KIELER WOCHE 2026 mit u.a. DRITTE WAHL, AFFENMESSERKAMPF, KADAVAR, EARTHBONG, FROST PISSE & ELEND, THE PINPRICKS / 19.06. – 28.06.2026 – Kiel, Junge Bühne und Radio Bob Rockcamp
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Donnerstag, 16. Juli 2026 13:52
- Geschrieben von Philipp Wolter
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Irgendwie habe ich dieses Jahr noch weniger Zeit, um auf KIELER-WOCHE-Veranstaltungen zu gehen, gleichzeitig spielen erstaunlich viele Bands, auf die ich Bock habe. Mit Korrektur-Nachtschichten, zwischengeschobenen Powernaps und Schlafverzicht schaffe ich es aber, immerhin sieben Bands mitzunehmen. Um nicht zu viele Einzelberichte zu schreiben und um etwas voranzukommen, fasse ich diese Konzerte mal zusammen wie bei einem Festivalbericht. Ist es ja in gewissem Sinne auch. Im Vergleich zu den letzten Jahren setzt sich die Tendenz fort, dass auf der Reventlouwiese richtig gute Sachen stattfinden, gerade auch lokale Undergroundbands. Dass die vorbeiziehenden Mutantenherden zumindest kurz von Bands wie FPE oder EARTHBONG beschallt werden, ist schon köstlich. Das von mir gewählte „Billing“ begrenzt sich dieses Jahr auf die Herkunftsstädte Kiel, Hamburg, Rostock und Berlin. Das war schon mal internationaler, aber ist vielleicht auch einfach meinem Geschmack geschuldet und noch nicht zwingend als Entwicklung zu deuten, wobei momentan jedes Festival unter den Kosten ächzt und die Veranstalter sicherlich auch sieben müssen, wen sie holen. Mit der Qualität hat es ja eh nichts zu tun, woher ‘ne Band kommt.
Bilder von MJ und Nico Krogmann.
Am Freitag geht es erst mal zur Jungen Bühne, auf der jedes Jahr auch immer mindestens ein Hammer dabei ist. Dieses Jahr sind es AFFENMESSERKAMPF, die leider auch gleichzeitig ihr vorletztes Konzert überhaupt spielen. Die entsprechende Ansage von Hannes verpasse ich, weil mich gerade in diesem Augenblick jemand begrüßt oder sonstwie anspricht. Aber leider scheint es festzustehen: AFFENMESSERKAMPF lösen sich auf. Sehr traurig! Immerhin wird es wohl ein Abschiedskonzert geben, offenbar in der Schaubude. Heute lässt sich die Band ansonsten nichts anmerken und spielt auch wieder zu fünft mit Leif. Das Spektakulärste am Gig ist wohl die Tatsache, dass Hannes‘ lütte Tochter (fast) die ganze Zeit auf der Bühne herumspringt. Sie strahlt übers ganze Gesicht, wirkt völlig begeistert und singt bei „Böse oder blöde“ sogar mit. Ob die wohl später Punkrock machen wird? Ansonsten gibt’s die volle Affenkraft mit Knallern wie „Förde Runs Red“, „Im alten weißen Van“, „Deutsches Herz“ oder „Leb so, dass es niemand wissen will“. Hannes verrät uns, dass er die Lyrics zu „Ich so, Typ romantischer Rebell“ genau hier im Umfeld der Jungen Bühne geschrieben habe. Sehr schön auch seine Ansage zu „Volksaustausch jetzt!“: „Es gibt ja diese Verschwörungstheorie vom großen Austausch. Scheint offenbar noch nicht geklappt zu haben, wenn ich mir euch Kalkleisten hier so ansehe“. Die Band gibt alles, das Publikum hätte gern etwas mehr abgehen können, aber ist ja auch heiß und so. Beim letzten Gig wird dann noch Gelegenheit zum Kollektivheulen sein. Nee, im Ernst: AMK, ihr wart super, Danke für die vielen Auftritte, die vier Alben und sonstigen Veröffentlichungen!
Mit etwas schlechtem Gewissen verlassen wir den Ort des Geschehens mitten während der Rede der SCHLAGLOCH-Gruppe, aber DRITTE WAHL rufen.
