DORO, HOLY MOTHER / 16.12.2025 – Kiel, Max
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Freitag, 19. Dezember 2025 14:32
- Geschrieben von Philipp Wolter
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Am 6. Oktober 2023 spürte ich eine Erschütterung in der Macht. Ursache war der DORO-Gig auf dem KEEP IT TRUE RISING III, welcher mich vollständig begeisterte. Ich fragte mich nach diesem mitreißend gespielten und super (!) gesungenen Konzert wirklich, warum ich DORO eigentlich nie eine Chance gegeben hatte. Zumindest nicht nach ihrer Zeit bei WARLOCK. Denn die hatte ich von Anfang an geliebt, live 1985 auf der „Hellbound“-Tour in der Markthalle gesehen und auch als Support von PRIEST 1986 auf der „Turbo“-Tour gefeiert. Doch nach dem WARLOCK-Split war ich irgendwie raus und habe bis heute keine einzige DORO-Platte abgeerntet, ja auch nur angehört. Und ich gebe es zu: Auch ich habe DORO lange Zeit eher belächelt und ihre Festivalauftritte, die ich maximal im Vorbeigehen sah, mit fiesen Kommentaren bedacht. Warum eigentlich? Fragt man andere Underground-Metalheads, bekommt man verschiedene Antworten: „DORO klingt doch schon als Bandname uncool“, „ihre Ansagen sind peinlich“, „die Cover sehen kitschig aus“ oder „das ist doch keine richtige Band, sondern eine Solo-Künstlerin mit austauschbaren Mietmusikern“. Analysiert man das, fällt auf, dass diese Erklärungen sich alle auf außermusikalische „Argumente“ stützen. Und halten diese stand? Bei UDO stört der Name keine:n, Hansi Kürschs steife Ansagen scheinen die Beliebtheit BLIND GUARDIANs nicht zu beeinträchtigen, die Besetzungswechsel bei MEGADETH, RUNNING WILD etc. sind zum Teil heftiger oder häufiger (DOROs Drummer Johnny Dee und ihr Bassist Nick Mitchell sind seit 1993 und 1990 dabei) und, naja, mit Klischees und Kitsch als Ablehnungsgrund im Heavy Metal zu argumentieren, ist schon etwas gewagt. Da frage ich mich, ob der Hintergrund nicht eher in einem latenten Sexismus liegt und ob nicht immer noch mit zweierlei Maß gemessen wird. Wie gesagt packe ich mir hier auch selbst an die Nase. Auf jeden Fall ist eine Neubewertung angebracht, DORO rockt jetzt schon seit über 40 Jahren, da gilt es auch mal, Respekt zu zollen. Ab ins fucking Max also!
Bilder von MJ.
Der obige Absatz relativiert sich insofern etwas, als dass wir überraschend viele Bekannte treffen. Der Schuppen ist knackvoll, ein Großteil der Kieler Metalszene scheint anwesend (auch einige Punks werden gesichtet, keine Angst, ich oute euch schon nicht), Doro grüßt später Fans aus der Ukraine, den Niederlanden und weiteren Staaten. Nachteil an der Fülle: Es sind heute wieder so viele Sturköppe anwesend, die stumpf am Tresen stehen bleiben, sich genau an neuralgische Punkte stellen, an denen man einfach mal längsmuss, die aber einfach nicht Platz machen, sondern eher genervt oder sogar aggressiv gucken. Was ist bloß los mit derartigen Konzertbesucher:innen, die am besten parallel noch vom Zusammenhalt in der Metalszene schwärmen? Eine Frau hinter mir haut mir sogar mehrfach gezielt an den Kopf. Der einzige Grund dafür scheint eine Art perverses Verständnis des „Rechts“ eines frühen Besuchers zu sein. Nach dem Motto: „Ich war früher hier, also darf keine:r, der/die nach mir kommt, vor mir stehen.“ Platz ist hinreichend da, die Sicht versperre ich ihr auch nicht, also muss es sich um dieses Äquivalent zum Mallorcaurlauber handeln, der sein Handtuch an den Hotelswimmingpool legt. Ich suche das Gespräch und frage sie, was ihr verdammtes Problem sei und ob sie bei einem (nahezu?) ausverkauften Konzert erwarte, um sich herum fünf Meter Radius Platz zu haben. Zurück kommen nur Grunzlaute, aber danach ist Ruhe.
