HÆRESIS, MANØVER, NOWAR, MESS OF MANKIND, MANEATER, URISK / 26.07.2025 – KIEL Mielkendorf, Antikörperfest Gut Blockshagen
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Dienstag, 12. August 2025 13:35
- Geschrieben von Doom Fränk
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Das Antikörperfest gab mal im Vorweg folgendes bekannt (und ich vermute, es ist zu großen Teilen immer noch gültig): Die ganze Veranstaltung ist 100% DIY, von Punx für Punx und stellt sich gegen alles, was große Festivals wie Wacken ausstrahlen.
„Also keine Opernsängerinnen?“ – „Nö“. „Und Mittelaltergedudel?“ – „Nee“. „Und so Fantasierüstungen aus Plastik? Mit aufblasbarer Streitaxt?“ – „Auch nicht!!!“.
Hm, also nur Geballer, Gebrüll und Geschrei. Was nun, kleiner Mann? Rauf auf das Fahrrad - weit ist es ja nicht - und hin da!
Der Untergrund lebt! Und damit meine ich nicht die Rattenplage zwischen Bölterkamp und der Harmsstraße am Südfriedhof. Die ist echt schlimm. Inzwischen sieht man ja schon Rentner, die statt der Tauben eben diese Nagetiere von der Parkbank aus füttern. Aber egal, zeitgleich mit dem Antikörperfest findet auch noch das Headbangers Open Air statt und auch dort wird ja im Vergleich zu anderen Veranstaltungen die unkommerzielle und weniger den Boulevard Magazinen verhaftete Basis gefeiert. Schade ist eigentlich nur, dass durch die zeitliche Überschneidung sicherlich einige Besucher hier und da verloren gehen – aber der Untergrund lebt!
Der Veranstaltungsort ist tatsächlich sehr schön und alle Bands werden dies später auch äußern und sich bei den netten Veranstaltern bedanken – hier ist man noch auf Augenhöhe. Viel Grün, Bäume, so eine zu einer Seite offene Remise mit super Sound und Licht als Bühne sowie einem Bierpilz. Mit Bier Pils. Und Limo. Ich muss aber noch fahren, also bleibe ich heute komplett nüchtern. Ach, putzige und anfangs super gelaunte Alpakas gibt es auch noch.
Urisk dürfen beginnen. Die Band aus Bonn besteht im Kern nur aus Sängerin Marleen und dem Instrumenten-Magier Benedikt, aber zur Live Umsetzung sind sie mit ganzer Band erschienen. Progressiver Black Metal, der auf alles überflüssige wie Gesichtsbemalungen verzichtet und sich rein auf die Musik konzentriert. Diese hat durchaus Tempowechsel, entgleitet aber nie in die sinnlose Raserei. Mittelpunkt der Show ist natürlich die Sängerin in ihrem roten Kleid, welche die Lieder stets auch mit Gesten und entsprechender Mimik begleitet und dadurch dem Ganzen eine glaubwürdige und nachvollziehbare Dramatik verleiht. Toll fand ich den Moment, wo sich Marleen – passend zur Musik – erschrocken umblickt. Ganz großes Kino!
Aber auch sonst eine super erste Band, die - wenn ich mich richtig erinnere - auch noch ein Cover von Oi Polloi spielt. Am Black Metal kannst du trotz progressiver Herangehensweise natürlich wenig ändern, wenn du die Musikrichtung nicht verlassen willst. Aber etwas verspielter und komplizierter als das gewöhnliche Geknüppel auf Tempo ´Autobahn ganz links´ ist es hier schon. Dazu kommt wenig Klargesang, dafür aber um so mehr Gebrüll und Gefauche der Sängerin. Hm…eher Gefauche als Gebrüll. Respekt dafür, das ist schon eine Wand. Mir gefällt es so gut, dass ich eine CD „abernte“ und diese auch gerne weiterempfehle.
