BLOOD INCANTATION, INSECT ARK / 02.06.2026 – Kiel, Pumpe
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Sonntag, 28. Juni 2026 12:31
- Geschrieben von Philipp Wolter
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Dass sich die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen weltweit zurückentwickelt, ist keine neue Erkenntnis. Mittlerweile gibt es Studien, die z.B. auch belegen, dass sich die Literalität verringert. Kein Wunder, dass sich genug Musiker:innen und Schriftsteller:innen finden lassen, die sich nicht zu schade sind, rein affirmative „Werke“ zu schaffen. Diese Produkte sollen möglichst niemanden fordern und gleich zur Sache kommen. Denn wenn in den ersten Sekunden nichts Spektakuläres passiert, klickt der Konsument weiter. Erfreulicherweise gibt es aber auch Bands und Künstler:innen, die sich weigern, musikalisches Fast Food abzuliefern. Im Moment nehme ich gar einen regelrechten Gegentrend wahr, und zwar in Form von Songs, die in Überlänge komponiert sind. BLOOD INCANTATION sind dafür ein passendes Beispiel, enthält deren „Absolute Elsewhere“-Album bekanntlich genau zwei Stücke mit jeweils über 20 Minuten Spieldauer. Ähnlich gelagerte Fälle: CROWN LANDS mit dem 19-minütien Titelsong ihres aktuellen Albums „Apocalypse“ oder HÄLLAS mit „Above The Continuum“ (21:30) auf „Panorama“. Was ich dabei überraschend und erfreulich finde, ist, dass BLOOD INCANTATION mit ihrem mutigen Album, das Death Metal mit 70er Prog kombiniert, kein totaler Insidertipp geblieben sind. 2025 spielten sie im Rahmen der letzten Tour im Grünspan, heute in der Pumpe, also in größeren Läden (wenn man es aus dem Underground-Blickwinkel betrachtet).
Bilder von MJ und Börbel.
Bitter nur, dass heute im Hafenklang ein weiteres Konzert stattfindet, dass ich normalerweise als „totale Pflicht“ bezeichnet hätte: Die australischen HARD-ONS spielen mit Jerry A am Mikro! Hätte man mir vor fünf Jahren von beiden Konzerten erzählten, hätte ich jeweils nur mit dem Kopf geschüttelt. HARD-ONS mit dem POISON-IDEA-Sänger in Deutschland auf Tour? BLOOD INCANTATION in Kiel, im großen Saal der Pumpe? Beides klingt wie ausgedacht, ist eigentlich zu schön, um wahr zu sein. Aber wir müssen uns entscheiden, setzen uns dafür zwei Tage lang im Schneidersitz hin und tun ausschließlich dies: C O N C E N T R A T E.
Die Pumpe erweist sich als gut gefüllt. Ich bin etwas erleichtert, denn ein Totentanz wäre doch peinlich gewesen und kein gutes Zeichen für zukünftige weitere Veranstaltungen dieser Art in Kiel. Gekommen sind auch diverse Hamburger:innen, spielen BLOOD INCANTATION doch auf dieser Tour nicht in der Hansestadt. Kiel hatte wohl insofern Glück, als dass die US Metaller auf dem Weg zum Sweden Rock sind und bei uns Zwischenstopp machen.
