WOLVES IN THE THRONE ROOM, INCANTATION, STYGIAN BOUGH / 17.10.2022 - Hamburg, Knust

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Wie doof kann man sein? Ich gebe ein Beispiel: Ich taste mich in den Saal des „Knust“, die erste Band spielt bereits, und minutenlang komme ich nicht weiter als: Die klingen ja wie BELL WITCH. Und der Bassist hat, wie der von Bell Witch, ein Instrument mit deutlich mehr als 4 Saiten; und der Drummer spielt variierende Akzente und Synkopen, keine Rhythmen.

Ein Blick ins Internet, und klar wird: Das SIND Bell Witch, nur eben als Teil des Projektes STYGIAN BOUGH mit Erik Moggridge/AERIAL RUIN. Idiot. Also erstmal runter vom Schlauch, kurz die kognitive Abteilung rekalibrieren und das Ganze von da an ganz wundervoll finden. Ich bin ja nicht im engeren Sinn open minded, vielmehr hängt es oft davon ab, wer was macht und was.

 

WOLVES IN THE THRONE ROOM

 

Schon toll, wie „Metal“ sich weiter geöffnet und aufgefächert hat in den letzten ca. 20 Jahren. Wenn in einem Stygian-Bough-Stück nach einer getragenen, vom Verklingen schwerer Akkorde getakteten Ewigkeit plötzlich langgezogen gegrowlt wird, fühlt sich das genauso organisch an, wie wenn da jetzt lyrische Frauengesänge gekommen wären. Später wird links hinter mir jemand über JOANNA NEWSOM reden, solche Gesänge zum Beispiel. Oder wie von ANNA VON HAUSSWOLFF.

Erik Moggridges Timbre hingegen läßt an liturgische Gesänge denken, und das harmoniert natürlich aufs begräbnisfertigste mit der andächtigen und repetitiven Heavyness der Bell-Witch-Seite. Die umgehend gekaufte und auf der Rückfahrt schön mit 80 auf der A1 gehörte CD bietet sogar stoisch angeschlagene Akustikgitarren, so daß die Musik stärker Richtung Doomfolk tendiert als im Livesetting. Die Überraschung des Abends!

 

STYGIAN BOUGH

 

INCANTATION sind dagegen (für mich) ganz und gar genrezugehörig, und das ist nicht abschätzig gemeint. Ihr Deathmetal ist, soweit ich es beurteilen kann, ziemlich variantenreich und oldschoolig, nur halt nicht ganz meine Karaffe Blei. Trotzdem nicke ich 50 Minuten durch. Nicken ist understatedes Moshen. Unterhaltsam und sympathisch, nicht zuletzt auch durch reichlich Pommesgabeleinsatz. Blasphemy is fun.

 

INCANTATIONINCANTATION

 

Danach deöhnt SUNNO))) aus der PA. Ich liebe Metal-Konzerte, am besten mit mehreren Bands, und das heutige Paket ist ansprechend gepackt, sehr abwechslungsreich und auf hohem Niveau! Signifikanter fand ich aber, daß zwischen Stygian Bough und Incantation die SWANS liefen (Wenn mich nicht alles täuscht, laufen sie auch später vor WOLVES IN THE THRONE ROOM nochmal) - eine Band, die nie nach Metal geklungen hat aber einflußreich für manch extremere Spielart gewesen zu sein scheint. Mehr Länge, mehr Epik, mehr Wiederholung, mehr Abgrund, mehr Wahnsinn, mehr Zerbrechlichkeit und: Schönheit, wie Torsten Matzat, den hier zu treffen mir eine große Freude ist, ergänzt. Memo an mich selbst und alle Interessierten: (Mal wieder) „Soundtracks For The Blind“ hören!

„Primordial Arcana“, Wolves In The Throne Rooms letztes Jahr erschienenes Album, zeugte von Öffnung und Straffung: Die Hinwendung zu konventionelleren Rhythmen (die sich ja auch prima mit Doublekicks spielen lassen) und zu mehr atmosphärischen Keyboardsounds einerseits und stärkere Selbstbegrenzung, was die durchschnittliche Songlänge angeht, andererseits machen die Platte zu einer vergleichsweise kompakten Angelegenheit. Da mußte ich mich ein wenig dran gewöhnen, durchaus auch einen Moment lang an die großräumige, transparente Produktion mit den gewaltigen Tom-Rolls, obwohl, nee, fand ich eigentlich gleich geil. Gute Entwicklung jedenfalls, da darf man gespannt sein, was noch kommt.

Die neue Ausrichtung läßt sich auch im Look der Musiker wiederfinden: Weniger Haare, mehr Makeup, und ich sehe sie heute zum ersten Mal mit einem Baßgitarristen. Bei meinen bisherigen zwei WITTR-Konzerten deckte die WOLVSERPENT-Schlagzeugerin Brittany McConnell den Tieftonbereich mit einem Keyboard/Synthesizer ab.

 

WOLVES IN THE THRONE ROOM

 

Die Umbaupause fällt länger aus als zwischen den beiden vorigen Bands. Viel Gechecke der Stagehands, nachdem das Saallicht bereits gelöscht wurde. Hat alles was sehr Rituelles. Im Infotext des „Knust“ steht sinngemäß, WITTR würden die Ausdrucksmittel des Blackmetal als reinigendes Feuer gegen die Fesseln der Ratio, der Wissenschaft und irgendwas Weiterem, das ich vergessen habe, einsetzen. Ähem, sind das Schwurbler? Und dann geht es mit „Mountain Magick“ los. Schrammelnde Gitarren, knatternde Drums und Nathan Weavers giftiges Gefauche. Das fegt erstmal alles Vorige weg, und ich brauche den halben Song, um mich drauf einzustellen. Danach kommt, wie auf „Primordial Arcana“, das großartige „Spirit Of Lightning“ mit diesen einen Hauch Laszivität verströmenden, perkussiven, entfernt asiatisch anmutenden Sounds, die zumindest bei mir auch Assoziationen an Morricone wecken. Nach diversen, ineinanderfließenden Partchanges, in deren Verlauf es sich immer mehr in sich selbst hineinsteigert und formt, fängt es nach etwa fünfeinhalb Minuten nochmal von vorn an, um dann endgültig zu vergehen. Hatte ich eh seit Tagen als Ohr-Engerling, schön, daß sie es spielen; danach der schon vertraute, immer neue Schneisen ziehende Veitstanz „Angrboda“ vom vorletzten Album „Thrice Woven“, das 2017 nach langer Veröffentlichungspause so merkwürdig unspektakulär daherkam und das im Licht von „Primordial Arcana“ nachvollziehbarer erscheint; weil die musikalischen Veränderungen, die WITTR gestemmt haben, auf ihm schon begannen.

Oder schon auf „Celestial Lineage“ von vor 11 Jahren? Denn das doomig langsame, für jeden Akkordwechsel übermannsweit ausholende „Prayer For Transformation“ fügt sich in die neue Linie perfekt ein und ist der eigentliche Abschluß des Sets. „I Will Lay Down My Bones Among the Rocks and Roots“ vom Fanfavoriten „Two Hunters“ [2007] wirkt danach schon wie die Zugabe.

 

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