HELL OVER HAMMABURG 2026 – ATLANTEAN KODEX, SUN WORSHIP, HELHEIM, SLINGBLADE, PALANTYR, NIGHT, SINTAGE / 07.03.2026 – Hamburg, Markthalle, Tag 2
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Montag, 30. März 2026 22:44
- Geschrieben von Philipp Wolter
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Wir sind zwar heute pünktlich vor Ort, sehen auch gleich die erste Band SINTAGE, aber beim HOH-Samstag ist es natürlich unmöglich, alle Bands mitzunehmen. Oder man müsste die große Markthalle jeweils sehr zeitig verlassen, um sich rechtzeitig einen Platz im Marx zu sichern. Da stünde man allerdings erst mal nur dumm rum und wartete. Ich schaffe das heute lediglich bei PALANTYR und SUN WORSHIP, deren Gigs ich wiederum vor dem Schluss verlasse, um SLINGBLADE bzw. ATLANTEAN KODEX zu genießen. Für mich bedeutet das Stress, weil ich ständig das Gefühl habe, etwas zu verpassen. Purer FOMO-Terror, das HELL OVER HAMMABURG… Andererseits: Acht Bands sind nun auch keine schlechte Bilanz. Here we go:
Bilder von MJ und Taina (das finale).
SINTAGE sind die perfekte Band für den Start in den zweiten Tag. Die Band versetzt den bangenden Horden einen massiven Energieschub. 2024 begeisterten sie bereits auf dem WISCHFEST mit purer Power, von der Qualität ihrer Platten (vor allem „Unbound Triumph“) brauche ich gar nicht zu sprechen. Nach dem unverwüstlichen Conan-Intro geht es mit „Ramming Speed“ gleich zur Sache. Was die Leipziger aus der Vielzahl aktueller NWOTHM-Bands herausragen lässt, sind vor allem die messerscharfen Gitarren und der großartige Gesang bzw. die Hammermelodien. Sänger Randy kann sich bei diesem Songwriting voll reinknien und schmettert uns Perlen wie „Prisoned By The Dark“, „Flames Of Sin“, „The Devil’s Race“ oder „Blood Upon The Stage“ entgegen. Pluspunkte in der B-Note bekommt er für sein stilsicheres MENTORS-Shirt. Wenigen deutschen Bands gelingt es, in diesem Bereich mit den Schweden mitzuhalten, aber SINTAGE liefern hier gerade auf AMBUSH- oder ENFORCER-Level. Leider gehe ich, bevor die geile Hymne „One With The Wind“ gespielt wird, weil ich TEMPLAR sehen will.
Das erweist sich als Fehler, denn ich komme zwar ins Marx hinein, stehe aber wirklich derart weit hinten noch im Eingangsbereich, dass ich nur auf Rücken glotzen kann. Also Abbruch. Naja, TEMPLAR werden wohl demnächst im Bambi spielen.
Immerhin bin ich so pünktlich und mit Bier versorgt zurück bei NIGHT. Deren Auftritt muss schlicht als Sensation bezeichnet werden. Das 2017er Album „Raft Of This World“ hat sich nach neun Jahren mittlerweile zum Kult entwickelt. Ich mag auch den Nachfolger „High Tides – Distant Skies“, aber der besitzt nicht dieselbe Magie. Das scheint auch den Schweden selbst klar zu sein, spielen sie doch deutlich mehr Material von der älteren Platte. Aber was red ich – der Begriff „Material“ klingt angesichts solcher Großtaten wie „Where Silence Awaits“, „Under The Gallows“ oder „Fire Across The Sky“ viel zu schnöde. Der Sound ist herrlich warm, wie er es bei dieser Band auch sein muss. Die Lässigkeit, mit der Oskar Andersson, Linus Fritzson (beide auch bei den unfasslichen AMBUSH), Joseph Max und Highway Filip ihren Proto Metal mit 70er Pop-Einflüssen kombinieren, erinnert mich in manchen Momenten an FLEETWOOD MAC. Neben mir schmelzen Bambi-Flo und Plattenkisten-Christian dahin, die proppevolle Markthalle wird Zeuge einer Entfaltung, die Raum lässt für Improvisationen und Detailreichtum. Als auch noch meine Faves „Fire“ und „Surrender“ kommen, fällt mir glatt der Becher aus der Hand. Ey, die Hunde! Ach nee, hier sind ja gar keine. Ganz groß!