Erfreulicherweise finden sich im Radio Bob Rockcamp viele DRITTE-WAHL-Fans ein. Will sagen: Natürlich ist es nicht überraschend, dass das Gelände voll ist, aber es handelt sich größtenteils um textsichere Hörer:innen der Band, nicht um Touristen, die „mal reingucken“ wollen, weil’s umsonst ist. Perfektes Wetter, blauer Himmel, aber auch nicht mehr übermäßig heiß: Gibt es bessere Bedingungen für den Song „Der Himmel über uns“? Damit beginnen die Rostocker und ich bin gleich voll drin. Saufsongs sind ja immer so eine Sache: Für eine Band mit Anspruch eigentlich ein etwas dünnes Thema, aber DRITTE WAHL schaffen es, das Ding unpeinlich zu formulieren, daraus eher eine Feier auf das Leben zu machen. Und das ca. zwanzig Stücke umfassende Konzert packt in der Folge so manches heiße Eisen an, ich verweise nur auf „Wir schießen die Milliardäre ins All“, „So wie ihr seid“, „Greif ein“, „Das regelt der Markt“ oder „Auge um Auge“. Mittlerweile haben sie so viele Klassiker geschrieben, dass natürlich immer Wünsche offenbleiben müssen, aber ich bin begeistert, dass einige meiner absoluten Faves dabei sind: „Scotty“, „Halt mich fest“, „Zusammen“, „Runde um Runde“, „Zeit bleib stehen!“… Gunnar kündigt die „Bredouille“-Songs immer mit den Worten „Ok, jetzt müsst ihr so enttäuscht buhen, dass uns die Haare nach hinten geweht werden, denn es kommt ein neues Stück“ an, aber mittlerweile empfinde ich diese Stücke schon gar nicht mehr als neu. Tatsächlich sind die Alben „10“, „Urlaub in der Bredouille“ und „Nimm drei“ am stärksten in der Setlist verstreten, ansonsten geht es quer durch die Diskografie. „Fliegen“ bildet wieder den Abschluss, und wie bei den letzten DRITTE-WAHL-Konzerten singt das Publikum noch minutenlang nach Konzertende weiter. Super!
Vorspulen auf Montag, 17:00 Uhr: EARTHBONG! Es ist eindeutig Zeit, sich hier und jetzt satanistischen Bong Riten hinzugeben. Lass alles fahren, Schwester! Der Dope Doom Bong Metal wird zum Glück angemessen laut durch die PA transferiert. Das muss man den Verantwortlichen lassen: So eine extreme Band quasi zur Prime Time auf der Hauptbühne spielen zu lassen, das hat Arsch. Ich krieg gleich ‘ne Gänsehaut, als das erste Riff sich behäbig aus den Boxen schiebt und irgendwann ganz langsam die Drums einsetzen. Unnachgiebig, mahlend walzen die Tracks alles zu Klump. HELLHAMMER, garstigster Funeral Doom und das finale Knirschen eines in ein schwarzes Loch gezogenen Universums höre ich als Assoziationen heraus. Dabei haben EARTHBONG mittlerweile ihren eigenen Stil gefunden. Da muss du nur genau und vor allem lange zuhören, um das zu begreifen. Ob jede:r Anwesende auf der Reventlouwiese versteht, was da gerade auf der Bühne passiert? Wie viele es wohl für sinnloses Gebrumm halten? Aber wir wollen nicht arrogant werden – es liegt ja auch etwas Romantisches in der Vorstellung, dass einige Menschen gerade für eine kurze Zeit und vielleicht danach nie wieder mit derartiger Musik konfrontiert werden. Hinreichend Bonglinge sind auf jeden Fall vor der Bühne, so dass die Message nicht verhallt. Als Gast kommt für zwei Songs Feli von FROST, PISSE & ELEND dazu, die fies und böse in ihr Mikro schreit, was der Darbietung noch mehr Nachdrücklichkeit verleiht. ONE EARTH, ONE BONG!
KADAVAR! Wir berichten ja seit den Anfängen über diese Band (erster Konzertbericht 2012 Hafenklang, dies ist jetzt bereits der zwölfte), aber in der seit März 2023 bestehenden Viererbesetzung habe ich die Band noch nicht gesehen. Zusammen mit dem zusätzlichen Gitarristen und Keyboarder Jascha Kreft haben KADAVAR bekanntlich 2025 gleich zwei Alben veröffentlicht, im Mai „I Just Want To Be A Sound“ und im November „Kids Abandoning Destiny Among Vanity And Ruin“. Nicht nur ich bin gespannt, ob KADAVAR nun live komplett anders klingen und ob sie hauptsächlich neue Songs spielen. Beides kann grundsätzlich verneint werden. KADAVAR haben ja auf den Alben immer mal experimentiert und sind gerade auf der „Isolation Tapes“ und der „Sound“ etwas vom Proto-/Psychedelic Hardrock Sound abgewichen, aber live gibt es die volle Kanne ROCK an und in den Hals. Klar klingt’s etwas anders zu viert, aber der Kern bleibt erhalten, insgesamt röhren die Gitarren voller und natürlich ergänzt Kreft Keyboardpassagen. Das ermöglicht es aber eher gerade, die Identität der Band beizubehalten und dabei nichts per Backing Track einzuspielen. Es klingt auch nicht zu fett oder zu vollgeklatscht, die nötige Dynamik bleibt erhalten. Das Konzert ist schlicht sensationell gut! Der Sound ist überragend, die Band spielt souverän, druckvoll und lässig. Auch sind fast alle Alben vertreten und Faves wie „All Our Thoughts“, „Die Baby Die“, „Last Living Dinosaur“ oder „Doomsday Machine“ dabei. Einer meiner Lieblinge von den neuen Songs ist das thrashige „Total Annihilation“, welches zu meiner Freude gespielt wird. Hier kommt sogar in Form eines Stagehands (?) ein dritter Gitarrist dazu und somit fräst sich eine Triple Guitar Attack durch das Stück. Geil auch der Gesang von Christoph „Lupus“ Lindemann, gilt ja für jedes KADAVAR-Konzert, aber fällt mir einfach wieder auf. Insgesamt ein herrlicher Abend mit zwei genialen Bands!
