HEILUNG, THE HU / 08.07.2025 – Kiel, Wunderino Arena
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Montag, 04. August 2025 20:58
- Geschrieben von Philipp Wolter
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Eines gleich vorweg: Vor diesem Abend wusste ich so gut wie nichts über HEILUNG oder THE HU. Natürlich hatte ich von beiden Bands schon mal die Namen gehört, aber bereits bei einer stilistischen Einordnung hätte ich nur sehr grob vermuten können. Warum geht man einfach so auf ein 80,--Euro-Konzert, wenn man gar kein Fan ist, fragt ihr? Ganz einfach: MJ hatte sich das Ticket zum Geburtstag gewünscht und ich hab selbstverständlich zwei Karten abgeerntet. So neugierig war ich dann doch. Anyway: Dieses Review darf also keineswegs als Kritik eines Experten gelesen werden. Ich kann nur beschreiben und interpretieren, was ich gesehen und gehört habe. Über den ideologischen Überbau könnte ich theoretisch recherchieren, aber das lasse ich einfach mal, weil ich den Ansatz, völlig als Laie zu schildern, auch mal interessant finde. Eure Deutungen oder etwaiges Hintergrundwissen könnt ihr gerne per Kommentar daruntersetzen.
Bilder von MJ.
Spannend ist ja schon der Anblick der anderen Konzertgänger. Erstaunlich viele Kutten und Metalheads, auch Vertreter anderer subkultureller Genres. Wir treffen viele bekannte Gesichter. Ich hatte eher mit einem breiter gemischten Publikum und mehr „Normalos“ (blöder Begriff, aber ihr wisst schon, was ich meine, halt Leute, die immer sagen, dass sie „alles“ hören) gerechnet. Mit pervers teuren Magnetbieren, die ich schon von MANOWAR kenne, geht es ab in den Innenraum. Die olle Ostseehalle ist zwar durch Vorhänge und abgesperrte Bereiche etwas verkleinert worden, aber ein paar Tausend dürften schon anwesend sein.
Das Bühnenbild von THE HU beindruckt schon mal durch die überdimensionale Statue eines mongolischen Kriegers, wie man sich etwa zur Zeit Dschingis Khans vorstellen könnte. Sieben Musiker betreten die Bühne – zur klassischen Besetzung einer Rockband (Leadsänger, Drummer, Bassist, Gitarrist) gesellen sich zwei Geiger und ein zusätzlicher Percussionist. Die Geigen besitzen hölzerne Pferdeköpfe und zwei Saiten, offenbar ein traditionelles mongolisches Instrument, welches für einen starken Folk-Einschlag sorgt. Dennoch würde ich THE HU eindeutig dem Metal zuordnen, gerade im Vergleich zu HEILUNG. Denn die Gitarren, Bässe und Drums sorgen schon für Elemente des härteren Metalspektrums, es wummst, böllert und stampft ordentlich. Auch der Sänger bedient sich vertrauter Stilistiken, wechselt zwischen Klargesang und Brüllen. Dazu kommen aber Untertongesänge der anderen Musiker, die ich mit meinem gefährlichen Halbwissen auch wieder als traditionell mongolisch empfinde. Insgesamt entfaltet die Darbietung eine archaische Wucht, die mir durchaus gefällt. Sehr originell kommt in diesem Soundgewand z.B. die Coverversion von IRON MAIDENs „The Trooper“, die auch hervorragend ankommt. Überhaupt werden THE HU mit offenen Armen empfangen und keineswegs wie eine langweilige Vorband, die es zu überstehen gilt. Ich muss sagen, dass ich den Bandnamen zunächst etwas albern fand, als ich ihn zum ersten Mal irgendwo las, aber in dem ganzen Kontext ergibt er Sinn. Thunder on the tundra, Diggi!
Okay, nach einigen HEILUNG-Stücken (wenn man überhaupt von Songs im klassischen Sinn sprechen kann), muss ich doch schlucken: Ist das etwa ein Konzert ohne Stromgitarren? Also…, so ganz ohne? Was habe ich getan? Halte ich das aus? Aber ich lasse mich drauf ein und werde schnell in den Bann gezogen. Was mir dabei hilft, ist der theatralische Aspekt! Das soll nicht despektierlich klingen, sicherlich nehmen HEILUNG ihren geschichtlichen und heidnischen Überbau sehr ernst. Aber natürlich findet eben auch eine ausgeklügelte Choreographie statt. Dutzende von Personen sind beteiligt, viele davon tanzen ausschließlich oder nehmen an rituellen Handlungen teil. Mit Vogelgezwitscher und Weihrauch beginnt das Konzert. Diese Anfangssequenz währt minutenlang, bis scheinbar die gesamte Halle vom Weihrauch durchdrungen ist. Gut so, dann muss ich den Achselschweiß des Zwei-Meter-Wikingers nicht mehr riechen, der direkt hinter mir (immerhin!) steht.
Offenbar dient der Anfang einer Art symbolischen Reinigung, einer Vorbereitung auf nun folgende rituelle Vorgänge, die ich nicht im Detail zu dechiffrieren vermag. Aber es geht ohne Zweifel um das Einssein oder -werden mit der Natur. Die Bühnendeko und Lichteffekte sind atemberaubend: Wälder, Zweige, Geweihe, Nebel, Knochen, Gewänder, Speere bewirken einen früh- oder gar vormittelalterlichen Eindruck. Natürlich gibt es schamanistische Beschwörungssequenzen, die monoton gehalten sind, aber verrückterweise wird es nie langweilig. Irgendwie passiert ständig etwas, senkt und hebt sich das Lautstärkelevel von Geflüster bis zu Gebrüll, von nahezu stillen Momenten bis hin zu donnernden Trommeln. Gegen Ende türmt sich das Ganze zu einem Crescendo auf, die Sängerinnen kreischen, der Tanz wird martialischer und erregter. Das Ganze wirkt übrigens nie lächerlich und wird auch vom Publikum überwiegend ernst verfolgt. Die Inhalte sind für mich kaum verständlich, es kommen offenbar lateinische, gotische, nordische Sprachbausteine vor, aber auch englische und deutsche („remember, we are all people“). Schließlich wird es wieder ruhig, bis sich die Mitglieder und Darsteller:innen verbeugen und der Sänger eine Art Palmwedel in die Menge wirft.
Ich muss schon sagen, dass HEILUNG (und auch THE HU) einen intensiven, zum Teil schon meditativen Abend geboten haben. Ernte ich davon Platten ab? Wohl eher nicht, das Liveerlebnis hat einen beträchtlichen Teil der Magie ausgemacht. Würde ich mir das ein weiteres Mal anschauen? Das kann durchaus sein, mal gucken.