Auch bei VOLLMONDPROZESSION besteht keine Chance, einen Blick ins Marx zu werfen, höchstens durchs Seitenfenster und da fühlt man sich wie so ein ekliger Voyeur. Aber zu PHRENELITH sind wir zurück in der großen Halle. Die Dänen sägen im INCANTATION-Stil ordentlich einen weg. „Geiles Geballer!“, röhrt mir mein Nebenmann viel zu laut ins linke Ohr. Recht hat er – zum Teil! Denn PHRENELITH gehen auch mal runter vom Gas, wuchten SloMo-Passagen durch die PA, in denen sich Melodien der finsteren Art verbergen. Typisch dänisch strahlt die Band ein gewisses Selbstbewusstsein aus („dänische Jungs sind immer Machos“, brüllt mir jetzt meine Nachbarin von rechts ins Ohr – ob das so stimmt?). Da fliegt das Haupthaar und auch die Gitarren werden angemessen gerüttelt und geschüttelt. Insgesamt schön dreckig und brutal.
So gut PHRENELITH auch mörteln, ich verlasse die Halle frühzeitig, um PALANTYR im Marx zu sehen. Diesmal klappt es und wir harren aus, während die Französ:innen soundchecken. Das Debut „The Ascent And The Hunger“ ist ein herrlicher Speed/Heavy Metal Kracher, den ich regelmäßig auflege. Auch heute Morgen zum Vorglühen äh Frühstück lief das Ding bei unseren Gastgeber:innen. Favourite track: „Nosferatu“, interessanterweise ein Cover eines gewissen PAUL ROLAND. Man merkt den 2014 gegründeten Musiker:innen die Aufregung an, in einem vollen Club zu spielen – sehr sympathisch. Beim Zocken unterlaufen ihnen indes keinerlei Unsicherheiten. Ähnlich gelagert wie SMOULDER oder SOLICTÖR lassen auch PALANTYR epische Einflüsse zu. So spielen sie das über sieben Minuten währende „Son Of The White Mare“, bei dem Drummer Y.R. mit geilen Fills überzeugt. Die Sängerin Athéna setzt nicht auf high pitched vocals, sondern erinnert mit ihren rauhen, etwas tieferen Vocals eher an Kate von ACID. Sehr überzeugen kommen auch die MAIDEN-artigen Twin-Gitarren-Einsätze. Es wird schnell heiß im Marx, der Mob geht gut mit und natürlich wird die gesamte EP gespielt, bzw. sogar ein paar weitere Stücke addiert. So stark wie erhofft!
SLINGBLADE! Ich hätte nicht damit gerechnet, dass Niclas Svensson die Band nochmal wiederbelebt, ist er doch mit THE BABOON SHOW ständig beschäftigt. Noch mehr überrascht die Qualität dieses Auftritts! SLINGBLADE spielen mit unfassbarer Tightness, da sitzt ja wirklich alles! Besonders Sängerin Kristina Karlsson hat an Souveränität dazugewonnen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie zurückhaltend sie 2013 bei den Gigs auf dem HELL OVER HAMMABURG und dem ROCK HARD FESTIVAL wirkte. Davon ist nichts mehr zu spüren, so wie überhaupt die gesamte Band eine Wahnsinns-Spielfreude ausstrahlt. Ähnlich wie bei NIGHT ist die Platte mittlerweile zum Kult geworden – 2011 erschienen ist „The Unpredicted Deeds Of Molly Black“ mittlerweile zu einem (Underground-) Klassiker geworden. Jeder Refrain zündet direkt, jedes Riff bohrt sich in dein schmieriges Metal Heart. „Back To Class“, „Tie Her To The Cross“, „Slasher On The Loose”, “Off The Hook” oder “Molly’s Death” sind einfach nur brilliant! Während die Texte von KING DIAMOND beeinflusst sind, orientieren sich SLINGBLADE musikalisch an OZZY zur Jake E. Lee-Phase, ACCEPT oder IRON MAIDEN. Ich bin völlig geflasht, wie grandios die Schwed:innen abliefern, wie deutlich sie sich gesteigert haben und wie gut das Ganze auch ankommt. Die Markthalle feiert, der Boden klebt danach vor Bier!
