CASTLE RAT, LAKNARRA / 27.10.2025 – Hamburg, Monkeys Music Club
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Montag, 10. November 2025 17:47
- Geschrieben von Philipp Wolter
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Noch kann man CASTLE RAT wohl zum Underground zählen, obwohl sie bereits diverse Titelstorys in größeren Mags bekommen haben. Soweit ich weiß, haben sie aber bisher nahezu alle Bandaktivitäten im D.I.Y.-Modus durchgezogen. Keine Kompromisse, so lautet offenbar das Motto von Riley Pinkerton, der Bandchefin, Sängerin und Gitarristin. Laut ROCK HARD-Interview (Ausgabe Nr. 450) habe Pinkerton bei dem Anblick einer Fantasy-Zeichnung Frank Frazettas die Inspiration für das Bandimage gehabt: „Er war eine riesige Inspiration für mich, besonders seine Darstellung von starken, kraftvollen Frauen. Es gibt ein Bild von ihm, auf dem ein sehr muskulöser Kerl von einem Tyrannosaurus angegriffen und von einer Frau zur Seite gestoßen wird, obwohl sie nur einen winzigen Dolch hat. Es ist, als wollte sie sagen: ‚Keine Sorge, ich regle das schon.‘ Das finde ich unglaublich inspirierend. Persönlich habe ich definitiv mit Körperbildproblemen gekämpft, vor allem als ich noch in der Folk- und Singer/Songwriter-Szene unterwegs war. Dort gab es für mich dieses Idealbild, dünn und zart zu sein – also das genaue Gegenteil von Stärke. Das hat mich körperlich und psychisch stark belastet. Frazettas Kunst hat mir geholfen, mein natürliches Körperbild anzunehmen, statt mich jahrelang dagegen zu wehren.“
Spannend finde ich in diesem Zusammenhang auch die zweite Ebene hinter den Fantasycovern und -kostümen: „CASTLE RAT sollen eine Welt darstellen, die für das Hier und Jetzt steht. Ich möchte bei jeder Show ein Universum schaffen, das zu betreten die Leute eingeladen sind. Es geht darum, einen Raum für all jene zu schaffen, die sich jemals irgendwo nicht zugehörig gefühlt haben, um ihnen einen Platz zu bieten, wo sie dazugehören; um wirklich herauszufinden, wie wunderbar Fantasy sein kann, und sich in diesem Moment zu verlieren.“ (Quelle siehe oben.)
Bilder von MJ.
Viele scheinen das CASTLE-RAT-Image als trashig, abseitig oder nerdig zu empfinden. Ich persönlich fand es beim ersten Anblick der „Into The Realm“-LP sofort cool und schlüssig, was möglicherweise daran liegt, dass ich schon seit früher Kindheit auf Comics und Fantasy stehe und somit Zugang zu der Bildsprache hatte. Ein Bekannter postete neulich ein Bild der neuen LP „The Bestiary“ und beschwerte über die unprofessionelle Gestaltung (fehlerhafte Perspektiven, ungünstiger Farbstich etc.). Ich behaupte: Das soll schon genau so aussehen. Mir ist eine derartig liebevolle Handarbeit auch hundertmal lieber als die KI/AI-Cover, die gerade große Bands zusehends verwenden. Heute zeigt sich jedenfalls: Das Image hat einen empowernden Effekt. Obwohl CASTLE RAT vielleicht nicht so explizit politisch agieren wie DAEVAR ein paar Tage zuvor in der Schaubude, so finden sich doch auch hier viele neue Gesichter, junge Leute und nicht wenige haben sich passende Outfits für den Abend zurechtgelegt. Die meisten Besucher:innen tragen natürlich Kutte, aber CASTLE RAT könnten größere Kreise ziehen, glaube ich. Genießen wir also den heutigen Abend im Monkeys, denn beim nächsten Mal dürfte es ein größerer Club werden (geplant war die Veranstaltung ursprünglich fürs Indra).
