ALIAS CAYLON, NOWAR, BITTTER / 30.01.2026 – Kiel, Schaubude
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Donnerstag, 05. Februar 2026 20:14
- Geschrieben von Philipp Wolter
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Sehr schönes Line-Up heute Abend! Ich hätte mir jede der drei Bands auch einzeln angeguckt. Auf BITTTER (nur echt mit drei „t“) hatte ich schon lange Bock, aber irgendwie sind sie mir bisher immer durch die Lappen gegangen. NOWAR habe ich zwar erst vor einem halben Jahr in der T-Stube genossen, aber das war so gut, dass ich auch schon wieder Lust hab. Und ALIAS CAYLON feiern den zwanzigjährigen Geburtstag ihres Debuts „Resorbing Everything“, das zu diesem Anlass kürzlich erstmals auf Vinyl veröffentlicht wurde! Für mich ist diese Platte Kult und eng mit der Geschichte von VLADIMIR HARKONNEN verbunden, da sie vom damaligen Vladi-Gitarristen Nils aufgenommen wurde. Außerdem hat Fin Wiese (g) die erste VRHN-Homepage ins Netz geschossen und u.a. auch die Idee der Vladi-Tagebücher gehabt. ALIAS CAYLON sind ja live immer super – es finden sich unzählige Konzertberichte in der Dremu-Datenbank, aber das letzte ist schon fast acht Jahre alt (ENZO 2018).
Fotos von MJ.
Um halb acht ist es noch so leer, dass wir uns schon wundern, ob sich das Konzert etwa so viele Leute entgehen lassen. Doch von wegen – die pünktlichen Punks kommen kurz vor knapp und später wird die Hütte wirklich proppevoll.
Wie gut sind BITTTER! Ich hab zwar schon eine Ahnung gehabt, da ich das Tape besitze, aber live ziehen die Hamburger Hunde erst so richtig vom Leder. Klar, sie ballern (zwischendurch sogar mit Blastbeats), klar, sie spielen heftigen Hardcore, aber sie packen den Hörenden auch mit Melodien an der Kehle. Und zwar so gut, dass du nach Luft schnappst! Ich fühle mich an die Power von RAISED FIST erinnert, auch COMEBACK KID kommen durch die Paarung von Drive und Eingängigkeit in den Sinn. Der Sänger rennt in sportlichen Klamotten hin und her und erweist sich als wahres Goldkehlchen. Eben noch hochmelodisch geschmettert, dann wieder der ersten Reihe ins Gesicht geschrien, dass man ohne Textkenntnis spürt: Er ist auch sauer. Auch die Ansagen gefallen: „Kennt ihr NOWAR?“ – „Natürlich!“ – „Hast du gerade ‘Fick dich‘ gesagt?“. Schön auch die Ankündigung von ALIAS CAYLON: „Die heißen ALLES KOILEN und spielen seit 40 Jahren Oi!“. Also, das war rundum BITTTER. Aber ganz BITTTER!
Verzeiht mir den abgeschmackten militaristischen Vergleich, aber das Bild will mir nicht aus dem Kopf: NOWAR pflügen wie ein Panzer durch die Bude. Ja, es hat die Wucht von BOLT THROWER, mit der hier Nasen eingedrückt werden. Natürlich klingen NOWAR musikalisch nicht wie die britische Death-Metal-Legende, sondern nach 90er Hardcore der Marke SNAPCASE. Aber der Punch und der Groove sind von ähnlicher Intensität. Drummer Kegan Clark hatte beim erwähnten Gig in der T-Stube seinen ersten Auftritt, mittlerweile ist er voll angekommen. Es macht Laune, der Band zuzugucken, und der Mob dreht entsprechend auch vollständig am Rad. Einige Textstellen und Refrains werden lauthals mitgesungen, so vom neuen Song „Right Here Right Now“. Fanski hatte sich einige Tage vorm Konzert erkältet, was man dem kraftvollen Gesang nicht anhört. Er hockt sich zwischen den Tracks aber immer mal hin, um Luft zu schöpfen, woran er dann auch gleich alle Anwesenden teilhaben lässt: „Atmet mal tief durch! So richtig von unten durch die Lederhose.“ Atemtherapie mit NOWAR, geil. Mit den Worten „Wir sind NOWAR, wir sind ‘ne Hardcoreband“ verabschieden sich die Kieler:innen.
Es ist wohl nur ein Bier vergangen, als ALIAS CAYLON loslegen. Gut so, gar nicht erst runterkühlen lassen. Es kann gewagt sein, eine ganze LP am Stück durchzuspielen, denn auf vielen Alben gibt’s ja doch ein, zwei Hänger. Nicht so bei „Resorbing Everything“! Hier hat jeder Song seine speziellen Momente, nichts ist überflüssig und kein Ton zu viel. „No Words Left To Say“ ist der überirdische Opener, ein Refrain, der tief unter die Haut geht. Ist es eigentlich richtig, diese Musik als Hardcore und/oder Punk zu bezeichnen? Elemente davon bilden sicherlich den Kern und die Wurzeln, aber ALIAS CAYLON wagen sich auch in epische Melodien und progressive Strukturen. Wie von der Band gewohnt, fließt alles, wirkt die Darbietung nie vertrackt. Das Zusammenspiel der vier wird auch in all den Konzertberichten der verschiedenen DreMu-Autor:innen hervorgehoben, ich hab mich da gerade mal durchgezappt. Ich weiß gar nicht, wem ich lieber zugucke – Fiete, wie er seine acht Arme kreisen lässt, Thays und Reiner, die nicht nur an ihren Instrumenten, sondern durch die herrlichen zweistimmigen Gesänge begeistern oder Fin, vor dem ich auch direkt stehe. Da ich mich über jeden Song freue, kann ich auch nur mit Mühe Höhepunkte herausfischen, die sich durch Details wie die coole Basslinie vor „Surprise“, den hymnischen Charakter von „Dropping Out“, dieser flirrende Gitarrensound im Schlussteil des Titelsongs oder die treibenden Gitarren in „Backbone“. Zeitlos gut! Natürlich danken ALIAS CAYLON denjenigen, welche die Vinylversion möglich gemacht haben, nämlich u.a. Eyk (Moorloch) und (Stereotyp) Niels, aber auch Nina und Fanski von NOWAR. Natürlich kommt nach diesem Jubiläumsteil noch eine Zugabenrutsche, schließlich gibt es noch zwei weitere Platten von Atze. „High Time“ reißt hart mit, sodass Moe Eckert und TMD-Ole spontan auf die Bühne springen und den „This Won’t Last Forever“-Refrain mitsingen. Insgesamt wurden meine Erwartungen mehr als erfüllt und wenn ich mich so umgucke, geht das allen so.
Durchweg grandioser Abend, bei dem übrigens auch der Sound stimmte! Für den erkrankten Terje (GB!) sprang JoyBoy ein. Und nu? Natürlich barfuß zu Bett, morgen gibt’s RAWSIDE vor die Glocke!
