RAZZIA, MAD MONKEY MASSACRE / 25.10.2025 - Lübeck, Treibsand
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Freitag, 07. November 2025 15:53
- Geschrieben von Doom Fränk
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Deutschpunk hat weltweit einen Namen: Slime! Aber um die geht es in diesem Bericht ja gar nicht, daher also jetzt auch kein Geschwafel an dieser Stelle über die unmißverständlichen Ansagen von Diggen (ex-Slime). Neben Slime gab es im Bereich des Deutschpunk für mich nur noch die nicht mehr existenten Canal Terror, Daily Terror, Vorkriegsjugend und als Depri Punk Version ChaosZ. Zwei Bands, die noch nicht genannt sind, gehören aber definitiv zu dieser Auflistung dazu und beide sind noch - oder besser: wieder - aktiv. Zum einen OHL (Oberste Heeresleitung), die mit ihrem Comeback- und gleichsam Jahrtausend-Album "Die Auferstehung" eine fulminante Rückkehr feierten und mit diesem selbst in den USA für ordentlich Wirbel sorgten. Zum anderen selbstredend Razzia aus Hamburg. Es gab in den 80ern bestimmt noch andere Deutschpunk Bands, aber die meisten davon kenne ich bis heute nicht oder fand sie immer schon k*cke, weil sie so dümmlich witzig waren. Egal, Razzia spielen heute und daher kann es wie jedes Mal nur heißen: Hin da!
Als klassischen Fishcore und Kutterpunk bezeichnen Mad Monkey Massacre ihre Stil. Das klingt ja schon mal interessant! Die Band gibt es wohl schon 5 Jahre, aber auf dem Radar habe ich sie bisher nicht gehabt. Ich denke bei fast allem mit Fisch immer - wegen dem Weserstadion - an Bremen, aber der Vierer kommt aus Flensburg und tritt in traditioneller Gesang, Gitarre, Bass und Schlagzeug Formation auf. Mich erinnert die ganze Chose etwas an die großen Angora Club, die vermutlich nicht weit entfernt von MMM ihren Proberaum haben.
Unterschiede glaube ich im typisch norddeutsch klingenden Gesang zu erkennen, der sich hier weitaus öfter von der Musik löst und teilweise mehr als angep*sster Erzähler denn als klassischer Sänger daherkommt. Nichtsdestotrotz bleibt es emotional und die deutschen Texte werden von der Band gelebt. Dem anwesenden, nicht mehr ganz taufrischen Publikum gefällt's und das ist ja im Treibsand im Gegensatz zum Kieler Publikum durchaus "Band" verwöhnt...
Eintritt heute günstige 20, Bier 2,50...Razzia und das Treibsand bleiben den Wuzeln des Punk treu. Eine Berliner "Punk" Band mit lustigen Frisuren und einfach gestrickten Texten rief letztens in der Pumpe fast 50 auf - soviel zur Teilhabe für alle oder Solidarität mit sozial Schwachen. Naja, die Band muss wohl halt noch die Rente zusammen bekommen, bei Razzia ist das nur mit der Musik ohnehin nicht mehr zu schaffen. Egal, wie so oft.
Mit Nitro, dem instrumentalen Intro des aktuellen Albums von Razzia, beginnt wie so oft das nun kommende Set in dem gut gefüllten aber wohl nicht ganz ausverkauften Treibsand. An dieser Stelle muss einmal kurz gesagt werden, dass die letzte Scheibe "Am Rande von Berlin" wirklich wieder ein mega Kracher geworden ist, wobei Razzia egal ob mit Rahjas oder Schraube als Sänger kein schlechtes Album veröffentlicht haben. Besonders das von Schraube eingesungene "Relativ sicher am Strand" halte ich für außergewöhnlich gut und es ist irgendwie schade, dass Razzia live nur noch die Rahjas Phasen berücksichtigt. Andererseits ist die Spielzeit pro Abend auch begrenzt und von den heute gespielten 20 Liedern würde ich auch keines im Austausch streichen wollen.
