THEATRE OF HATE, KADEADKAS / 01.11.2025 – Mexico Stadt, Viva La Muerte Fest, Foro San Rafael (Part 2)
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Samstag, 06. Dezember 2025 17:36
- Geschrieben von Doom Fränk
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Theatre of Hate dem geneigten Leser dieser stets zu unnötig langen Konzertreviews neigenden Punk und Metal Schmonzette vorzustellen, ist schlicht und einfach überflüssig. Wer kennt Theatre of Hate nicht?!? Anfang der 80 Jahre hat sich die britische Post-Punk Band mit nur einem Album und einer Handvoll Singles einen legendären Ruf zementiert. Danach wechselte Sänger, Gitarrist, Haupt-Songwriter und Mastermind Kirk Brandon bekannterweise zu Spear of Destiny. Deren größter Hit Never take me alive sollte aber nun wirklich jedem geläufig sein, der seine Platten nicht ausschließlich bei Obi bestellt. Um so größer war meine Begeisterung, als ich sah, dass Theatre of Hate genau dann in Mexico City ein Konzert geben, wenn ich zufälligerweise auch gerade in der 10-Millionen Metropole bin. Teil 1 von diesem Fest(ival)bericht ist hier irgendwo schon zu finden und da Kadeadkas bereits auf die Bühne stehen, schnell hin da!
Was Kadeadkas bedeutet, ist mir rätselhaft und eine entsprechende Recherche war in der Kürze der Zeit auch nicht möglich. Mir - als immerhin ehemaligem Gothrocker mit Hang zu Batcave und Deathrock - war die Band aus Köln(!) zuvor auch gänzlich unbekannt. Zum Glück ändert sich das nun. Moment…eine Band aus Köln in Mexico City auf der Bühne? Unglaublich, oder? Wobei deutsche Bands in Mittelamerika scheinbar durchaus wohlgelitten sind. Am Vorabend verbreiteten sogar Grave Digger aus Gladbeck Panik und Entsetzen in der Stadt. Der Sangesschreck Chris Boltendahl demonstrierte den Mexikanern dabei, wie man ganz ohne Make-Up oder großen Aufwand einen täuschend echt wirkenden Zombie Look zum Tag der Toten kreieren kann. Egal, da ging es zum Glück ja zu Morrissey und bei diesem gab es anschließend sogar das Geld zurück! Ein wirklich feiner Zug von diesem!
So, jetzt schon mehr als genug unnötiges Gefasel für einen Bericht…daher ab jetzt nur noch harte Fakten! Kadeadkas erscheinen in der eher ungewöhnlichen Sängerin, Gitarrist und Schlagzeuger Formation. Fehlt hier ein Basser? Nö, der Sound kommt fett und ausgeglichen aus den Boxen, wobei die Abmischung bisher immer super war und dies auch so bleiben wird. Sängerin Kati begrüßt sogleich das anwesende Publikum und dankt für das zahlenmäßig große Erscheinen. Vermutlich haben sie bereits vorher in Mexico gespielt; die Band scheint nicht unbekannt in der Stadt und dem Land zu sein.
Und ohne weitere Umschweife geht es dann zur Sache. Für mich ist das ganze Batcave! Oder Deathrock! Auf jeden Fall kommt es punkig daher! Das Schlagzeug geht nach vorne, die E-Gitarre spielt dem Gothrock ähnelnde Melodien und die einerseits etwas tiefere, aber andererseits auch theatralische Stimme der Sängerin legt sich teilweise gewollt quietschend darüber. Den Mexikanern gefällt es! Nicht nur kommt Bewegung auf die Tanzfläche, gleichzeitig knipsen Fotografen auch ihre Speicherkarte voll.
Doch was passiert jetzt? Schlagzeuger Friedi signalisiert Probleme! Das einzige Mitglied der Rhythmus Gruppe kann nicht weiterspielen! Unter dem ständigen Auf und Ab des Schlagzeugspiels ist der Hocker unter ihm zwar nicht zusammengebrochen, wurde aber stark beschädigt. Sängerin Kati empfiehlt den warten Besuchern, draußen eine zu rauchen, derweil links der Bühne die Reparatur der Sitzgelegenheit bereits begonnen hat. Dauert auch nicht lange, dann geht’s weiter und ich denke, die Band spielt alle Titel von ihrem bisher einzigen Album. Die Mexikaner sind begeistert und statt Zapata oder der Machete wird nun Alemania gevivat!
Ein paar Sachen sind mir dann aber doch noch aufgefallen, die diesen Club von unseren heimischen unterscheidet. So gibt es neben der Bühne auf der Tanzfläche immer Security und deren Häuptling schlendert auch stets mit wachsamen Augen durch das Publikum. Tätig wird er dabei allerdings nie – auch nicht, als sich am Rand der Tanzfläche ein Besucher rücklings auf den Boden gelegt hat und mit auf dem Bauch gefalteten Händen den Schlaf der Gerechten hält. Weiterhin ist unentwegt und teils auch während der einzelnen Performances eine Putzfee mit Wischmop auf der Tanzfläche am Wienern, was die abwechselnd weißen und schwarzen Keramikfliesen am Glänzen hält. Ungewöhnlich, aber ich find´s gut. Gibt ja auch einige Clubs bei uns, da klebt der Boden derart, dass es dir wortwörtlich die Schuhe auszieht.