INSECT ARK scheinen im Kern ein Duo zu sein (Schlagzeug und Bass/Gesang), welches sich live um einen Keyboarder/Gitarristen verstärkt. Wie erwartet gibt es harten Tobak in die Ohrmuscheln gedrückt: Avantgarde Doom mit Einflüssen aus Ambient, Drone, Noise und generell experimenteller Musik. Ob es sich einem mehr erschließt, wenn man diese Musik häufiger hört? Beim Erstkontakt finde ich immer wieder interessante Momente, habe auch Bock, mir die Band über die gesamte Distanz anzuhören, es bleibt insgesamt aber doch sehr sperrig. Früher hatten INSECT ARK gar keinen Gesang in der Musik, sondern rein instrumental gezockt, erzählt mir ein Kollege und begeisterter Hörer. Dies habe sich mit dem vierten Album „Raw Blood Singing“ geändert. Nun erfahre ich auch Namen: Bei der Bassistin und Sängerin handele es um Dana Schechter, gleichsam Kopf der Band. Ihr markanter Gesang lässt die Stücke schlüssiger erscheinen, klingt dabei angemessen beklemmend und düster. Diese Atmosphäre transportiert nämlich auch die Musik. Es könnte sich streckenweise um einen Filmsoundtrack handeln, wobei der entsprechende Film dann natürlich kein Hollywood-Blockbuster wäre, sondern ein verstörender italienischer Experimentalstreifen oder so. Über den Filmvergleich kommt mir auch eine Assoziation zu den Hamburger:innen CORECASS. Ähnlich wie bei dieser Band fühle ich mich wie auf einer Reise, die von Abgründen in noch tiefere Abgründe führt. Es knarrt, es krächzt, es dröhnt – und doch schleichen sich immer wieder sehr filigran ausgearbeitete und gespielte Passagen hinein. Der Keyboarder steht plötzlich mit einer Gitarre auf der Bühne, bedient dann wieder eine Lap-Steel-Gitarre. Sehens- und hörenswert!
BLOOD INCANTANTION! Kann das Niveau des ‘25er Auftritts gehalten werden? Das erscheint kaum möglich, entsprach dieser Gig doch einer rauschhaften Erfahrung nahe an der Perfektion. Aber doch – heute wirken BLOOD INCANTATION auf mich tatsächlich noch zwingender, bereits nach Sekunden stellen sich die Härchen an den Armen auf. Der Sound ist genial (noch besser als im Grünspan), das analoge Old-School-Equipment der fünf Freaks (Stammbesetzung plus Tour-Orgler) ist auch bestens dafür geeignet, die Ohren zu verwöhnen. Mich fasziniert wieder, wie harmonisch alles ineinander fließt. Dass man überhaupt von Blast Beats getragenen Death Metal mit Pink-Floyd- oder Eloy-Sounds kombinieren kann! Und dass es dann so selbstverständlich klingt! Die Band scheint mir heute besonders motiviert und konzentriert zu agieren, das spielerische Level ist überirdisch. Alles fließt. Lädt dabei mit brutalen Florida-Death-Metal-Passagen zum Headbangen ein. Dann wieder zum Träumen und Schwelgen, zum Beispiel wenn der Keyboarder in „The Stargate“ ein irres Solo spielt. Mit „The Message“ vervollständigen BLOOD INCANTATION die komplette „Absolute Elsewhere“-Aufführung und versetzen wieder die gesamte Halle in Erregung, als die ELOY-artige Prog-Passage in ein massives Death-Metal-Riff übergeht und der Schlagzeuger Isaac Faulk alle Materie zum Schwingen bringt. An Deko haben BLOOD INCANTATION abgespeckt und die beiden Monolithen zu Hause gelassen, was natürlich zweitrangig ist. Letztes Mal bestand die restliche Setlist aus zwei weiteren Songs, heute gibt es drei. Zunächst geht es mit „Vitrification Of Blood“ zurück zum Debut „Starspawn“ von 2016, es folgt ein Ausflug zur „Hidden History Of The Human Race“ von 2019, und zwar mein Favorit „The Giza Power Plant“. Damals erschienen mir diese Songs zwar schon als außergewöhnlich gut, aber eigentlich noch nicht als derart progressiv – live schließen sie aber super an das „Absolute Elsewhere“-Material an. Mit einem Ambient-Jam samt Gong-Einsatz sowie „Obliquity Of The Ecliptic“ von der “Luminescent Bridge”-EP (2023) beenden INCANTATION das abermals vollständig faszinierende Konzert.
Ich bin gespannt, wohin der Weg von BLOOD INCANTATION uns noch führen mag. Ich werde ihn definitiv mitgehen, auch wenn eines reines Ambient-Werk wie „Timewave Zero“ nicht nochmal sein muss.
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C O N C E N T R A T E.
