Like2
Dislike2
- Details
-
Kategorie: Lesefutter
-
Veröffentlicht: Montag, 27. Juli 2020 10:25
-
Geschrieben von Philipp Wolter
-
Zugriffe: 4402

Wer seine Lektüre gern HEAVY mag, liegt mit diesem 424 Seiten umfassenden Schmöker im doppelten Sinne goldrichtig. Ähnlich wie bei Tom Gabriel Fischers „Only Death Is Real“ kommt gleich beim Erstkontakt dieses Backsteinfeeling auf, geil.
Der Autor Andreas Hertkorn hat für „Todessehnsucht“ 130 Death-Metal-Urgesteine befragt, den Zeichner Axel Hermann (-> MORGOTH – „Resurrection Absurd“, ASPHYX – „Last One On Earth“ & „Crush The Cenotaph“, UNLEASHED – „Where No Life Dwells“, GRAVE – „You’ll Never See…” usw.) ein Cover im Stil und mit den Materialien der frühen 90er schaffen lassen sowie unzählige Bilddokumente angehäuft. (Witzigerweise ist auch von meinen auf Facebook geposteten Konzertkarten das Ticket der POSSESSED/VOIVOD/DEATHROW-Show in der Hamburger Markthalle 1986 im Buch gelandet, cool!)
„Todessehnsucht“ ist keine Enzyklopädie, welche etwa alle deutschen Death-Metal-Tonträger auflistet und reviewt. Der Autor geht vielmehr der Frage nach, wie sich die deutsche Death-Metal-Szene seit Mitte der 80er (bis Anfang der 90er) Jahre entwickelt hat. Da ist es natürlich u.a. interessant, zu beleuchten, warum Deutschland recht schnell zum wichtigsten „Markt“ für dieses Genre werden konnte, gleichzeitig jedoch nur sehr wenige deutsche Bands internationalen Status erlangen konnten (eigentlich nur MORGOTH und ATROCITY), während der Thrash wesentlich mehr deutsche Protagonisten hervorgebracht hat. Deshalb kommen neben zahlreichen deutschen Musiker*innen, Fans, Fanzines, Plattenfirmenmenschen auch Freaks aus aller Welt zu Wort, die ihre Erfahrungen auf Konzerten, Festivals und Tourneen in Deutschland zum Besten geben.
Das Ergebnis dürfte sicher für mehrere Generationen Metalheads interessant sein, nicht nur für Zeitzeugen (wie mich), die das Ganze von Anfang an miterlebt haben, sondern auch für jüngere, später Geborene. Spannend finde ich zum Beispiel, dass mehrere Musiker darin übereinstimmen, dass die Hemmschwelle für das Gründen einer räudigen Death-Metal-Band geringer gewesen sei als für die einer klassischen Metalcombo mit aufwändigen Soli und Sirenengesang. „Uns war klar, dass wir nicht in der Lage gewesen wären, so was wie ACCEPT oder IRON MAIDEN auf die Beine zu stellen, aber gegen VENOM glaubten wir ‚anstinken‘ zu können“ (Uli Hildenbrand, POISON, S. 28). Der Weg zum dann doch technisch zum Teil extrem anspruchsvollen Death Metal wird in der Folge natürlich auch nachvollzogen. Deutlich wird aber, dass viele Strukturen aus dem Punk/D.I.Y.-Bereich kamen und in der Gründerzeit dieses Stils viele Veranstaltungen in Jugendzentren und besetzten Häusern stattfanden, bevor die Sache größer wurde und in diesen Multi-Package-Touren mit über 1000 Besucher*innen Anfang der Neunziger gipfelte.
Warum nun nur so wenige deutsche Bands einen Status wie DEATH, MORBID ANGEL, ENTOMBED etc. erreichten, kann nicht völlig eindeutig geklärt werden, wie so häufig sehen viele der Befragten aber eine Ursache (zu Recht, denke ich) im typisch deutschen Sicherheitsdenken, eben nicht wie diverse US- oder Schwedenbands alles auf eine Karte zu setzen.
Die Lektüre macht auf jeden Fall großen Spaß, bringt diverse interessante Aspekte, aber auch amüsante Anekdoten zur Sprache und hat immer wieder Flashbacks zur Folge. Ich habe häufig nebenbei Tonträger von GOLEM, LEMMING PROJECT, PROTECTOR, TORCHURE, DARK MILLENIUM, POISON, ENTRAILS MASSACRE etc. aufgelegt und alte Fanzines wie CADAVER, CORPSE & BOWELS, TALES FROM THE DARKSIDE, CHAOS, BATTLEFIELD, METAL PROPHECY, TOTENTANZ, FINAL HOLOCAUST, CARNAGE usw. herausgekramt. Da entdeckt man vieles in der eigenen Sammlung wieder und bekommt auch ein paar Tipps und Reminder zur Schließung etwaiger Lücken.
Zwei Auflagen sind wohl schon ausverkauft, eine dritte kommt offenbar demnächst.
https://sevenmetalinchesrecords.bigcartel.com/product/todessehnsucht-buch

Ein wenig Wolter steckt auch in "Todessehnsucht".
Like2
Dislike0
- Details
-
Kategorie: Tonträger Reviews
-
Veröffentlicht: Freitag, 17. Juli 2020 19:47
-
Geschrieben von Philipp Wolter
-
Zugriffe: 2512

Yeah, Dave Zolda und seine barbarische Bande sind zurück! Den Vorgänger „The Flood“ hatte ich mir mal auf Anraten von JoyBoy freiwillig gekauft, „The Barrier“ kommt nun glatt unverhofft mit der Post reingeschneit (geiler als ‘ne Rechnung, oder?).
Das Coole an MTFBWY ist schon mal, dass sie darauf scheißen, was gerade angesagt ist oder ob ihr Stil in eine bestimmte Schublade passt. Die Band aus Selm / Dortmund vermischt Hardcore und Thrash Metal, wobei eine gewisse Punk/D.I.Y.-Ethik immer mitschwebt.
Los geht es mit fetten Riffs und mächtigen Drumrolls, bevor „Warm Blood, Cold Hands“ die Hörer*innen niederstampft, dabei wiederholt mit unvorhersehbaren Breaks überrascht und gen Ende mit einer clean gesungenen Zeile begeistert, die ein wenig an die Melancholie der New Orleans-Bands erinnert (DOWN, CROWBAR…). Der Gesangsstil ist ansonsten härter, wobei Theodor Spinne gleichermaßen mit aggressiven HC/Punk-Shouts wie mit Growls und Screams arbeitet, ab und zu darf der Rest der Band auch noch Gangshouts einstreuen. Langweilig wird’s nie, auch die folgenden Stücke besitzen immer wieder Parts und Ideen, die sich einprägen und sich sicher gut in der Livesituation machen.
Elf Songs in 34 Minuten, da kommt nicht einen Moment Langeweile auf. Die Produktion schafft es irgendwie, so mächtig wie nur möglich zu klingen, ohne überfrachtet zu sein oder gar zu nerven.
Zum Abschluss noch ein Zitat der Band von ihrer Fb-Seite, das ich sehr sympathisch finde: „Violent Dancing braucht kein Mensch, ebenso wenig wie eine Szene. Man braucht Leute, die mit guter Laune auf Konzerte gehen, um dort die beste Zeit ihres Lebens zu haben."