Bei Nicht in meinem Namen erscheint Rahjas dann auf die Bühne. Natürlich ist auch er gealtert, etwas dünn vielleicht, aber immer noch voller Energie, wobei ihm eine gewisse Resignation bezüglich der Unveränderlichkeit der Verhältnisse durchaus anzusehen ist.
Neben ihm das mehr oder weniger weitere Urmitglied Frank Endlich, dessen Gitarrenspiel nur als prächtig bezeichnet werden kann. Nicht nur optisch macht er seit jeher eine super Figur; er fungiert auch als wandelnde Razzia Enzyklopädie und wird im Laufe des Abends immer wieder berichten, wann und auf welchem Sampler das zuletzt gespielte Lied erschienen ist. Rahjas dagegen erinnert sich, dass Razzia - noch vor Kackschlacht und ganz weit vor Slime der geilste Name einer deutschen Punk Band - 1986 zuletzt im Treibsand gespielt haben. Andere Zeiten vermutlich.
Vor Arsch im Sarge raunt mir ein Kumpel - den ich jetzt schon zum 3ten oder 4ten Mal zu Razzia mitgeschleppt habe - zu, dass Rahjas jetzt die gleiche Geschichte wie immer erzählen wird. Na und? Die ist halt super und ich höre sie immer wieder gerne. Das Dschungelbuch oder Tarzan auf Sardinien ändern sich ja auch nicht und werden wieder und wieder und wieder erzählt - daher hier eine stark gekürzte Wiedergabe:
Also, vor 180 Jahren wollen Peter "Ball" Wodok (ex Slime und RIP) und Rahjas "Rahjas" Thiele ein Schlagzeug kaufen. Das machen sie dann auch und transportieren es in einer Schubkarre (da wird man doch schon beim bloßen Zuhören bekloppt!!! Naja,andere Zeiten...) bis in das Schlafzimmer der Eltern des Razzia Sängers. Aber was willst machen, das Schlagzeug ist nun mal etwas größer als eine Querflöte. Wiewohl Mama und Papa nicht einen Meter entfernt pennen, werden gleich mal alle Felle auf ihre Dichtigkeit geprüft und wahnwitziges Geschrei erfüllt zusätzlich den Raum. Dabei entsteht wie durch ein Wunder der mega Kracher Bis dein Arsch im Sarge liegt...heute noch gespielt. Unglaublich, oder?
Natürlich ist Nacht im Ghetto der Oberkracher, aber auch Der Söldner wird ekstatisch abgefeiert und wir können der Band nur danken, dass es das letztgenannte Stück auf die Setlist geschafft hat. Große Unterschiede werden aber weder bei die Band, noch bei dem Publikum gemacht. Alte und neue Lieder begeistern gleichermaßen. Welche Band kann das schon von sich behaupten? Bei den meisten Bands wie zB New Model Army werden ja größtenteils nur die Alten gefordert und die Neuen Lieder verschmäht. Also von den echten Fans...aber egal.
Die Band, zu der inzwischen auch Andreas "Rotter" Rotter, Falko Grau und Mirco "Werner" Berner gehören, schreibt wohl gerade an neuen Songs und wir können mächtig gespannt sein, was da noch kommt. Das aktuelle Album ist ja leider in der Pandemie erschienen, so Rahjas etwas resigniert.
Ich hoffe, Urmitglied Andreas Siegler schreibt auch wieder mit. Mit diesem hatte mal eine sehr kurze Brieffreundschaft und dafür vielen Dank noch einmal.
Setlist anbei, mehr zu Razzia nach dem Konzert im November auf der Stubnitz - ist ohnehin schon wieder zu lang geworden.
Fazit: Super Band, super Konzert. Für das Gebotene eigentlich viel zu billig!!! Und sogenannte “Punks” aus Berlin spielen für 50 Euro in die Pumpe...da pfeift mir doch der Sack....