An das genaue Jahr kann ich mich nicht mehr erinnern, aber es muss so um 2010 gewesen sein, da habe ich die Post-Punker von Theatre of Hate mal im Logo in Hamburg gesehen. Am Bass damals Craig Adams!!! Ja, der Craig Adams!!! Ursprünglich von den Sisters!!! Unglaublich, oder?!? Nichtsdestotrotz war der Laden damals ziemlich mau besucht und ich habe seitdem immer auf eine Rückkehr der Band an die Elbe gewartet. 2019 haben sie dann im Drafthouse in HH gespielt, aber das habe ich völlig übersehen, da ich diesen Bums auf gar keinem Zettel habe. Egal, heute Abend ist es wieder soweit und unter tosendem Applaus betritt die Band die Bühne. Manche der Mexikaner (ok, es sind derer relativ wenige…) haben Freudentränen in den Augen, da sie endlich nach Jahrzehnten das Ausharrens ihre Lieblingsband live sehen werden.
Natürlich ist Gründer und Fan Fave Kirk Brandon an der Gitarre, das Ur-Mitglied Stan Stammers befummelt den Bass, Clive Osborne dudelt auf der Saxomopete und Chris Bell hat auf dem frisch reparierten Hocker hinter dem Schlagzeug Platz genommen.
Viel Kommunikation mit dem Publikum wird es nicht geben, aber das war bei ToH schon immer so. Judgement Hymn ist (glaube ich mich zu erinnern) die Eröffnung und sofort(!) sind alle vorhanden Fragen beantwortet. Kirk ist in top Form, trotz seiner 69 Jahre ist die hohe Stimme immer noch glasklar und seine Riffs und Griffe sitzen. Das besondere an Theatre of Hate war immer, dass zusätzlich zum Gesang es zum Einsatz der Saxomopete kommt. Ich finde ansonsten Blechblasinstrumente ganz schrecklich, aber dies hier ist die große Ausnahme! Melancholisch, unaufdringlich aber gleichsam schaurig schlängelt sich die Saxomopete an der Melodie der Lieder entlang oder übernimmt deren Führung. Sie wirkt dabei aber nie störend – eher wie eine Lead Gitarre, die eben gepustet wird. Dann und wann hebt sie sich ab, nur um sich dann wieder den gespielten Harmonien anzupassen. Das machen Theatre of Hate seit jeher großartig. Und Clive macht das heute sogar perfekt!
Schon bei dem 3ten oder 4ten Lied kann ich aufatmen. Natürlich spielen sie in Mexico den Ober-Ober-Kracher „Conquistador“. Ein Lied gegen die Konquistadoren des 15. bis 17. Jahrhunderts und deren angerichtete Gräuel. Fairerweise muss man/frau jedoch auch sagen, dass die Maya und Azteken in Mittelamerika bereits vorher schon gewütet haben, wie sonst nur die Säge in der Montezuma-Zypresse. Darum geht es hier aber nicht, daher weiter im Lied.
„Ohhh, ohh, Conquistador“, schleicht es bedrohlich aus den Boxen und die Saxomopete windet sich – unterlegt von der militärisch geschlagenen Snare – wie die Giftschlange um den Mammutbaum. Dieses jetzt und hier in Mexico inmitten der Söhne und Töchter eben jener Eroberer zu hören, ist für mich schon ein Highlight in meiner Konzert-“Karriere“.
Es folgt aber auch Kracher auf Kracher. Es werden ausschließlich die alten Stücke gespielt, wobei jedes davon ein Kracher ist. Es gibt wohl auch neue Stücke, aber die sind mir – und scheinbar auch der Band heute - unbekannt. Kurz danach The Hop, Nero, Love is a Ghost und dann plötzlich:
Here we stand, the judge and jury
Deaf and blind and full of fury
Theatre of Hate spielen Legion! Da denke ich, ich werde doch bekloppt! Hier ist eine Band, die an diesem Abend alles(!) richtig macht! Es wird ein Best of von Theatre of Hate, ja ein Best of des Post Punk, wenn nicht sogar ein Best of der 80er insgesamt gespielt. Der Eintritt von fairen 35 Kröten war jeden Pesos 5-fach wert!
„Wir haben 25 Jahre (oder so…) gebraucht, um zu Euch zurückzukehren“, erklärt Stan Stammers und fragt: „Do you belive in Westworld?“
Natürlich wird auch das Lied gespielt – wir nähern uns dem Ende dieses Reviews – und im Zugabeblock wird auch das letzte, bisher fehlende Puzzleteil ergänzt: Theatre of Hate spielen Propaganda!!! Es ist vollbracht!!! Quetzalcoatl, die gefiederte Schlange, hat ihre Opfer erhalten!!! Kirk Brandon und Band verschwinden schwitzend Backstage – ich trinke einen letzten Mezcal.
Hierzu brauchst nichts mehr schreiben – außer dass zu dieser Stunde keine U-Bahn mehr fährt, aber das ist jetzt ausnahmsweise mal egal.
