THE DAMNED, THE MEFFS / 03.07.2025 – Hamburg, Markthalle

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„Die unzuverlässigste Art der Personenbeförderung ist jene durch das Katapultieren“, titelte vor ein paar Wochen die deutsche Ausgabe von Harper´s Bizaar. Auf dem Cover wurde für diese Titelgeschichte das ansonsten dort vorhandene, dummdreist grinsende Covergirl gegen ein Bild eines Katapultes vom Typ F2000 „Bison“ der Marke Landvogt ausgewechselt. Dieses ursprünglich für den Viehtransport entwickelte Model erzielt aber auch bei menschlichen Passagieren eine enorm hohe Trefferwahrscheinlichkeit. Die Streuung dieses Beförderungsgerätes beträgt laut Hersteller im Schnitt gerade mal 300 Meter auf eine Entfernung von bis zu 8 Kilometern – dies ist aber auch vom jeweiligen Gewicht des Fluggastes und der Windstärke abhängig. Nicht nur auf Grund dieser Fakten muss ich der vorher genannten Illustrierten widersprechen. Ach so…The Damned spielen in die Markthalle…also hin da!

 

THE DAMNED

 

Ankunft am Bahnhof Kiel kurz nach 17:00 Uhr. Was für ein Glück! Der 1700er Zug steht da noch und der 1723 ist auch bereits zum Einsteigen bereit. Wir entscheiden uns für den 1700er, da die Anzeigetafel vor Baustellen in und um Pinneberg warnt. Der Zug ist zwar bereits zum Bersten gefüllt, aber wir finden noch einen Platz auf der Gepäckablage. Also einer unten in Bodennähe, nicht in der unter der Decke. Jetzt erklingen monotone Ansagen im Abstand von 15 Minuten, die eine erneute Verzögerung von 15 Minuten ankündigen. Kann aber auch kürzer oder länger sein. Wenn Diggen von Slime (oder ehemals Slime) eine Ansage macht, dann ist da klare Kante. Da gibt es dann kein „ja“ oder „nein“, kein „jetzt“ oder „gleich“ und erst recht kein „kann aber auch kürzer oder länger sein“. Egal, nach 1,5 Stunden der Warterei und dem Gerücht, Schienenersatzverkehr wird eingesetzt, geben wir auf. Es geht zum Stadtbus und anschließend Richtung Karre. Da sagt noch jemand was gegen Katapulte…

 

The Meffs spielen bereits, als wir die „legendäre“ Markthalle betreten. Ist das schlimm? Naja, geht so. Gefühlt sieht man sie öfter auf der Bühne als mich bei die Arbeit. In Kiel spielt die Band „demnächst“ als Support von der Baboon Show in die Pumpe, wobei ich persönlich EUR 45,00 für den Abend als für viel zu hoch angesetzt empfinde. Egal, viel billiger ist es heute auch nicht, aber dafür gibt es immerhin die Markthalle und später The fuckin´Damned.

 

THE MEFFS

 

Bei den Meffs ist alles wie gewohnt. Lewis sitzt am Schlagzeug und Lily zieht mit ihrer E-Gitarre Kreise auf der sicherlich ungewohnt großen Bühne. Hier wird keine Zeit verschwendet, die Riffs sind knackig, das Schlagzeug treibt und die Texte in typisch englischer Stimmlage sind gegen alles und gegen jeden. Mitsingtauglich sind sie sowieso und bitten herein in die Moshpit. Energievoll wie immer und kein Wunder, dass die Band momentan so angesagt ist. Up the Meffs!

 

The Damned sind auch nicht mehr die Jüngsten - der Altersdurchschnitt dürfte so bei 70 Jahren liegen – aber haben nichtsdestotrotz gerade eine USA-Tour hinter sich gebracht. Auf besonderen Wunsch wollten sie auch noch in Deutschland spielen und haben sich dafür exakt 2 Orte ausgesucht: Berlin und Hamburg (natürlich). Dafür treten sie fast in Originalbesetzung auf: der charismatische Dave Vanian, der sympathische Captain Sensible an der Gitarre, der punkige Rat Scabies am Schlagzeug und der knuffige Monty Oxymoron als Tastenmann. In seinem Totenkopf-Schlafanzug mit Bauchansatz und wilder Mega-Dauerwelle sieht er einfach zu putzig aus. Leider positioniert er sich etwas im Hintergrund, aber die Hauptpersonen sind ja ohnehin Captain Sensible und Dave Vanian. Jener gab früher gerne den singenden Vampir. Klingt heute etwas dämlich, aber isso. Zudem hatte er mit seiner Bühnenshow und The Damned mit ihrer Musik einen nicht zu überschätzenden Anteil an der Entwicklung dessen, was heute Gothic genannt wird und früher Grufti genannt wurde. Am Bass ist zudem Paul Gray – bekannt nicht nur von The Damned , auch bei dem Heini von Wham basste er 1 und bei UFO 2 Alben ein. Leider nicht das mit „Doctor Doctor“, aber das ist ja wie vieles andere egal. Die Liste derer, die mal bei UFO zockten, ist nebenbei so lang wie das Einwohnerverzeichnis einer Kleinstadt aus Westphalen. Er liefert aber eine super Show ab, bleibt meist dezent im Hintergrund und wenn er ganz vorne steht, schnippst er auch gerne mal ein Bass Pick in die nach Bass Picks hungernde Menge jenseits der Absperrung.