Und weiter zum Mittwoch: Hitze, Volksfest, Black Metal! Warte, was stimmt denn hier nicht in dieser Wortreihung? Und doch, es ist es wahr: FROST, PISSE & ELEND zocken auf der lütten Bühne im Radio Bob Rockcamp. Gewagt vor allem für die Band, drohen hier doch die Beschwerdebriefe mit Vorwürfen wie „Verrat am Underground“ einzutrudeln, geschrieben in Schweineblut. Das wird Feli und Moritz aber wohl wumpe sein, ohne viel Gewese wird den Anwesenden mit Blast Beats, Screams & Growls sowie barbarisch verzerrter Gitarre der Backfisch zermörsert, den es für einen Wucherpreis am Stand ein paar Meter weiter gibt. Moritz sieht die Szenerie gelassen: „Es ist doch irgendwie schön. Ich mein, es kostet nichts, niemand wird ausgeschlossen und Neugierige können auch einfach mal am Nachmittag sowas wie uns sehen.“ Und ergänzt, indem er einer Gruppe neugieriger Rentner freundlich zunickt: „Ja, guten Tag, das hier ist übrigens Black Metal.“ Recht hat er, dieser Gedanke der Teilhabe ist tatsächlich schön und wenn eine Band wie FPE spielt, fühle ich mich an Kieler Wochen der 70er und 80er Jahre erinnert, die ein leicht anarchistisches und chaotisches Flair hatten mit all den Straßenkünstlern und „wilden“ Bühnen. Nur dass es da noch keinen Black Metal gab. Das heftige musikalische Gewitter, welches FPE fabrizieren, wird inhaltlich mit Ansagen und Texten gegen Patriarchat, Faschismus und zu teurem Backfisch gewürzt. Geil!
Freitag oder so: Wir haben Besuch, lassen uns zu einem Kieler-Woche-Gang überreden und landen bei MONTREAL vor der Bühne. Den Namen dieser Band habe ich schon häufiger gelesen, jetzt weiß ich, warum ich aber bis jetzt noch nie deren Musik gehört habe. Es wäre billig, darüber einen Verriss zu schreiben. Lieber belasse ich es mit dem Hinweis auf die Tatsache, dass ich Punkrock anders verstehe und mir diese Darbietung nichts gibt. Schnell weg.
Sonntag: Endlich mal wieder THE PINPRICKS sehen! Mein letztes Konzert dieser Band liegt bereits fünf Jahre zurück. Seitdem haben sie bekanntlich ihr drittes Album „This Stuff Is Poison“ veröffentlicht, das etwas rockiger als die beiden Vorgänger ausgefallen ist, dabei aber immer noch wild, rotzig und abwechslungsreich. Leider sind die Bedingungen heute nicht optimal – zu früh, zu heiß, Sonntag. Es kommen durchaus mehr Zuschauer:innen, als die Fotos vermuten lassen, aber viele bleiben lieber am Rand im Schatten stehen. Die Band legt dennoch los, als stünde ein volles Stadion vor ihnen. Ronjas Stimme springt den Hörer sofort an, besitzt eine krasse Range und kann zwischen Punk-Rotz, Pop-Schmeichelei und klassischer Rockröhre changieren. Die PINPRICKS lassen sich generell stilistisch nicht eindeutig festnageln, so könnten „Anyway“ und „Sugar K“ im Rockradio laufen, während „Tell Me Mother“ 80er Pop mit Elektro-Elementen und natürlich harten Gitarren verbindet, andere Tracks gehen glatt als Punkrock durch. Ronjas Gitarre muss zwischendurch daran erinnert werden, dass sie gefälligst zu funktionieren hat, was sich aber nicht negativ auf den Gig auswirkt. Das passiert halt live mal. Da stört es mich eher, dass einige Backing-Tracks im Hintergrund laufen. Es sind nur kleinere Effekte und zusätzliche Gesänge, aber ich finde, gerade die Vocals sollte man komplett live bringen und auf die kleinen Farbtupfer einer Albumproduktion verzichten. Nur ein Detail, der Auftritt macht durchweg Spaß und bei kaltem Bier lasse ich mir gern die Sonne auf die Kutte brennen.
Jo, das war meine Kieler Woche 2026. Habt ihr noch was Geiles gesehen? Kommentare sind willkommen. Up next: ZZ TOP und SAMMY HAGAR off from the bucket list!
