BIG SEXY NOISE (LYDIA LUNCH, JAMES JOHNSTON & IAN WHITE), MARIA ISKARIOT/ 05.02.2026 – Hamburg, MS Stubnitz
- Details
- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Sonntag, 15. Februar 2026 13:48
- Geschrieben von Doom Fränk
- Zugriffe: 868
Maria Iskariot haben keine Antworten. Auf der MS Stubnitz ist inzwischen ein super Programm. Nachdem ich jahrelang nicht an Bord war, bin ich es inzwischen ständig. Heute kommt eine Besonderheit dazu, die so nicht oft passiert: Die Hauptband ist mir bei Reiseantritt eigentlich völlig wumpe, aber der Support zwingt jeden geneigten Punkrocker in den RE70 „Fürst Pückler“ von Kiel nach Hamburg. Und was für ein Glück, der „Support“ ist gar keiner, es findet eine doppelte Headliner Show statt! Sofort hin da!!!
Auf der Kaimauer ist es saukalt und so richtig warm ist es im Bauch der Stubnitz auch nicht. Das wäre irgendwie aber wohl auch verwunderlich, immerhin liegt dieser in der eisigen Elbe. Ausverkauft ist nicht, es ist eben Winter und ein Donnerstag dazu. Womöglich ist die Kombination heute Abend auch etwas „schräg“ für den einen oder anderen. Ich gehe aber jede Wette ein, dass Maria Iskariot als Headliner das Molotow im Handumdrehen ausverkauft hätten – aber egal.
Der Temperatur wegen geht’s such erst im Mantel bzw. Pullover los, es dauert aber nur exakt 4 Akkorde, bis sich die Band aus Gent/Flandern warmgespielt hat. Das sind 2 Akkorde mehr, als das Publikum braucht, bis es anfängt zu brodeln. Eine siedende Stimmung ist gleich von Beginn an spürbar und der Hype um die Band in den punkaffinen Medien wie der FAZ (das ist die Frankfurter Allgemeine Zeitung) bestätigt sich jetzt schon. Vom „Album des Jahres“, „Punk was dead but is not anymore“ oder von einem „flämischen Kinnhaken (im Original: Vlaamse hoekslag (op de Knikker)“ ist da die Rede. Und das zu Recht!
Das aus dem flämischen Teil Belgiens geile Musik kommt, weiß der regelmäßige Familie mit Hund Leser schon längst. Highlight - und ebenfalls aus Gent - müssen die mighty Post-Black-Metaller von Oathbreaker sein. Zuletzt sorgten sie 2016 mit ihrem Album Rheia selbst in den USA für ordentlich Furore und zeigten Yankees und Rednecks gleichermaßen, ob auf die Pommes oder die Waffel der Puderzucker kommt. Weiterhin müssen Amenra und Brutus genannt werden. Somit schlägt Flandern nebenbei die Wallonie ungefähr 10:0. Das ist halt so. In Antwerpen im Trix habe ich mal Sleater-Kinney live gesehen und kann eines bestätigen: In Flandern wird gerockt! Nebenbei in Brüssel auch, da spielten SK auf die folgende Tour im Botanique und knapp die Hälfte der anwesenden Maniacs waren bestimmt Wallonen. Egal.
Wie ist es heute Abend? Rockt die Punk Rock City Hamburg auch? Yup, das geht gewaltig ab im Bauch der Stubnitz! Wie könnte es aber auch anders sein? Statt dummdreisten Parolen gibt es schreiende Verzweiflung, statt witzelnden, belanglosen Phrasen explodieren wütende Eruptionen aufgestauter Emotionen direkt in die Fresse der Fans. Sängerin Helena Cazaerck beherrscht das gesamte Spektrum einnehmender und überzeugender Vocals – mal zerbrechlich und leise, dann wieder fordernd und laut. Die Lyrics sind ausschließlich auf flämisch und ich verstehe außer „Leugenaar“ – also Lügner – so gut wie kein Wort. Das geht mir bei Schwedisch oder Dänisch ähnlich und trotzdem finde ich Bands wie Masshysteri aus Schweden oder Nephew aus Dänemark großartig. Flämisch eignet sich für Punk übrigens perfekt. Ich bin nun kein Sprachwissenschaftler und habe mit die deutsche Grammatik schon genug Problems, aber im Vergleich zum Niederländischen fehlen irgendwie diese harten, kehlig ausgesprochenen G/CH-Verbindungen. Also diese Laute, die ähnlich klingen wie die Geräusche, die Rupert, die Dogge meiner Tante Frieda, immer macht, wenn ihm das Fressi nicht besonders gut schmeckt. Egal, aufgefressen wird immer, daher zurück zum Punk!
