DIRKSCHNEIDER, EVIL INVADERS / 15.01.2026 – Kiel, Pumpe
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Montag, 19. Januar 2026 18:09
- Geschrieben von Philipp Wolter
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Was geht in Kiel? In letzter Zeit befriedigend viel. Kürzlich MANTAR (Pumpe), IGNITE (Bude), HEXENBRETT/KARLOFF (Bude), DORO/HOLY MOTHER (Max), heute DIRKSCHNEIDER in der Pumpe und demnächst BABOON SHOW (Pumpe), SPIDERGAWD (Pumpe) und BLOOD INCANTATION (Max), NAZARETH (Räucherei) oder WYTCH HAZEL/PHANTOM SPELL (Räucherei), um nur ein paar der bekannteren Bands zu nennen. Auf jeden Fall nehme ich das als positive Entwicklung wahr, zumal die genannten Konzerte, die schon stattgefunden haben, sehr gut angenommen wurden. Und auch heute heißt es: Ausverkauft! Schön, dass U.D.O. mit seinem ACCEPT-Programm unter dem DIRKSCHNEIDER-Banner weiterhin auf derart viel Interesse stößt. Ist ja auch immer super.
Bilder von MJ, Fiona und Philipp.
EVIL INVADERS als Support, das knallt mal so richtig! Das hat bei mir tatsächlich die Vorfreude noch gesteigert. Gleichzeitig bin ich vor Ort geschockt, als ich merke, dass mindestens 80% der Anwesenden noch nie etwas von EVIL INVADERS gehört haben. Die Belgier spielen sich nun seit fast zwanzig Jahren den Arsch ab, zocken wirklich an jeder Steckdose (das hier ist der dreizehnte EVIL-INVADERS-Konzertbericht auf DreMu) und dennoch sind sie für die meisten hier ein völlig unbeschriebenes Blatt. Da frage ich mich schon, was eine Band heutzutage eigentlich anstellen muss, um das „Mainstream“-Heavy-Metal-Publikum zu erreichen. In der Theorie war mir natürlich klar, dass die Leute wegen UDO kommen und nicht wegen EVIL INVADERS, aber das Ausmaß der Unkenntnis überrascht mich dann doch. Aber ich bewege mich wohl auch in einer Bubble von Plattensammler:innen und Konzertgänger:innen, die permanent auf der Suche nach neuen Entdeckungen sind. Da darf man auch nicht elitär werden und auf den Headbanger herabsehen, dem seine drei ACCEPT-Platten reichen. Es ist wohl so, wie ein Kumpel sagt: „Auch wenn das KIT/HOA-Publikum zu Dirkschneider geht, geht nicht das Dirkschneider-Publikum auf die kleinen Gigs oder so. Man hat seine Überschneidung halt bei den großen Klassikern.“ Auf jeden Fall sind derartige Supporttouren für eine Undergroundband wie EVIL INVADERS Gold wert. Derartige Zusammenstellungen müsste es viel häufiger geben, stattdessen bekommt man etwa vor MAIDEN Sachen wie AVATAR oder LORD OF THE LOST vorgesetzt.
Yeah, aber jeder Freak dürfte spüren, dass hier gerade etwas Geiles passiert! Auch wenn der Sound anfänglich noch etwas dumpf ist, knattern Joe und seine Mannen ohne Gnade los. Was für ein Speed-Inferno! Die Präsenz des Vierers ist ungebrochen wild, die Riffs schießen im Überschalltempo aus der Anlage und Joe screamt dir den Tinnitus aus dem Schädel. „Feed Me Violence“ indeed! Doch halt! Längst ballert der belgische Vierer nicht mehr einfach nur über die Horden hinweg, nein, mittlerweile gibt es Hooks, balladeske Parts, Melodien und Joe singt richtig genial. Für mich war das vor einigen Jahren die größte Überraschung, als er in Songs wie „Die For Me“ oder „In Deepest Black“ eine klassische Heavy-Metal-Stimme zwischen Blackie Lawless und Jon Oliva präsentierte. Diese Songs werden natürlich auch gespielt, sodass EVIL INVADERS ihre ganze Bandbreite zeigen. Der Sound ist mittlerweile auch top, zudem wird der Band ermöglicht, ihr gesamtes Stagesetup zu nutzen, also auch diese klingenbestückten Mikroständer, die sich plötzlich zu schleifenden Sounds im Kreis drehen. Am Schluss wirft sich Joe in Pose, in den Pranken die hochgereckten Dolche. Messerscharf!
