BRATMOBILE, (TIGER TRAP) / 23.08.2025 – South Sound Block Party, Port of Olympia, WA (Day 2 - Part 3)

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Teilweise wird in dieser Speed Metal und Punk Rock Schmonzette ohne jeglicher Gewissensbisse etwas inflationär mit Superlativen umgegangen. Alles ist mega und super; der Auftritt - über den es zu berichten gilt – jeweils der geilste ever und auffällig oft rockt gerade bei genau jenem Konzert der anwesende Pöbel vor der Bühne am steilsten. Das alles verwässert und hebt die wahrlich grandiosen Performances nicht weit genug aus der dumpfen Masse heraus. Hier muss jetzt mal ein Schlussstrich gezogen und die rote Linie für alle erkennbar gemacht werden. Ich bezeuge also, dies ist das beste Konzert, das ich bisher jemals gesehen habe und alles ist so geschehen, wie es hier geschrieben steht. Amen.

 

BRATMOBILE

 

Immerhin steht in Kürze mit Bratmobile eine der beiden Speerspitzen der Riot Grrrl Subkultur als Headliner auf der Bühne – die andere ist zweifelsfrei mighty Bikini Kill. Mit Team Dresch, dem uneingeschränkten Flaggschiff des Quercores, als Co-Headliner ist dies ohnehin schon ein Festivalabschluss, der nur als „epochal“ bezeichnet werden kann und dem wir - nicht nur aus finanziellen Gründen – bis auf ein Bier zuvor nüchtern beiwohnen. 

Was ist schon die Rückkehr der Jedi Ritter? Was ist schon Batman´s Return? Was ist die Rückkehr des Königs im Herrn der Ringe? Wen stört´s, wenn die Todeskralle wieder zuschlägt? An diesem Ort, in diesem Moment erleben wir jedoch einen triumphalen Einzug. Nach fast 25 Jahren spielen mighty, mighty Bratmobile erstmals wieder in der Stadt ihrer Gründung. Rhythmisch, monoton und ohne Unterlass bearbeitet Molly Neumann minutenlang das Schlagzeug, derweil der Bass wummert und Rose Merlberg ihrer Gitarre Surfklänge entlockt, welche unsere Freunde von den Surfanauts aus Kiel verzücken würden. Alle warten, alle hoffen, alle erliegen der drückenden Spannung! Atemlos harren wir der, die da gleich kommt! Es ist aber nicht wie das Warten während der Umbaupause – hier wird geschickt mit den Erwartungen gespielt und mehr und mehr übernimmt der eigene Herzschlag den Takt der Drums. Plötzlich(!) ist da ein Schatten! Unter frenetischem Jubel, der ausartet, als wären wir alle Leser der Sugar oder der Sweet Sixteen und würden eine exklusive, ja eine private Show der…i dunno…also so ne Show für deren Zielgruppe…erleben. Was mögen die kreischenden Teenager heute? Spice Girls oder Backstreet Boys? Trouble aus Chicago,IL vielleicht? Wegen dem geilen Gitarren Duo Martell/Wartell? Hmpf, ist ja auch egal! Also alle, ja alle(!) jubeln, schreien…Brats!!! Brats!!! Brats!!!...und Allison Wolfe tanzt!

 

Die Besetzung

 

Zuerst aber ein paar Worte zu der Besetzung. Wie schon geschrieben sitzt Molly Neuman, die nebenbei die Bezeichnung Riot Grrrls erdacht hat, am Schlagzeug. Der Schatten war natürlich der von Allison Wolfe, die wie üblich den Gesang der stets genialen Texte übernimmt und über ein Charisma, ja eine Aura verfügt, welche augenblicklich die gesamte Crowd erfasst und mitreißt. Das ist unergründlich, kafkaesk und fast schon absurd. Weiterhin steht da erstmalig in der Geschichte von Bratmobile ein Basser, der auch vorgestellt wird, aber ich habe vergessen, wer das ist und bei dem Auftritt bleibt er stets gewollt im Hintergrund. Denke, er arbeitet eher am Sound als an der Optik. 

