TESTAMENT, METAL CHURCH / 04.08.2026 – Kiel, Pumpe
- Details
- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Montag, 07. September 2026 15:03
- Geschrieben von Philipp Wolter
- Zugriffe: 361
TESTAMENT und METAL CHURCH zusammen auf Tour! Dafür würde ich auch unter der Woche eine recht weite Anreise in Kauf nehmen, zählen beide Bands seit ihren jeweiligen Anfangstagen zu meinen Faves. Und dann spielen die heute auch noch in Kiel, beide jeweils zum ersten Mal! Im Falle von TESTAMENT war ich – wie viele andere deutsche Headbanger auch – bereits Fan zu Demozeiten, wurde doch das LEGACY-Tape (noch mit Zetro am Mikro) hier recht gut vertrieben (mein Exemplar wurde übrigens irgendwann gestohlen – Frechheit! Oder habe ich es DIR geliehen?) und sah sie dann auf ihrem ersten Europagig auf dem Dynamo 1987. Ein fantastischer Auftritt, ja, eines der besten Konzerte, dem ich je beigewohnt habe. Ähnlich unvergesslich die beiden METAL CHURCH-Gigs im Vorprogramm von METALLICA in der Markthalle an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Ich sah auch diese Band immer wieder und mit jedem ihrer bisherigen (relevanten) Sänger, also David Wayne (R.I.P.!), Mike Howe (R.I.P.!), Ronny Munroe sowie Marc Lopes. Während METAL CHURCH live immer super waren, gab es bei TESTAMENT über die Jahrzehnte auch mal schwächere Shows (mieser Sound, unglückliche Setlist, Notbesetzung, zu leise…). Die Spannung und Freude auf die neue METAL CHURCH-Besetzung ist groß und die Frage steht im Raum, ob TESTAMENT danach punkten können. Gut schon mal: Ausverkauft, alle haben Bock.
Bilder von MJ und Börbel.
Das Publikum ist bunter gemischt als erwartet, insgesamt auch etwas jünger als zum Beispiel bei DIRKSCHNEIDER. Was natürlich alles wumpe ist, Hauptsache, die Leute sind stabil drauf und verspüren den Willen zum Rock. Wir stehen schön weit vorne und kämpfen angesichts der brutalen Hitze (schon vor Beginn läuft einem der Schweiß herunter) fleißig gegen den drohenden Körperflüssigkeitsverlust an (der Tresen arbeitet heute etwas effektiver als zuuletzt). Ich mag es ja genau so und wenn man derart heftig schwitzt, muss man angenehmerweise seltener aufs Klo.
Dass METAL CHURCH überhaupt zurück sind, grenzt an ein kleines Wunder. Kurdt Vanderhoof hatte eignen Worten zufolge schon fast mit der Band abgeschlossen, als von außen Musiker wie Dave Ellefson (Ex-MEGADETH) und Ken Mary (FIFTH ANGEL, FLOTSAM AND JETSAM, EX-ALICE COOPER) Interesse an einer Wiederbelebung bekundeten. Gitarrist Rick van Zandt (seit 2008 am Start) war und ist weiterhin dabei und mit Brian Allen hat man einen super Sänger gefunden, der ja u.a. schon bei VICIOUS RUMORS und TRAUMA überzeugte. Für mich ist „Dead To Rights“ jedenfalls das beste METAL-CHURCH-Album seit „Hanging In The Balance“ (1993). Und da stehen die Jungs auch schon vor uns auf der Bühne und starten fulminant mit „Ton Of Bricks“ und „Start The Fire“. Es könnte höchstens etwas lauter sein, ansonsten sind die Verhältnisse fast perfekt. Brian Allen beweist beim folgenden „Fake Healer“, dass er beide legendäre METAL-CHURCH-Stimmen top zu interpretieren vermag. Vor dem Song gedenkt Allen Mike Howe, der genau wie David Wayne viel zu früh aus dem Leben schied. Die Setlist ist kurz, daher gibt es nur zwei neue Songs („F.A.F.O.“ und „Dead To Rights“) und acht Klassiker. Diese sind sehr gut ausgewählt, so folgen „Gods Of Wrath“ (weniger Reverb würde nicht schaden, Allen hat’s jedenfalls nicht nötig), „Badlands“ (Gänsehaut!), „Watch The Children Pray“, „Beyond The Black“ und „Metal Church“. Allein das letzte Doppelpack zählt für mich zu den besten Metalsongs überhaupt und so bin ich trotz der arg begrenzten Spieldauer glücklich. METAL CHURCH haben vollständig abgeliefert.
