DAEVAR, VALEA VIILOR / 25.10.2025 – Kiel, Schaubude
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Donnerstag, 06. November 2025 21:20
- Geschrieben von Philipp Wolter
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Wie entdeckt ihr neue Musik? Was bei mir noch nie funktioniert hat, ist das kurze Anchecken, also weder früher im Plattenladen noch heutzutage via Internet. Es gibt zwei andere Wege, die sich für mich als optimal erwiesen haben: Plattenkritiken und Treffen mit Bekannten zum gemeinsamen Vorstellen neuer Tonträger. Okay, die letztere Methode kann natürlich auch digital funktionieren, also wenn Leute, deren Geschmack sich mit meinem überschneidet, etwas Interessantes posten. Aber am besten ist es doch, sich mit ein paar Leuten zu treffen, dabei diverse Getränke zu genießen, vielleicht wat zu kochen und jede:r legt dann halt mal eine Scheibe auf. Ich treffe mich seit Jahren mit zwei Kreisen von Leuten, wo das so zelebriert wird. Irgendwann lief mal eine LP von DAEVAR und der betreffende Kumpel hatte vom Konzert auch einen Patch mitgebracht. Dieser Backpatch mit Logo und Regenbogen plus dem Spruch „SOMETIMES DOOM SOMETIMES GRUNGE FOREVER ANTIFASCIST“ ist es, der uns heute zum Konzertbesuch animiert! Zugegebenermaßen hatten wir den Namen DAEVAR nämlich nicht mehr im Kopf, aber als wir heute – am Tag des Konzertes – auf die Veranstaltung aufmerksam gemacht werden, fällt uns der Patch wieder ein. MJ bastelt nämlich gerade an einer Kutte, auf der ausschließlich Bands mit weiblicher Beteiligung sein sollen und wenn man schon so einen Hammerpatch wie den von DAEVAR liegen hat, will man natürlich auch die Band live sehen! Also sofortige Planänderung und ab zur Bude!
Bilder von MJ.
Röschi mutmaßt noch, dass es aufgrund des zeitgleich in Hamburg stattfindenden LAZY BONES Festivals heute eher mau besucht sein könnte. Doch tatsächlich füllt sich die Bude bereits zur ersten Band ordentlich. VALEA VIILOR erweisen sich als Stoner Band, die ausschließlich instrumental zockt. Mir gefällt die entspannte Art der Musiker. Da versucht keiner, wilde Showeinlagen zu starten oder das Publikum zu animieren. Hier wird einfach die Musik genossen. Die Orange-Boxen dröhnen warm, die Bässe lassen die Hosenbeine flattern. Die Songs haben etwas Cineastisches, ich könnte mir die Musik sehr gut zum Lesen vorstellen. Manchmal baut das Trio minutenlang Spannung auf, steigert sich in psychedelische und trippige Klanglandschaften, verliert aber nie den roten Faden. Entsprechend wogen im Publikum die ersten Ausdruckstänzer hin und her. VALEA VIILOR kommen gut an, einige hätten gern ‘ne Platte abgeerntet, aber offenbar hat die Band noch kein Album aufgenommen. Kommt sicher noch!
DAEVAR empfinde ich als mehr als „nur“ Musik. Bereits der oben zitierte Satz stellt eine Positionierung dar, die so bitter selten geworden ist. Und immer wichtiger wird. Bassistin Pardis Latifi hat offenbar iranische Wurzeln und verweist im Verlauf des Konzerts auf die Situation von Frauen im Iran, die um ihr Leben fürchten müssen, wenn sie nur singen oder ein Instrument spielen. Mir erzählen zudem mehrere Besucher:innen, dass DAEVAR sich auch offensiv queerpositiv positionieren und generell für Empowerment stehen. Als Latifi ihren Bass dreht und hochhält, kann man dort die Worte „WOMAN – LIFE – FREEDOM“ lesen. Ich denke, dass sich diese Haltung auch im Publikum widerspiegelt, denn es kommen neben den üblichen Stoner- und Doomheads doch auch viele „neue Gesichter“. Den Grunge aus dem Slogan höre ich weniger heraus, Doom und Noise scheinen mir eher die musikalischen Eckpunkte des Kölner Trios zu sein. Der Gitarrist Caspar Orfgen (seinen Namen könntet ihr aus Röschis HOFLÄRM-Bericht kennen, denn er veranstaltet das Ding zusammen mit seinem Vater) fährt einen monströsen Sound, als würde eine Eisensäge durch rostiges Metall getrieben. Brutal tiefe Frequenzen bilden zusammen mit den schweren Beats (an den Drums: Moritz Ermen Bausch) einen herrlich treibenden Sound. DAEVAR gelingt es dabei immer wieder, dass sich zarte Melodien aus dem Gewitter herausschälen. Latifis Stimme schwebt im Mix, wirkt mal entrückt, dann wieder wütend und angepisst. Neben den massiven Riffs sorgen auch sehr geil melodische Soli für Begeisterung. Insgesamt ragt dieser schwere Doom durch seine Vehemenz aus dem Meer ähnlicher Bands (düstere Atmosphäre, erhabene Riffs, Grooves und Melodien) heraus. Und natürlich durch die dahinter stehenden Botschaften! Es ist ja leider so, dass sich viele Bands das nicht mehr trauen – offenbar zum Teil auch aus einem gewissen Kalkül heraus, ja keine Fans zu verprellen. Zum Glück gibt es dann doch Musiker:innen wie DAEVAR und da sag ich Danke für diesen tollen Auftritt!
SOMETIMES DOOM SOMETIMES GRUNGE FOREVER ANTIFASCIST!
