PASCOW, ANGORA CLUB / 08.07.2022 – Kiel, Pumpe

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Bei meinem heutigen vierten PASCOW-Konzert bestehen völlig andere Voraussetzungen als zuvor, hatte ich die Band doch bisher immer in Unkenntnis ihrer Platten gesehen. Doch die zuletzt besuchte Show war 2011 (Wilwarin) und mittlerweile halte ich PASCOW für eine der besten deutschen Punkbands und habe sieben Tonträger von ihnen in meiner Sammlung (das Debutalbum „Richard Nixon Discopistole“ wird heute endlich abgeerntet). Verrückterweise hatte ich die heutige Veranstaltung eigentlich gar nicht so richtig auf der Reihe. Beim ursprünglichen Termin 2020 (oder wann ging das noch gleich los mit dieser Pandemie, man kommt ganz durcheinander?) hätten wir nämlich zeitgleich unsere „Vlad Smash!“-Releasegala genossen. Somit besaß ich nie ein VVK-Ticket für dieses ausverkaufte Konzert. Aber Martina meint, dass wir doch vor der Pumpe einfach mal gucken könnten, was dort so gehe. Recht hat sie, zumal so ein bisschen Streetboozing ja immer Spaß macht, selbst falls niemand eine Karte feilbieten sollte.

 

PASCOW

Bilder von MJ

 

So ist es dann auch. Großes Hallo vor der Pumpe. Ist ja fast wie früher hier. Fehlt nur das Scherbenmeer. Wir stehen keine fünf Minuten, dann haben wir zwei Tickets im Sack. Ganz Kiel scheint gekommen zu sein.

 

PASCOWANGORA CLUB 

 

Am Eingang wird das ausgedruckte e-Ticket netterweise gegen ein schönes Hardticket umgetauscht, auf dem noch MOBINA GALORE als Support angekündigt werden. Das wäre ja auch geil gewesen, aber auf ANGORA CLUB freue ich mich jetzt richtig. Spoiler: Nach dem Auftritt wird das zweite Album „…und außerdem bist du allein“ abgeerntet, kann also kein so schlechter Auftritt gewesen sein. In der Tat: Der Sound muss allein schon hervorgehoben werden, denn der kommt übelst transparent herüber. Da hört man jedes Detail herrlich heraus, sei es den doppelten Schrammi-Gastgesang oder die beiden Bässe. Huch, zwei Bässe? Ja, aber das klingt spektakulärer, als es ist: ANGORA CLUB haben mitnichten ein neues Subwoofgroovegenre erfunden oder so. Es ist schlicht so, dass der Stammbassist zeitlich nicht immer kann und daher ein Kollege für Liveaction angeheuert wurde. Wenn aber nun beide Zeit haben, spielen halt auch beide. Why not? Los geht es mit diesem „Bright Eyes“-Schmachtfetzen, wodurch sich eine irrwitzige Querverbindung zu den Post-Krusten von FALL OF EFRAFA ergibt, denn dieser Song war Teil des Soundtracks zur Verfilmung von „Watership Down / Unten am Fluss“ von 1978, in dem es bekanntlich um die Reise einer Gruppe von Kaninchen geht. Killerstoff by the way, aber inhaltlich widmen sich ANGORA CLUB ganz unterschiedlichen Themen. So handelt das von Schrammi getextete „Blaue Wege“ von Hass in sozialen Netzwerken, wenn ich das richtig interpretiere. Geiler Song, der wie die anderen neuen Songs zeigt, dass die Band ihr eigenes Profil deutlich weiterentwickelt und sich mittlerweile vom Jensen-Einfluss emanzipiert hat. Dafür sind letztlich auch Knotts Gitarrenspiel und Ollis Gesang viel zu charismatisch. ANGORA CLUB kommen insgesamt gut an, auch wenn ein Besucher sich danach auf dem Klo aufregt, dass er nicht verstehen könne, warum man „für immer 16 Jahre alt“ sein wolle. Nicht nur dieser Person empfehle ich den Genuss der gesamten Platte.

 

PASCOWPASCOW 

 

Bei PASCOW setzen dann sowohl Band als auch Publikum eine ungeheure Energie frei. Wie immer spielt der Vierer sich den Arsch ab und wuchtet die Songs förmlich in die Hütte. Das sind noch richtige Bühnenarbeitstiere, da ist nix mit Shoegaze, da wird geschuftet und geschwitzt, bis die Frisuren ruiniert sind. Und der Mob singt teilweise lauter mit als die Band. Bei „Silberblick und Scherenhände“ bricht die Hölle ist, so dass einige angesichts des wirbelnden Chaos gar nicht mitbekommen, dass eine Gast-Sängerin im Refrain mitschmettert (wie auf der Scheibe halt, wobei ich nicht weiß, ob es sich um dieselbe Person handelt). Die meisten Stücke kommen von den letzten drei Alben „Jade“, „Diene der Party“ und „Alles muss kaputt sein!“, die ja auch zahlreiche Volltreffer enthalten, z.B. „Kriegerin“, „Unter Geiern“, „Äthiopien die Bombe“, „The strongest of the strange“ oder „Die Realität ist schuld, dass ich so bin“. Aber ich freue mich auch immer über den Klassiker, den Sänger/Gitarrist Alex mit den Worten „Trampen nach Norden, ihr Ficker!“ ankündigt. Der erzeugt immer so ein herrliches Fernweh, auch wenn man ja leider gar nicht mehr so gut trampen kann (was hab ich das früher gern gemacht!). Mitten im Wahnsinn kommt es immer wieder zu unerwarteten Begegnungen. Ich finde das sehr interessant, dass man immer noch Leute trifft, die gerade ihr erstes Konzert seit ca. zwei Jahren besuchen. Im Grunde laufen die Veranstaltungen ja wieder seit Anfang März, aber viele zögerten offenbar noch bis jetzt, manche tun das immer noch. Auf jeden Fall ist es immer wieder so schön, nach der Zeit jemanden endlich wiederzusehen! Yeah, PASCOW brettern und schwitzen immer weiter, bis es überall nach Bier und Schweiß duftet. Mit „Spraypaint The Walls“ kommt ein Coversong zum Zug, der unterstreicht, dass PASCOW eine Hardcore/Punkband im ursprünglichen Sinne genannt werden können. Und ich denke, dass jede:r Anwesende die Zeilen „Himmel auf für das Geballer / hört einfach nie mehr auf / denn so lange sie spielen / wird dieses Rattenloch / zum besten Platz der Stadt“ von Herzen unterstreicht.

 

Stilleben 

 

Insgesamt ein reines Fest, das zu keiner Sekunde langweilig war!

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