BLUES PILLS, DeWOLFF / 27.03.2026 – Hamburg, Fabrik
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Sonntag, 05. April 2026 13:36
- Geschrieben von Philipp Wolter
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Bereits 2017 waren BLUES PILLS und DeWOLFF zusammen auf Tour, machten damals sogar Halt in der Kieler Traumfabrik (siehe Bericht). Die Kombination empfand ich damals als sehr gelungen, also warum nicht fast zehn Jahre später nochmal in den Genuss kommen?
Das vermeintlich Bekannte bringt dann heute so einige Überraschungen mit sich. Ich hatte zum Beispiel überhaupt nicht mitbekommen, dass es von BLUES PILLS eine neue Live-LP mit dem Titel „Birthday Live“ gibt. Der Preis von 40,- Euro ist aber trotz Signatur und unveröffentlichtem Studio-Bonus-Track schon hart. Ich beschließe vor dem Konzert: „Brauchst du nicht, du hast schon „Live At Rockpalast“, „Blues Pills Live (Freak Valley)“ und „Lady In Gold – Live In Paris“. Nur um das Ding nach dem Konzert dann doch wie ein Knecht abzuernten (ist aber auch wieder toll, wobei die Freak-Valley-Platte die bisher beste Liveplatte der Band bleibt). Die zweite Überraschung: Von dieser „Birthday“-Besetzung stehen heute nur Elin und Zack auf der Bühne! Was da los? Lesen Sie hier:
Bilder von MJ.
Erst mal kommt aber die nächste Überraschung: DeWOLFF! Hast du doch schon gesehen, sagtest du eben noch, höre ich euch protestieren. Jaja, aber frecherweise haben DeWOLFF sich einfach mal mehrere Klassen weiter nach oben geschraubt. Ins Rock-Olymp! Was hier geboten wird, das ist ja nicht mehr zu fassen. Die spielerische Qualität – nicht von dieser Welt. Dies mit dem Begriff „tight“ zu beschreiben, wäre inhaltlich zwar korrekt, umfasste aber nicht die Unberechenbarkeit, mit der DeWOLFF vorgehen. Nicht die Lässigkeit, mit der das Trio in improvisierte Passagen übergeht. Nicht die Wahnsinnsspielfreude. Und nicht die Magie, die in der Fabrik entfesselt wird! Es ist faszinierend, wie DeWOLFF völlig flüssig verschiedene Genres miteinander verbinden. Du hörst Blues, Psychedelic Rock, Classic Rock, Hardrock, ja sogar Gospel-Einflüsse. Und das bei einem unglaublich guten Sound. Ich muss an so unterschiedliche Bands wie DEEP PURPLE, CREAM, PINK FLOYD oder LED ZEPPELIN denken, dabei bewegen sich DeWOLFF in Sachen Kreativität und Eingängigkeit auf ebenbürtigem Level. Gitarrist und Sänger Pablo van de Poel wechselt mehrfach die Gitarre – eine schöner als die andere. Auch die Hammondorgel ist ein Hingucker und macht einfach mehr her als ein Korg-Keyboard oder so. Das erstaunlich bunt gemischte Publikum ist restlos begeistert. DeWOLFF stehen nicht etwa introvertiert herum, sondern erweisen sich als Entertainer, z.B. springt Pablo van de Poel plötzlich rückwärts auf die Hammondorgel und singt im Sitzen weiter. Ich wundere mich selbst, dass ich die Niederländer nach 2017 nicht weiter verfolgt habe. Das muss geändert werden, heute ernte ich schon mal das Album „Love, Death & In Between“ ab. Ganz stark, in den 60ern/70ern hätten DeWOLFF wohl Millionen Platten verkauft!
In Sachen Unberechenbarkeit dürften BLUES PILLS da nicht ganz mithalten können, denke ich noch, bevor es losgeht. Doch auch die Schweden überraschen heute, und zwar schon mal mit einem runderneuerten Line-Up. Obwohl ich der Band auf allen Kanälen folge, hatte ich noch nicht gewusst, dass der Schlagzeuger André Kvarnström 2025 einen Motorradunfall hatte und übergangsmäßig von Lina Anderberg ersetzt wird. Der Bassist Kristoffer Schander, der von 2019 bis 2026 dabei war, ist offenbar ausgestiegen und die neue Bassistin heißt Agnes Roslund. So ergibt sich natürlich ein gänzlich anderes Bühnenbild. Aber das funktioniert hervorragend. Die neuen Musikerinnen wirken enthusiastisch und spielen mit viel Feuer. Das Kernduo Elin und Zack wirkt auch sehr gelöst, wobei ich gerade Elin Larsson auch noch nie mit einer halbgaren Performance erlebt habe. Heute ist sie aber besonders gut drauf, springt in ihrem Disco-Glitzer.Kostüm wie ein Derwisch auf der Bühne herum und wirft sich mindestens fünfmal in die Menge. Ich hab einfach ein entsprechendes Bild von der BLUES-PILLS-Facebookseite geklaut, um einen dieser Ausflüge zu dokumentieren – schließlich bin ich selbst auf dem Foto zu sehen (Danke an Nico Krogmann für den Hinweis)… Findet Wolter!
Lina Anderberg bekommt sogar einen Solospot, den sie eindrucksvoll nutzt. Eine nette Auflockerung, die im Gegensatz zu Schlagsolos anderer Bands nicht aufgesetzt wirkt. Interessanterweise spielen BLUES PILLS vom Debut und von „Holy Moly“ die meisten Songs, während „Lady In Gold“ und „Birthday“ weniger präsent sind. Letztlich zählt ja, dass die Setlist einen guten Flow hat und das ist hier der Fall. Highlights: „High Class Woman“, „Bliss“, „Proud Woman“, „Black Smoke“, „Song From A Mourning Dove”, “Astralplane”, “Birthday”, “Lady In Gold” und natürlich die Zugaben “Little Sun” und “Devil Man”. Zwischendurch muss das Konzert kurz unterbrochen werden, weil ein Typ zusammenbricht – gute Besserung! Aber insgesamt herrscht eine extrem positive Stimmung, die im letzten Drittel sogar in einem regelrechten Moshpit eskaliert.
Was für ein tolles Konzert! Ich hatte schon viel erwartet, aber beide Bands haben diese Erwartungen noch übertroffen.