 

THE DAMNEDTHE DAMNED

 

Die Stimmung ist super in der gut gefüllten wenn auch nicht ausverkauften Halle. „You are a fuckin´great Crowd“, wird später Rat Scabies sagen, als er für die erste oder zweite oder dritte Zugabe zurück auf die Bühne kommt. Das verschwitzte und altersmäßig gut durchmischte Publikum dankt es ihm. Aber auch der Rest der Band ist in einer super Stimmung. Irgendwo zwischen Hits – und hier kann man tatsächlich von Hits sprechen – wie „Dr. Hyde and Mr. Jekyll“, „Beware oft the Clown (mega!!!!)“ und dem unfassbar guten „El Loise“ nimmt er seine rote Baskenmütze ab, greift sich in die vollen Haare und zeigt allen, dass da kein Toupet aufgeklebt ist. Manche sagen, er würde ein rotes Barrett tragen, aber das hat nicht in der Mitte diese abstehende Antenne für den Empfang von Ultrakurzwellensendern. Zudem beweist er seine Deutschkenntnisse, indem er uns eine Auswahl seiner beliebtesten Schimpfwörter in eben dieser Sprache präsentiert. Diese hier wiederzugeben, würde zu Recht die Zensur auf den Plan rufen, mir die Schamesröte ins Gesicht treiben und einen Gangstaaar-Rapper unvermeidlich in den Suizid treiben.

 

„Love Song“ eröffnet den Abend und Dave Vanian ist in seinem Element. Der Mann ist für die Bühne gemacht. Pirouetten drehend, einen Schritt vor und 2 zurück schreitend, lebt er die Musik und ist selbst die Blaupause für eine Show, die mitreißt. Dazu sieht er in seinem Anzug immer noch aus wie geleckt. Ich behaupte, dieser Mann hat ähnliche Qualitäten wie sie sonst nur Harald Juhnke hatte. Er kann singen, er kann tanzen und garantiert könnte er auch einen Sketch mit dem leider viel zu früh verstorbenen Eddi Arent aufführen.

 

THE DAMNEDTHE DAMNED

 

Tatsächlich merkt der nach immer mehr The Damned Musik gierende Konzertbesucher heute Abend erst, wie viele Kracher die Band in den fast 100 Jahren ihres Bestehens geschrieben hat – und sie alle kommen aus den Boxen. Seien es die eher punkigen aus dem Jahr 1977 wie „Neat Neat Neat“ oder die eher poppigeren der späteren Jahre. Natürlich ist „New Rose“ auf der Setlist und „Smash it up“ darf auch nicht fehlen. Ein Highlight ist ohne Zweifel eine Coverversion des grandiosen „White Rabbit“, dessen Original glaube ich die furiose Tina Turner ursprünglich auf Vinyl gebrüllt hat.

 

Natürlich darf an diesem Abend die eine oder andere Anekdote nicht fehlen. So ist auch Charlie „Charlie Harper“ Harper im Publikum. Der 104-jährige hatte erst kürzlich zuvor mit seiner eigenen Band, den UK Subs, einen fulminanten Auftritt in Kiel. Vermutlich wird darüber der Wolthers Phillipp noch berichten. Egal, Charlie Harper gefällt es in Hamburg wohl so gut, dass er gar nicht mehr zurück nach England ins Altersheim möchte. 25 volle Bierbecher stehen um ihn herum. Jeder, der ihn sieht, möchte ihm eins ausgeben. Das ist doch super! Zudem wurde später beobachtet, wie Charlie Harper(!) von den UK Subs (!!) die Toilette (!!!) verlässt. Da wird man doch bekloppt(!!!!)!

 

Mich dagegen berührt die Hand von Dave Vanian auf dem Unterarm. Dieser hat Patricia Morrisson geheiratet und kein Review von The Damned kommt ohne Patricia Morrisson aus. Nicht nur war sie bei den Sisters, als das Floodland Album veröffentlicht wurde, nein, sie hat für dessen Aufnahme sogar ihren Bass nicht ein einziges Mal in die Hand genommen. Das behauptet zumindest Andrew Eldritch. Das ist aber auch mal wieder egal, dafür hat sie eine bombige Promotion gemacht und hatte auf der Gothic Skala 48 von 10 möglichen Punkten. Und da mich die Hand von Dave Vanian berührt hat, der wohl als Ehemann Patricia Morrisson berührt hat, habe ich sie praktisch berührt. Oder? Und Andrew Eldritch damit eigentlich auch, aber das ist wie so unendlich viel anderes eigentlich mal wieder egal.

 

Fazit: Höchstpunktzahl, besser kann ein Konzert kaum sein – von der Anreise mal abgesehen. Naja, und 40 für ein Tshirt und 20 für ne bedruckte Baumwolltasche war mal ne Ansage, die selbst Diggen von Slime (also ehemals Slime) kaum klarer formulieren könnte. 

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