URIAH HEEP, APRIL WINE, HEAVY PETTIN / 02.11.2025 – Hamburg, Docks

4 Dislike0

“The Magician’s Farewell” steht auf meiner Eintrittskarte. Aber ist es ein Abschied, befinden sich URIAH HEEP auf ihrer letzten Tour? Davon wäre beim Konzert nichts zu spüren. Weder sagt Bernie Shaw (v) etwas in der Richtung, noch ließe es die beeindruckend kraftvolle Performance erahnen. Auf der anderen Seite will so eine Legende nach 55 Jahren auch bestimmt nicht mit lahmarschigen Konzerten abtreten, insofern ist das kein Indiz. Faszinierend finde ich bei URIAH HEEP ohnehin mehrere Aspekte: Zum Beispiel, dass die Band in 55 Jahren 26 (!) Alben veröffentlicht hat! Was für eine brutale Bilanz. Und obwohl sie im Gegensatz zu BLACK SABBATH oder DEEP PURPLE stets aktiv waren, standen URIAH HEEP immer etwas im Schatten dieser anderen frühen Hardrock-Bands. Oder fehlte gerade das? Eine Auflösung und medienwirksame Reunion? Man weiß es nicht und kann die Reaktionen und Launen des Publikums eh schwer einschätzen. Warum ändert sich der Geschmack der Massen manchmal derart, dass eine Band trotz permanenter Qualität irgendwann als nicht mehr relevant wahrgenommen wird? Wobei URIAH HEEP angesichts 40 Millionen verkaufter Tonträger natürlich als eine der erfolgreichsten Hardrock-Schwergewichte überhaupt anzusehen sind. Trotzdem gab es Zeiten, in denen sie in eher kleinen Clubs auftraten. Das ist mittlerweile wieder anders und so zeigt sich das Docks heute rappelvoll – eine derart lange Schlange habe ich vor dem Schuppen noch nie gesehen.

 

URIAH HEEP

Fotos von MJ und Rüdiger Naffin.

 

Ab wann sind die Zustände im Docks eigentlich so beschissen geworden? Ich weiß, dass dort in den 80ern anfänglich sogar gern war und viele legendäre Shows gesehen habe (SLAYER, OVERKILL, TESTAMENT, MOTÖRHEAD, RAMONES…). Waren die Leute einfach entspannter? Heutzutage kommst du kaum in den Innenbereich hinein und auch von dort kaum zu den Toiletten. Denn an den beiden Punkten zwischen Vorhalle (mit Merchstand, Tresen etc.) und eigentlicher Halle bleiben die Leute so unfassbar stur stehen, dass man sich regelrecht durchwinden und -kämpfen muss. Obwohl dann im vorderen Drittel angenehm Platz ist! Wenn du erst mal dort bist, ist ja alles geil – die Bühne schön hoch, der Boden abschüssig und der Sound gut. Aber wehe, du musst zwischendurch zur Toilette! Ein wirklich schräges Verhalten, das mir jetzt schon häufiger bei völlig unterschiedlichen Konzerten aufgefallen ist.

 

HEAVY PETTINHEAVY PETTINHEAVY PETTIN

 

Wie herrlich ist bitte das „Vorprogramm“! HEAVY PETTIN und APRIL WINE, das ist ja mal kultig! HEAVY PETTIN hatte ich 2019 auf dem HEADBANGERS OPEN AIR nicht sehen können, da ich damals nur anderthalb Tage mitnehmen konnte. Ich dachte schon, ich hätte meine einzige Chance verpasst, aber da stehen sie nun direkt vor mir auf der Bühne! Und die Hunde liefern richtig! Bei sattem Sound gibt’s NWOBHM/Hardrock-Perlen, die sofort Spaß machen. Neben Klassikern wie „Sole Survivor“ oder „Love Times Love“ zünden auch die neuen Stücke. Gerade der Refrain von „Faith Healer (Kill My Demons)“ setzt sich hartnäckig im Gedächtnis fest, sehr gelungen auch das Titelstück der aktuellen Scheibe „Rock Generation“. Stephen Hayman ist super bei Stimme, er erinnert mich etwas an Biff Byford. Und der Gitarrist rechts sieht aus wie Gary Moore in den Achtzigern! Eine echte Überraschung, da ich von HEAVY PETTIN nur die ganz alten Platten kenne – natürlich wird die neue Platte heute noch abgeerntet. Rock Ain’t Dead indeed!