HELHEIM dürften die dienstältesten Vertreter des diesjährigen HOH sein, wurde die norwegische Band doch bereits 1992 gegründet. Das finde ich übrigens überhaupt faszinierend: Die 2026er Auflage des Festivals kommt im Grunde ohne große Namen aus den 80ern aus – und ist dennoch ausverkauft. Natürlich liegt hier ein spezieller Fall vor und es kommt ein Nerd-Publikum aus allen möglichen Regionen zusammen, aber vom Prinzip her sollten langsam auch mal die großen Festivals junge Bands der NWOTHM auf Headlinerpositionen setzen. Das muss ja nicht heißen, dass man auf Legacybands verzichtet, aber es würde für Aufmerksamkeit sorgen, wenn junge Bands gleichberechtigt daneben stünden. Zurück zu HELHEIM: Ich kenne nichts von ihnen, weiß nur, dass sie eine Art Viking/Black Metal spielen. Es ist doch immer wieder interessant und verrückt, dass Bands derart lange unter dem eigenen Radar laufen, obwohl sie einem durchaus gefallen müssten! Als großer ENSLAVED-Fan kann ich dem atmosphärischen Ansatz sofort etwas abgewinnen. Andere Vergleiche können zu BATHORY oder KAMPFAR gezogen werden, wobei HELHEIM gleichzeitig eigenständig klingen. Wie der kreative Kopf V’Gandr mitteilt, spiele man heute das gesamte Debütalbum „Jormundgand“ aus dem Jahr 1995. Rasend, nordisch, episch bzw. majestätisch klingen diese Songs, bereits 1995 mit einem Hang zu Experimenten, so vertieft der Einsatz einer Maultrommel den Eindruck. Hat mir auch ohne Vorkenntnis gefallen.
Ich muss aber unbedingt noch rüber zu SUN WORSHIP, habe ich dieses Extrem-Duo doch zum letzten Mal 2018 in Kiel gesehen. Der entsprechende DreMuFueStias-Bericht ist übrigens einer der am häufigsten gelesene Artikel auf unserer Seite und steht mit aktuell 75582 Zugriffen (!) auf Platz 2 (der Nachruf auf Siggi Sick hält die Pole Position). Das ist schon kurios angesichts eines Konzertes, das damals von 30 Nasen besucht wurde. Ich frage mich, in welchen finsteren Foren ein Link zum Artikel gepostet wurde. Acht Jahre später klingen SUN WORSHIP für mich noch zwingender. Aggressive Blastbeats treffen auf schwarze Gitarrenkunst, Drummer und Gitarrist fungieren beide als harsche Vokalisten (einer kreischt, einer grunzt) und trotz der Mini-Besetzung klingt die Chose fett. Ähnlich wie bei anderen Duos wird der fehlende Bass durch eine Gitarren/Bass-Amp-Kombination ausgeglichen. Der Mob gerät ordentlich in Wallung, so dass trotz der Enge im Marx die verschwitzten Leiber hin- und herfliegen. Head Meets Wall!
Wie kann das sein, dass es schon wieder Zeit für die letzte Band ist? Zeit, bleib stehen! Lass den Auftritt von ATLANTEAN KODEX ewig wären! Nee, das ist auch Quatsch, letztlich liegt der Genuss im Moment. Und es ist kaum zu glauben, aber ATLANTEAN KODEX setzen dem HOH die emotionale Krone auf. Neulich brachte das ROCK HARD ja ein lesenswertes Special über die NWOTHM, bei dem „The White Goddess“ als eine der besten Platten des neuen Jahrtausends bezeichnet wird, welches qualitativ eben auch mit 80er Klassikern mithalten könne. Ich stimme den Autoren hier unbedingt zu, die Reaktionen auf diesen KODEX-Auftritt sprechen Bände. Mit welcher Lautstärke das Publikum mitsingt, das ist unglaublich und beeindruckend. Das gilt auch für Stücke der ersten und dritten Scheibe wie „People Of The Moon“, „A Prophet In The Forest“ oder „Pilgrim“, aber die völlige Annihilation of Hamburg wird dann bei „Sol Invictus“, „Heresiarch“ und der Europa-Hymne „Twelve Stars And An Azure Gown“ vollzogen. Gänsehaut! Die Melodie und die Worte begleiten mich danach tagelang. An emotionaler Wucht gewinnt der Auftritt durch die Tatsache, dass es eine der (vorerst) letzten Shows mit Manuel Trummer an der Gitarre ist, der dann von Ulle (UNDER RUINS) vertreten werden wird. Ich sehe ATLANTEAN KODEX übrigens heute zum ersten Mal mit Coralie Baier an der Gitarre, die ihre Sache super macht und toll in die Band passt. Markus Becker versichert uns, dass man an neuem Material arbeite, zum Beweis gibt’s gleich einen unveröffentlichten Song namens „The Pattern Under The Plough“, der natürlich gierig aufgesogen wird und Bock auf den vierten Longplayer macht. KODEX BATTALIONS MARCH!
Boah, das war wat! Nächstes Jahr ruft Wolf-Rüdiger zur finalen Schlacht, denn danach beginnen wohl die Umbauarbeiten an der Markthalle. Daran mag ich gar nicht denken…
