GIANT HAZE - "Cosmic Mother" (2025)

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GIANT HAZE

GIANT HAZE - Cosmic Mother  Foto aus dem Netz geklaut

 

Auf dem Skateboard durch die Wüste

 

Wenn man schon mal in einem x-beliebigen Plattenladen dieser schon lange nicht mehr so schönen Welt,  Abteilung „Rock“, Regal „Heavy“ in der Kiste „Haschgift“ herumgeblättert hat, kann man den Eindruck gewinnen, dass die internationale Kifferbehörde nur maximal 200 Vokabeln zur Bildung von Bandnamen und Albumtiteln für Stoner-Musik freigegeben hätte. 

Vielleicht sogar nur 150. 

Begriffe wie Green, Bong, Dope, Earth, Haze und was einem da noch so an Klischees vor die Füße geworfen wird, beherrschen den Markt. 

Auf diese Weise ist zu fast hundert Prozent gewährleistet, dass selbst die bekiffteste Töle möglichst schnell, zweifelsfrei und eindeutig über das zu erwartende Genre informiert wird. 

Und zack: Der Trigger löst aus, und die Platte, Konzertkarte oder auch das Tischört ist gekauft. 

Oder gleich alles. 

Ungehört! 

Plus drei Snickers. 

Für den Weg. 

So oder ähnlich haben es sich wohl auch die vier Kieler Rocker von GIANT HAZE gedacht, als sie für ihren Bandnamen gleich mal gaaaaanz tief in die Kiste mit dem Grünschnitt gelangt haben. 

 

„Fördespatzen“ hätte aber auch wirklich nicht funktioniert. 

 

Und um mal so gar keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen, was die geneigte Käuferschaft erwarten würde, griffen sie für den Namen ihres Erslingswerkes nur einen halben Joint entfernt noch mal schnell in die Schublade mit der Aufschrift „Egotherik/Space/New Age“... 

Cosmic Mother heisst das Album. Am 22. August 2025 ist es auf  Tonzonen Records erschienen und nun in diversen Aggregatzuständen im Handel erhältlich. 

Aber wer sind GIANT HAZE denn überhaupt? 

Wenn man in die Anfangsjahre dieser Band zurück geht, kann man GIANT HAZE als klassisches Power Trio bestehend aus Timo (Mosquito Jack, State of Value) am Schlagwerk und anfänglich Gesang, Andi (Nuisance of Majority, Vladimir Harkonnen, Uncle Ham, Mørder, Bleeding Machine) am Bass sowie Pete (Sub-Effect, Bonehouse, Bob Mosh, Pathfinders of Mosh, Rotze) an der Gitarre betrachten. 

Denn genau in dieser minimalistischen Besetzung sind die drei mittelalten und bühnenerpürobten Herren vor ein paar Jahren erstmals gemeinsam als Kai S. angetreten. 

Ich persönlich habe die drei zum ersten Mal an Weihnachten 2022 auf Micha Møllers 50tem Geburtstag im Rahmen des obligatorischen Weihnachtskonzerts der Typhoon Motor Dudes in der Kieler SCHAUBUDE als Support erlebt. 

Die Idee zu dem Projekt war aber schon drei Jahre früher entstanden, als Gitarrist Pete seinem Bandkollegen Felix von den Pathfinders of Mosh eröffnete, dass er  keine Lust mehr hätte, arbeiten zu gehen. 

Darauf empfahl ihm dieser - ganz Kumpel - es mal wie alle Musiker, denen ihre Würde sowie ihr Seelenheil nichts mehr bedeuten, mit Covermusik zu versuchen. 

Da während des Gesprächs gerade KYUSS im Auto liefen und weil KYUSS ja ähnlich wie Atzedatze oder Modderhead eine Art generalisierte Schnittmenge in Sachen Geschmack darstellen, wurde gleich mal ein schweizer Nummernkonto eröffnet, und die Marschrichtung stand fest: 

KYUSS Cover sollte es werden. 

Und das fett! 

Zufälligerweise begegnete Pete am Ziel dieser schicksalsträchtigen Autofahrt unmittelbar beim Verlassen des Fahrzeugs völlig unerwartet Drummer Timo, meinte nur: „Komm, wir machen 'ne KYUSS-Coverband und werden berühmt“, und schon lief die Maschine an. 