Yeah, HOLY MOTHER, das ist definitiv ein wertiger Support! Ich bin Fan und habe sechs ihrer bisher sieben Alben abgeerntet (das Debut von 1995 fehlt noch). Besonders die ‘98er Scheibe „Toxic Rain“ ist ja ein Killer und brachte Mike Tirelli und seine Mannen bis auf die Wacken-Hauptbühne. Was hat der Tirelli auch für eine Wahnsinnsstimme! Nicht umsonst hat er zwischendurch 2005 – 2007 bei RIOT gesungen und in den Achtzigern etwa einige JACK STARR-Platten veredelt. Nach einer längeren Pause sind HOLY MOTHER seit 2020 zurück, überzeugten mit den guten Alben „Face This Burn“ (2021) und „Rise“ (2024) und spielten 2023 eine solide Show auf dem HEADBANGERS OPEN AIR. Seitdem sind ein neuer Schlagzeuger und ein neuer Gitarrist dabei, die sehr engagiert rangehen. Die New Yorker präsentieren vor allem Stücke der letzten beiden Alben (herausragend vor allem „Fire“, „Power“ und „Face This Burn“), aber natürlich kommen auch Klassiker zum Zuge. Besonders das Titelstück der „Toxic Rain“-LP ist ein Smasher, der zwischen britischem Stahl und US Metal brilliert. Hier stehen JUDAS PRIEST, VICIOUS RUMORS und RIOT gleichermaßen Pate, was auch für das hemmungslos nach vorne preschende „Live To Die“ gilt. Leider reagiert das Kieler Publikum insgesamt eher verhalten. Man muss allerdings einräumen, dass Sound- und Lichtverhältnisse bescheiden sind, z.B. klingt die Gitarre zu dumpf. Gemessen an dem fetten Sound bei DORO später habe ich den Eindruck, dass bei HOLY MOTHER nur Teile der P.A. genutzt werden. Aber mit dem DIO-Cover „Holy Diver“ steigt die Stimmung und spätestens jetzt wird vielen klar, was für ein Ausnahmesänger da gerade vor ihnen steht. Nächstes Jahr auf Headlinertour und laut Flyer tatsächlich im Bambi Galore. Da geh ich hin!
Das erwähnte DORO-Konzert auf dem KEEP IT TRUE RISING war eine reine WARLOCK-Show, von daher bin ich gespannt, wie mir der heutige Auftritt wohl gefallen möge. Ich bin überrascht, wie viel Spaß ich dabei habe! Erst mal besteht die Setlist zur Hälfte aus WARLOCK-Tracks, weswegen ich sehr viele Stücke gut kenne. Aber generell liefert die Band auch einfach eine saugute Performance. Das sind Roaddogs, die auch in Death Metal- oder Punkbands spielen könnten. Und es zum Teil auch tun, zum Beispiel Gitarrist Bill Hudson bei I AM MORBID, der MORBID-ANGEL-Variante von David Vincent und Pete Sandoval. Und wie positiv und enthusiastisch Doro auf der Bühne agiert, muss man gesehen haben. Ich weiß nicht, was ich daran früher „drüber“ fand. Heute muss ich jedenfalls lächeln, wenn sie verkündet, dass ihr Solo-Debut „Force Majeure“ vor ein paar Wochen Gold bekommen habe: „Sachen gibt’s. Aber da freut man sich natürlich drüber.“ Auch herrlich, wie sie ihren Gitarristen Bas Maas vorstellt, mit dessen anderen Bands sie sich oft die Bühne geteilt habe: „Wir haben uns immer lieb gehabt, da dachten wir uns, wir müssen endlich mal zusammen in einer Band spielen.“ Und die Produktion ist fett: Bei jedem zweiten Song gibt’s Funkenregen, Nebelwerferattacken, zwischendurch ein Monster (gut, eher Hui Buh als Eddie) und Doro schwenkt die Flagge des DORO-Landes und schießt aus einer mobilen Nebelkanone. „I Rule The Ruins“, „Burning The Witches“, „Fight For Rock“, „Earthshaker Rock”, “Metal Racer”, “Hellbound”, “All We Are” oder “True As Steel” erweisen sich abermals als zeitlos. Rostfreier Stahl eben.
“Für immer” ist natürlich auch dabei, einer dieser Songs, bei denen der Kitschvorwurf natürlich greift. Aber das Stuck funktioniert und ist mit seinem mehrsprachigen Satzgesang auch eine gelungene Kunstanstrengung, die sich mir am nächsten Morgen unter der Dusche gleich wieder in den Kopf drängt. Das später folgende „Herzschmerz“ wirkt wie eine Kopie von „Für immer“, die mehr Text enthält. Es ist einer der wenigen Schwachpunkte des Konzerts, das auch mit Stücken aus der DORO-Phase punktet, zum Beispiel das schnelle „Revenge“, eine Doublebassnummer mit MANOWAR-artigen Gitarren und einem mitreißenden Refrain. Was man unbedingt hervorheben muss, ist Doros Stimme. Die Metal Queen trifft jeden Ton, was mich schon auf dem KEEP IT TRUE RISING überrascht hatte. Tank und ich konnten damals kaum glauben, wie tonal sicher Doro klingt und achteten darauf, ob unterstützende Hilfsmittel zum Einsatz kommen. Aber nope, sie ist einfach so gut. Auch das MOTÖRHEAD-Cover „Ace Of Spades“ steht ihr gut, denn Lemmy klang zwar insgesamt räudig, sang aber ebenfalls stets hoch und melodiös. Mit locker 20 Songs hat das Konzert eine angenehme Länge – es war zu keiner Sekunde langweilig und ich gehe mit ‘nem zufriedenen Grinsen aus der Halle.