TESTAMENT haben uns in den letzten Jahren wie bereits erwähnt nicht immer begeistert. Das letzte Mal in der Markthalle 2023 war super, der 2024er Auftritt in der Großen Freiheit aufgrund des dünnen Kemper-Sounds wiederum enttäuschend. Ich weiß nicht, ob TESTAMENT weiterhin diese Modeling Amps benutzen. Falls ja, dann funktioniert diese Technik heute oder wird mittlerweile besser beherrscht, denn die Wucht der Gitarren ist voll da. Aber mehr noch – heute stimmt wirklich alles und es entwickelt sich schnell eine schweißreibende Thrash-Show, die ungelogen qualitativ an die Konzerte 1987 und 1988 anknüpft. Wie zur Hölle kann das sein? Fakt ist, dass die Musiker alle totalen Bock ausstrahlen. Steve DiGiorgio haben wir gerade erst mit DEATH TO ALL gesehen, der kann die Tourkoffer gar nicht ausgepackt haben. Was ihn aber nicht daran hindert, zusammen mit Knüppelphänomen Chris Dovas eine brutale Machtdemonstration abzuliefern. Was sind das für Bassläufe, was knattern die Drums! Da grinsen Alex Skolnick und Eric Peterson nur noch und schreddern ein Nackenbrecher-Riff nach dem anderen. Interessanterweise ist die Durchschlagskraft des Auftritts nicht einfach mit einer besonders old-schooligen Setlist zu erklären. TESTAMENT spielen zum Beispiel nur zwei Songs von „The Legacy“ und einen von „The New Order“. Aber es ballert durchgehend und Chuck Billy ruft alle Facetten seiner Stimme ab. Mit „Into The Pit“ und „Henchmen Ride“ geht es temporeich los, während „More Than Meets The Eye“ später die groovige Seite der Band betont oder „The Ballad“ und „Electric Crown“ die Fähigkeit zu erstaunlicher Melodik demonstrieren. Trotz dieser Farbtupfer überwiegt der Eindruck, dass TESTAMENT richtig brutal reingreifen. Es ist letztlich egal, aus welcher Phase die Songs stammen, die Leute gehen einfach steil und die Band lässt sich von Stück zu Stück mehr mitreißen und spielt sich in einen Rausch. Vielleicht ist es das – der etwas intimere Rahmen im Vergleich zu den großen Supporttouren für KREATOR (2024) oder nächstes Jahr MEGADETH. Chuck Billy fragt uns dann auch, ob TESTAMENT überhaupt schon mal in Kiel gewesen seien und verspricht uns, wiederzukommen. Die Hitze muss gegen Ende schon als absurd bezeichnet werden und mit den finalen „First Strike Is Deadly“ und „Over The Wall“ (yes!) gießen die Hunde auch noch Öl ins Feuer. Das hätte ich nicht erwartet!
Insgesamt zeigt dieses Konzert auch, dass man eine Band nach einem schwächeren Auftritt nicht voreilig abschreiben sollte. Oder wie ein Kumpel danach sagt: „Tausend mal live gesehen seit 1988, aber nie so gut wie heute! Und das vor der Haustür!“ In anderen Städten sollen TESTAMENT übrigens genau so abgeräumt haben. INTO THE PIT!
