Reclaim the music! Vol.1 - We didn't come here just to be nice! mit Tan Le Racoon & Racoonery, Kitty Coaster, KeinPunk / 10.09.2026 - Hamburg, MS Stubnitz

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Unser Flugkapitän auf dieser Reise ist Ruud "Rudi"  Schmeeders. Die 12 Stunden Flugzeit von Amsterdam Schiphol nach San Francisco International verkürzt er uns immer wieder mit lustigen Wortspielen, die er in unregelmäßigen Abständen über die Lautsprecher der Kabine verbreitet. Eben erklang ein schwungvoll-humoristisch gerufenes "Politei-Paasei!" in der Boing 787 Dreamliner, was so ungefähr mit "Polizei-Osterei" zu übersetzen ist. Dem süffisanten Lächeln der Passagiere weiter vorne folgte lautes Gelächter von denen, die da hinter uns auf die billigen Plätzen gebucht sind. Wir sind an Bord des Linienfluges KL 0605 Der witzige Holländer - aber warum? Dieser Konzertbericht muss ungefähr 18 Stunden vorher beginnen!!! Wer blickt da sonst noch durch?!? Zuerst aber noch einen Tomatensaft - die Saftschubse in unserem Teil der Maschine heißt übrigens Lindaaaaaaa!

 

KITTIE COASTER


Na denn, auf vier! Wobei es heute tatsächlich drei Bands sind, die beweisen, dass es nichts mehr zu beweisen gibt. Es gibt eine neue Festivalreihe - Reclaim the Music! Mit dieser Veranstaltung, die zweimal im Jahr in Hamburg stattfinden soll, kommen etabliertere Künstler mit jungen Künstlern zusammen. Es soll laut Flyer keine Grenzen geben. Ältere Semester Ü80 sollen Pogo tanzen, junge Musik-Liebhaber sollen ihre neuentdeckten Lieblingsbands abfeiern oder gemeinsam kopfschüttelnd vor Experimental-Acts stehen. Alles geht – das klingt doch schon mal super.

 

KeinPunkKeinPunk

 

Aber nur auf dem Papier. Schon bei der ersten(!) Band, die jemals bei dieser Chose auftritt, kann man wohl kaum von Musik oder Künstlern sprechen. KeinPunk aus Hamburg zeigen uns, dass es immer noch schlechter geht. Die Band besteht laut Flyer aus drei „Musiker-innen“:  Vermutlich(!) sind an der Gitarre Amy Grindhouse und die kräftig gebaute Tara Satana, derweil Hulk Hagen im Hintergrund knüppelt. Einen Bass gibt es nicht, aber dass den eigentlich keine Band braucht, beweisen Sleater-Kinney seit Jahren. 

Was verdirbt uns sogleich die ehemals gute Laune? Ist es der effeminierte Gesang und das flamboyante Auftreten von Amy Grindhouse in dem heißen roten Fummel? Oder sind es die Texte, die wirklich jedes Niveau vermissen lassen - eine Mischung aus dem Ungezügelten der Neuen Deutschen Welle und der Kompromisslosigkeit einer Band wie Kackschlacht - nur eben etwas queerer. Auch den Sound von Abwärts aus Hamburg höre ich da raus – gewollt oder ungewollt? Das wissen die Verantwortlichen garantiert selbst nicht! 

 

KeinPunkKeinPunk

 

Zombies im Kaufhaus – eine Allegorie auf den Kapitalismus erklingt – und die Band reimt ungeniert "Die ersten hat es bereits erwischt - total zerpflückt wie ein Grabbeltisch". Das kann man jetzt toll finden oder auch nicht – ich finde es super! Die „Band“ wird mit jedem Lied immer besser! Die Gitarren dengeln und mit Lola loves u ist auch ein kleiner Hit am Start. Aber die Band will gar keinem gefallen - am wenigsten dem gut-bürgerlichen Hamburger Salon oder der Hamburger Polizei. Das ist endlich mal wieder echter Punk und das ohne überflüssiges technisches Geplänkel. Niveaulos, aber nie dümmlich – rebellisch, unangepasst, nur sich selbst gewogen. Musik, die endlich die passende Bühne bekommen hat - ich bin Fan! Der Bandname ist übrigens totale Verarsche – das war Punk in Reinform! Sofort wieder!

 

KITTIE COASTER

 

Geht es jetzt mit Kitty Coaster im Looping steil bergab? Schauen wir mal in den Flyer: Einfach mal spontan auf der Parkbank den Gitarristen anquatschen und schon hat man/frau ne Band, erklärt uns dieser. Wer kennt das nicht? Ok, die meisten von uns kennen eher: Einfach mal spontan auf der Parkbank den Dealer anquatschen und schon hat man/frau richtig geil fett Shore. Egal, so haben laut der eigenen Vita Sängerin Kat Versus und Gitarrist Max Schaffransky 2023 Kitty Coaster gegründet. Aus der Parkbank wurde bald ein Proberaum und aus Kitty Coaster mit Drummerin Sunny und Bassistin Verena eine komplette Band. Keine Angst, hier wird kein Kapital verbrannt! 

