SLIME, ULI SAILOR / 12.12.2025 – Flensburg, Kühlhaus

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Eins, drei, eins, zwei – Slime sind mal wieder auf großer Deutschland Tour. Moment, letzteres klingt irgendwie gar nicht punkig genug! Egal, wer in 35 verschiedenen Orten - fast ausschließlich - in Deutschland auf seiner Tour spielt, macht schon ein ziemliches dickes Ding. Und das ist im Grunde genommen ja auch gut so! 

Unter anderem werden so auch die Punks in Olten, Lingen, Töging am Inn, Lindau oder dem guten, alten Husum bedient. Up the Husum Punkers, sage ich gleich mal vorweg! Da war immer Stimmung im Speicher, ja da brannte die Hütte. Geiler Ort und geile Crew! Leider war Husum aber zu schnell ausverkauft, also geht es heute nach Flensburg. In gewisser Weise ein Grund zur Freude, da ich ein Jahr meines Lebens mehr oder weniger freiwillig bei den Jägern in Flensburg-Weiche stationiert war. Das war ja nicht die schlechteste Zeit, das Essen war super, die sportliche Betätigung mehr als reichlich, wir haben da – hehe – auch mal das eine oder andere Bier gepichelt und die Stadt war zumindest damals natürlich schöner als Hagen, Bottrop oder die Lutherstadt Zwickau. So, der Opener ist geschrieben, das Interesse des vormals geneigten Lesers an diesem Artikel bereits gefährlich abgesunken – es fehlen jetzt nur noch 2 Worte: Hin da!

 

SLIME

 

Moment, Moment! Eins noch vorweg! Das neue Slime Album 3!+7′ finde ich super. Das davor mit dem Titel Zwei auch – beide sogar besser als die letzten Alben mit Diggen davor. Slime haben sich irgendwie neu erfunden, aber haben sie sich dadurch nicht auch entfernt? Wenn ja, von was? Womöglich hatte Diggen doch Recht? 

Zuerst aber betritt der Sailor Uli die für Slime später viel zu kleine Bühne. Schnell aber noch einen Schritt zurück und zwar kurz bevor das Kühlhaus seine Türen öffnet. Da ist noch rein gar nichts los. Keine Punks, die vor dem Bums sitzen und Bier saufen. Keine Hunde, keine mit Parolen-beschmierten Lederjacken und keine Nietengürtel. Naja, liegt vielleicht am Wetter, es ist kalt und nass. Eine Minute vor Einlass ist aber wirklich noch Totentanz, nichtsdestotrotz ist der Bums heute aber wohl ausverkauft. 

Das Kühlhaus hat eine Kapazität von vielleicht 300 bis 350 laut Internet, irgendwer von Slime erwähnt später von der Bühne herab 250 Tickets. Eng ist es wahrlich nicht, keine Ahnung ob es hier immer so ist, ich bin das erste Mal in dem Laden. 8 Minuten vom abgewrackten Bahnhof entfernt, Bier 3 Euro, Aufkleber sind gratis – alles super bisher. Zurück zu dem segelnden Uli! Das hier wird eh wieder zu lang…

 

SAILOR ULISAILOR ULI

 

Sailor Uli sitzt wie weiland der gute alte Paul „Paulchen“ Kuhn am Klavier. Vielleicht ist es auch nur ein Keyboard, das weiß ich nicht, ist ja alles abgehangen. Ich vermute, als Schutz vor Bierspritzern. Aber was das Instrument nun ist, ist auch egal, es klingt wie ein Klavier. Auf diesem spielt er, singt dazu und erzählt mal ne Geschichte. Zuerst wird ein Lied gecovert, das ich kenne, aber ich erinnere mich leider nicht mehr, welches das war. Das zweite Stück ist besser! 21st Century Digital Boy von Bad Religion! Ok, in der Phase waren Bad Religion mehr Pop als Punk, aber was weiß denn ich. Das Lied wird aber mitgesungen und es folgt eine Geschichte über den Opi – oder so. Irgendwas mit Punk halt. Dabei kommt Sailor Uli sehr sympathisch rüber und daher lasse ich auch durchgehen, dass er die mir verhassten Green Day später covert. 

