HELL OVER HAMMABURG 2026 – FORTERESSE, CHRISTIAN MISTRESS, THIS GIFT IS A CURSE, ARGUS, SKRÄCKEN, (MEGA COLOSSUS) / 06.03.2026 – Hamburg, Markthalle, Tag 1
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Montag, 23. März 2026 21:57
- Geschrieben von Philipp Wolter
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Dieses Jahr kann ich endlich mal wieder beide Tage des HELL OVER HAMMABURG-Festivals besuchen (bzw. alle drei, wenn man das Warm Up mitrechnet). Dazu übernachten wir bei Freunden in Hamburg, was den Trip noch angenehmer macht. Dennoch bleibt das Problem, es am Freitag rechtzeitig zur ersten Band zu schaffen. Es gelingt uns leider nicht, MEGA COLOSSUS zu sehen. Immerhin trafen wir die höchst sympathische Band bereits am Vortag im Bambi. Beim nächsten Mal muss es wieder klappen, denn MEGA COLOSSUS sind einfach zu gut live!
Fotos von MJ.
DOLCH sind aus mir unbekannten Gründen vom Billing verschwunden, aber wie geil ist bitte ihr „Ersatz“? -> Fucking SKRÄCKEN spielen, die neue Band von Sofie-Lee Johansson, die früher bekanntlich bei den schmerzlich vermissten NIGHT VIPER sang. Und glaubt es oder springt aus dem Fenster, aber SKRÄCKEN räumen dermaßen ab, dass man wohl vom Stimmungshighlight dieses Tages sprechen muss. Der herrlich warme Sound lässt alle Details der Musik hervortreten. Bei diesen pumpenden Passagen recken die HOH-Maniacs die Fäuste und feuern die Schwed:innen mit Sprechchören an. Mit dem Speed Metal von NIGHT VIPER lässt sich dieser 70er/80er Hardrock mit Metalkante nicht vergleichen, aber bis auf Johansson handelt es sich ja auch um andere Menschen. Ich liebe das „Echoes From The Void“-Album und freue mich darüber, dass das Material auch live so gut zündet. Die Platte wird fast komplett gespielt, statt „The Ghost Of Society“ setzt man einen bisher nur digital veröffentlichten Song namens „Soulcatcher“ ein. Auch dieser besitzt tolle Gesangslinien und herrliche Riffs. Magisch!
Wer hätte auf ein Wiedersehen mit ARGUS zu hoffen gewagt? Hatten sich die US Epic Doomer ja 2020 aufgelöst. Doch manchmal kommen sie wieder. Wenn ich mich nicht irre, ist es bereits ihr dritter HELL OVER HAMMABURG-Auftritt, im Bambi waren sie auch mal zu Gast (mit HIGH SPIRITS). Schwer, kraftvoll und leidenschaftlich wämst sich der Klang von ARGUS durch die Markthalle, getragen vom präsenten Bass, den filigran ausgearbeiteten Gitarren und natürlich der völlig eigenständigen Stimme Butch Balichs. Der Sänger fängt den ihm zugeworfenen „Hat Of Doom“ und zwängt sich das Geschmeide auf den Schädel. Wer zur Hölle ist eigentlich der Besitzer dieses goldigen Geflechtes? Doch halt, wer es weiß, möge gerade bitte nicht kommentieren. Die Welt braucht Mysterien und keine enttarnten Banksys. Balich spürt, wie die Stimmung von Song zu Song steigt und mit einem Bad in der Menge gibt er den Leuten den letzten Schubser raus aus der Zurückhaltung und rein in die Euphorie. Was sind das auch für Songs! „From Darkness… Light“, „By Endurance We Conquer“, „Pieces Of Your Smile” oder “Durendal” machen dem Begriff Epik alle Ehre. Triumphal!
