VIDUNDER, GHOSTTRIP / 15.06.2017 – Flensburg, Volxbad

Was ich früher recht häufig gemacht habe und immer noch empfehlen kann: Einfach mal von Froinden auf eine Konzertfahrt bequatschen lassen, einfach mal ein Konzi von einer Band ansehen, von der man noch nie einen Ton gehört hat. Klar, durch diesen Internetquatsch ist Reinhören theoretisch schnell gemacht. Aber so einen richtigen Eindruck gewinnt mensch ja doch nicht, nur weil ein You-Tube-Song übers Handy pröttelt. Außerdem kann gerade im vollständig Unbekannten der Reiz liegen. Prinzip dark room und so. Einen Blick aufs VIDUNDER-Bandfoto werfe ich dann aber doch vorher: Vier dürre Schweden, die aussehen, als seien sie direkt aus der Zeitmaschine gestolpert. Yep, passt!


Wie herrlich isses eigentlich im Volxbad? Viel zu selten besuche ich diesen Laden, vielleicht weil in Sachen Flensburg der Hafermarkt alles mit seinem Charme überstrahlt. Aber auch hier wirste freudestrahlend begrüßt und bekommst neueste Rock’n’Roll-Anekdoten ins Ohr geflüstert. Die Größe ist ideal, Eintritt mit 10,- Euro korrekt und der Sound ist hervorragend. Gut, das Bierangebot fetzt nicht so, aber ‘ne Dose Holsten lässt sich überall reinschmuggeln.


Ich sitze gerade auf dem Scheißhaus, als GHOSTTRIP beginnen. Wow, denke ich mir, die klingen aber gar nicht mal so schlecht. Umso erstaunter bin ich, als ich wenig später vor der Bühne stehe, denn die Bandmitglieder sind alle noch recht jung. Ich find das super, wenn Leute schon derart früh so viel drauf haben! Nach Schülerband klingen GHOSTTRIP wirklich nicht, wenn man mal von ein, zwei wenig ausgearbeiteten Soli absieht, laut Aussage eines Kollegen existieren sie tatsächlich auch bereits seit sieben Jahren. Bluesiger und angenehm verspielter Hardrock wird kredenzt. Die beiden Gitarristen haben es drauf, straighte Heavyriffs fließend in psychedelischen Schweinereien übergehen zu lassen und zurück. Einer von den beiden singt angenehm laid back – die Melodien kicken bei gleich mehreren Songs rein. Bassist und Drummer spielen nicht nur gut zusammen, sondern versprühen durch Headbanging und stetiges Grinsen Spielfreude. Letzteres gilt für die gesamte Band, sodass vorn im Volxbad hemmungslos getanzt wird. In den Ansagen gibt es dann doch den einen oder anderen Schülerband-Moment, aber scheiß drauf, ich bin angenehm überrascht!  
 

VIDUNDER, das ließ ich bereits in der Einleitung anklingen, besitzen gleich mehrere typisch schwedische Attribute. Woher haben die bloß alle dieses Händchen für coole Rock’n’Roll-Klamotten? Der Bassist trägt ‘ne Schlaghose, dazu ein hippieskes 60er Jahre Hemd mit irgendwelchen psychedelischen Mustern auf hellbrauner Hintergrundfarbe und einen überdurchschnittlich dicken Schnauzbart  - und das alles mit Würde. Dazu sehen die ja auch von der Figur alle so aus wie Rockmusiker in den Sechzigern mit dieser runtergehungerten Statur. Bei Sänger Martin Prim sieht das fast schon grenzwertig hager aus. Aber anyway, ich will hier nicht in Lookism abgleiten, es ist nur schlicht so interessant und auffällig, dass derart viele Schwedenbands diesen hart authentischen Look haben. Wichtiger: Musikalisch überzeugen VIDUNDER sofort! Der Bassist dengelt gnadenlos auf den Punkt, da wackelst du wie ferngesteuert mit den Hüften. Die Riffs zielen direkt ins Rockzentrum, der Gesang hat von der teils heliumartigen Höhe her was von Geddy Lee, von den Melodien her erinnert es mich hie und da an die HELLACOPTERS. Die sind eh eine gute Referenz, und wenn wir schon bei Vergleichen sind, werfe ich HORISONT, GRAVEYARD und die üblichen 60er/70er Held*innen (BLUE CHEER!) ins Rennen. Wobei VIDUNDER gern mal etwas bluesiger agieren, insgesamt sehr abwechslungsreich komponieren und generell spieltechnische Souveränität besitzen. Albern können sie auch mal sein, zum Beispiel steckt sich Prim zu einem offenbar horrororientierten Song Graf-Zahl-Zähne ins Maul, um damit durchs Volxbald zu schleichen und diversen Besucher*innen die Hauer zumindest angedeutet in den Schwanenhals zu rammen. Ich hätte ihm meinen glatt dargeboten. Vielleicht wäre ich so’n unsterblicher Rock’n’Roll Vampir geworden, hätte den Klamottengeschmack und die Rockskills ins Blut transferiert bekommen – Count Woltula wäre geboren! Der Arsch übersieht mich aber und so bleibe ich gemeiner Biervampir. VIDUNDER rocken eine gute Stunde und haben das sehr gut gefüllte Volxbad so begeistert, dass die Band am Ende zurückgebrüllt wird. RESPECT THE ROCK!
Eingereicht von Philipp

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