40 Jahre „Balls To The Wall“ heißt das Motto, auch wenn selbiges Album ja bereits 1983 erschien. Natürlich steigen DIRKSCHNEIDER nicht einfach stumpf mit den „Balls…“-Songs ein, sondern betten sie ein in ein kleines Best-Of, das sich gewaschen (und gekämmt) hat. Wie damals inne Achtziger stimmen alle ins „Heidi-heido“-Intro ein, bevor mit „Fast As A Shark“ losgelegt wird. Udo ist vom Fleck weg super bei Stimme und voll da. Wer da nicht sofort auf Betriebstemperatur ist, hat sich verlaufen. Die Stimmung in der Band wirkt gelöst und familiär. Kein Wunder, spielt ja auch weiterhin Udos Sohn Sven Dirkschneider Schlagzeug, zudem ist Peter Baltes seit 2023 zurück an Udos Seite (bzw. 2020, zählt man das Projekt DIRKSCHNEIDER & THE OLD GANG mit, in dem mit Stefan Kaufmann ja noch ein weiteres Ex-ACCEPT-Mitglied spielt). Baltes scheint heute besonders gut drauf: „Ich bin jetzt 67 Jahre alt, mein Bass hat vier Saiten, mir ist alles scheißegal!“ Darauf Udo: „Da hast du ja Glück, dass der nur vier Saiten hat…“ Solcherlei Bühnendialoge gibt’s bei der „Stammband“ jedenfalls nicht zu hören, aber lassen wir die Vergleiche. Neu an der Gitarre ist Alen Brentini, natürlich ein Profi, der im Team mit Dee Dammers genau den typisch schneidenden Gitarrensound fährt, für den ich ACCEPT liebe. Auch die Soli sitzen 1A, wenngleich niemand Wolf Hoffmann so ganz „ersetzen“ kann. Mit „Living For Tonite“, „Midnight Mover“, „Breaker“, „Flash Rockin‘ Man“ und “Metal Heart” geht es munter weiter durch die ACCEPT-Historie. Eine große Überraschung folgt mit der von Peter Baltes gesungenen Ballade „Breaking Up Again“ (von der „Breaker“). Das ist ein Deep Cut, mit dem ich nicht gerechnet hatte, im kürzeren Wacken-Set letztes Jahr war der Track auch nicht dabei. Auf jeden Fall die größte (und einzige) Überraschung im Set. Nun wird mittels einer Bandansage angekündigt, dass die gesamte „Balls…“ gespielt werde. Ich hab die Platte neulich mal wieder aufgelegt und war geflasht, wie gut und zeitlos die doch ist. Bei so einer chronologischen Herangehensweise fehlt natürlich der Überraschungseffekt. Deshalb meine ich zu spüren, dass die Spannungskurve spätestens nach „Fight It Back“ streckenweise etwas abfällt. Auf der anderen Seite ist jeder Song auf der Platte mindestens gut und es macht Spaß, der Band zuzugucken. „Turn Me On“ kriegt mich heute irgendwie am meisten, in Wacken war es noch „Guardian Of The Night“. Ist nach „Winterdreams“ Schluss? Nope, ollen Udo hat noch Power und fräst sich formidabel durch „Princess Of The Dawn“ (was für ein Song! Der hat eine eigene, außerweltliche Stimmung und ist dabei doch so eingängig), „Up To The Limit“ sowie schön „Burning“ zum Finale.
Das war durchweg gelungen! Man könnte monieren, dass die Chose 1984 wilder und aggressiver rüberkam, aber das war auch eine andere Zeit und ein ganz anderer Bezugsrahmen. Nee, es ist schon herrlich, wie toll Udo noch zu schmettern vermag und jeden Abend über anderthalb Stunden abliefert. Die nächste Tour dürfte für meinen Geschmack wieder eine U.D.O.-Tour sein und bei der nächsten DIRKSCHNEIDER-Tour dürften gern mehr selten gespielte Stücke ausgebuddelt werden („Lady Lou“, „Helldriver“, „Starlight“, „Heaven Is Hell“, „Sick, Dirty And Mean“ und und und)…
