BLEEDING MACHINE / 21.06.2025 – Kiel, Radio Bob Rockcamp
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- Kategorie: Berichte aus dem Pit
- Veröffentlicht: Sonntag, 13. Juli 2025 11:27
- Geschrieben von Philipp Wolter
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Die Kieler Woche wird für mich wohl eine Veranstaltung bleiben, mit der ich nur zum Teil klarkomme. Auf der einen Seite natürlich unbestreitbar tolle Konzerte, für deren Realisierung sich Hunderte von Menschen engagieren. Die „Gewaltig Leiser“-Dinger auf der Krusenkoppel, die Junge Bühne oder das Radio Bob Rockcamp – da kann ich wirklich einiges mitnehmen. Auf der anderen Seite aber diese Menschenmassen, das Gedrängel, der Gestank, die Wurst- und Pissbuden. Nicht umsonst „verkleidet“ sich der eigentlich geruchslose Grenouille im „Parfum“ mit einem Fake-Menschenduft, den er aus Katzenpisse, Essig und Käse gewinnt. Merkwürdig auch diese Männergruppen, bei denen jeder Einzelne ein identisches T-Shirt trägt. Junggesellenabschiede? Oder einfach so saufen und als Erkennungsmerkmal dieselbe Farbe? In der Nähe der „Second Stage“ des RBR versammeln sich während des Konzerts zwei dieser Gruppen an einem Bierpilz. Wir fragen uns, ob gemäß des „Stress-am-Bierpilz“-Naturgesetzes irgendwann die Gelben gegen die Roten kämpfen werden? Passiert aber nicht. Ist vielleicht noch zu früh. Oder zu heiß. Oder beides.
Bilder von MJ.
Es gibt nun also eine zweite Bühne im Radio Bob Rockcamp. „Wo dat denn?“, fragen mich noch manche am Folgetag bei RAGE. Man muss schon genauer hingucken, um sie zu finden. Wenn man den Eingang unten von der Kiellinie nimmt und sich gleich vor die große Bühne stellt, dann liegt die „Second Stage“ im Rücken, Front zum Wasser. Viel ist heute am frühen Nachmittag nicht los, aber eine Traube von Rock’n’Roll-Süchtigen steht vor der Bühne. Es gab nicht so viel Hinweise auf die Second-Stage-Konzerte, ich erfuhr nur durch die Posts der beteiligten Bands davon, und das zum Teil sehr kurzfristig. Aber das soll keine Kritik an den Veranstaltern sein, vielleicht konnten diese Konzerte auch erst kurz vor knapp realisiert werden. In jedem Fall ist es schön, dass sie stattfinden.
Yeah, pure Objektivität darf man von mir in diesem Review nicht erwarten. Denn bei BLEEDING MACHINE spielen Eric Z. Harkonnen und Andi Harkonnen von VLADIMIR HARKONNEN mit Kochi van Tyson und Pierre Dapper von TYSON. Kenner merken: Der Bandname stammt von einem TYSON-Song der „Unbreakable“-LP. Musikalisch klingen BLEEDING MACHINE aber tatsächlich nicht wie eine ihrer beiden Stammbands, auch nicht wie eine Mischung. Nein, was mir heute am ehesten als Vergleich in den Sinn kommt, sind MOTÖRHEAD. Und interessanterweise orientieren sich BLEEDING MACHINE nicht an der frühen „Golden Years“-Phase, sondern eher an späteren MOTÖRHEAD. Eric kloppt rein wie Mikkey Dee und baut auch einige Fills ein, die an den „best drummer of the world“ erinnern. Andi und Pierre geben ebenfalls alles, die Haupthaare fliegen und die Finger flitzen, so dass du gar nicht weißt, wohin du zuerst gucken willst. Kochi agiert natürlich in dieser Konstellation ohne seinen Bass. Viele Musiker, die sich in einer ähnlichen Situation wiederfinden, wirken da plötzlich etwas nackt. Kochi fühlt sich aber offensichtlich wohl in der Rolle als ausschließlicher Sänger, kann etwas mehr gestikulieren und springt von der Bühne, um dem Mob näher zu sein. Sein Gesang könnte natürlich am ehesten zum Vergleich mit TYSON einladen, aber der Hund erweist sich als vielseitig und begeistert mit Knurren, Jaulen und Bellen mit der nötigen Reibung auf den Stimmbändern. Immer mehr Füße beginnen zu zucken, verspannte Nacken lösen sich im Kopfnicker-Beat und so einige Fäuste wandern in die Höhe. Dass die Gelben und die Roten immer noch apathisch am Bierstand hängen, ist unerklärlich, aber die Lappen stehen wahrscheinlich auf Schlager. Am Schluss lockt Chef-Ansager Maschine den Mob zum Absperrungsrand und erwirkt ein Begeisterungsfoto. Respect the rock!
Man darf auf die erste Platte der Band gespannt sein. Ich werde sie abernten! Alles andere wäre Wahnsinn.
