MDC (Millions of Dead Cops), Barackca / 19.07.2026 – Hamburg, MMC (Monkeys Music Club)

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Es ist Juli im Jahre des Herrn 2026. Die ganze Welt spricht über die Odyssee – und wir erleben sie. Aber nicht die von Christopher Nolan, sondern die der Deutschen Bahn. Dazu am Ende noch etwas mehr. Zuerst aber der Opener oder Appetizer…also das, was immer am Anfang steht. Es ist wie jedes Jahr. In den Monaten Juli, August und teils auch September ist Festival Saison. In den ohnehin viel zu schlecht klimatisierten Clubs und Konzertschuppen herrscht Totentanz. Ich habe in den nächsten Wochen genau 1 Konzert auf der Liste. Das ist sehr wenig und das Deutschland Ticket für 63 Kröten wird derweil ja auch weiter abgebucht. Das geschieht sogar Monat für Monat ausgesprochen pünktlich. Komischerweise ist da die Bahn tatsächlich zuverlässig. Um dieses dann doch noch mal zu nutzen, entscheiden wir uns, heute Abend eine Legende des amerikanischen Hardcore Punks in Hamburg anzuschauen: Fuckin´ MDC – die Band um den greisen Sänger Dave Dictor. Wer ist heute noch von die klassische MDC Besetzung auf die Bühne? Mighty Ron Posner? Oder sogar sensational shockin´ Al Schvitz? Bald weiß der geneigte Leser mehr…also sofort hin daaaaaaaa!

 

MDC

 

Den heutzutage erforderlichen Haftungsauschluss können wir uns glaube ich schenken, da alle anwesenden Personen im Monkeys meiner Erinnerung nach bei dieser Veranstaltung zumindest optisch als „männlich“ einzustufen sind – vor die Bühne, auf die Bühne, hinter die Bar und davor. Das erlebt man auch selten. Sollte hier also von „dem Besucher“ die Rede sein, ist dies nicht das generische Maskulinum, sondern es ist einfach dem Umstand geschuldet, dass es „die Besucherin“ tatsächlich nicht gab. Gab es sie doch, ist mein Gedächtnis schuld. Viele Besucher sind es aber heute leider nicht, die sich in das Monkeys verirren. Bummelig 40 oder 50 Nasen werden es wohl sein, alle anderen haben vermutlich das WM-Finale der korruptesten Sportveranstaltung aller Zeiten auf dem Plan – und da beziehe ich sämtliche irische Hunderennen der Vergangenheit mit ein.

 

Los geht’s mit Barackca aus Ungarn. Die haben sich nicht nach Baraka – dem prügelnden Mutanten aus Mortal Kombat – benannt, sondern nach einem Barackengebäude auf dem Schulgelände in Budapest, in dem die Band 1993 ihre ersten Proben abhielt. Klingt ähnlich, tut aber weniger weh. Gespielt wird melodischer Polit Punk in gefälligem, nicht zu schnellem Tempo. Ein Alleinstellungsmerkmal sind sicherlich die Texte, von denen ich kein Wort verstehe. Die sind nämlich in ungarisch gehalten. Dazu muss man sagen, das Ungarisch sich für Punk Musik hervorragend eignet, da es gleichsam die Melancholie und die Wildheit der mongolischen Steppenreiter beinhaltet, die unter ihrem großartigen Kahn Dschinghis mal eben eine halbe Weltreise gebucht hatten. Ich meine, in der Familie mit Hund gelesen zu haben, dass Ungarisch und Mongolisch verwandt sind und vorstellen kann ich mir das gut. Ich war in beiden Ländern und in beiden hat es mir auch super gefallen – da liegen aber nicht nur von der Distanz her Welten zwischen. Damit alle Anwesenden verstehen, worum es in den Liedern geht, gibt es immer wieder Ansagen vor dem Sänger in perfekte deutsche Sprache. Mal ist es gegen die Bullen, dann wieder gegen die Polizei, dann gegen die Konzerne, gegen Multis und gegen Faschist(inn)en. Ein weites, gerne beackertes Feld also, dass aber immer melodiös abgedeckt wird.

