DAVID BYRNE / 12.02.2026 - Berlin, Tempodrom

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Im hinteren Drittel des Konzerts gibt es auf dem konkaven, triptychonartig geteilten Riesenbackdrop ein 360-Grad-Foto von DAVID BYRNEs New Yorker Apartment zu sehen. Eine Wahnsinnsbude, da willst du sofort einziehen. Ein großer Raum mit Dielen oder Parkett, Kunst an den Wänden, eine elegante Sitzgruppe, Bücherregale bis unter die Decke und eine Panoramafensterfront, die einen atemberaubendem Blick auf den Big Apple ermöglicht; muß ein ziemlich weit oben gelegenes Stockwerk sein, man sieht ein paar Dächer und vor allem Himmel. Für New Yorker Verhältnisse, erklärt Byrne, sei es „…pretty good, not spectacular…“ - na denn.

 

DAVID BYRNE

 

„During the pandemic…“, fährt Byrne fort (Eine Reihe Ansagen beginnen heute Abend mit „During the pandemic…“) hätte er dort viel Zeit verbracht und u.a. indisch Kochen gelernt. Schlecht sei es ihm nicht ergangen, „…so maybe I‘m a little privileged.“ - könnte schon sein, Mr. Byrne. Ob er das ironisch meint oder 1:1, läßt sich nicht feststellen, und der Saal lacht verhalten. Wie auch immer, während dieser Zeit der Selbstisolation sei ihm die Idee gekommen, einen Song zu schreiben über die Frage, ob man sich in sein Apartment genauso verlieben könnte wie in einen anderen Menschen. Dann spielen sie „My Apartment Is My Friend“.

Solche Ideen sind typisch David Byrne. „(Nothing But) Flowers“ vom letzten TALKING-HEADS-Album „Naked“ [1988] hat einen ähnlichen Twist: Statt in urbanen Technologie- und Konsumwelten zurechtzukommen, sieht sich das lyrische Ich unversehens in blühende Landschaften gesetzt und wünscht sich die gute alte Zeit zurück: „We used to microwave / Now we just eat nuts and berries“. Das ist zuviel für den Protagonisten, und er fleht zur afrikanisch beeinflußten Musik mit den fröhlichen Harmonien: „Don't leave me stranded here / I can't get used to this lifestyle“.

Wegen dieser insgesamt 10 Songs bin ich hier. David Byrnes Soloschaffen ist gut, keine Frage, ein Song wie „Everybody‘s Coming To My House“ (erste Zugabe) erinnert sogar an Talking Heads, aber die alten Dinger, die sind‘s für mich, vor allem die etwas deeperen Tracks, und wie schon auf der „American Utopia“-Tour vor acht Jahren, geizt David Byrne nicht mit dem Legendären. Damals habe ich ihn und seine Band genau hier gesehen: Ich war bisher zwei Mal im Berliner „Tempodrom“, immer bei David Byrne.

Mit „Heaven“ von der „Fear Of Music“ [1979], dem zweiten Album, für das Talking Heads mit BRIAN ENO zusammenarbeiteten, geht es los. Byrne, 2 pizzicato spielende Streichinstrumentalistinnen und ein Keyboarder beginnen den Song inmitten einer Mondlandschaft auf dem Backdrop, offenbar ein altes NASA-Foto aus den großen Zeiten der Monderkundung. David Byrne ist 73, aber das Alter konnte seiner Stimme bislang nahezu nichts anhaben. Mühelos schwingt er sich in den Refrain, dessen melancholische Schönheit für mich und die anderen Gesetzten unter dem gediegenen Trichterdach des Venues nichts von seiner seltsam berührenden Strahlkraft verloren hat.

 

DAVID BYRNE

 

Ach ja, Classic-Rockkonzerte jenseits der 50, daran werde ich mich noch eine Weile abarbeiten. Gestern whatsappte eine Bekannte, sie sei nun fast 60 und könne einfach nicht mehr so lang stehen. Mir geht es gar nicht fundamental anders, aber ich ziehe durch und ignoriere am nächsten Tag die Schmerzen. Vor dem Konzert erklärt mein linker Sitznachbar (später Stehnachbar) seinem Mitkommer „setlist.fm“, und ich mokiere mich innerlich, wie man so etwas nicht wissen kann. Rechts ein älteres Paar, und er, cremefarbenes Leinensakko und locker umgeworfener roten Schal, erzählt irgendwas über seine Prostata. Erst letzte Woche hatte ich ein Arztgespräch, in dem es auch um dieses Organ ging, aber können solche Themen nicht auch mal bleiben, wo sie hingehören?!

Und wenn ich dann die Lyrics von „Houses In Motion“(!) mitsinge, überpace ich, gerate unnötigerweise in eine Art performance-mode, weil ich es echt nötig habe, mich von den ganzen Halbinvolvierten abzugrenzen. Die ewige Arroganz. Dabei versteht David Byrne, wie sollte es anders sein, seine Konzerte als Orte des kollektiven Wohlfühlens, an denen man gemeinsam tanzt und sich seinem Nächsten auch einmal freundlich zuwendet. „Love and kindness are acts of resistance“, erklärt er an einer anderen Stelle, aber bei der großen Anti-AfD-Demo Anfang '25 hielt sich mein „Wir“-Gefühl meist in Grenzen, und man weiß sowieso nie, mit wem man sich die Halle teilt und wer nun was aus teilregressiven Großgruppenevents wie diesem rauszuholen gedenkt.