Die Musik soll eine Mischung aus Punk und Stoner Rock sein. Ist dem so? Kann sein – ist eben eine Mischung, die nicht unbedingt passt wie ansonsten etwa Vodka-Orangensaft oder Milch-Gurke. Auf jeden Fall rockt es und Sängerin Kat rockt auch! Da merkt man/frau, dass die Bandmitglieder selbst Live Musik mögen und daran auch Spaß haben. Na klar, da sitzt noch nicht jeder Ton und gerade die tiefen Töne lassen mich an eine völlig durchzechte Brauerei Besichtigung in Chisinau/der Moldau denken – aber hey, das ist der Punk in dieser Achterbahn! 

Drummerin Sunny hat nebenbei scheinbar ein Faible für Dinosaurier und daher gibt es eine Frage an das Publikum. Zu gewinnen gibt es einen Beutel mit Merch! Forscher der Isi Glück Universität in Lünen haben festgestellt, dass die Hinterfüße eine Tyrannosaurus Rex eine Besonderheit hatten! Am besten jetzt selbst mitmachen! 

Welche war´s? 

  1. A) Sie konnten gleich einer Katze die Krallen einziehen
  2. B) Sie hatten so einen Saugeffekt wie beim Gekko, damit der gerade mal 8-Tonnen leichte T-Rex spiegelglatte, lotrechte Wände erklimmen konnte.
  3. C) Sie hatten Lamellen, damit sich der Rex lautlos bewegen konnte.
  4. D) Sie waren resistent gegen Hundekot der Rassen Schäferhund, Chow-Chow und sogar Bernhardiner. 

Oh Tempora, oh Mores! Eine Besucherin ruft tatsächlich: „Das mit der Wand und dem Gecko!“. Die Pisa Studien sagen der Wahrheit! Wir sind dem Untergang geweiht.

 

KITTIE COASTER

 

Egal, die Musik ist geil rockig, macht auch Spaß und nervt nicht ein bisschen. Mit dem Lied Shame ist auch bereits ein erster Track produziert, der durchaus gefällig ist. Natürlich wird von der anwesenden Masse – die größer als erwartet ist – eine Zugabe gefordert. „Wollt ihr das dritte, das fünfte Lied oder Shame noch einmal hören?“, fragt uns mighty Kat. Ich glaube, wir entscheiden uns für Shame. Das war doch was! Jetzt aber schnell weitere neue Songs schreiben! 

 

Nun betritt die dritte Band die Bühne und auch die ist eine positive Überraschung! Tan Le Racoon & Racoonery sind der erste Headliner des Festivals ever!

 

Tan Le Racoon & RacooneryTan Le Racoon & Racoonery

 

Tan ist laut Flyer kein Unbekannter mehr. Mit seiner Band, bestehend aus Mitgliedern legendärer Punkbands wie Punkenstein, Jam Today und C3I blickt er auf eine lange Musikgeschichte zurück! Ich zitiere: Frühes Fanzine, Bassist bei Nikki Sudden, wilde Rock n Roll Zeiten und Bands in London und New York, dann zurück in D die wegweisende freestyle Psychedelic-Dub-Kraut Band Das Weeth Experience. Dazu auch noch Manager und Kollaborateur von Ari Up (The Slits). 

Als Vergleich: Andere fahren einen Laster für die Edeka jeden Tag von Neumünster nach Tarp. Und mit etwas Glück auch wieder zurück.  

Ein anderer Konzertbesucher erklärt mir, Tan wurde angeblich von einem Waschbären gebissen und glaubt seitdem selbst, einer dieser zu sein und rockt seitdem ausschließlich harten Racoon Rock! Und der hat es tatsächlich in sich. Die Lead-Gitarre fetzt geil fetten, harten Detroit-getränktem Rock'n'Roll aus den Boxen. Das werden die Riffs auch gerne mal hypnotisch in die Länge gezogen, bis auch der letzte Waschbär aus dem Bau gelockt wurde. Alles auch mal etwas spacig - dazu schreit oder flüstert Tan die Lyrics ins Mikrophone. Mal eingängiger, mal etwas spröder. Das Ganze greift durchaus auch mal das Experimentelle auf, das am Anfang erwähnt wurde. Das ist dann schon etwas spezieller, aber passt zu dem Auftritt.

 

Tan Le Racoon & RacooneryTan Le Racoon & Racoonery

 

Sogar Prominenz wird im Publikum gesehen! Wenn mich nicht alles täuscht, war tatsächlich Luke (also wie Skywalker und nicht die Öffnung im Boden) von mighty Spitfire Stevens anwesend und hat zu dem Waschbären Rock von Tan abgerockt als gäbe es kein Morgen – das war aber ja auch stimmig! Und der Basser…also wirklich einer der optisch hervorstechendsten Basser Hamburgs! 

Super Auftakt mit unterschiedlichen - aber jede für sich ansprechenden - Bands! Der Auftakt dieser Festival Reihe war schon mal ein voller Erfolg!

 

Jetzt aber zurück in den Flieger! Heute Abend spielen mighty, mighty, mighty Bratmobile in San Francisco! Wir werden berichten!!!! Nur hier, in dieser kostenlosen Riot Grrrl und Punk Rock Schmonzette.

 

„Revolution Girl Style Now!“

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