Maneater aus Haale (Saale) next. Die Mischung aus Black und Death Metal ist hier schon eindeutig rustikaler, kommt traditioneller daher. Der Auftritt ist von vornherein stimmig. Schwarze Kapuzen bestimmen das Bühnenbild und wer genau auf das Bild schaut, erkennt sofort, wer mehr als einen Löffel von Oma Blockshagens Erdbeer-Gelee probiert hat.
Das umgedrehte Kreuz kommt mir allerdings merkwürdig bekannt vor. Das sieht so aus wie das, was letzte Woche von dem Grab von Hasso Pötter verschwunden ist. Seine Witwe, die dicke Minna Pötter, hatte deswegen doch noch eine Such-Annonce in der „Goden Dag, leeve Lüüd“ geschaltet – falls sich daran jemand erinnert?
Aber egal. Einspielungen begleiten das Set und der Gesang ist agressiv, fordernd und anklagend. Vorne wird gebrüllt, dahinter wird geschrubbt. Einfach, aber wirkungsvoll. Die zwei E-Gitarren deuten schon darauf hin, dass ein Bass-Solo heute eher nicht zu erwarten ist. Das fehlt aber auch nicht, Maneater räumen ab und erweisen sich als zweite super Band des Tages. Gutes, gebolztes Set mit coolem Bühnenauftritt. Das Kreuz aber bitte wieder zurückbringen – Hasso wird es danken!
Bei Mess of Mankind muss ich später an den großen Berthold Brecht denken. „Ich möchte deine Stimme hören, auch wenn sie nur klagt“ – diesen wunderschönen Satz hat uns Bertolt Brecht in seinem Drama „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ aufgegeben. Die Band aus Nürnberg hat vermutlich nicht nur die längste Anfahrt – sie ist auch – hoffentlich nicht deswegen – die angepissteste des Tages. Hier geht es gegen alles, was im Moment oder auch schon länger schief läuft. Sei es an den Grenzen oder im Inneren. Oder Äußeren – eigentlich überall.
Der Gesang – Typ hysterische Hausfrau – geht mir anfangs richtig auf den Zeiger, aber je länger die Show dauert, um so geiler finde ich diesen. Als Unterbau gibt es super schnelles Gebretter, das als Fem HC Punk angekündigt wird, aber für mich eher Fem Grind oder sonst was ist. Nichtsdestotrotz, nach anfänglichem Zweifel bin ich am Ende begeistert. Eine super Band Auswahl bisher! Neben dem Geschrei überzeugt eine Ansprache der Basserin zur aktuellen Lage und der Gitarrist, der als Scott Ian Double (der Vogel von Anthrax) durchgeht. Beweisfoto anbei – sofern der Editor es will:
Super, Danke und ich möchte das Geschrei der Sängerin weiter hören – auch wenn sie nur klagt. Dritte super Band des Tages und drei weitere folgen ja noch.
Nowar, Kiels letzte Hoffnung im Bereich des Hardcores, next. Da braucht man jetzt keine großen Worte verlieren, der geneigte – regionale und überregionale - Leser dieser Punk Rock und Metal Schmonzette ohne Niveau kennt sie ohnehin. Viel dichter am geilen Old School Geballer als am neumodischen und eintönigen Metalcore geht´s entlang. Es gibt gradlinigen Hardcore, der nicht ohne dieses schmierige Norddeutsche auskommt, das auch Smoke Blow ihr Eigen nennen. Dies ist aber nur eine Randerscheinung – eigentlich könnte das Ganze auch aus der Lower East Side kommen und Ende der 80er in NY abgemischt worden sein.
Energie ist da ohne Ende und in modischen, weißen Tennissocken – welche uns bereits auch der „Sänger“ von Maneater präsentierte – geht es springend und kickend über die Bühne. Dies ist bisher die eingängigste Musik des Tages und dementsprechend kommt auch Leben auf die Fläche vor der Bühne. Groovender Hardcore verleitet nun mal eher zur Bewegung als Black oder Death Metal, daher ist dies bitte nicht wertend zu verstehen.
Als Zugabe gibt es ein Cover von „Eisbär“ der Band Grauzone. Das haben zwar schon viele versucht, aber an dem Lied kannst du nichts kaputt machen. Dementsprechend wird es abgefeiert und die vierte super Band des Tages verlässt die Bühne.