Anstelle von „resistance“ ist „resilience“ für mich ohnehin das realistischere Mindset für eine immer absurdere Welt. 2019 gründete David Byrne das Online-Magazin „Reasons To Be Cheerful“ (reasonstobecheerful.world) als „…tonic for tumultuous times…“, wie es in der Selbstdarstellung heißt. Hier gibt es nur gute Nachrichten zu lesen: Über ein Spendennetzwerk für I.C.E.-Opfer in Minneapolis, das von einer alleinerziehenden, mehrfachen Mutter organisiert wird; über verkehrsplanerische Maßnahmen, die dazu führten, dass es in Hoboken, NJ, seit 9 Jahren keinen einzigen Verkehrstoten gegeben hat; über einen 70jährigen E-Bike-Rikscha-Chauffer, der Senioren durch Santa Barbara kutschiert und ihnen dadurch Teilhabe ermöglicht (cyclingwithoutage.org); undsoweiter, die Liste der Solidarität und Hoffnung spendenden Projekte scheint unendlich lang zu sein (habe mich gerade für den Newsletter angemeldet) - irgendwie geiler, als sich in Socialmedia-Kommentarhöllen perpetuierend einig zu sein, was für ein faschistischer Windelbefeuchter Trump nun wieder ist. Gegen Doomscrolling, Sarkasmus und Verzweiflung! Das ist David Byrnes Botschaft an uns, die wir zunehmend keine Worte mehr haben für den ganzen Wahnsinn. Einer der verstörendsten Momente des Konzertes ist das ausgedehnte Instrumentalfinale von „Life During Wartime“: Auf dem vorher tief königsblauen Backdrop flackern plötzlich sich fortwährend zersplitternde Videofragmente von Exekutivorganen (NYPD, I.C.E. etc.), die Demonstranten drangsalieren. Am Ende sieht man nur noch die grellen Lichtkreise von Scheinwerfern oder Stablampen. Man kann nie wissen, ob und wann man plötzlich selbst im Fokus staatlichen Terrors steht.

 

DAVID BYRNE

 

Aber es gibt natürlich auch leichtere Momente: Ausgerechnet „And She Was“ von „Little Creatures“ [1985], einem Album, das die Fans damals ob seiner relativen Gefälligkeit polarisierte und den Welthit „Road To Nowhere“ abwarf, gerät zum frühen Konzerthighlight. Rockt! Und vor Luftaufnahmen aufgeräumter Vorstädte für Menschen, die es sich leisten können, ist die Band permanent in Bewegung und schreitet dynamisch die Linien ihrer Choreografie ab. Keine Riser, keine Kabel, keine festen Plätze; drei Percussionisten mit Bauchladen-Kits, die zusammen wie ein einziger tighter Drummer klingen, ebensolche Keyboarder, Streicher, Backingvokalist*innen und natürlich Baß und Gitarre. Das war schon 2018 das Konzept, und der Überraschungseffekt läßt sich natürlich nicht wiederholen, aber verblüffend ist es immer noch.

„Slippery People“ wird vor einer geloopten Nahaufnahme tosenden Wassers gegeben, die bei Manchen Schwindelgefühle erzeugt hat, wie ich im Gewühl vor der Garderobe aufschnappe. Die Version orientiert sich, genau wie das obligatorisch abschließende „Burning Down The House“ (ebenfalls von „SP EAK IN GI N TO NGU ES“ aus dem Jahr 1983), an der ursprünglichen Studioversion statt an der Raserei des für alle Ewigkeit Maßstäbe setzenden „Stop Making Sense“: Langsamer, hypnotischer, subtiler aber nicht weniger aktivierend und inspirierend.

Das gilt auch für „Psycho Killer“, dessen zweite Strophe Byrne mit „I passed out hours ago“ beginnt statt mit „You start a conversation, you can even finish it“ - Ob er damit unterschwellig nochmal klarstellen möchte, dass es seine Songs sind und immer waren, dass er auf TINA WEAMOUTH, CHRIS FRANTZ und JERRY HARRISON nicht angewiesen ist und dass eine Talking-Heads-Reunion nie passieren wird, sei dahingestellt und ist vielleicht auch überinterpretiert. Die Version ist für meinen Geschmack ein wenig schwachbrüstig. Ich ziehe den Solo-Take mit Byrne und dem Ghettoblaster am Beginn von „Stop Making Sense“ vor, aber mal ehrlich: Das ist Mäkeln auf einem Niveau, so hoch wie David Byrnes Apartment über den Dächern von New York. 

Kommentare   

+2 #1 Coordts 2026-02-18 19:00
Moin Steffen, und wieder mal eins dieser unfassbar guten Konzertreviews, immer weiter so! S. Frahm: 5 Points (viel zu wenig für diese Qualität).
Ein Wiedersehen vielleicht mal wieder auf einem Konzert, selbst Musi scheinst du ja nicht mehr zu machen, oder?
Herzliche Grüße Detlev
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