 

BARACKCABARACKCA

 

Ohhh, ein Lied ist sogar in Deutsch! Der Text ging ungefähr so – ich habe ihn leider nicht mitgeschrieben: 

Jawohll, ich liebe Alkoholl! Ich liebe Bier, ich liebe Wein, schon besoffen steige ich in die Regionalbahn ein!

Jawohll, jawohll, ich liebe Alkoholl! 

Ok, einen Grimme Preis gewinnt damit wohl keiner, aber nett war´s ja irgendwie. 

Besonders gut ist allerdings die Message der Lieder Nyisd ki a szád und Ez a Világkép wobei man bei Mire születtem zwischen den Zeilen lesen sollte. Viel Alkoholgenuss auf die Bühne und eine teilweise an mighty, mighty Poison Idea erinnernde Bühnenshow begeistern den Besucher, bzw. das Publikum. Ich vermute, in Ungarn füllen sie allein ganze Hallen. Guter Auftritt, jederzeit gerne wieder.

 

MDCMDC

 

Ich habe letztens irgendwo gelesen, dass Dave Dictor, der charismatische Sänger von M.D.C., als „greise“ bezeichnet wurde! Das ist eine bodenlose Frechheit! Auf einem Metal Festival wie dem Wacköööön Open Air wäre er mit seinen 71 Jahren noch der Jüngste des gesamten Billings – und das mit Abstand! Praktisch so der „Newcomer“, der Jungspund oder auch der „Enkel“ des sanges- und pfeiffreudigen Klaus Meine aus Hannover-Uetze. Dieser – also Dave „The Kid“ Dictor und nicht Klaus – dreht gerade schon eine Runde durch die Besucher und verteilt Aufkleber. Das ist fan- und publikumsnah! Am Mercher kosten die gleichen sonst EUR 1,50!!! Mir gelingt es später, den Aufkleber unbeschadet nach Hause zu transportieren und ich werde ihn bestimmt als Erinnerung an Dave einrahmen und irgendwo aufhängen – immerhin hat Dave früher auch schon gegen Reagan und diverse Bushs gerockt. 

„Reduzierte Ware ist vom Umtausch ausgeschlossen!“ Dieser Hinweis am Mercher soll aufklären. Eine Ansage, wenn nicht sogar eine Anklage, gegen den Wahn des Kapitalismus, des Überflusses und des grenzenlosen Konsums. Auf der Bühne liefern MDC (die Bedeutung der drei Buchstaben wechselt zwischen Millions of Dead Cops, More Dead Cops, Multi Death Corporations und anderem gerne mal hin und her) sofort eine Ausformulierung der Problematik: Greedy and Pathetic wird gespielt. Die ganze Chose kommt super aggressiv aus den Boxen geschossen und der Dictor Dave ist in Topform. Seine Mischung aus Sprech und Gesang fällt nie in das Schreiende einer Corrin Tucker von Sleater-Kinney ab, noch in das Brüllende einer Tori Amos auf derer ihrer letzten Scheiben. Zu nuanciert, zu revidiert operiert Dave an den ganzen Missständen der Gesellschaft entlang, vermeidet das Überbordende, ja das Ausufernde. Ist es Altersmilde? Wir, die wir ihn schon so oft da oben auf die Bühne gesehen haben, erkennen immer noch, dass hier vor uns einer steht, der des Tourens immer noch nicht müde ist. Aber wie auch, wenn zuhause keine fette Pension wartet und jeder doch insgeheim weiß, dass die berechtigte Kritik an seiner eigenen Heimat – den USA – keinen derer auf die Bühne reich gemacht hat.    