 

APRIL WINEAPRIL WINEAPRIL WINE

 

Auch APRIL WINE sind mehr als nur eine Vorband, haben schließlich ebenfalls über 50 Jahre Rock unterm Arsch. Ähnlich wie RUSH waren APRIL WINE selten hier auf Tour, während sie in ihrer kanadischen Heimat sowie in den USA als Stars mit Platinalben gefeiert wurden. Die Band versprüht den Charme von Profis, die Bock haben. So wirken „I Like To Rock“, „Big City Girls“, „Enough Is Enough”, „Just Between You And Me“, “Sign Of The Gypsy Queen” oder “Roller” locker aus der Hüfte geschossen und auch das Bühnenoutfit mit Hemden steht für eine gewisse Leichtigkeit. Gleichzeitig muss man der Band ein tolles Harmonieverständnis attestieren! Auch ohne den 2023 verstorbenen Sänger Myles Goodwyn schaffen es APRIL WINE erstaunlich gut, den alten Spirit weiterleben zu lassen. Bereits im Jahr 2022 hat Goodwyn mit Marc Parent seinen Nachfolger ernannt, dessen Stimme wirklich perfekt passt. Die anderen drei Bandmitglieder Brian Greenway (g), Richard Lanthier (b) und Roy Nichol (d) können (natürlich!) auch alle toll singen, schmettern Refrains und/oder Soloparts. Es nützt nichts – diese Musik erzeugt unbändigen Bierdurst und so wage ich trotz der schlimmen Klotour eine kleine Biergönnung.

 

URIAH HEEPURIAH HEEPURIAH HEEP

 

Pure Magie bei URIAH fucking HEEP! Die Magier spielen hemmungslos all ihre Stärken aus. Der Hammondorgelsound steht wie eine Backsteinmauer, Drummer Russell Gilbrook spielt wuchtig und akzentuiert, Gitarre und Bass klingen energisch und heavy und Bernie Shaw ist wohl der beste Hardrocksänger seines Alters. Wer die Band länger oder noch gar nicht gesehen hat, könnte erstaunt sein, wie energisch und vital URIAH HEEP aufspielen. Mit „Grazed By Heaven“ steigt die Band ein, also ein recht neuer Song von der „Living The Dream“ (2018). Das zweite Stück ist sogar noch aktueller, nämlich „Save Me Tonight“ von der ‘23er Scheibe „Chaos And Colour“. Die Stimmung ist jetzt schon super, die Band voll da. Aber natürlich erzeugen die großen Songs der 70er eine ganz besondere Atmosphäre. Ich kann das gar nicht beschreiben, aber ich verspüre da teilweise eine Gänsehaut und könnte mich geradezu verlieren in der Musik. „Shadows Of Grief“, „Stealin‘“, „The Wizard“ (vielleicht mein Highlight des Konzertes), „Sweet Lorraine“, „The Magician’s Birthday”, “Gypsy”, “July Morning” und “Easy Livin’” sind zeitlose Meisterwerke. Wobei es interessant ist, wie sie zu ihrer Zeit jeweils rezipiert wurden. Shaw weist grinsend darauf hin, dass der Stil der Band immer wieder anders genannt worden sei. Erst habe man sie unter dem Begriff Rock wahrgenommen, später seien Genres wie Prog, Heavyrock, Hardrock usw. dazugekommen. Beim Wort „Prog“ ergreift ein Zwischenrufer seine Chance und brüllt irgendetwas im Sinne, dass er jetzt sehr gern ein richtig langes Stück hören möchte. Bernie Shaw lässt die Saallichter aufs Publikum richten und nimmt die Herausforderung an, fragt grinsend zurück, ob der Typ denn bereit sei für eine Zehnminutenversion von „July Morning“. Was für eine Abfahrt aus Georgel, Gitarren und diesen herrlichen mehrstimmigen Gesängen! Mick Box gibt alles, ich bange jedes seiner Riffs mit. Mit „Lady In Black“ kommt noch Folk ins Spiel, nachdem die erste Zugabe „Sunrise“ alle Facetten des HEEP-Sounds abgedeckt hat. Wahnsinn! Ich hoffe auf eine ganz lange Abschiedstour, falls es denn eine ist. Also eine, die noch mehrfach um den Erdball geht und immer wieder nach Hamburg führt…       

 

URIAH HEEPURIAH HEEPURIAH HEEP

 

„He was the wizard of a thousand kings
And I chanced to meet him one night wandering
He told me tales and he drank my wine
Me and my magic man kind of feeling fine.” 

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

Bewertung: 5 / 5

Stern aktivStern aktivStern aktivStern aktivStern aktiv