ANNA VON HAUSSWOLFF, HINAKO OMORI / 21.01.2026 - Hamburg, Knust
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Donnerstag, 29. Januar 2026 17:16
- Geschrieben von Steffen Frahm
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(22/01: ANNA Michaela Ebba Electra VON HAUSSWOLFF hat gestern dem ausverkauften Hamburger Knust ein donnerndes Konzert gegeben, an das ich noch lang nach diesem Morgen, mit weniger als 3 Stunden Schlaf in den Knochen und der Aussicht auf einen langen Arbeitstag, zurückdenken werde. Schön, dass ich sie endlich einmal erlebt habe! Mein Kopf ist voller Bilder und die Urgewalt des Sounds, den die Künstlerin und ihre Band zwischen die Wände schickten, hat in mir ein ganzkörperliches Summen hinterlassen, das mich wenigstens durch den Vormittag tragen wird. Aber der Reihe nach:)
Dass HINAKO OMORI Support „…for the amazing Anna von Hausswolff…“, wie sie korrekterweise sagt, macht, war mir nicht bekannt. Pünktlich um 21:00 Uhr nimmt sie hinter ihrem mit allerlei verkabelter Elektronik gedeckten Tisch Platz. Der Arbeitnehmer in mir gerät in Sorge, dass er zu spät ins Bett kommt, und genau das wird passieren, aber auch Hinakos Set ist durchaus ein Grund, länger aufzubleiben: Eine Fülle durchweg angenehmer elektronischer Klänge flutet den Raum, unaufdringlich und vertrauenerweckend. Sie verschmelzen mit Hinako Omoris sphärischem Gesang, der mich in den textlosen Passagen gleich an KATE BUSH die Ältere erinnert. Keine Eile, keine Brüche, statt dessen ein einziges organisches Fließen, so dass man mal wieder einzelne Songs wie einen großen, ganzen Song hören kann. Healing music. Meditativ, anregend und versichernd zugleich. „stillness, softness…“ heißt ein Album von 2023, und der derzeitige Ambient-shooting-star CLAIRE ROUSAY hat 2024 einen Track davon geremixed. Nachtigall, ick bin im Kontakt mit mir selbst und tu mir wat Jutes. Das ist Manchem im Auditorium zu liebevoll, mir gefällt es. Nach einer knappen halben Stunde ist es vorbei, und diese Dosis finde ich perfekt. Nicht ganz meine Therapieform, ich mache bessere Fortschritte, wenn ich ab und an auch mal professionell ein paar in die Fresse bekomme, aber stimmig, wohltuend und sehr sympathisch!
Erst gegen 22:00 Uhr betreten von Hausswolffs Bandmitglieder und sie selbst die dunkle und in leichtem Nebel liegende Bühne. Davor wurde mir die Zeit ein wenig lang, aber die nun folgenden gut anderthalb Stunden rechtfertigen die Durchstrecke. Der Saxofonist kommt ohne Umschweife zur Sache und bläst die ersten, verhallten Töne von „Consensual Neglect“, einem der eher ambient-/drone-orientierten Tracks von von Hausswolfss aktuellem Album „Iconoclasts“. Kurz muß ich an PAUL HORNs „Taj Mahal“ denken, weil die Innenwelt immer nach Entsprechungen sucht, aber hier geht es in eine andere Richtung: Unter den Sax-Monolog legen sich bald von Hausswolfs flirrende Keyboard-Schleier, ein zweiter Keyboarder reichert die Flächen an, eine mächtige Wand entsteht, und es geht über in „Facing Atlas“.
„I came to take you back / To where you came from“, singt von Hausswolff, und man kann diese ersten Zeilen auch als Metapher für ihre Musik lesen: Sie wirkt transzendierend und erdend zugleich. Die hymnisch sich erhebenden Gesangslinien über den sakral anmutenden Orgelakkorden generieren dramatisch feierliche Gegenwart, ein brodelndes JETZT, und beinah erwartet man, jeden Moment aufrecht stehend Richtung Saaldecke zu schweben.
Bei „The Whole Woman“ wechselt von Hausswolff an einen asymmetrischen Holzkasten namens pipe organ, mit Blasebalg und Einhandtastatur. IGGY POP, der in der Studioversion ihr Duettpartner ist, fehlt zwar, aber man vermisst ihn nicht, auch wenn man das Zwiegespräch zwischen Pops schartigem Bariton und von Hausswolffs silbrigem Sopran auf Platte grundsätzlich mal gehört haben sollte: Wenn Iggy loslegt, bekommt man beinah einen Schreck; vielleicht der songorientierteste Moment an diesem Abend: „Now I‘m not afraid to go down / To the harbour / And to see you once again / I‘ll tell you the whole truth / And you will se me as the woman I am“ - Was ist passiert mit diesen zwei Liebenden? Werden sie es schaffen, miteinander zu wachsen und trotz der Verletzungen, die sie einander zugefügt haben (insbesondere sie ihm in diesem Fall), Liebende zu bleiben? Ist Anna von Hausswolff die CÉLINE DION einer besseren, cooleren Welt?
