PRINCIPLES OF JOY / 28.05.2026 – Kiel, Hansa48
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Mittwoch, 10. Juni 2026 19:23
- Geschrieben von Philipp Wolter
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Heute spielen drei höchst verheißungsvolle Bands in einem meiner Lieblingsclubs, nämlich ABIGAIL, ANTAGONIZÖR und NECROMANCER im Bambi Galore. Erste kommen aus Japan, bestehen seit 1992 und ballern rabiaten Erste-Welle-Black-Metal mit Thrash-Einschlag. ANTAGONIZÖR aus den Staaten verbinden Metal mit Punk, die beiden Frontfrauen zerren ihren Drummer in Ketten auf die Bühne und sind auch noch geil politisch. Dazu kommt die Black/Thrash-Combo NECROMANCER aus Rostock. Alle drei noch nie gesehen, die Chance kommt nie wieder!
Totale Pflicht! Hin da? Nein, ich gehe spontan in die Hansa48, wo die mir vollständig unbekannten PRINCIPLES OF JOY spielen. Ich weiß nichts, nicht mal, was für Musik die ungefähr spielen. Warum also diese Entscheidung? Ich weiß es selbst nicht, folge einfach spontan einem Bauchgefühl. Und hier kommt der Clickbait: Werde ich das bereuen…? Blättern Sie um, kommen Sie herein!
Interessant ist ja schon mal, dass sich die Hansa48 gut gefüllt zeigt, später wohl sogar ausverkauft. Ich treffe Nachbarn, die ich noch nie zuvor auf einem Konzert gesehen habe, aber auch Metalheads, die ich heute eher im Bambi vermutet hätte. Und natürlich die ganzen üblichen Verdächtigen. Aber auch ganz viele (für mich) neue Gesichter. Und ich erfahre: Es handelt sich bei PRINCIPLES OF JOY um eine Soulband aus Frankreich.
Schon geht es ab: Die Band besteht aus sechs Musiker:innen, nämlich zwei Gitarristen, einem Drummer, einem Bassisten, einer Sängerin und einem Pianisten. Der Sound gefällt mir auf Anhieb, denn dem Hansateam (und natürlich der Band) gelingt es, das Ganze extrem transparent und organisch klingen zu lassen. Du hörst jedes Instrument (geiles Vintage-Equipment!) und kannst zum Beispiel jeder Nuance des genialen Bassspiels folgen. Überhaupt sind hier talentierte Zocker:innen am Werk. Ohne jetzt ein Experte in Sachen Soul zu sein, würde ich das Ganze als sehr 60ies und 70ies inspiriert bezeichnen. Einige Songs könnte man sich sehr gut als Soundtrack zu einem Film oder einer Serie vorstellen, der/die zu dieser Zeit spielt oder eine bestimmte Atmosphäre vermitteln soll. Die einer gewissen Lebensfreude, aber durchaus auch politisch-kämpferischen Haltung. Mit einem zwingenden Groove preschen die Songs nach vorn und bringen bald den gesamten Saal in Wallung. Hier tanzt bald jede:r, wobei einige Leute darauf fast schon gewartet zu haben scheinen, denn so manche:r dreht komplett frei und wirft seine/ihre Extremitäten in alle Himmelsrichtungen. Was auch völlig angemessen ist, denn auf der Bühne wird die Ekstase musikalisch vorgelebt. Die beiden Gitarristen bekommen wiederholt Szenenapplaus für ihre Soli und Improvisationen. In den Soul mischen sich immer wieder Psychedelic Rock-Elemente, nicht zuletzt dann, wenn Ludovic Bors die Orgel schwer tuckern lässt. Rhythm’n’Blues sowie Funk sind weitere Eckpfeiler. Unfassbar intensiv kommt auch die Stimme Rachel Yarabous, Sie singt von Liebe, Selbstermächtigung, aber im überlangen „No Justice No Peace“ auch vom Kampf gegen ein rassistisches System. Yarabou bittet um Partizipation und so schmettert die Hansa48 den Refrain mit geballten Fäusten. Der Auftritt nimmt immer mehr an Fahrt auf, die Musiker kommen zusehends aus sich heraus. Die Gitarristen schwenken ihre Gitarren und schließlich klettert Bors auf seine Orgel und bedient das Ding im Hocken.
Super Auftritt, der mich doch glatt zur Ernte schreiten lässt – meine Wahl fällt auf das 2024er Album „It’s Soul That Counts“. Sehr zu empfehlen!
Um noch mal zur Einleitung zurückzukommen: Nein, ich bereue es nicht, das Konzert war super. Aber ABIGAIL und ANTAGONIZÖR hätte ich auch gern gesehen, verdammt!