Als Bassisten suchte sich Pete seinen alten Bandkollegen Andi aus. Überzeugungsarbeit war nicht vonnöten. Den Gesang übernahm in dieser Urbesetzung Drummer Timo. Der einzige in der Truppe, der musikalisch bisher noch nicht mit den anderen zusammen gearbeitet hatte. 

Zum WILWARIN Festival 2023 wollten Kai S. sich dann doch gerne mal einen Song mit einem „richtigen“ Sänger draufschaffen. 

Und deshalb wurde das Trio dann schon bald durch den nicht weniger erfahrenen Chris (Nuisance of Majority, Moshroom), angereichert. Der wiederum war Andi schon aus der gemeinsamen Zeit bei NoM ans Herz gewachsen. War er es doch, der Andi vor Jahren überhaupt erst mit KYUSS  infiziert hatte. 

Eigentlich sollte er, weil er irgendwie schon seit „immer“ sämtliche KYUSS Texte in- und auswendig kennt, nur mal eben spontan für diesen EINEN Song vorsingen, ist aber direkt während des ersten Castings, während er mal kurz austreten war, auf Anordnung der drei Bandkollegen zum Frontmann befohlen worden. 

Gelebte Demokratie! 

Aber im Ernst: Die Chemie stimmte einfach, und seine ausgeprägte Vorliebe für Death Metal und Harcore Punk sowie Stoner-, Psychedelic- und Spacerock mit den Fachgebieten KYUSS  und Monstermagnet war auch nicht gerade ein Hinderungsgrund. 

Seitdem schwingt Chris für Kai S. die Mikrophone (live braucht er zwei davon) sowie das Tanzbein. 

In dieser endlich komplettierten Besetzung konnte sich das norddeutsche Livepublikum eine Zeit lang von der absoluten Spielfreude sowie der authentischen Energie und Schubkraft des neuen Dreiers mit Steuermann überzeugen.

 

GIANT HAZE 

     GIANT HAZE  Foto aus dem Netz geklaut

 

Aber immer nur Cover? 

Bei vier alten musikalischen Individuen mit zusammen gut 100 Jahren Bandkontext? 

Es war lediglich eine Frage der Zeit, dass vier so etablierte und kreative Künstler aus so unterschiedlichen und doch wieder gleichen Lagern irgendwann ihren eigenen Weg beschreiten würden. 

Und das haben sie relativ fix getan. 

Nach gut einem halben Jahr stand gegen Ende 2023 das erste eigene Programm mit ersten eigenen Songs auf eigenen Beinen. 

Der Name Kai S. Ging nun natürlich nicht mehr, und somit wurde die neue Kieler Stoner-Supergroup GIANT HAZE getauft. 

Ich persönlich habe zum ersten Mal im September 2024 auf dem Pink Tank Festival im Freibad Osterrönfeld von der Existenz dieser neuen Band erzählt bekommen. 

Und gerade mal drei Monate später konnte ich sie dann erneut auf Micha Motordudes Weihnachts-Geburtstagsparty in der ganz frisch eröffneten NEUEN SCHAUBUDE IM HINTERHOF erstmals live erleben; dann dreieinhalb Monate später noch mal beim BAD TO THE STONE FESTIVAL WARM UP am gleichen Ort sowie im August 2025 als Opener für Valley of the Sun im Hamburger HAFENKLANG. 

Und jedes Mal, selbst beim Auswärtsspiel an der Elbe, war es wirklich umwerfend, weil GIANT HAZE es schlicht drauf haben, das Publikum live vom ersten Takt an mit ihrer hochenergetischen Bühnenpräsenz in ihren Bann zu ziehen. 

Diese Band regt eben nicht nur die bei Stoner ja quasi inventarisierten Bart-Opas wie mich zum Kopfschunkeln an, sondern schafft es, generationen- und geschlechterübergreifend eine breite Masse an Menschen über die Dauer des gesamten Sets zum Pogen zu bringen. 

Dies ist eindeutig der eigenständigen Mischung aus der üblichen schiebenden Palm-Desert-Ästhetik mit Einflüssen aus 70er Fuzzrock, Hardcore Punk und auch Nu-Metal Akzenten a la KORN geschuldet. 

Das kommt dabei raus, wenn sich vier eigenständige Künstler*innen aus den verschiedensten Genres auf Augenhöhe zusammenfinden. Und zusammen mit dem harten, rauen, drückenden und durchaus ausgefeilten Trademarksound der Band funktioniert dieses übergreifende Songwriting einfach nur prächtig! 