Doch Moment…wo ist Erin Smith? Und warum steht da Rose Melberg? Ok, die erste Frage ist einfach zu beantworten: Woanders. Die zweite Frage ebenso: Sie ist der mehr als gute, ja sogar der perfekte Ersatz. Und wer ist Rose Melberg? Sheeesh! Es ist nicht eine Rose Melberg unter vielen, sondern DIE Rose Melberg. Sie hat in unzähligen Bands gespielt, wobei das Highlight definitiv Tiger Trap sein müssen. Zuckersüßer Twee-Pop/Punk, aber die Band operierte stets in Geschwindigkeiten jenseits der Ramones. Mir fällt da nur ein Vergleich ein, der auf Rose Melberg passt: Die übergroße Tina Turner! Ok, eigentlich haben die beiden rein gar nichts gemeinsam, außer: Beide sind großartig. That´s for sure!

 

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Tiger Trap

 

Bratmobile covern später – der Anwesenheit Rose Melbergs geschuldet – natürlich auch die grandiosen Tiger Trap. Eine Band, die im Bereich des Twee-Pop/Punk einen nicht zu überschätzenden Einfluss hatte und in den Staaten ein Gigant ist. Es wird zwar nur ein Lied gespielt, aber bei diesem übernimmt Rose den Gesang und – wie bisher – die E-Gitarre. Fairerweise muss man jetzt wohl sagen, dass ich damit auch Tiger Trap von meiner Bucket List streichen kann. Hätte man mich vorher gefragt, hätte ich gesagt, das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Supreme Nothing ist als Titel ausgewählt, laut Allison Wolfe ihr bestes Lied und neben allen Stücken von Batmobile das beste Lied überhaupt – das interpretiere ich jetzt etwas „frei“ da hinein. Puzzle Pieces oder der mega Kracher For Sure wäre selbstverständlich aber auch super gewesen – die finde ich beide sogar besser, aber das ist Kritik, die so überflüssig ist wie die Suche nach einem Verkäufer im Baumarkt. Rose Melberg schleudert perfekte, eingängige Riffs ins Publikum, singt zuckersüße Lines…und Allison Wolfe tanzt.

 

Die Sache mit dem Oskar

 

Das Keyboard, erst seit dem Girls get busy Album im Bratmobile Sound enthalten, betastet schwingend wie damals schon Audrey Marrs. Etwas ist seitdem aber passiert! 2011 hat sie für ihre Doku Inside Job über die 2008er Finanz Krise einen Oskar gewonnen und jetzt steht sie vor mir und lächelt mich an. Keine 2 Meter entfernt! Ich möchte nun nicht zu dick auftragen, aber eine Oscar Gewinnerin auf der Bühne bekommt man/frau ja auch nicht täglich geboten. Und sie lächelt MICH an, zwinkert MIR verstohlen zu. Meistens sind es ja doch nur hauptberufliche Klempner, Pizza Boten oder Estrichleger oben auf die Bühne. Letztere sind es doch, die da unter der Woche mit so nem langen Estrich-Rüssel hantieren und plötzlich mir-nichts-dir-nichts beim Wackööön oben auf den Brettern stehen und auf Kämpfer/Krieger/Held machen – hier soll aber bitte niemand abgewertet werden. Nichtsdestotrotz lächelt Audrey, die einen Oscar(!) gewonnen hat(!), mich(!) an; ich lächele zurück…und Allison Wolfe tanzt.

 

Der Fall Dorthy M. aus Helena, MT

 

Heather, die ich Jahre zuvor auf der „Warning“-Tour in einer Bar in Seattle mit dem Namen „Crocodile“ kennen gelernt hatte, berichtete mir zuvor von der 17-jährigen High School Schülerin Dorthy M.. Wiewohl ein „Sitzenbleiben“ wie bei uns dort in den USA gar nicht möglich ist, hatte sie sich angesichts der negativen Beurteilung ihrer schulischen Leistungen durch ihren Klassenlehrer für 48 Stunden in dem Sende-Raum des High School Radios in Helena, Montana eingeschlossen. Sie sendete währenddessen - ohne Unterbrechung!!! - ausschließlich „Gimme Brains“ von fuckin´ Bratmobile über den Äther. Die Polizei, die Schulleitung und die Eltern reagierten mit Sorge…und Allison Wolfe tanzt.