Weiterhin gibt es mehr Geschichten und jeweils ein Cover von Terrorgruppe und Turbostaat, mit denen ich nichts anfangen kann. Das liegt aber an mir. Leider kein Lied von Razzia oder Daily Terror; auch Vorkriegsjugend oder OHL (Oberste Heeresleitung) gehen mal wieder leer aus. Dabei bietet das Jahrhundert-Album Die Auferstehung letzterer Band einen breiten Fundus von Stücken, die danach schreien, endlich mal von irgendwem gecovert zu werden. Alles halb so wild, Uli hat auch schon eigene Lieder geschrieben und die hören wir jetzt. 

Mein(!) Résumé: Ist ja nett. Tut nicht weh. Uli Sailor ist sympathisch. Ich bin kein Wackinger, also kenne ich auch Mambo Kurt nicht, aber womöglich ähnelt sich beides. Zum Anheizen eines Punk Konzertes war das für mich aber definitiv zu ruhig, nicht pogo-astisch genug und hat zu wenig Durst gemacht. Sagen wir mal so, ich hatte danach nicht unbedingt das Verlangen, nun eine Straßenschlacht zu entfachen oder gegen eine Bullenwanne zu ******. Egal, vielleicht auch besser so. Mit Sitzplatz im Hansa48 aber sicherlich ein Kracher – auch für Pärchen mit der Schwiegermutti in spe im Gepäck und ein paar Keksen auf dem Tisch.

 

Umbaupause. Wir stehen ganz vorne. Wir unterhalten uns. Platz ist mehr als genug. Kein Gedränge, kein Geschubse, keine Punks. Bitte? Neee, ist echt so. Irgendwie ist das heute komisch. Normal hast bei Slime ja doch noch Lederjacken, Doc Martens, Nieten, Iros – auch wenn das im Laufe der Jahre immer weniger wurde. Heute – also an diesem Abend - ist es aber fast gänzlich verschwunden. Modische Haarschnitte, adrette Pullover, angesagte Daunenjacken und weiße Sportschuhe dominieren das Parkett. Zudem ist der Anteil weiblicher Besucher ausgesprochen hoch – das ist ansonsten eigentlich ja super. Warten wir´s aber erstmal ab! 

Slime sind super drauf. Tex ist super und der Rest auch super. Die Bühne ist – wie bereits geschrieben - irgendwie zu klein für die Band mit 4 Mann/1Frau und daher wirkt die Performance etwas eingeengt und ich habe das Gefühl, die Musiker – vom Schlagzeuger mal abgesehen – würden sich gerne mehr bewegen als sie es können. Die Beleuchtung ist außerdem zu grell – aber vielleicht beobachtet ja der V-Schutz das Ganze. Dafür sind die Bilder aber mal was geworden. Die letzten Fotos beim Razzia Konzert auf der MS Stubnitz haben leider so was „fischiges“ – denke da war die Luftfeuchtigkeit auch zu hoch. Und der Bums zu dunkel. Und das Handy zu alt. Oder so.

 

SLIMESLIME

 

