MOTHER TONGUE, WEREWOLF ETIQUETTE / 26.11.2025 – Hamburg, Knust
- Details
- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Montag, 08. Dezember 2025 18:29
- Geschrieben von Philipp Wolter
- Zugriffe: 614
Ich weiß ja nicht, worüber ihr zu Hause so redet, aber ich schnacke gerne über musikalische Themen und Fragen. Zum Beispiel darüber, welche die beste Platte von IRON MAIDEN ist. Nächte lassen sich aber auch füllen, wenn man über Konzerte spricht, die besonders gut im Gedächtnis geblieben sind. MJ verweist da gerne auf ein Konzert von MOTHER TONGUE, die sie vor ziemlich genau 21 Jahren im hochschwangeren Zustand gesehen habe. Über den Zeitraum sei sie sich ausnahmsweise recht sicher, denn so alt sei ihre Tochter jetzt. (Verrückter Side Fact: Da war DreMu erst ein Jahr alt!) Ich hatte von der Existenz der Band noch nie Notiz genommen, aber 2020 kam eine Wiederveröffentlichung des Debuts (ursprünglich 1994 erschienen) über Noisolution und da schritt ich aus Neugier doch einfach mal zur Ernte. Geile Scheibe zwischen Blues, Stoner, Alternative Rock und etwas (für mich) Unbestimmbaren! Wenig später sollten MOTHER TONGUE dann sogar auf Tour kommen, wir hatten Tickets für den uns damals unbekannten Nochtspeicher. Nun, diese Tour fiel wegen der Pandemie aus, der Nochtspeicher haben wir bis jetzt immer noch nicht betreten. Aber nun kehrt die Band wirklich zurück, es sind die ersten Konzerte in Deutschland seit fast zehn Jahren.
Bilder von MJ.
Wir treffen diverse Bekannte vorm Knust und ich stelle fest, dass MOTHER TONGUE bei vielen einen hohen Stellenwert haben. Manche Besucher:innen sind regelrecht aufgeregt und erzählen von legendären Konzerten. Warum sind mir die damals durch die Lappen gegangen? Aber es ist nie zu spät und jetzt kann ich das nachholen, von dem mir bisher nur erzählt wurde.
Mit WEREWOLF ETIQUETTE betritt ein Teil von MOTHER TONGUE die Bühne, so dass man von der „Hauptband“ als eigener „Vorband“ sprechen könnte. Jetzt hätten die meisten wohl mit einem Gitarristen gerechnet, der sein Soloding durchziehen möchte. Aber nein, es handelt sich um den Bassisten/Sänger Davo Gould und den Ex-Drummer Geoff Haba. Letzterer wird später übrigens auch im Set von MOTHER TONGUE auf die Bühne kommen, um seinen Nachfolger abzulösen. Alles sehr familiär also, wobei mir erzählt wird, dass der Typ mit der Kamera am Bühnenrand der Sohn eines Bühnenmitglieds sei, der seit zehn Jahren an einer Doku über die Bandgeschichte arbeitet. So, WEREWOLF ETIQUETTE: Wieder kommt mir Blues als Vergleich in den Sinn, denn die Stimme transportiert etwas Verletzliches, Melancholisches, aber immer wieder auch Kraftvolles. Basswände treffen auf federnde und treibende Drums. Das Publikum wird schnell warm, denn WEREWOLF ETIQUETTE fühlen sich nach mehr an als einer Supportband. Stimmt ja auch. Ich kenne bisher ja nur eine MOTHER-TONGUE-Platte (ändert sich heute), würde aber sagen, dass dieses neue Projekt viele Elemente der Mutterband aufgreift, gleichzeitig aber auch erweitert. Oder reduziert? Interessant ist die Entscheidung, es bei zwei Musikern zu belassen und auf das in der Rockmusik nicht unwichtige Instrument der Gitarre zu verzichten, ja durchaus. Es funktioniert aber, lässt sich sowohl auf Platte als live gut hören, denn es lebt, pulsiert und besitzt Groove.
Lange dauert der Umbau nicht, aber für die üblichen wichtigen Pausenaktivitäten ist hinreichend Zeit. Mensch, wen man hier so alles trifft! Voll ist es mittlerweile, das Publikum ist tatsächlich im Durchschnitt älter, als ich gedacht hatte, aber MOTHER TONGUE haben seit Bandgründung 1990 ja auch schon 35 Jahre auf dem Buckel. Viel wichtiger: Die folgende Performance lässt Greise wieder jung werden, schlohweiß ergraute Menschen wagen sich im Crowdsurfing und man wird ordentlich durchgerüttelt in einem erstaunlich bewegungsfreudigen Pit. Erst beim Konzert offenbaren sich mir einige der Einflüsse: Zum einen muss ich wiederholt an MASTERS OF REALITY denken, gerade was den Gesang angeht, denn Davo Gould singt bisweilen ähnlich sexy-unterkühlt wie Chris Goss. Und die Gitarristen sind Maniacs, beide! Der Typ rechts, Christian Leibfried, gibt alles, hat seinen Jimi Hendrix studiert, wirft sich später auf die Knie und malträtiert sein Instrument. Sein Kollege, Bryan Tualo, wirkt ernster, in sich gekehrter, zeigt sich aber auf Dauer ebenso emotional, und ist später gar zu Tränen gerührt. Wenn ich von Blues und Hendrix spreche, sollte aber nicht unterschlagen werden, dass dies alles durch den 90er Fleischwolf gedreht wird. Gerade was das Zusammenspiel von Laut und Leise angeht, erinnern MOTHER TONGUE an einige Alternative Acts dieser Zeit. Gleichzeitig machen sie daraus etwas vollständig Eigenes, dass ich sie mit keiner Band vergleichen kann (die obigen Namen können höchstens als Einflüsse oder Assoziationen verstanden werden). Manche verwenden zur Beschreibung den Begriff Psycho Blues. Fakt ist, dass die Stücke gerade live eine Magie und Intensität erzeugen, dass ich verstehen kann, warum die Leute noch 20 Jahre später davon schwärmen. Beide Schlagzeuger sind super, der Einsatz von Geoff Haba bei „Damage“, „Burn Baby“ (whoa!) und „Broken“ bleibt als besonderer Moment in einem besonderen Konzert hängen. Sehr gut aber auch sein Nachfolger Sasha Popovic (seit 2002), dessen Spiel zum Beispiel in „Casper“ herausragt. Ergreifend der Refrain „Everybody knows somebody dead that should be alive”, zu dem wohl leider jede:r ab einem bestimmten Alter eine Geschichte zu erzählen hätte. Nach vier Zugaben wollen viele immer noch nicht wahrhaben, dass es vorbei ist und bleiben vor der Bühne. Und tatsächlich drehen MOTHER TONGUE mit dem chilligen „Modern Man“ noch eine Extrarunde. Spektakel!
Am Merch gibt’s eine „Fan Edition“ der Alben „Street Light“ und „Ghost Note“, die ich heute abernte. Beim nächsten Mal bin ich besser vorbereitet…