THIS GIFT IS A CURSE sind mir bis jetzt vollständig unbekannt, aber schon der Name klingt interessant. Nach zwei melodischen Bands kommt jetzt HOH-typisch eine misanthropische Wut-Klatsche. Sludge, Hardcore und Black Metal werden wie in einem Fiebertraum miteinander verwoben. Der Sänger betritt die Bühne mit einem dicken Tau in der Hand (als Kieler erkenne ich: dies ist genau die fette Art Tampen, mit der früher die Kronprins Harald im Oslokai festgezurrt wurde) und klatscht das Ding wiederholt auf den Bühnenboden. Die Musik darf man gern als fordernd bezeichnen. Es wird geblastet bis zur Raserei, gekreischt wie auf der Schlachtbank – aber ab und an lassen die Gitarren Melodien durchscheinen. Insgesamt haben mich SKRÄCKEN und ARGUS emotional stärker mitgenommen, aber THIS GIFT IS A CURSE überraschen positiv. Beeindruckend!
Ähnlicher Fall wie bei ARGUS: Mit einer Wiederkehr der 2016 aufgelösten CHRISTIAN MISTRESS war nicht zu rechnen, aber zum Glück gibt’s die US-Band seit 2022 wieder und mit „Children Of The Earth“ konnten sie letztes Jahr an alte Glanztaten anknüpfen. Unvergessen bleibt mir ihr Auftritt 2015 im Itzehoer Panoptikum. Und es zeigen sich sofort mehrere Parallelen: Ihr zeitloser Heavy Metal (mit leichten Doom-Elementen) erweist sich weiterhin als weit entfernt vom Metal Mainstream. Im ROCK HARD wurde Christine Davis‘ Gesang mal als „offensive Perfektions-Verachtung“ bezeichnet, was natürlich positiv gemeint war. Denn wer braucht seelenlose Produktionen, die sich innerhalb vorgegebener Parameter bewegen? Gleichzeitig hat die Band ihr tightes Spiel nach zehn Jahren nicht verlernt. Christine Davis weist den „Beschützerinstinkt“ eines Stagehands energisch zurück, springt in den Fotograben und schnappt sich mehrere Besucher:innen an den Händen, um diese lächelnd näher zur Bühne zu ziehen. Ihr kratzig-samtiger Gesang macht den Auftritt und die Songs zu etwas endgültig Besonderem. Mit „Possession“ covert man die obskuren Schweden FAITH (deren „Hymn Of The Sinner“-7“ wäre mal einen Rerelease wert). Bekannter dürfte „Never Say Die“ von BLACK SABBATH sein, wobei für mich die eigenen Tracks „Mythmaker“, „Desert Rose“, „Pentagram & Crucifix“ oder „Stronger Than Blood“ ebenbürtig sind. Fantastisch!
Die nun folgenden FORTERESSE schaffen es, die Besucher:innen bei der Stange zu halten. Das ist nicht selbstverständlich, meist leert sich der Saal bei der letzten Band ja doch, gerade nach einem langen Festivaltag. Ich bin mir zunächst nicht sicher, aber offenbar wird auf Französisch gekreischt. Die Gesangsattacke wirkt entschlossen, ja, kämpferisch. Dies alles bestätigt sich in der Information, die mir ein FORTERESSE-Kundiger gibt: Die Band komme aus dem französischen Teil Kanadas und behandle thematisch historische Schlachten und Rebellionen in Nieder- und Oberkanada. Inwiefern dies inhaltlich schon ins Patriotische gehen mag, lässt sich an der Darbietung nicht erkennen. Das Geballer besitzt aber eine verdichtete Spannung und wird von einer spürbaren Wut getrieben. Mich haben heute die melodischen Bands SKRÄCKEN, ARGUS und CHRISTIAN MISTRESS mehr gepackt, aber die Mischung macht’s und in der heute wirklich unfasslich heißen Markthalle kommt die finale Black-Metal-Abreibung insgesamt gut an. Erfrischend!
Und morgen geht der Wahnsinn im Marx UND der Markthalle weiter! Bock und Böcke!