Es schrammeln die E-Gitarren und der Bass großartig! Modern fett ist der Sound und bewegt sich stets zwischen Punk, Post-Punk und Post-Hardcore – gleitet aber nie ins „Geknüppel“ ab. Die Erfahrung der Band, die vor der gerade erfolgten Veröffentlichung ihres ersten Albums „Wereldwaan“ schon hunderte Shows im belgisch-niederländischen Untergrund gespielt hat, ist nicht zu leugnen. Und Spaß haben sie auch – das begreift auch der Letzte, wenn die Sängerin zum Sprung ansetzt und mehrfach in das Publikum „stagedivedt“. Ok, dieses kannst natürlich von dem sangesfreudigen Klaus Meine der Scorpions oder Udo Dirkschneider von ehemals Accept nicht mehr verlangen, aber wenn es woanders wie hier heute Abend gemacht wird, ist es doch schön. Es zeigt zudem, wie sich heutzutage Metal (oder Hardrock) und Punk doch grundlegend unterscheiden - obwohl es sicherlich gewisse Schnittmengen gibt. Heute ist die Show jung und rebellisch statt alt und gediegen. Die „Besatzung“ der Stubnitz ist begeistert und inzwischen steigt heißer Dampf aus der tobenden Masse auf, legt sich rechts und links an der Bordwand auf die Kühlrippen und bildet einen öligen, schmierigen Film. Oder auch nicht, egal…keine Ahnung, ob da mal jemand jemals Staub gewischt hat. Eine Sache ist aber unstrittig: Hier wird geliefert! Ganz großes Kino! Und das ohne Fantasy-Uniformen, Plastik-Rüstung oder Opern-Sängerin. Einfach nur geilster Punk!
Nach einer Spielzeit von anderthalb Stunden (oder so) verlässt die erschöpfte Band das erschöpfte Publikum unter lautem Jubel. Natürlich wird noch eine Zugabe gefordert und auch gespielt, womit das vorhandene Material der Band auch erschöpft ist (geiles Wortspiel, oder?).
Wir tauschen nach dem Konzert eifrig Vergleiche aus. Alle eignen sich auf dreierlei: I) es ist saukalt, II) Astra schmeckt nach abgestandenem Sumpfwasser und III) so viel Energie haben nur Die Spitz letztes Jahr in Hamburg auf die Bretter gelegt. Ach, der Mercher, an dem die Band noch selbst(!) verkauft, macht Rekord-Umsätze. Und das ist gut so.
Wer Maria Iskariot noch nicht probegehört hat, sollte dies unbedingt nachholen. Gaaaanz klare Empfehlung. Und da bin ich kein Leugenaar…Leugenaar… Bijna klaar…Blinde staar…Groot gebaar…Leugenaar
Eigentlich sollte es jetzt schon nach Hause gehen, aber aus der Stubnitz erklingen verlockende Töne…also noch mal rein in den Bums…Eintritt von sehr fairen 24 Euro oder so ist ja bezahlt.
Big Sexy Noise haben es sich auf die Bühne bereits bequem gemacht. Ich weiß nicht, woher ich den Namen Lydia Lunch kenne, aber im Laufe der Jahre tauchte er ja doch immer mal wieder einfach so mir-nichts-dir-nichts auf. Der ist irgendwie typisch für Arte…also eher anspruchsvolle Kultur. Nichtsdestotrotz hat sie ihre Wurzeln auch im Punk der 70 und war (oder ist) im NY Punk eine ziemlich große Nummer.