LAKNARRA eröffnen und passen nicht so wirklich zum Hauptact. Es scheint sich um eine Hamburger Band zu handeln, die bereits fast 20 Jahre auf dem Buckel habe. So wird mir zumindest erzählt. Das wäre insofern erstaunlich, als dass die Band in stilistischer Hinsicht eher orientierungslos wirkt. Rock mit Orgel, das kann geil sein. LaKnarra haben auch ihre Momente, einige Passagen lassen aufhorchen, der Sänger besitzt eine passable Stimme. Aber das Gesamtbild wirkt zerfahren, die Songs zünden jedenfalls bei mir nicht. Bin ich gedanklich schon halb im Realm der Rat Queen?
Die Hütte füllt sich bereits in der Pause so sehr, dass ich meine Hood verlasse, die bis zum letzten Moment im Pub des Monkeys sitzt. Die Sichtverhältnisse sind für meine Reisegruppe dann wohl auch schwierig, aber wenn man kein Zwei-Meter-Mensch ist, sollte man bei einem ausverkauften Konzert vielleicht auch nicht erst nach dem Intro zur Bühne schlendern. Ich habe noch Glück und kann der CASTLE-RAT-Show ganz gut folgen. Ein Intro verkündet die Ausgangssituation: Mittels des „Bestiarys“, einer Art magischem Buch, können die Seelen mystischer Wesen in das Reich der Rat Queen eintreten und sind dort sicher vor Feinden wie der Rat Reaperess. Denn leider haben jene, die anders sind, auch Feinde, die ihnen als Leder (oder Fell) wollen. Doch im Reich der Rat Queen sind zum Glück alle willkommen – und frei – und gleich. Im Verlauf des Gigs wird dann auch ein weißer Wolf heraufbeschworen, der sicher in den Realm hoppelt. Die Kostüme sind wirklich liebevoll angefertigt. Es ist ja durchaus mutig, sich mit Masken, Schwertern etc. auf die Bühne zu stellen und Spöttern Raum zu geben. Die Anwesenden gehen aber voll mit und feiern die Bestien- und Magiershow. Die funktioniert ohnehin auch rein musikalisch. Klassischer Heavy Metal mit Doom-Elementen lässt ganze Reihen vor der Bühne im Takt headbangen oder durch die beengten Platzverhältnisse wenigstens nicken. Die Doppel-Gitarrenleads sind herrlich gespielt, Pinkterton singt klar und kraftvoll und phänomenal finde ich ja den Schlagzeuger The Druid, dessen Fills und Wirbel mehrfach an Keith Moon erinnern. Das knackt rein! Während der Druide eine geweihartige Krone trägt, verhüllt den Kopf des Plaque Doctors (b) passenderweise eine Pestmaske. Der Leadgitarrist namens Count muss weniger schwitzen, passt aber durch Black Metal artige Gesichtsbemalung stimmig ins Bild. Vom Debut „Into The Realm“ sind unter anderem „Cry For Me“, “Dagger Dragger”, “Fresh Fur” und “Feed The Dream” dabei, während „The Bestiary“ mit locker neun Songs im Fokus steht, darunter „Dragon“, „Wizard“ und „Unicorn“. Viele schmettern textsicher mit und unterstützen Pinkerton beim appellhaften „This is forever“-Refrain. Auf der Bühne ist die Hölle los: Die Rat Reaperess versucht das Bestienbuch zu stehlen, kämpft mit der Rat Queen Pinkterton, erdolcht diese feige von hinten, wird aber von der natürlich wiederauferstehenden Heldin schließlich fair niedergemetzelt. Die Bewegungen sind gekonnt choreografiert, so dass die verkleideten Mitwirkenden nicht einfach nur rumstehen (sieht man ja häufig auf Metalkonzerten, dass irgendein Monster auf die Bühne kommt, dort aber nur etwas planlos mit den Armen fuchtelt). Auch nett: Wie im Theater verneigen sich am Schluss alle gemeinsam. So gibt’s begeisterten Applaus und die Schlange am Merch spricht für sich.
Metal, Monstren und Magie! Guck ich mir wieder an.