 

MDCMDC

 

Schon das dritte Lied ist einer der Mega Kracher der Band! I remember, bereits 1982 auf dem Millions of Dead Cops Album veröffentlicht, erinnert an Tate Bryant, dem in Tampa, FL gleich bei seinem ersten(!) Einbruch in den Rücken geschossen wurde. Waren es die Cops? Vermutlich. Eher die als ein Coyote. Aber was ist aus Tate geworden? Das wissen wir leider nicht oder können uns genau daran nicht erinnern. Dave Dictor bewegt sich für sein Alter ungemein energisch, ist voller Energie! Hier ist keiner vorzeitig gealtert und das, obwohl er in seiner eigenen Biographie schreibt, dass er mit 10 schon aussah wie 12! Natürlich wird auch John Wayne was a Nazi – der Klassiker aller Klassiker(!) – gespielt. I hate Work, Multi Death Corporation u.a. schließen sich an und…ach…hier einfach die Setlist sofern es der Editor will: 

No Trump! No FKK! No Fascist USA!” – die Ursprünge dieser aktuellen Parole gehen auf ein MDC Lied aus dem Jahr 1981 zurück: Born to Die. Passend dazu gibt uns Dave eine kurze Geschichte zum Besten. Irgend so ein Heini von Green Day hatte ihn wohl angerufen und gefrägt, ob sie dies bei irgendwelchen Awards im TV brüllen dürfen. Er stimmte zu und legte auf. Augenblicklich rief er den Rest der Band an und teilte allen unter lautem Jubel mit, dass sich keiner mehr Sorgen machen müsste - ab jetzt würden die Tantiemen endlich fließen! Ok, so viel war es dann wohl doch nicht…also back in the Van! Yeah! 

Die Stimmung ist trotz der überschaubaren Anzahl der Besucher super und vor der Bühne geht es immer richtig ab. Fäuste, Zähne, Jacken und Shirts fliegen. Oberkörperfrei ist heute ganz ok, sind ja nur Macker anwesend. Eine Zugabe gibt´s zwar nicht, aber bei der Setlist auch nicht nötig. Es wurde ja alles gespielt und recht heiß ist es in dem Bums hier heute auch. Leider keine Spur mehr von dem Posner Ron oder mighty Al Schvitz weit und breit, aber die jetzige Besetzung setzt das alles auch ganz hervorragend um. Mike Smith ist auch schon 20 Jahre am Bass dabei, ansonsten … ich hab keine Ahnung, wer heute spielt. 

Ron Posner fehlt ja schon seit Jahren, der war aber vor Ewigkeiten noch in die alten Schaubude dabei. Al Schvitz hingegen war es bei unzähligen Touren. Ich habe MDC mal im Underground in Köln zusammen mit TSOL, Adolescents und Channel 3 gesehen. Da hat er so intensiv geschlagzeugt, dass ihm dabei die Zahnprothese aus dem Mund gefallen ist. Er hat sodann den Boden da unten bei den Drums nach dieser zwischen den Liedern abgetastet. Nie war er menschlicher, nie war er größer, nie war er uns allen näher. Es war gleichnishaft. In der Schaubude war er auch super, der hat er dem Plattenboss und mir mal jeweils einen Drumstick geschenkt. Inzwischen sollen seine Kinder einen Catering Service in NY besitzen und er fährt die Kalten Platten aus. Der Posner Ron hingegen soll wohl einen Hausmeisterservice in Portland, OR betreiben. Ob beide trotzdem noch wütend sind? Bestimmt.

 

Wir sind es auch, denn die Rückfahrt mit die Bahn ist eine absolute Vollkatastrophe. Zuerst nach Altona, dann mit die S-Bahn nach Pinneberg. Da eine Stunde warten, bis endlich irgendwann mal der Schienenersatzverkehr in Form eines Stadtbusses kommt. Der fährt dann völlig überfüllt nach Elmshorn. Dort anschließend eine weitere Stunde am Gleis warten, bis endlich mal ein Regionalexpress kommt. Am Ende dauert die ganze Rückfahrt von Hamburg nach Kiel fast 4,5 Stunden. 

Zum Glück ist jetzt Festivalsaison und Konzertpause…

 

MDC 

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