 

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Die Setlist

 

Gimme Brains wird heute natürlich auch gespielt. Dazu I´m in the Band, The Real Janelle, Eating Toothpaste, Panik, Brat Girl, Come Hither, Kiss and Ride, Bitch Theme und natürlich viele weitere Kracher, super Kracher und mega Kracher aus dem relativ überschaubaren Œuvre. Highlight ist sicherlich Cool Schmool, eine Hymne, mit der eine ganze Generation ausgegrenzter und frustrierter College Brats und High-School Kids in den Staaten aufgewachsen und sozialisiert worden ist. Gecovert werden The Runaways mit Cherry Bomb und The Misfits mit Where Eagles dare. Cool Schmool! 

Fairerweise muss ich zugeben, dass Allison Wolfe stimmlich nicht die größte Sängerin unserer Zeit ist. Weder hat sie ein umfangreiches Volumen, noch wechselt sie ständig gekonnt in die Kopfstimme oder trifft stets die richtige Tonlage. Aber pfffft, was soll´s? So what? Das ist Punk as Punk can be! Eines ist aber zweifellos gegeben: Hier ist jemand ein richtiger Entertainer und hat Spaß auf der Bühne. Ab Sekunde 1 tanzt sie ununterbrochen zu der Musik von Bratmobile und hat zuvor schon mehrfach geäußert, dass sie eben diese auch am geilsten findet. Mal wird der Mikrophone Ständer als Langhantelstange genutzt und diese mehrfach empor gestemmt, dann versinkt sie plötzlich in einem Längsspagat und erklärt anschließend, dass sie in ihrer Teenagerzeit nicht nur Riot Grrrl sondern auch Turnerin war. Das überwiegend weibliche Publikum aus Riot Grrrls und Dykes ist hin und weg; die anwesenden Doomrocker sind es auch. Ich kritzel auf eine leere Seite in meinem Reisepass einen Heiratsantrag...und Allison Wolfe tanzt.

 

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Der Linienflug der United nach Manila

 

Plötzlich – irgendwo so zwischen Bitch Theme und Girl Germs - werde ich darauf Aufmerksam gemacht, dass über uns ein Flieger kreist. Die Linien Maschine, eine Triple7 der United, war kurz zuvor von SeaTac aus gestartet und hatte Kurs auf Manila genommen. Eine Unachtsamkeit mit dem Bordfunk sorgte sodann für Wirbel. Der Seattle Observer berichtete am nächsten Tag in seiner Print-Ausgabe, dass der Co-Pilot dem Kapitän – den er mit „Boss“ ansprach - berichtet hätte, dass genau unter ihnen im Hafen von Olympia gerade Team Dresch gespielt hätten und nun Bratmobile spielen würden. Dummerweise war das Micro dabei nicht ausgeschaltet und diese Nachricht verbreitete sich in Sekundenschnelle durch alle Klassen. Zuerst waren es die Passagiere ganz hinten im Flieger, die augenblicklich forderten, einige Runden über dem Festival zu drehen, damit auch sie mal was „sehen“ könnten. Nachdem im Cockpit diesem mit Verweis auf das begrenzt vorhandene Kerosin nicht nachgekommen wurde, verweigerte die gesamte Economy Class die weitere Einnahme des bereits als Verpflegung gereichten Curry Zaubers „Taj Mahal“. Dies führte anschließend zu einer Panik unter der Kabinen Crew. Wie jeder weiß, ist in dem Fraß neben kiloweise Glutamat auch noch eine volle Ladung Beruhigungs- und Schlafmittel untergemischt, damit das Gesindel auf den billigen Plätzen irgendwann auch mal Ruhe gibt. Eine Studie der Familie mit Hund hat ergeben, dass allein in dem Creme Dessert „Fliegender Fridolin“ einer großen deutschen Fluggesellschaft genug Tranquilizer enthalten sind, um ein 2 Minuten vor dem Start des „Copa Argentina“ stehendes Rennpferd für Wochen einzuschläfern…und Allison Wolfe tanzt.

 

Das Politische

 

Ich bin da kein Experte, aber die Pazifikküste der USA – Texas mal ausgenommen - würde ich in das Lager der Demokraten (Blue States) verordnen. Um so auffälliger ist es, dass das, was auf unserer Seite des Atlantiks bei fast jedem Punk Rock Konzert Einzug gehalten hat, auf diesem Festival im Staate Washington bisher fehlt: Die Belehrung.

