RATOS DE PORAO, THRASHING PUMPGUNS, PSYCH OUT, YACØPSÆ / 10.08.2026 – Hamburg, Monkeys Music Club
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Sonntag, 13. September 2026 19:23
- Geschrieben von Philipp Wolter
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Boah, geil! RATOS DE PARAO endlich wieder mal auf Tour und in Hamburg. Das letzte Mal im Bambi liegt auch schon wieder fast zehn Jahre zurück (2017, siehe Bericht). Und wenn ich bedenke, dass ich diese Band bereits als Schüler gehört habe, also in den Achtzigern, sie aber heute erst zum dritten Mal live sehe, dann wird deutlich, was für ein Pflichttermin das ist. Dazu kommen gleich drei fette Hamburger Bands, nämlich die jeweils sehr geschätzten THRASHING PUMPGUNS und YACØPSÆ sowie die mir noch unbekannten PSYCH OUT, die sich als äußerst positive Überraschung entpuppen werden. Bock total!
Bilder von MJ.
Entspannte Stimmung vorm Monkeys. Wir treffen noch vor dem Konzert auf so viele Bekannte, die man zum Teil ewig nicht gesehen hat. Herrlichen Schnack mit EROSION-Zenk, Stoffel von YACØPSÆ, nur der Ballo treibt sich ewig inkognito in und ums Monkeys herum, bis er plötzlich vor mir steht (mit Bart!). Ich merke mal wieder, dass ich das Monkeys viel zu selten besuche und nehme mir vor, häufiger herzukommen.
YACØPSÆ beginnen. Don’t call it Grind! Denn es handelt sich selbstverständlich um Fastcore/Power Violence. Egal, wie häufig man die Band schon gesehen hat, sie nutzt sich nie ab. Die kurzen Songeruptionen werden präzise und mit viel Power heruntergebolzt. Wer da mittendrin kurz pullern gehen möchte, verpasst die Hälfte. Am Schlagzeug sitzt seit einigen Jahren Thore/Jonnie Schulz, den ich ja seit der Lektüre des Buches „Kein Zutritt für Hinterwäldler“ über seine alte Band BUTCH MEIER auch als Autor schätze (holt euch unbedingt dieses Buch!). Der hämmert seine Parts so brutal raus, da guckst du entweder nur blöd aus der Wäsche oder schüttelst schon die Rübe. Insgesamt zeigt sich die Band mal wieder sehr gut eingespielt, trägt ihre Songs völlig unaufgeregt vor und strahlt eine souveräne Eigenständigkeit aus. Notiz an mich selbst: SABOTAGE anchecken, die Band des Bassisten (wird mir jedenfalls so empfohlen).
Drei „Vorbands“ an einem Montag, da schreit nicht jeder Hurra. Aber genießt man diese drei Bands bewusst, ergibt das alles Sinn, zumal der Zeitplan streng durchgezogen wird. Um 20:30 Uhr betritt ein auf den ersten Blick wild zusammengewürfelter Haufen die Bühne – und flasht mich nachhaltig. Völlig nebensächlich, ob hier Bauwagenpunk, Hardcoretyp oder Stonerzottel zusammen auf einer Bühne stehen – der herrlich zeitlose Hardcore/Punk klatscht alle an die Wand. Durchdrungen von infektiösen Melodien drängen die Songs unbändig nach vorn. Ich kann es kaum fassen, dass ich PSYCH OUT noch nie vorher live gesehen habe. Die soll es sogar schon seit den frühen Nuller Jahren geben, ist doch verrückt! Mir gefallen die Songs durchweg gut. Der Sänger ist kein Brüllwürfel, die Mucke kein stumpfes Geprügel, vielmehr wird hier der Punk im Hardcore deutlich spürbar. PSYCH OUT besitzen eine gewisse Eigenständigkeit, die mich auf keinen Fall eine einzige Band als Vergleich nennen lassen könnte. Die möchte ich wieder sehen!
Das Wischfest liegt noch keinen Monat zurück, doch durch die ganzen Festivals haben wir seit dem letzten THRASHING-PUMPGUNS-Gig schon wieder Dutzende Konzerte gesehen. Wird also Zeit für eine Auffrischung. Rolf trägt heute ein Hemd mit Kragen und Hosenträger drüber, dazu natürlich die obligatorische Bierpulle in der Pranke. Stilsicher. Alles, was man an den PUMPGUNS kennt und liebt, ist vorhanden: Thrashig bollernde Gitarren (Gunnar und Buddy), der dazu passend rödelnde Bass (Holler), das detailreiche Drumming Viktors und natürlich die räudig-melodische Stimme von Rolf. Der Mob ist mittlerweile gut auf Touren und geht mit gereckten Fäusten, Slamdancing und Headbanging mit, gesichtet werden auch textsichere Ex-Mitglieder, die ordentlich mitschmettern. Thrashcore galore, als schrieben wir das Jahr 1985!
Hätte man mir vor 40 Jahren erzählt, dass RATOS DE PORAO noch im Jahre 2026 touren werden und im Publikum ein Haufen 50- und 60-Jähriger Slamdancing betreibt, dass die Knochen knarren, hätte ich das wohl irgendwie toll gefunden, aber sicher nicht geglaubt. Es ist aber so! Natürlich sind auch jüngere Besucher:innen vor Ort, aber das Gros der Leute dürfte den Release von Alben wie „Crucificados pelo Sistema“, „Brasil“ oder „Anarkophobia“ aktiv miterlebt haben. Und genau solche Typen wie Buffo springen mit Todesmut in einen entfesselten Pit. Von der Bühne gehen Wellen der Gewalt aus. Der Zahn der Zeit hat höchstens am Haarwuchs der Musiker genagt, die diesen Prozess mit (noch mehr) Tattoos bekämpfen, aber die Fähigkeiten bleiben unangetastet. Gordo bölkt wie ein Gestörter, grinst schelmisch und freut sich sichtlich über die Reaktionen. Im Geiste hake ich während der Darbietung die Platten ab, von denen Songs gespielt werden, gebe aber bei Nummer 10 auf. Das relativ neue „Alerta antifascista“ ist ein super Opener, bleibt gleichzeitig der einzige Track des „Necropolitica“-Albums, ansonsten kommen die meisten Songs von den oben erwähnten drei Alben. „Morte au rei“, „Igreja Universal“, „Máquina Militar“, „Amazônia nunca mais”. “Farsa Nationalista”, “Descanse am pas”, “Morrer”, “Sofrer”, “Crucificados pelo sistema”, „Attitude Zero“ oder “Crise geral”, sie sind alle dabei und brettern dir den Verstand aus dem Schädel. Versteht man die Texte? Ja, unbedingt, und zwar auch ohne Worte oder wortwörtliche Bedeutung. Letztlich weiß man: Er is auch sauer.
Ich sag es ganz nüchtern: RATOS DE PORAO sind einfach eine der besten Bands überhaupt und haben heute wieder demonstriert, wie herrlich ein Thrash Metal / Crossover-Konzert sein kann. Killer!