Eine Sache, die mir an ihrer Musik immer besonders gut gefallen hat, ist der unterschwellige Metal-Einfluß und das obwohl sie überhaupt nicht gitarrendominiert ist. Orgeln, Synthesizer und andere Keyboards machen die Klangfarbe, die elektrische Gitarre fungiert eher als unterschwellig grummelndes Schmiermittel zwischen low end und der Brillanz der Tasteninstrumente. Und das Soloinstrument dieser hervorragenden Band ist das Saxofon: Es spielt das ganze Konzert durch, nervt nie und hat die meisten Freiheiten, immer unterwegs irgendwo in einer Schnittmenge aus JOHN COLTRANE und JOHN ZORN.
Mit „All Thoughts Fly“ veröffentlichte von Hausswolf 2020 ein ganzes Album nur mit Kompositionen für Kirchenorgel. Das rief in Frankreich unvermeidlicherweise ein paar christliche Fanatiker auf den Plan, denen mal wieder nichts Anderes einfiel, als dass es sich bei dieser junge Schwedin ganz ohne Zweifel um eine Satanistin handeln mußte. Zwei Konzerte mußten abgesagt werden. Die spirituellen Qualitäten des Hausswolff-Sounds blieben diesen Kruzifixdeppen natürlich verborgen, sie kamen wieder nur an, wedelten mit dem Zeigefinger und sagten: Dududu, das darfst du aber nicht.
Sie machte guest vocals auf Alben von WOLVES IN THE THRONE ROOM und SUNNO))), spielte auf dem Roadburn Festival (wo ich eigentlich dringend mal hinmüßte), sang ein Duett mit MYRKUR (die sich gerade anschickt, für Dänemark zum ESC zu gehen), supportete die SWANS und wirkte auch auf deren Alben mit. Die Liste ihrer Kollaborationen ist lang und illuster, und heute Abend tragen einige Anwesende T-Shirts und Patches von einschlägigen Bands, BLOOD INCANTATION und SUMAC zum Beispiel; ansonsten erwartbar viel Indie-Publikum und ein Haufen augenscheinlich ganz normaler Leute. Schön zu sehen, dass es unter denen auch ein paar zu geben scheint, die gute Musik hören.
Stücke wie „The Mysterious Vanishing Of Electra“, für das von Hausswolff ausnahmsweise zur Gitarre greift, bringen den Metal-Einfluß weiter nach vorn: Der galeerenartige Rhythmus mit seiner tonnenschweren Eins peitscht den einen Akkord, aus dem der Song überwiegend besteht, unerbittlich voran wie ein Besessener, der den Exorzisten traktiert. Von Hausswolf stößt dazu irre Hexenjuchzer aus. Am Ende versagt die Gitarre den Dienst, aber das spielt keine Rolle. Es gibt einen zweiten Song aus von Hausswolffs verwunschenstem Album „Dead Magic“ (2018) und zwar „Ugly And Vengeful“, eine über 10 Minuten lange schamanische Messe. Voluminöse Drones legen sich über die tribal beats des Drummers und des zweiten Keyboarders, der auch als Perkussionist glänzt und manisch auf eine Standtom einprügelt. Von Hausswolff tanzt versunken, wenn es gerade nichts zu singen oder zu keyboarden gibt. Das kongeniale Licht kommt, wie meistens, aus dem Bühnenhintergrund, die Musiker*innen sind Silhouetten, immer wieder flackert das strobelight und und wühlt die Atmosphäre weiter auf. Die Dramaturgie ist perfekt.
Am Ende des kurzen Zugabenblocks, zu dem die Band sich nicht lang bitten läßt, spielt der Saxofonist endlich das Lick von „Struggle With The Beast“, dem energetischen Highlight des aktuellen Albums und der most funky number in von Hausswolffs Oeuvre bisher. Gothic Funk, wenn es das gibt, ein Song, der sich permanent selbst auf die nächste Ebene kickt. Die Leute tanzen, und von Hausswolff tut es auch.
Wenig später treffe ich sie am Merchstand. Sie trägt Maske, und das kann man gut verstehen. Es ist Infektzeit, und wer, wie sie, den Kontakt zu den Fans sucht, fängt sich halt leicht was ein. Ich halte ihr meine frischgekaufte Vinylkopie der „Iconoclasts“ hin: „Maybe on the side, next to the photo?“ schlage ich vor, sie sagt „Sure!“ und verewigt schwungvoll ihre Unterschrift auf der weißen Pappe. Danach betrachtet sie es kurz, schaut mich an und stellt fest: „Looks good!“ Das finde ich auch.
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