Komm schon klar eröffnet. ACAB sofort danach lässt vergessen, das Diggen nicht mehr an Bord ist. Ich finde nebenbei die neuen Lieder so gut, dass Slime es eigentlich gar nicht mehr unbedingt nötig hat, die alten Kracher zu spielen. Aber das ist sicherlich Fan Service, die Maniacs von früher wollen die natürlich immer noch hören. Eins aber fehlt definitiv! Die unmissverständlichen Ansagen! Elf nuschelt zwar dann und wann mal was ins Mikro zwischen den Liedern, aber ich verstehe es nicht. Nur „AFD“ und „Nadzis“ oder so. Generell ist die Abmischung aber auch „eher so mittel“ – die ansonsten brachiale Stimme von Tex geht – so finde ich - teilweise inmitten der 2 E-Gitarren, dem Bass und dem Schlagzeug unter. Das ist natürlich aber auch eine Sache des eigenen Standpunktes (kleiner Wortwitz). Also 1) wo man sich halt in dem Schuppen befindet und 2) des eigenen Empfindens. Egal. Oder auch nicht. Die Abmischung ist echt nicht so prickelnd. Und zu hell ist es auch. 

Armes Deutschland, Was glaubst du, Evolution, Euch will ich sehen und Saufen von der aktuellen Scheibe haben es auf die Setlist geschafft. Das ist super, denn die finde ich auch am besten. Mit den gespielten Titeln der 2 verhält es sich ähnlich! Komm schon klar, Lieben müssen, Safari, Taschenlampe, Sein wie die…eigentlich genau die Liedauswahl, die ich auch getroffen hätte. Dazu gibt es Gewalt und Heute nicht in der Akustik Version – ist ja nett und Alex Schwers am Schlagzeug kann mal verschnaufen. So jung ist er ja auch nicht mehr, 52 Jahre hat er inzwischen auf´m Buckel und hat noch den großen Ibo (u.a. Schlagerparty mit Ibo, Große Erfolge, Meisterstücke) persönlich gekannt. Nichtsdestotrotz könnte Elf, der glaube ich 1x den Anfang irgendeines Liedes komplett versemmelt, sein „Väterchen“ sein. In dem zur Zeit nicht grundlos eher unbeliebten Russland würde Alex ihn vielleicht mit „Batka“ ansprechen. Oder auch nicht. 

Highlights aus der alten Zeit sind natürlich Alptraum, Alle gegen Alle, Schweineherbst und der Zugabenblock mit Linke Spiesser [sic], Störtebecker und Religion. Sicher, da fehlen Deutschpunk Kampflieder ohne Ende. Ich könnte jetzt komplett alle Lieder der ersten Alben aufzählen, aber das bringt ja nix – das sparen wir uns heute mal. Die Band spielt sich jedenfalls den Arsch ab. Sozusagen. 

Aber irgendwie zündet das Ganze nicht so richtig. Eine Stimmung, die man/frau als „überkochend“ bezeichnen könnte, kommt nicht auf. Das Publikum ist statisch, verharrt, kommt nicht in Bewegung und bei Pogo denken alle eher an eine Stadt in Togo. Vielleicht ist es zu grell, zu viel Platz oder zu wenig Punks im Publikum – dabei ist der Altersdurchschnitt viel jünger als sonst.

 

SLIMESLIME

 

Ich erinnere mich zurück an Slimes Comeback Tour. Das Jahr war 2010, die Markthalle in Hamburg der Ort. Eines der besten Konzerte meines Lebens. Slime haben da noch die verbotenen Lieder gespielt – danach denke ich nie wieder. Eine tobende, sich selbst zermahlende aber gleichsam ineinander verzahnende Pit – ich hab euch nebenbei allen verziehen! Jeder Mann stand da seinen Mann, jede Frau stand ihre Frau – jeder tat, was er kann! Blood, Sweat and no Tears. Punks, Skins und Doomer. Ein Ort, den du erst kennst, wenn du mal da warst. Uli Sailor würde sagen: Da ging der Punk ab! 

Heute Abend: Nix davon. Aber das liegt am Publikum und nicht an der Band. Sorry für die Verallgemeinerung an die, die es an diesem Abend nicht waren, aber das anwesende Publikum ist heute größtenteils extrem lahm. Und irgendwie völlig unpunkig und teilweise auch extrem besoffen. 