James Johnston (Nick Cave, PJ Harvey, Faust) und Ian White (beide auch bei den angeblich berüchtigten Gallon Drunk) begleiten sie an Gitarre und dem Schlagzeug. Ich kann ansonsten nicht sagen, der Musiker spielt gut oder schlecht…mir gefällt die Musik oder nicht. Entweder es knallt oder ich penne ein dabei. Aber ob jemand besonders gut spielt…das zu erkennen, liegt über meinen akustischen Fähigkeiten. Jetzt bin ich mir aber sicher…die beiden sind definitiv Meister an ihren Instrumenten. Für nur 2 Instrumente fegt ein unglaublicher fetter, „tighter“ und perfekt eingespielter Sound aus den Boxen. Das allein als Instrumental würde mir fast schon reichen, da es wirklich perfekt gespielt ist – auch wenn ich ansonsten Instrumentals gar nicht mag.
Jetzt legt sich aber auch noch rockenderweise die nöhlige, leicht kratzige und rauchige Stimme von Lydia Lunch darüber.
„Your Love doesn´t pay my fucking Rent“, stellt sie ernüchtert fest. Eine ältere, teilweise etwas obszöne Dame, die gerne von ihrer in Jahrzehnten auf den Bühnen des Lebens gesammelten Erfahrung profitiert und uns alle belehrt. Aber nicht so nervend und besserwisserisch, wie es manche – besonders deutschen – Bands gerne machen, sondern überzeugend und humorvoll. Natürlich geht es um Probleme, die alle betreffen: Die Miete, die sch..ß Miete und díe obersch..ß Miete. Natürlich auch um P*ssy Licking, aber das ist ja eigentlich weder ein Problem, noch hat dies etwas hier in dieser lauen Punk und Metal Schmonzette ohne Altersbeschränkung zu suchen.
Mal singt Lydia, dann rapt sie eher – dazu perfekter(!) Sound von Gitarre und Schlagzeug. Ich denke, viele der Besucher waren hier wegen Maria Iskariot und sind jetzt geflasht, was hier zusätzlich passiert! Ich nehme zurück, dass Shows vielleicht etwas träge sind, wenn die Sängerin oder der Sänger nicht Crowd surft – hier ist das Gegenteil und trotzdem richtig geil. Zwischen oder während der Lieder nimmt Lydia auch mal auf einem Sessel Platz, um schimpfender und fluchender Weise zu Verschnaufen. Vorher hat sie aber auch mal eben die Intensität auf 450 gedreht. Wahnsinn! Und dazu – ich wiederhole mich – der mega Sound der Instrumente. Rockig, erdig, schwitzig, gefährlich wie ein Alligator im Bayou.
Weiterhin geht es natürlich auch um Drogen. „Hat jemand Gras, Kippen oder Koks?“, fragt Lydia, „Ich kann alles das in meiner P**** verstecken, falls die Bullen kommen sollten.“ Und schon wird wieder gerockt ohne Ende und schleppend legt sie ihre Stimme über die scheppernden Becken des Schlagzeugs – sie flüstert, singt und schreit anschließend.
Ich Ochse(!) hab vorher nicht reingehört, da ich dachte, mir gefällt es ohnehin nicht. Das wäre noch super(er) gewesen, wenn ich die Lieder gekannt hätte. Trust the Witch!
Und das noch zusätzlich zu Maria Iskariot an einem(!) Abend! Praktisch so obendrauf. Da denke ich, ich werde doch bekloppt. Ich Esel(!) hätte noch ein bzw. das Album der Band „abernten“ sollen, aber habe ich leider verpennt. Ich hatte ja vorher auch schon so einen 6er Träger PET-Flaschen Bier getrunken und dann noch hier und da etwas. Egal.
Die zweite Hammer-Show an einem Abend! Und nach dem Tribute to Witte Abend der zweite mega Volltreffer in einem noch sehr jungen Jahr. Was da noch kommt? Who knows?
