KAPUT KRAUTS, BRIEFBOMBE / 20.03.2026 – Kiel, Hansa48
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Freitag, 03. April 2026 17:47
- Geschrieben von Philipp Wolter
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Wer hätte noch 2021 (meiner ersten Begegnung mit BRIEFBOMBE) gedacht, dass sich derart viele inhaltliche Ideen für das Postkonzept der Band finden lassen? Nach drei Veröffentlichungen 2022 (erstes Demo), 2024 („Ausgeliefert“-LP) und 2026 („Deutsche Pest“-7“) ist kein Ende in Sicht und allein schon die stilistische Bezeichnung in der Konzertankündigung als „Mail fronted HC Punk“ ist ein Brüller. Von daher sind fünf Jahre seit meinem letzten BRIEFBOMBE-Konzert viel zu lange und ich habe hart Bock auf mehr! Im Falle von KAPUT KRAUTS ist der Abstand noch drastischer: 2013 sah ich sie zwei Mal kurz nacheinander in der Schaubude und in der Alten Meierei, hoffte noch auf eine Einhaltung des Zwei-Monats-Rhythmus, aber schwups sind 13 Jahre vergangen. Danke fürs Durchziehen und Wiederkommen!
Fotos von MJ.
Die Hansa ist gut gefüllt (verrückterweise bekommt man das hier auf Fotos nie so richtig dokumentiert), als die BRIEFBOMBE explodiert. Es gibt übrigens eine weitere VÖ am Merch, nämlich ein Livetape („Live in der B-Side Münster 2025“), das ich natürlich abernte und jetzt beim Review das Problem habe, dass ich nicht mehr genau weiß, welche Ansagen von der Liveaufnahme sind und welche in Kiel getätigt wurden. Aber egal, die Erklärungen zu den Songs sind ja fast das Geilste, weil sie erst die gesamte Bandbreite der BB-Themen offenbaren! Da geht es nämlich um das „Praktikum bei der Deutschen Post“, welches nur durchgeführt werde, um die Post hemmungslos zu bestehlen und das Diebesgut im sozialistischen Sinne umzuverteilen. Gelebter Klassenkampf. Gitarrist Thommy führt weiterhin zum Beispiel bei „G.I. Joe“ aus, dass es sich hierbei um den Namen einer Brieftaube handele, welche den Alliierten im Zweiten Weltkrieg Informationen übermittelt habe, welches wiederum das Ende der Taten „unserer dreckigen Scheißvorfahren“ begünstigt habe. Sehr schön auch die Ausführungen zu der hemmungslosen Schleichwerbung in „Castaway“ mit Tom Hanks („eigentlich ein ganz solider Film, aber die Fed-Ex-Werbung nervt tierisch: ‘Fed Up With Fed Ex‘“). Und natürlich der Diss gegen „Thurn und Taxis“, die für ihre Selbstbeweihräucherung als „Erfinder des modernen Postwesens“ wie folgt kritisiert werden: „THURN UND TAXIS AUS DER LOMBARDEI / HÄTTS EUCH NICHT GEGEBEN, HÄTT ICH MORGEN FREI!“ Herrlich rausgeschrien und rausgepöbelt von Kris, die sich mehr vor als auf der Bühne aufhält. Musikalisch pendeln BRIEFBOMBE wie gewohnt zwischen Punk und Powerviolence, die Songs gleichen kurzen Eruptionen, die selten die Länge von einer Minute erreichen. Ich find’s geil, dass die Dinger trotzdem eingängig sind, das muss man erst mal hinbekommen. Mit „Brieffroindschaft“ kommt sogar ein gediegener Oi!-Punk-Kracher („Oooooh / Du bist Skinhead, ich bin Punk / Oooooh / Brieffroindschaft ein Leben lang“. Am Schluss rotieren die vier Musiker:innen noch an ihren Instrumenten – Wahnsinn, hier kann ja jede:r alles spielen. Der Mob würdigt das angemessenerweise mit der Errichtung einer Posi-Pyramide auf drei Ebenen - das hab ich auch länger nicht mehr gesehen. Abschließend schließen wir hier bei DreMu uns dem Appell an Michael Otto an, dem Gründer von Hermes, der sich gern als Mäzen gibt, aber gleichzeitig Lohndumping praktiziert: BEREINIGEN SIE IHR GEWISSEN! SPENDEN SIE ENDLICH AN BRIEFBOMBE, SO EIN PAAR MILLIONEN DÜRFTEN DOCH WOHL IN DER PORTOKASSE SEIN!
Natürlich beackern KAPUT KRAUTS musikalisch ein anderes Feld, aber die Stimmung bleibt top, ja, steigert sich nach ein paar Songs gar in Richtung mehr Bewegung. Angenehm vielseitiger Deutschpunk oder besser deutschsprachiger Punk, denn KAPUT KRAUTS umgehen mögliche Plattitüden des erstgenannten Genres. Ihr Punk besitzt Hardcore-, aber auch Rock-Einflüsse, per Laptop ruft der Drummer zudem diverse Backing-Tracks, Effekte und Elektrogedöns ab. Leider streikt sein Gerät mehrfach und es zieht sich ein stetiger Kampf Mensch gegen Maschine durch den Auftritt. Ich hätte kein Problem damit gehabt, hätte die Band den Elektro-Lurch aus der Steckdose gerissen und als symbolhaftes Objekt unserer dekadenten Gesellschaft der Vernichtung preisgegeben. Ich glaub, der Mob hätte sich bereitwillig daraufgestürzt. Aber auch so siegt der Mensch und irgendwie spuckt das e-Vieh immer wieder Töne aus. Wie gesagt, die Basis der Musik hätte für mich auch ohne den Effektüberbau gut funktioniert. Schließlich hat der Sänger Fossi eine tolle Stimme und das Songwriting lädt zum Pogen, Tanzen und Biertrinken ein. Mit den Texten der KAPUT KRAUTS muss ich mich erst noch näher beschäftigen, aber sowohl Bandname als auch der aktuelle Plattentitel „Vom Feeling her ein Scheißgefühl“ sagen mir absolut zu. Das sympathische Auftreten ohne Dicke-Hose-Attitüde sowieso. Meinem dritten KAPUT-KRAUTS-Erlebnis wird somit ziemlich sicher ein viertes folgen.
Ergänzung zu BRIEFBOMBE:
Uns erreichten Nachfragen, was es mit dem Keksbild auf sich hat. Hier der Hintergrund: Eine Besucherin aus Köln, Kristin, wollte unbedingt den Song „Weihnachtszeit Überstunden Fuck You“ hören und haute die Band deswegen an. BRIEFBOMBE antworteten, dass sie diesen Weihnachtssong nur dann spielen würden, wenn es bitteschön auch Spekulatius gibt. Die Kekse hat Kristin dann gebacken, so gab es Spekulatiuskekse für viele und den Song für alle.

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Uns erreichten Nachfragen, was es mit dem Keksbild auf sich hat. Hier der Hintergrund: Eine Besucherin aus Köln, Kristin, wollte unbedingt den Song „Weihnachtszeit Überstunden Fuck You“ hören und haute die Band deswegen an. BRIEFBOMBE antworteten, dass sie diesen Weihnachtssong nur dann spielen würden, wenn es bitteschön auch Spekulatius gibt. Die Kekse hat Kristin dann gebacken, so gab es Spekulatiuskekse für viele und den Song für alle.
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