HEADBANGERS OPEN AIR XXIV / 28.07.2022 – Brande-Hörnerkirchen, Tag 1

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Nach einer erbaulichen Nacht entdecke ich eine sensationelle Neuerung auf dem HOA: Es gibt mittlerweile Duschcontainer auf dem Campingplatz! Wie gewohnt kann man sich Termine buchen, darf aber zur gewählten Zeit einen Container betreten und findet dort einen regelrechten Wellnessbereich vor. Kabinen mit zuschiebbaren Türen, heißes Wasser, Spiegel und Ablegeflächen für die Klamotten. Die alten selbstgebastelten Dinger mit den Schläuchen und den Vorhängelappen fand ich zwar auch kultig, aber das ist natürlich noch geiler. Auch die Dixi-Situation kann als zufriedenstellend eingestuft werden. Es gibt recht viele Toiletten auf dem Campingplatz, die auch regelmäßig geleert werden. Dazu kommt der Toilettenwagen beim Biergarten, bei dem man zwar manchmal eine Zeitlang anstehen muss, dafür genießt man dann aber auch eine Entschlackung auf ‘ner Spültoilette. Verbessert werden müsste nur die Lage auf dem Infield – die Dixis sind spätestens am Samstag nicht mehr benutzbar. Viele Besuchergruppen nutzen dieses Jahr die Möglichkeit, sich ein Dixi zu mieten. Der entsprechende Traktorguy fährt die Dinger jedenfalls pausenlos zu den Camps. Neu ist die Firma ZELTHELD, bei der man Zelte verschiedener Größe und Preisklassen mieten kann. Wer möchte, kann dort auch verschiedene Utensilien zum Campen dazubuchen. Ziemlich praktisch für Menschen, die z.B. mit dem Zug anreisen. Ein Bekannter äußert sich danach positiv und bewertet auch die Preise als fair. Info: ZELTHELD

 

HEATHEN

Bilder von Jan Bünning (HEATHEN - Jans Instagram-Seite) und Max Lobeck (VENOM, PRAYING MANTIS) 

 

WALLOP, die alten Haudegen, die 1985 die kultige „Metallic Alps“-LP veröffentlichten, eröffnen den Reigen des ersten regulären Tages. Ich hatte mir 2019 direkt bei der Band die Reunion-EP „Alps On Fire“ bestellt und fand, dass die gut an den alten Kram anschließt. Den Longplayer gleichen Namens, der 2020 folgte, habe ich allerdings bisher verschwitzt. Dabei könnte man den durchaus abernten, denn WALLOP bieten heute einen soliden Auftritt, der gleichermaßen mit alten als auch neuen Stücken zu unterhalten vermag. Sänger Mikk Vega tänzelt gut gelaunt über die Bühne, während Stefan Fleischer seinen Bass mit crazy Slapping Moves bearbeitet. Am Schlagzeug sitzt bekanntlich kein Geringerer als Stefan Arnold, den wohl jede (deutsche) Schüttelrübe schon mehrfach live gesehen hat, sei es mit GRAVE DIGGER, CAPRICORN oder GRINDER. Gitarrist Andreas Lorz pfeffert typische German Metal Riffs in den Garten und das meine ich als Anhänger des deutschen Stampf Metal positiv. Zum Abschluss erklärt uns die Band durch ein Cover, worauf sich ihr Name bezieht – natürlich auf RAVEN und ihren Klassiker „Crash Bang Wallop“.

 

 

Aaaah, endlich SMOULDER live! Es wird schnell offensichtlich, dass nicht nur Diehard-Fan Andreas Gennrich und ich heiß auf die Band sind, denn das Infield füllt sich mehr als ordentlich und SMOULDER räumen gnadenlos ab. Die kanadische Band hat mit ihrem Debut „Times Of Obscene Evil And Wild Daring“ 2019 offene Türen eingerannt, konnte aber durch Covid und den Umzug zweier Mitglieder nach Finnland bisher nur selten live spielen. Der heutige Auftritt soll tatsächlich erst der achte der Bandgeschichte sein. Das ist unglaublich, denn SMOULDER gelingt es, ihren Mix aus Epic Heavy Metal und Doom mit wahnsinniger Intensität darzubieten. Klingt Sarah auf den Platten tonal nicht immer einwandfrei, gelingt ihr heute eine astreine Gesangsleistung. Dazu besitzt sie eine tolle Bühnenpräsenz und legt einen regelrechten Doom Dance auf die Bretter. Highlight des Auftritts ist für mich das über sechsminütige „Ilian Of Garathorm“, dessen Refrain „Fate calls a champion! / Warrior, of many forms!“ schlicht zum Niederknien ist. Dass die Band durch die räumliche Distanz kaum zum Proben kommen dürfte, ist zu keinem Zeitpunkt zu merken. Bitte wieder buchen!