Bei so viel Gruppendynamik blieb es nicht aus, dass sehr schnell genug Material für ein komplettes Album zusammen geschrieben war. Und so machte man sich irgendwann 2024 daran, im ländlichen Probenraum den ersten eigenen Longplayer mit stattlichen 12 Songs aeinzuspielen, wobei es verstärkt darum ging, ganz dezidierte Soundvorgaben zu erreichen und die raue Energie der Liveauftritte nicht im Produktionsprozess zu ersäufen. 

Als nach langem Feilen, Tüfteln, Bestellen, Ausprobieren, Zurückschicken und neu Ausprobieren endlich die perfekten Fuzzpedale, die dem Sound seine Natürlichkeit, Offenheit und Direktheit nicht rauben, sowohl für Bass als auch für Gitarre gefunden (Zitat Andi: „Das muss einem das Gesicht abreissen!“) und auf die Verstäker abgestimmt waren, konnte es losgehen: 

Innerhalb von nur einem Tag spielten Timo und Andi gemeinsam die Drum-and-Bass-Sektionen ein.  Hierzu waren jeweils nur ein bis zwei Takes erforderlich. Erwähnenswert ist die Tatsache, dass Andi mit lediglich einer Bassspur pro Track ausgekommen ist. Resultat der langwierigen Soundtüfteleien im Vorfeld. 

Darauf dann legte Pete ebenso professionell seine beiden durchgehend analogen Gitarrenspuren daneben: Gitarre - Pedalboard -  A/B-Box - 2 Amps - Boxen - Mikros - feddich! 

Abschließend lieferte Chris dann die Gesangsspuren  ab. 

Während des Aufnahmeprozesses holte sich die Band etwas Unterstützung von Micha Møller (Typhoon Motor Dudes, Pathfinders of Mosh, BCC und die brennenden Hunde und viele andere mehr) ein. Dieser experimentierte mit diversen Mikrofonen sowie reichlich konventionellen wie auch unorthodoxen Mikrofonierungsmethoden herum und stellte somit sicher, dass eine ausreichend große Anzahl unterschiedlicher Spuren zur Verfügung stand, um daraus die optimal klingenden auszuselektieren. 

Die Aufnahmen führte die Band danach in Eigenregie aus. 

Das Mastering fand dann in Kiel bei Ulf Nagel (unter anderem Suburban Scumbags) statt und nahm ungefähr sechs Wochen in Anspruch, weil die Band dem bis dahin Unbeteiligten ihre klar definierte Soundvorstellung erstmal vermitteln und man immer wieder die feine Feile ansetzen musste. 

Der Lohn für diese intensive und arbeitsreiche Zeit liegt nun vor mir auf dem virtuellen Plattenteller: 

 

Cosmic Mother heißt der Tonträger, wie oben schon erwähnt, und er ist bei Tonzonen Records erschienen. 

Track eins, Geographic Gardens Suck mit seiner ausgesprochenen Monster Magnet Energie tritt den Hörenden gleich mal direkt in die Fresse. Auf meiner ewigen Liste der gelungensten Albumopener teilt sich dieser Song zusammen mit Start me up von den Stones zurzeit Platz eins. Kein Wunder, dass die Vier damit auch stets ihre Livesets eröffnen. 

Wenn's passt, dann passt's eben. 

Nicht weniger wuchtig geht es weiter mit King Of Tomorrow, einem klassischen 120bpm Headbanger Discofox a la Stayin' alive oder Highway to hell, der sich auch perfekt als Soundtrack zur Herz- Lungen-Wiederbelebung eignen dürfte. Beim Sound muss ich ein bisschen an Smoke Blow denken. 

Track drei, Yard Of Oblivion, geht etwas schneller ran und besticht gesanglich durch einen fast schon gruftigen 80er Sound und die schönen mehrstimmigen Backgroundharmonien, die uns Kieler*innen natürlich sofort an Bands wie Typhoon Motor Dudes oder Vladimir Harkonnen erinnern. 

Watt'n Wunner... 

Ich bin ja nicht so der Punkrock-im-Viervierteltakt-Typ, und so kommt für mich mit Track vier, Sunrise,  ein echter Höhepunkt des Albums. Eine schön fett im Palm Desert Style komprimierte Gitarre, unterstützt von der fast schon jazzig groovenden Rhythm Section in Kombination mit 6/8, 7/8 oder was weiß ich noch für Mindfuck-Takten, stellen das Instrumentalstück ins gleiche Regal wie Fatso Jetson oder Yawning Man. 

