RAZZIA, KONTROLLE / 14.11.2025 – Hamburg, MS Stubnitz
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Donnerstag, 27. November 2025 18:34
- Geschrieben von Doom Fränk
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Razzia im Treibsand, Razzia bei Suppen Dieter, Razzia bei Lotto Jürgen und jetzt auch noch Razzia auf der MS Stubnitz! Da wird man doch bekloppt der vielen Kontrolle wegen in diesem Überwachungsstaat! OK, ab jetzt wird es ernsthaft und kurz und bündig. Nach einem furiosen Auftritt in der verbotenen Stadt halten Razzia als eine der letzten Bands die Fahne des Deutschpunks in luftige Höhen und im Sog eben dieser kann es nur heißen: Hin da!
Vom Hauptbahnhof fährt man/frau tatsächlich nur 2 Haltestellen und ist anschließend keine 150 Meter von der Stubnitz entfernt – das wusste ich bisher auch nicht, da wir ansonsten immer mit Karre gefahren sind. Vor der Gangway stehen dort im Nieselregen bereits Horden von biertrinkenden Punkern eher gesetzten Alters und warten auf Einlass. Der erfolgt fast auf die Minute genau und ab geht´s in den Bauch dieses Mahnmals sozialistischer Fischfang- bzw. Fischkühlträume.
Sodann stehen schon Kontrolle auf die Bühne, einem Post Punk Wave Projekt dreier Freunde. Ich finde diese Formulierung „dreier Freunde“ richtig schön – viel besser als „dreier Geschäftspartner“ oder „dreier Investoren“. Dazu kommen sie noch aus der Accept-Stadt Solingen – da kann doch gar nichts mehr schief gehen. Die Texte der Band zeugen zudem von einer intelligenten Herangehensweise und einer brüsken, vielleicht sogar nassforschen Sicht auf die Dinge. Diese werden zudem von einer wechselnden Stimmlage vertont, die von fahrig gelangweilt, agitatorisch aufwühlend bis in die Tiefen der Hinlänglichkeit reicht.
Alles in allem wären Abwärts aus Hamburg, die mit Ich seh die Schiffe den Fluss herunterfahren ja wirklich ihr Meisterwerk geschaffen haben, mein erstgenannter Vergleich, wobei das Schrille und das betont Überlegene von Frank Z. (RIP) nicht Einzug gehalten hat. Der Wave steht hier weit mehr im Vordergrund als der geneigte Leser denken könnte und Hau-Drauf-Punk der Marke „Wir saufen uns um den Verstand und fahren dann nach Zwickau“ wird glücklicherweise vermieden.
Ich hatte ja auch schon ein paar Bier getrunken, aber ich glaube mich zu erinnern, dass die Band sich gefreut hat, wieder in Hamburg zu spielen und Razzia sowieso sehr geil findet. Irgendwie so war das…und jetzt nach Zwickau!
Nein, natürlich nicht – jetzt als nächstes Razzia! Die Setlist ist glaube ich 1:1 die gleiche wie im Treibsand, aber meine Tante Frieda ändert ja auch nichts an ihrem Rezept für Zitronenkuchen. Was sich derart bewährt hat, bleibt unverändert! Auch heute ist das Instrumental Nitro das Intro. Zu Nicht in meinem Namen – einem der besten Stücke auf dem letzten Album - erscheint Rahjas dann auch auf der Bühne. Natürlich ist auch er ein wenig gealtert, etwas dünn vielleicht, aber immer noch voller Energie, wobei ihm eine gewisse Resignation der Unveränderlichkeit der Verhältnisse wegen durchaus anzusehen ist.
Das Konzert ist erneut ein buntes Potpourri aus 3 Phasen Razzia: 1. Tag ohne Schatten, 2. Ausflug mit Franziska und 3. mit großer Schlagseite Am Rande von Berlin. Eine kleine Priese Spuren kommt mit einem Lied oder so auch noch dazu. Heraus kommt eine Mischung, die allen schmeckt und gleichsam fett abgefeiert wird. Die Stimmung heute ist wilder, etwas pogiger als Wochen zuvor im Treibsand. Trotz der durch die Geländer eingeengten Fläche vor der Bühne geht hier die Post ab, wie man/frau es sich bei DHL des Öfteren wünschen würde. Vielleicht aber auch gerade wegen der Geländer, ich weiß es nicht. Eng ist`s schon. Das Publikum überschneidet sich sicherlich, aber zu sagen, da sind immer die gleichen Nasen, ist definitiv falsch. Auch etwas jugendliche Frische ist hier und da zu sehen; nicht alle im Publikum hoffen auf die Verrentung innerhalb der nächsten 10 Jahre.
