HEXENBRETT, KARLOFF / 08.01.2026 – Kiel, Schaubude (im Hinterhof)
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Sonntag, 11. Januar 2026 20:34
- Geschrieben von Philipp Wolter
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Österreicher, Schweizer oder Italienerinnen? Frauen oder Männer? Black Metal oder Giallo-Soundtrack? Bei HEXENBRETT scheint alles unklar, mit Rock-Standards der Identifikation des Publikums mit den Musikern oder einer klaren, festen Besetzung wird gebrochen. Angeblich spielen die kreativen Köpfe HEXENBRETTs, welche die Platten aufnehmen, live gar nicht selbst in der Band. Die starren Masken verhindern selbst beim Konzertbesuch jegliche Aufklärung, zumal man in den Artworks der Alben auch nur schemenhafte Umrisse erkennt. Legenden und Mysterien erhöhen den Reiz, zumal eines dann doch glasklar ist: Die Musik ist mal richtig originell! Wenn HEXENBRETT Black Metal mit 70er Hardrock und Horrorfilmscore verbinden, bleibt kein Auge trocken. Dazu kommen auch noch KARLOFF, ebenfalls eine Dying-Victims-Band, die bereits mehrere Paukenschläge ertönen lassen hat (höre: vor allem bisher die „Raw Nights“-EP sowie das Debutalbum „The Appearing).
Bilder von MJ.
Die Schaubude zeigt sich trotz der ungünstigen Wetterprognosen (Kiel bleibt allerdings auch blizzardfrei) gut gefüllt, nahezu alle zu erwartenden Hackfressen haben sich eingefunden. Wer lässt sich ein derartiges Black-Metal-Bonbon aber auch entgehen!
Die Murder Punks aus Oldenburg legen los. Neu bei KARLOFF: Ulf Imwiehe von der PHANTOM CORPORATION am Bass! Die schwarzen Ringe, welche alle drei Musiker sich um die Augen geschmiert haben, kommen im fahlen Budenlicht besonders evil. Sehr schick auch die aufgestellten Zusatz-Glühbirnen, welche doch gleich mit wenig Aufwand die Atmosphäre verdichten. Gar nicht schick, sondern angenehm garstig stellt sich die musikalische Seite dar: Geknüppel, Geballer und Geschrei, dargeboten mit viel Druck. Der Drummer bearbeitet seine Snare wirklich ohne Erbarmen und treibt die Chose damit in bester HELLHAMMER-Manier nach vorn. Tom Horrified Hoffmann rotzt seine Vocals ohne jegliche Ansagen ins Mikro, feuert parallel eine Riffkanonade krustigen Punk Metals ab. Sein Effektboard streikt zweimal kurz, was das Trio aber keineswegs aus der Bahn wirft. Ulf und der laut Platteninlay Steinbrecher genannte Schlagzeuger ballern stoisch weiter, bis die Technik sich fügt und die Gitarre wieder zubeißt. Sehr geil, da freut man sich doch schon auf das kommende Album. Ernte26!
Was für ein detailreiches Bühnenbild! Ich sehe: einen Hocker mit einem Wählscheibentelefon samt Blumen (natürlich klingelt es irgendwann zwischendurch auch), zwei blutbesudelte und versehrte Schaufensterpuppen, eine Babypuppe und ein großes Spinnennetz. Dazu die erwähnten Masken, wobei Drummer und Bassist statt der festen schalenartigen Gesichtsbedeckungen flexiblere Strumpfmasken tragen, die von Nietenhalsbändern festgezurrt werden, sie müssen ja schließlich auch singen. Eine Allianz von Horror-Harlekinen und Strumpfmasken-Perverslingen. Der Orgler trägt zudem noch einen Hut spazieren. Ich bin überrascht, wie sehr ich mich mittlerweile an den HEXENBRETT-Sound gewöhnt habe. Da ich alle bisherigen Tonträger regelmäßig auflege und die Band schon live sah, empfinde ich die Musik als recht zugänglich. Und dennoch wird das Staunen neu geweckt. Wie der Gitarrist bei diesem eingeschränkten Sichtfeld so schreddern kann, ist nicht mehr von dieser Welt. Der Schlagzeuger keift, grunzt und zetert mehrsprachig, lässt dabei ein Schlagzeug-Gewitter aufziehen, welches die unheilvollen Melodien der Orgel perfekt kontrastiert. Gibt es so etwas wie einen HEXENBRETT-Hit? „Blutige Seide“ könnte als einer gelten, wird natürlich auch gespielt und setzt sich bei vielen Besucher:innen heimtückisch ins Hinterhirn. „Blutige Seide / Umhüllt / Blutige Leibe / Dieser krankhafte Trieb / Der langsam in mir aufstieg“ sollte aber vielleicht nicht jede:r an seinem Arbeitsplatz trällern. Sehr schön auch „Leder im Nachtverkehr“, „Le requiem des vampires“, „Hexen (bis aufs Blut gequält)“ oder „Attraverso sette porte all’inferno“. Ich weiß nicht, was für eine Orgie in letzterem Track beschrieben wird, aber die fiktiven Teilnehmer:innen können sich nicht besser fühlen als das HEXENBRETT-Publikum nach dem „Ritual“: „Peitschende Hiebe und lautes Gelächter / Getränkt in die Gnade der Herrlichkeit“. Ja, ich fühle mich regelrecht erfrischt und bin froh, dass diese Bands Station in Kiel gemacht haben.
Mögen dem Budenbooking weitere Highlights dieses Kalibers gelingen!