 

                                                                

JESTER’S TEARS haben heute doppelt Pech: Sie müssen erstens ohne ihren Keyboarder auftreten und leiden zweitens unter einem üblen Sound. Schade, denn in der Musik der Prog Metaller verstecken sich viele hörenswerte Details, die im undifferenzierten Klangbild zum Teil untergehen. Woran es liegt, entzieht sich meiner Kenntnis. Es bleibt zum Glück eine Ausnahme, denn alle anderen Bands des gesamten Wochenendes klingen gut, zum Teil hervorragend. Natürlich gelingt das nicht bei jeder Band vom ersten Song an, aber in der Regel wird so lange nachgebessert, bis alles stimmt. Auch bei JESTER’S TEARS kann beobachtet werden, dass die Crew unermüdlich schraubt, aber leider bessert sich der Zustand höchstens um Nuancen. Dennoch hört man, dass die Musiker technisch super abliefern. So singt Dimitrios Tsiktês auch in höchsten Tonlagen kraftvoll und ausdrucksstark und beim Rest sieht man die Finger höchstens verschwommen, so flink wieseln die auf ihren Instrumenten herum. Nun, trotz der erwähnten Defizite eine kurzweilige Angelegenheit.

 

PRAYING MANTISPRAYING MANTIS 

 

Das oft bemühte Wort „Abriss“ darf in Bezug auf PRAYING MANTIS auf dem HOA verwendet werden! Denn diese altgedienten Recken zelebrieren ihre Musik derart enthusiastisch, dass das Publikum schließlich tobt. Ich beobachte, wie sich ein Phänomen in konzentrischen Kreisen über das Gelände ausbreitet: Erst beginnt damit ein einzelner Typ. Er zieht sein Shirt aus und schleudert es über seinem Kopf im Kreis herum. Das sehen drei bis vier Umstehende und tun es ihm gleich. Schließlich wirbeln Dutzende Shirts verschiedenster Farben (Schwarz dominiert wenig überraschend) im gesamten Infield. Was ist da los? PRAYING MANTIS spielen doch nur ein wenig NWOBHM bis AOR… Aber genau das ist es, wonach es der Meute gerade dürstet! Melodien! Hooklines! Da kommen Hits wie „Panic In The Streets“, „Keep It Alive“, „Captured City“ oder natürlich „Children Of The Earth“ gerade richtig. Die Band holt Jürgen Hegewald auf die Bühne, um sich für die erneute Einladung zu bedanken. Er habe einen Songwunsch frei. Die Gelegenheit lässt sich Hegewald nicht entgehen und wünscht sich mit „Johnny Cool“ gleich mal die B-Seite der 1979er Single „Captured City“, auch bekannt als „Soundhouse Tapes Part 2“. Tino Troy (g) sieht man noch Tage später grinsend übers Gelände gehen.  

 

HEATHENHEATHEN 

 

Auch HEATHEN begeisterten früher schon auf dem HOA – ich erinnere mich noch gut an die Show von 2005. An Qualität haben die Thrasher seitdem nichts eingebüßt – vielleicht ist es von Vorteil, nur alle paar Jahre bzw. Jahrzehnte eine neue Scheibe zu veröffentlichen... Der Sound kann zu Beginn noch nicht als optimal bezeichnet werden, bessert sich aber schnell. Das schnelle Riffing in Verbindung mit dem völlig eigenständigen Gesang David Whites und den eingängigen Melodien hebt die Band von fast allen anderen Genrevertretern ab. Das HOA-Publikum hat eh eine Vorliebe für Thrash und so entsteht ein ordentlicher Pit, den HEATHEN mit Perlen wie „Dying Season“, „Death By Hanging“, „Goblin’s Blade“ oder „Empire Of The Blind“ beständig am Laufen halten. Irgendwer beschwert sich später darüber, dass HEATHEN nicht noch mehr alte Songs gespielt hätten. Ich finde ja, dass die Stücke der beiden späteren Alben von 2010 und 2020 durchaus mithalten können. Aber klar ist auch, dass das abschließende „Hypnotized“ wirklich alles zu Staub zerstampft. Eine weitere gelungene Vorstellung von HEATHEN!

 

HEATHENHEATHEN

 

VENOM INC.VENOM INC. 

 

VENOM INC. oder auch VENOM funktionieren nicht immer als Headliner. Egal, in welcher Inkarnation, jede:r von uns hat die Legende auch schon mal in eher hüftlahmer Konstitution erlebt. Aber manchmal rotzen die Hunde auch gekonnt einen raus! Das ist heute unbedingt der Fall. Ich gewinne den Eindruck, dass VENOM INC. gerade die bessere Variante darstellen. Erst mal schlägt das „Avé“-Album alle jüngeren VENOM-Alben. Und live wird das Trio aus Mantas, dem Demolition Man und dem neuen Drummer War Machine immer besser. Heute erleben wir den bisherigen Höhepunkt dieser Entwicklung. Der Sound ist einfach perfekt für VENOM INC.! Roh, aber trotzdem differenziert (!) böllern die Songs aus der Anlage. Von Song zu Song wird dieser Auftritt stärker und mitreißender. Die alten VENOM habe ich in den Achtzigern Großtaten wie „Welcome To Hell“, „Poison“, „Die Hard“, „Black Metal“ und „Countess Bathory“ definitiv nicht besser performen sehen. Das wirkte damals tatsächlich aufgesetzt, während dieses Trio vor Bock nur so strotzt. Gerade der Demolition Man hat Laune, zündet sich in den Pausen eine Kippe nach der anderen an und schimpft über Gott und die Welt. Der Mob vor der Bühne dankt es, hier wandert keine:r früher ab, vielmehr fließt das Bier im Strömen und überall sind fliegende Köpfe und zum Mitbölken geöffnete Mäuler zu sehen.

 

VENOM INC.VENOM INC. 

 

Sechs Bands und man fühlt sich wie verprügelt. Ein irgendwie angenehmes Gefühl. So noch zwei Tage weiter, juhu! TBC…

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