Grandios! 

Nahtlos geht es über in den fünften Song, Sundance, der uns nun wieder mit Gesang und schlichterer 4/4 Dynamik in Richtung schleppigen Rocks mit leichter Danzig Attitüde zieht. 

Auch diese Nummer schleift sich direkt durch in Track sechs. From Another World heisst das Ding und es transformiert den Vorgänger erst zu einem bedrohlich dynamischen und balladesken Shoegazer, nur um dann im zweiten Teil Schwung aufzunehmen und wieder in ausgesprochen rockende Monster Magnet Gefilde zu entschweben. 

Hymnisch! 

Richtig schön schnell und treibend geht es mit Track sieben, Panic To Ride, weiter. Dieser Song wurde vorab schon als Single mit einem tollen Video veröffentlicht. 

https://www.youtube.com/watch?v=fzYIEE3yiGE 

Wo zum Geier ist mein Skateboard? 

In Track acht, Crank In Public, einer waschechten und brutalen Crossover Nummer dominiert Chris Gesang eindeutig. Der steht hier mal so richtig weit vorne, bevor es in ein wildes und auch wieder jazzig anmutendes Instrumental-Zwischenspiel übergeht. Hier übernehmen Gitarre und Schlagzeug sehr überzeugend die Hauptrolle, während sich Andi am Bass vorbildlich in den Dienst des Songs stellt. 

So geht Teamwork! 

Mit Song Nummer neun, Pull The Plug, fuzzen die Jungs dann wieder mit viel Wucht ab in Richtung Palm Desert und bringen Köpfe zum Wackeln. 

1000 Tons Of Stone, der zehnte Track will uns anfangs vorgaukeln, er sei eine beliebige 90er Schweinerockballade, kriegt dann aber natürlich die Kurve und walzert sich dann schön den altbewährten Schlepp-Pfad entlang. 

Unterm Strich wohl die süsslichste Komposition dieses Albums. 

Bei Shrink Age, der vorletzten Nummer geht es noch mal ins Skateboard-Rockland. Crossover mit viel Fuzz ist angesagt. 

Voll in die 90er Fresse! 

Der Rausschmeisser, A Smile For The Dead, beginnt mit angemessen moderatem Tempo und geleitet die Hörenden mit seinem eingängigen schweren Riff langsam aber sicher zum Ende des Longplayers. Für meine Ohren steckt auch hier wieder etwas 80er Gruftrock drin, aber durch Petes Gitarrenarbeit wird auch dieser Eindruck nicht übermächtig. Standesgemäß endet das Album mit einem letzten schweren Riff. 

Ein amtlicher Abschluss!

 

Was soll ich nun sagen? 

GIANT HAZE haben es wirklich sehr gut hinbekommen, ihre Klangvorstellungen sowie die raue Energie ihrer Liveperformances auf ihr Erstlingswerk zu übertragen. Die Mühe, die sich die vier im Recording- und Masteringprozess gemacht haben, hat sich ausgezahlt. 

 

Aber wisst Ihr was? Live ist das alles noch eine Spur intensiver!

 

Also kommt am 06. September 2025 zum BAD TO THE STONE FESTIVAL auf den Hof Blockshagen in Mielkendorf. Im Rahmen dieses Festivals wird dann quasi auch das Album Release gefeiert. 

 

Abschließend kann man feststellen, dass sich GIANT HAZE mit ihrem Erstlingswerk Cosmic Mother vom Ursprung der KYUSS Coverband  auf anspruchsvolle und eigenständige Weise bewusst emanzipiert haben. Ich höre so viele unterschiedliche Einflüsse aus HC-Punk, Crossover, Nu-Metal, Jazz und was weiß ich noch alles, und ich finde es gut. Darüber hinaus bewahren sie auch noch die gewisse Spur Kiel-Sound, der sich über die letzten Jahrzehnte in Kiel-Rock-City etabliert hat, was ich persönlich auch sehr sympathisch finde. 

 

Allen, die dennoch nicht darauf verzichten möchten, sei gesagt: Kai S. werden nebenher weiter bestehen und als solche mit ihrem KYUSS-Cover natürlich die ursprüngliche (Palm-) Desertfahne hoch halten. 

Apropos Cover: Das Artwork des Albums stammt aus der Feder von Gitarrist Pete! 

 

Jörg Röschmann

 

 

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