Seit der zweiten Ära Trumps hätten die Amerikaner dazu sicherlich jeden Grund, aber selbst Bands wie mighty L7 am Vortag oder kurz zuvor fuckin´ Team Dresch haben sich auffällig damit zurückgehalten. Bratmobile wollen dies aber nicht und nach einer kurzen Ansage von Allison Wolfe, die selbst Diggen (ex-Slime) nicht klarer hätte formulieren können, stimmen alle auf dem Gelände mit ein: Fuck ICE! Durch die verzögerte Veröffentlichung dieses Berichtes – es mussten noch einige Dinge mit Dr Zorba und dem Bildmaterial geklärt werden – ist dies durch die schrecklichen Ereignisse in Minnesota sicherlich dringlicher als je zuvor. 

Vorher wurde uns nebenbei noch charmin` Jennifer Finch (L7) von Allison Wolfe als möglicher super super super special Guest abgekündigt, aber diese Hoffnung erfüllt sich leider nicht. Ich denke, das wäre dann wirklich auch zu viel des Guten gewesen, irgendwann reicht´s auch mal und hier sind bereits 18 Sterne auf der Skala, die eigentlich nur bis 10 geht. Angeblich hatten sich im Vorweg aus Jennifer Finchs Schminkflinte 2 zusätzliche Schuss ungewollt gelöst und dieses machte einen daraufhin folgenden Auftritt natürlich unmöglich…und Allison Wolfe tanzt.

 

BRATMOBILE

 

Der Foam Finger

 

Was ist das denn bitte? Das ist diese riesige Hand mit dem nach oben abgespreiztem Zeigefinger, den Amerikaner bei den meisten Sportarten einfach mal so in die Höhe halten und damit ihr Team unterstützen. Von diesem vermutlich aus Neopren gefertigten rosa Exemplar mit Brat(mobile) und Welcome Back! gab es bei diesem Festival genau 3 Exemplare und die junge Dame, die diese verteilt hat, fand es wohl lustig, wenn sie einen davon einem in Würde gealterten mehr-oder-weniger CIS-Mann wie mir gibt. Ich finde das nicht lustig, sondern einfach nur geil! Das ist das beste Souvenir, was ich von diesem Festival (oder überhaupt jemals auf einem dieser) mitgenommen habe und ich muss dringend mal einen 3D-Rahmen dafür irgendwo clickern. Egal, ich halte ihn hoch, bis irgendwann der Arm schmerzt. Die Stimmung ist nebenbei nicht mehr kurz, sondern schon mitten in der Explosion. Ohne Unterbrechung sind Crowdsurfer auf dem Publikum unterwegs und werden von hinten nach vorne durchgereicht…und Allison Wolfe tanzt.

 

Eine Zwei Klassen Gesellschaft

 

Die gibt es wohl überall, egal ob im Flieger – da sind es ja sogar 3 bis 4 – oder auf Konzerten. In Deutschland ist die Platzwahl bei größeren Veranstaltungen ja auch nicht frei. Hier in Olympia, WA gab es VIP-Tickets, die berechtigen, die Konzerte vom Bühnenrand aus zu betrachten. Mal abgesehen davon, dass ich die Bezeichnung VIP oder Roter Teppich so schäbig finde wie einen gekauften Adelstitel, ist die Stimmung da auch nicht annähernd wie die vor der Bühne. Nichtsdestotrotz stehen da nun Allisons Verwandte und wundern sich, in was ihre Tochter/Tante/Schwester das vormals doch so nette Publikum gerade verwandelt. Später kommt noch ihr Neffe samt seiner Homies auf die Bühne und die dürfen den Background Chorus singen. An mehr erinnere ich mich nicht, weil ich einen 25cm Plateau-Absatz einer Crowdsurferin genau in die Fresse bekomme und kurzzeitig das Bewusstsein verliere…und Allison Wolfe tanzt.

 

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Das Ende

 

Bratmobile haben fertig. Es legt sich eine unheimliche Stille über Olympia, WA. Feuer werden gelöscht, Verwundete verarztet, geistig Verwirrte ins Heim gebracht. Morgen geht´s zurück nach Europa. Ich bin mir nicht sicher, ob ich Bratmobile von meiner Bucket List streichen kann. Irgendwie reicht ein einziges Mal gar nicht aus, sondern mindestens 10 Mal…oder besser 20 Mal…muss man/frau diese Band gesehen haben, um sie ganz zu verstehen. Wir rebellieren, trinken auf offener Straße noch ein Bier, das wir nicht in einer „Brown Paper Bag“ verstecken. Wir triumphieren…und Allison Wolfe tanzt nicht mehr.

 

FIN

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