YEAR OF THE GOAT, ROPE SECT / 19.12.2025 – Hamburg, Bambi Galore
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Donnerstag, 25. Dezember 2025 16:18
- Geschrieben von Philipp Wolter
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Mit diesem Konzertabend schließt sich gewissermaßen ein Kreis für mich. Denn mein erster Besuch im Bambi fand 2011 statt, es spielten damals (fast 15 Jahre her, unglaublich) GRAVE MIASMA, NECROS CHRISTOS und GRIFTEGARD. Bei GRIFTEGARD sang Thomas Ericksson, eben eine der drei Stimmen von YEAR OF THE GOAT. Es waren diese ergreifenden Vocals , die mich 2011 dann auch gleich zur ersten EP „Lucem Ferre“ von YEAR OF THE GOAT greifen ließen. GRIFTEGARD lösten sich leider 2015 auf, aber der geniale Occult Rock/Metal von YEAR OF THE GOAT fesselt mich gleichermaßen. Wobei der Begriff „Occult Rock“ schwammig ist und nichts über die Musik aussagt. Ich würde sie daher als Psychedelic 70er Rock bezeichnen, getragen von magischen Melodien, komplexen Gesangsarrangements und wunderschönen Gitarren. BLUE ÖYSTER CULT, THE DEVIL’S BLOOD, GHOST oder JEX THOTH höre ich manchmal heraus, Fakt ist aber, dass die Melodien bei YEAR OF THE GOAT alle möglichen Vorbilder oder Vergleiche hinter sich lassen. Live konnte ich die Band erst zwei Mal sehen, beide Gelegenheiten ergaben sich 2016 an eigentlich unpassend anmutenden Orten (Wacken und METAL HAMMER PARADISE), so dass ich extrem froh bin, die Band endlich wieder live sehen zu können und zwar im fucking Bambi!
Fotos von MJ.
Ausverkaufte Hütte. Wir treffen gleich auf Thomas Ericksson und Keyboarder/Stimme Pope und können einen entspannten Schnack halten. Es fällt auf, dass heute neben den üblichen Bambigästen auch viele neue Gesichter zu sehen sind. Ob es auch an der zweiten Band ROPE SECT liegt, die mir bis zu diesem Zeitpunkt noch vollständig unbekannt ist? Das Gothic-Outfit einiger Besucher:innen könnte darauf hindeuten.
Und tatsächlich bewegen sich ROPE SECT zwischen Goth Rock und Pust Punk, erst mal erstaunlich für ein Label wie IRON BONEHEAD, welches ihre letzten Platten veröffentlicht hat. Auf der anderen Seite – welcher Metalhead ist nicht auch mit den SISTERS OF MERCY, BAUHAUS oder NICK CAVE sozialisiert worden? In den Achtzigern kam man um diese Bands nicht herum und mir war die Szene auch immer sympathisch. In jüngerer Zeit bröseln die Grenzen durchaus auf, man denke nur an IDLE HANDS/UNTO OTHERS, HEXVESSEL oder GRAVE PLEASURES. Im Vergleich zu diesen letzteren Bands gehen ROPE SECT bedachter vor. Ihr Sound ist angenehm roh, die Stimme packt mich sofort in ihrer lässigen und gleichsam melancholischen Art. Der Leadgitarrist spielt sehr fein ausgearbeitete Melodien, die hervorragend zur unterkühlten Niedergeschlagenheit des Gesangs passen. Die Sekte des Galgenstrangs spielt auf der Bühne und in den Artworks wiederholt mit dem Symbol des Stricks, aber nie plump, sondern ästhetisch ansprechend. „Just do it!“, denke ich mir, ernte nach der Show aber doch nur drei der erwähnten Platten ab.
Erster Song und Gänsehaut! Und das so vollständig, dass ich wirklich von einem magischen Eindruck sprechen muss, auch wenn ich den Begriff oben bereits benutzt habe. Im Vergleich zu den beiden 2016er Auftritten gibt es heute einen Bonus, denn YEAR OF THE GOAT sind auf dieser Tour zu siebt, haben die Sängerin Elin Gårdfalk dabei, die offenbar aus organisatorischen Gründen nicht immer mitreisen kann. Dadurch ist es der Band möglich, alle Ebenen der vielschichtigen Gesangsarrangements auf die Bühne zu bringen. Trotz dieser drei Stimmen und der drei Gitarren wirkt der Sound nicht überladen, Kompliment hier auch an den Mischer. „The Power Of Eve“ steigert sich über abgefahrene Riffs, Breaks und einem THE-DEVIL’S-BLOOD-Beat in einen überwältigenden Refrain („The power of Eve, embracing us all / The pity of men, fool in their hearts / Pure blood of Eve, run through my veins / God is the only one to blame”). Mit “Trivia Goddess” und “Kiss Of A Sepent” komplettieren die Schwed:innen die A-Seite, widmen sich in der Folge aber auch allen drei weiteren Longplayern sowie der ersten EP und sogar der 2016er Single „Song Of Winter“ (diese 7“ fehlt mir noch – wer eine über hat, gern melden). Mir persönlich fällt es schwer, einen klaren Höhepunkt oder auch generell den einen Lieblingssong zu nennen, da ich YEAR OF THE GOAT als Gesamtkunstwerk verstehe. Ein Freund empfindet die neue LP interessanterweise als zu „Blues-Jam-Session“ lastig, geht aber leider frühzeitig und verpasst die alles transzendierende Darbietung von „Riders Of Vultures“. Dazwischen: außerweltliche Gitarren, ein gesanglich die Texte durchleidender Ericksson, pulsierende Basslinien vom MARDUK-Session-Bassisten und… Humor. Ja, Keyboarder und Sänger Pope, dessen Stimme nebenbei gesagt auch fantastisch ist, geleitet durch den Abend und erzählt uns, wie knapp einige Bandmitglieder durch verspätete Flüge bei der Venue ankamen, dass er selbst sich die Hektik durch eine bereits gestrige Anreise erspart habe und stellt alle Musiker:innen mit formvollendeter Höflichkeit vor. Besonders schön: „We released our first album on 21 December 2012. The end of the Mayan calendar – the end of the world, if you remember. Since then we had many ends of the world. And we will have many more …" vor – natürlich – “Angels’ Necropolis”. Wie “authentisch” übrigens das okkulte Element in der gesamten Präsentation ist, muss jede:r für sich selbst entscheiden. Mir erscheint es weniger im Vordergrund zu stehen als etwa bei THE DEVIL’S BLOOD, aber Musik und Ausdruck gehen definitiv tiefer als wenn über Frühstücksingredienzien gesungen würde. Ein Besucher spürt die Präsenz des Gehörnten sehr stark und ruft in jeder Pause „Hail Lucifer!“, während ein anderer in der Frontrow einfach mal den „Wizard“ von URIAH HEEP anstimmt. Beides angemessen.
Ekstase! Bitte wieder buchen!