Nun wird es custig mit MANØVER. Wären Bilder in der Sauerkrautfabrik erlaubt gewesen, würde so manch einer jetzt denken: Hm, den Bärtigen am Schlagzeug kennst du doch! Ja!! Der trommelt doch tatsächlich auch bei Winselmutter die dunklen Beschwörungen ein! Sehr umtriebig, der Herr. Hier noch schlicht Julian, bei Winselmutter Ugror Blasphemikk Desecrator. Naja, der Trend geht zum Zweitnamen. Da muss man etwas bei der Einreise in die USA aufpassen und sich fragen, ob man diesen freiwillig nennt oder den Grenzer jenen erst durch ausgiebige Internetrecherche ermitteln lässt. Egal, die Band ist auch schon wieder geil angepisst und das ohne eine geplante Texas Rutsche.
Mal brachial und schnell, dann wieder brachial und langsam. Die erquickende Mischung aus Doom und HC wird hier zelebriert, derweil es vor der Bühne langsam dunkel wird. Dementsprechend kommt auch jetzt die sehr gute Lichtanlage zum Einsatz und untermauert die Crust-typische, etwas ranzig daherkommende Bühnenshow des Dreiers aus Osnabrück. Auf der Bühne machen sie, was sie wollen und diejenigen davor leider auch.
Einer der Besucher ist so besoffen oder geistig instabil oder vermutlich beides, dass er versucht, einen Bistro Tisch auf die Bühne zu werfen. Ist so passiert! Kein Witz! Da greift dann die „Security“ doch mal ein, nachdem sich der Typ zuvor auch schon ein paar Mal abge(s)packt hat. Derweil woanders für einen freien (Männer-)Oberkörper oder auch den zutiefst verabscheuungswürdigen aber nichtsdestotrotz - per legem - eher harmlosen Tatbestand der Vielweiberei Hausverbot erteilt wird, ist die Toleranzgrenze hier erstaunlich hoch.
Fazit: Super Auftritt, fünfte super Band des Tages. Ich wünschte, das wäre in manch kommerziellen Club auch öfters so der Fall.
HÆRESIS lassen sich ganz schön bitten. Inzwischen ist es 23:00 und laut Plan sollte jetzt Ende sein, da die Alpakas auf der angrenzenden Weide auch schlafen müssen. Aber statt endlich mal ihre Häresie unter das inzwischen recht müde Volk zu bringen, wird erst eine neue Lichtanlage aufgebaut und die Instrumente gestimmt. Ich wollte mich eigentlich schon auf den Weg machen, aber ich warte noch etwas länger. Der ganze Aufwand muss sich ja gleich bemerkbar machen. Kurz vor 24:00 ist das dann so weit und nach kurzer Warnung „Wir verwenden jede Menge Strobe Lights“ geht’s endlich los.
Zuerst wollte ich dann auch nur ein Lied bleiben, dann doch noch eines und anschließend noch eines und irgendwann entscheide ich mich, bis zum Ende des Sets zu verharren.
Das, was da von die Bühne kommt, ist leider auch schon wieder gut! Unter massiven Einsatz von Stroboskoplicht und undurchdringlichem Nebel zelebriert die Band aus Berlin ihren aufbrausenden Orkan aus Black Metal. Auch dieser ist wieder durchaus melodiös und wird begleitet von der fauchenden und kreischenden Sängerin Christin.
Mehr Nebel habe ich glaube ich auch nur bei den Sisters erlebt, aber das gehört vermutlich zum Konzept und der Headliner Status am heutigen Tag ist durchaus verdient, wenn auch jede andere Band nur gaaaaaanz knapp dahinter liegt. Eine CD hab ich dann auch noch „abgeerntet“.
Was bleibt? 6 super Bands, ein kaputter Bistro Tisch, 3 Alpaka Bisse, 1 Wespen Stich, 4 Cola Light für mich und eine angenehme Rückfahrt mit dem Bike. Bis nächstes Jahr!
