings, ihre Mätzchen, von denen sie wissen, daß die Dienstleistungsrezipienten es ihnen danken und morgen früh denken werden: „Die konnten das, die waren gut.“ Kaum jemand wird wissen, daß da nur ein Haufen lieblosen Matsches durch den Raum lautierte, daß da nichts war, woran man sich hätte ergötzen können. Jeder bekommt, was er verdient. Und ich lasse mich endlich von der Liebsten auf die Tanzfläche charmieren. Da tanze ich wie im Eisblock und hoffe, daß mich keiner sieht.

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George Thorogood: SO muß eine elektrische Gitarre klingen!

Später, als die Band längst damit beschäftigt ist, die 10 Hängetoms des Drummers auseinanderzuschrauben, damit man irgendwann nochmal nach Hause kommt, sehe ich G. versunken zu George Thorogood mit allen Vieren wackeln und denke: „SO muß eine elektrische Gitarre klingen: Beherzt reingegriffen, knurrend, bellend, nicht mit so´ner Rack-erzeugten Distortion, die klingt, als würde einer auf dem Kamm blasen - und ohne diese Pseudovirtuosität, als würde einer mit ´ner Federboa rascheln und dabei „Huuiiii!“ machen.“

Mein bester Freund T. benutzte, solange er als eine Hälfte seines Jazz-Duos auftrat, immer so einen gefälligen Delay-Effekt, dessen Notwendigkeit sich mir nicht erschloß. Als ich ihn fragte, erklärte er mir, das sei quasi sein Tanzmucke-Setup. Dieses Delay würde den Leuten das sichere Gefühl vermitteln, einer hochwertigen Musikveranstaltung beizuwohnen.

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Ordentlich viele Toms geben den Leuten das sichere Gefühl, einer hochwertigen Musikveranstaltung beizuwohnen.

Beim Schlagzeuger, der letztlich größten Achillesferse dieser ohnehin ja schon schwerst mehrfach erkrankten Band, steht allerdings die überdurchschnittliche Menge an Toms in umgekehrt proportionalem Verhältnis zum Können des Musikers. Seine Bewegungsmuster sehen aus, als würde er häkeln. Ein komplett rockfreier Bereich, dieser Mann. Die ihn trutzburghaft umringende Wall of Trommeln (alle ohne Reso-Felle, aber die kann er sich in dieser Stückzahl wahrscheinlich nicht leisten) gehört in dieselbe Symbolgruppe wie die Silberbüchse, das Piratentuch, die Metalliclackierungen und 100 kleinere Dinge, über die ich noch gar nichts geschrieben habe und auch nicht werde: Sie vermittelt den Leuten das sichere Gefühl, einer hochwertigen Musikveranstaltung beizuwohnen. Derweil ruht der Instrumentalist selbst im behaglichen Wissen, mit jeder einzelnen Tom immer ein Stückchen besser geworden zu sein. Da macht es nichts, daß er beispielsweise vom gar nicht mal so unkomplexen Instrumentalteil von RAM JAMs „Black Betty“ (auch so ein Stück) allein mathematisch krass überfordert ist.

Als letztes Stück vor „Highway To Hell“ spielen sie „Whole Lotta Rosie“. Bon Scott würde sich im Grab übergeben und ein zweites Mal ersticken, wenn er das hören könnte. Der Schlagzeuger scheint sich beim Einüben des Songs am "Ententanz" orientiert zu haben, und auch sonst hört sich jede einzelne Stimme im Ensemblesound an wie einmal kräftig in den Torfkasten gekackt. So sind sie, die Mucker. Sie glauben, in Allem mit den Großen gleichgezogen zu haben, mal abgesehen vom Ruhm (und den Groupies, hihi), nur weil sie sich Signature Amps gekauft haben, Tabulaturen lesen und einander ON STAGE Rücken an Rücken Orgasmen vortäuschen können. Alles keine Hexerei. Mit´m Wah-Wah klingst du wie Jimi.

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Würde sich im Grab übergeben und ein 2. Mal ersticken: Bon Scott

Nachdem Bon Scott in den Refrains von „Whole Lotta Rosie“ ein Mal eben das geschrien hat, kommen 4 Takte, in denen die Baßgitarre auf der Grundtonart A bleibt, während die Young-Brüder auf G wechseln. Das ist ein beliebter Kniff in der Hardrockmusik, es baut eine lustvolle Spannung auf und drängt nach Auflösung. Ich habe schon einige Zeltfesttruppen „Whole Lotta Rosie“ spielen hören und mich beinah jedes Mal gefragt, warum den Bassisten niemand gesagt hatte, daß sie auf A bleiben müssen, weil sonst die ganze Stelle nur noch die Hälfte wert ist. Und dem blauen Korsaren hat das auch keiner gesagt: „GHWOMP!“ kommt es aus der Box gepupst, aber die Nummer war eh von Anfang an dem Tod geweiht. Tosender Applaus. Kaum jemand hört, wie ich gröle: „Spiel ma was von den Onkelz!“ – außer meiner Liebsten, die mich hart dafür rügt.

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Endlich: Die Commodores!

Es ist vorüber. Ich bin in dreierlei Hinsicht erleichtert: Erstens, weil es vorüber ist, und Zweitens, weil ich getanzt habe. Drittens, weil ich jetzt zu richtiger Musik tanzen kann. Die Hemmschwelle habe ich ja bereits überwunden, meinen eingerosteten Körper bereits warmspastet, und jetzt kommen endlich die Originale aus der Konserve. F. hat sich „Boogie Wonderland“ von den COMMODORES gewünscht, und wir Vier sind die einzigen Tänzer_innen. Wir formulieren ein Statement mit unseren Körpern. Früher am Abend habe ich einem Fremden erklärt, wir seien polygam. Was der jetzt wohl denkt? Danach „Across 110th Street“ von BOBBY WOMACK, ein Musterbeispiel an urbaner, musikalischer Eleganz und Grooviness. So könnte es weitergehen. Tut es zwar nicht, weil am Ende dann doch wieder Manfred Loaf, Meat Man und Konsorten das Ruder übernehmen, aber das tut nicht mehr viel zur Sache, denn wir müssen heim.
Eingereicht von Neffets Mharf

Kommentare   

 
+3 #1 Ingo.K 2018-02-19 15:26
Klugscheißerkom mentar: Boogie Wonderland ist natürlich von Earth, Wind & Fire...
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+2 #2 Philipp 2018-02-19 16:34
Besser hat noch niemand G'n'R beschrieben.
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0 #3 Steven Frame 2018-02-19 16:57
Danke, Ingo K.!
Da habe ich good ol‘ F. wohl zu blind vertraut.
Alles muss man selber machen lassen..
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+1 #4 Dirk Däzzrock 2018-02-20 12:42
Hammer geil. "jucknässende Hämorrhoiden im Bockzentrum"... .HA HA HA!
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+1 #5 Ingo.K 2018-02-28 15:25
Jetzt Earth, Wind & Fire-Tickets sichern.
HH, Stadtpark 61,80€
Die drei Originalmitglie der (inkl. Philip Bailey) werden vermutlich auf die Bühne gerollt...
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