Musikalisch ist die Band wie auch letztmals super eingespielt. Andreas „Rotter“ Rotter am Schlagzeug, Falko Grau an der Gitarre und Mirco „Werner“ Berner genießen sichtlich den Zuspruch der tobenden Fans auf der ausverkauften Stubnitz. Frank Endlich kennt das alles ja bereits – ähnlich war es vor 40 Jahren schon und gewohnt lässig zieht er sein Gitarrenspiel durch. Hier ist glücklicherweise wieder eine Razzia Besetzung, die hoffentlich nun auf Jahre hinaus noch Bestand hat und mit Hinzunahme der kongenialen Siegler Twins mindestens noch ein neues Album in der Qualität und des Krachertums von Am Rande von Berlin in die Rillen presst. Ein neues Lied gab es noch nicht, aber außer T-Shirts immerhin 2 verschiedene Mützen am Mercher – alles ähnlich fair bepreist wie der Eintritt selbst auch.
Und wieder erfahren wir etwas Neues! Vor einem der besten und relevantesten Stücke aus Razzias reichem Fundus berichtet uns Rahjas den Hintergrund von Der Söldner. Ein Razzia Biograph – bei Slime gab es ja auch die kurzweilige Deutschland muss sterben Lektüre – müsste eigentlich bei jedem Konzert der Band anwesend sein, um die jeweils gegeben Informationen und Anekdoten zu sammeln. Oder er interviewt die unzähligen Bandmitglieder einfach…das ginge wohl auch. Mein Namensvorschlag für ein solches Buch wäre LP ohne Längen oder Konzert ohne Tiefpunkt als Reminiszenz an die erste Scheibe.
Egal. Der Söldner entstand als Samplerbeitrag für einen internationalen Punk Rock Sampler und wurde schließlich aus über 100 Beiträgen ausgewählt, um auf eben diesem zu erscheinen. Unglaublich, oder? Definitiv aber die richtige Entscheidung zu einer Zeit, als ein Sampler nicht jeden Monat umsonst der Metal Hammer beilag. (Frage an die Redaktion: Ist das überhaupt noch so?)
Der damalige Beitrag aus der Heimat der MS Stubnitz – also der DDR – war meines Wissens nach das Lied Honey der Band Hundekot aus Pankow. Dieses oberflächlich als humorvolle Kritik an der mangelnden staatlichen Versorgung des örtlichen Konsums mit Bienenprodukten getarnte Lied schlug im Politbüro ein wie eine Bombe. Für die Band ging es hernach weder auf den Sampler noch nach Zwickau – hier war Bautzen Endstation.
Als Haus wärst du ne Hütte texteten Razzia Jahre später, aber das hat darauf denke ich keinen Bezug. Schon seit jeher waren die Texte der Band im Gegensatz zu anderen Bands dieser Musikrichtung nie peinlich oder dummdreist. „Zeitlos“ wäre wohl die berechtigte Bezeichnung, wobei der Titel 250 Jahre früher Als Hütte wärst du ne Kaluppe hätte heißen müssen. So oder so, beide Lieder werden gespielt und zählen zu den unzähligen Highlights des Abends.
Ein absolutes Highlight muss die Geschichte sein, die Rahjas vor Arsch im Sarge erzählt! Die ist wirklich unglaublich! Die muss ich der geneigten Leserschaft erzählen, ich schmeiß mich hier noch beim Schreiben weg!! Also, er und Peter „Ball“ Wodok (Ex-Slime und leider RIP) wollen ein Schlagzeug kaufen und machen das auch. Und wie bringen sie es zu den Thieles nach Hause? Na? Na? Na? Jaaaaaaa! In einer Schubkarre!!! Da wirst doch bekloppt! Sowas verrücktes habe ich nicht mehr gehört, seit meine Tante Frieda mir erzählte, dass ihre Dogge Rupert beim Traktor Pulling in Haßmoor teilgenommen hat und auf einem 850 PS Deutz Trecker Vierter wurde!!! Da dachte ich, ich wird bekloppt…oder bin´s schon!
So, ich fürchte, das war Razzia für dieses Jahr – außer bei Schoko Reiner ist noch eine. Bis nächstes Jahr und dann mit neuem Album!
Hier hält übrigens der große Frank Endlich die Setlist exklusiv für die Leserschaft dieser im Parlament unterrepräsentierten Punk Rock und Doom Metal Schmonzette ohne Konservierungsstoffe in die Linse. Dafür Danke von uns allen! Und jetzt ab nach Zwickau!

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