Eine Besucherin ist so besoffen, dass sie ständig mit den Musikern anstoßen will, obwohl diese gerade mitten im Lied ihre Instrumente spielen. Eine andere sitzt derweil gelangweilt mit dem Rücken zur Band auf die Bühne. Plötzlich aber ist Stimmung! Zwei Besucherinnen (sorry, aber war so) gehen aufeinander los. Reihe 1 vor der Bühne! Ich habe früher mal Amateur Boxen gemacht – also eher Amateur der Amateure, aber kann daher Gewichtsklassen durchaus gut zuordnen. Hier treten gegeneinander an: Superschwergewicht (ok, bei den Frauen gibt es im Boxsport nur das Schwergewicht…hat meiner Meinung nach mit Pietät zu tun) gegen eine Gegnerin aus dem Welter. Ungleiche Paarung, aber da die Reichweite trotz des massiven Gewichtsunterschiedes ähnlich ist, könnte sowas im Ring interessant werden. Das Weltergewicht ist im Boxsport übrigens hoch angesehen, da der beste „pound for pound“ Boxer aller Zeiten aus diesem Segment stammt: Sugar Ray Robinson! Der boxte „as smooth as sugar!“ Mal nicht egal. Bevor aber die Fäuste fliegen oder gebissen, gekratzt oder an den Haaren gezogen wird, trennen wir Besucher die beiden Streithennen (kleiner Wortwitz am Ende des Satzes – bitte beachten). 

Die Band spielt unterdessen unbeeindruckt weiter – damals mit Diggen hat es im Publikum ja öfters gescheppert oder er selbst war sogar mittendrin in dem Gelümmel und hat ordentlich ausgeteilt! Ich finde, er macht auch trotz des fortgeschrittenen Alters heute immer noch mächtig kräftig Eindruck, aber Tex ist auch super. Keine Frage. Darum geht es hier ja auch gar nicht.

 

SLIMESLIME

 

War es das jetzt? Neeeee. Irgendwann kurz vor Sendeschluss gibt es dann doch noch Stimmung! In einem kleinen Bereich vor der Bühne wird endlich mal geschubst, ineinander gesprungen und Punk gemacht. Einer der Beteiligten kracht dabei unabsichtlich in die Besucherin, die zuvor schon in der vermeintlichen Auseinandersetzung aufgefallen war. Diese wechselt daraufhin augenblicklich in die Links-Auslage. Daran erkennt das geschulte Auge, hier ist eine Rechtshänderin gerade mächtig angepisst! Die Linke als Führhand zum Jab dem Gegner entgegengestreckt, die Rechte als Schlaghand – viel zu weit – zurückgezogen. Hmpf. Es ist ein merkwürdiges Publikum an diesem Abend anwesend. Die Band aber super! 

Der Übeltäter verschwindet sogleich wieder in der relativ kleinen Masse der Pogoaner (oder Pogotisten?) und die Boxerin verlässt die Linksauslage. Damit genug? Neeee! Nici, die Basserin, steht ja vor ihr und während die Musik – einfach so - weiter gespielt wird, greift die Rechtshänderin Nici an die Hose und zieht mehrfach daran – vermutlich, um dieser zu berichten, was ihr gerade widerfahren ist und damit ein sofortiger Platzverweis dem Unhold erteilt wird. Wo sind die Awarness Teams, wenn frau sie braucht? Die Basserin reagiert natürlich nicht, aber dirigiert immerhin noch Karajan gleich die Massen beim Verlassen der Bühne nach dem Zugabeblock. 

Hier war heute wenig Punk im Publikum. Vielleicht sind Slime nach fast 50 Jahren im bürgerlichen Salon mit all seinen Schrecken angekommen. Dann hatte Diggen wohl doch irgendwie Recht. 

 

Am Hafen schmeiße ich meine Eintrittskarte in die See

und rufe „Flensburg adé“! 

 

PS: Musikalisch aber super – nächstes Mal nur gerne wieder Hamburg oder Husum.

Up the Husum Punkers!!!

 

SLIME

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