THE DETECTORS, NO SUGAR & TYPHOON MOTOR DUDES, PFUND, GORDON SHUMWAY / 10.09.2020 – Kiel, Freilichtbühne Krusenkoppel & Bootshafensommer

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Es ist doch wirklich verrückt: Monatelang finden so gut wie gar keine Konzerte statt - und heute hat mensch plötzlich die Qual der Wahl zwischen TYPHOON MOTOR DUDES, PFUND & GORDON SHUMWAY aufm Bootshafensommer und THE DETECTORS & NO SUGAR auf der Freilichtbühne der Krusenkoppel, theoretisch findet im Außenbereich der Alten Meierei sogar NOCH EIN Konzert statt (LOS FASTIDIOS), welches aufgrund von Corona-Beschränkungen allerdings eh nur für 20 Besucher*innen in Frage kommt. Nur durch Zufall wird das Bootshafenprogramm vollständig umgestellt (ursprünglich sollten statt GORDON SHUMWAY die MUTANT REAVERS spielen und das halt abends) und wir können beide Konzerte mitnehmen. Das ist zwar mit sehr viel Telefonaten und E-Mail-Verkehr verbunden (ich glaube, ich habe in der letzten Woche mehr Kieler-Woche-Mails als Spam-Mails bekommen…), aber die an der Organisation beteiligten Leute sind wirklich supernett und können sicherlich auch nichts für die teilweise schrägen Umstände und das Chaos im Vorfeld (von den Konzerten überhaupt zu wissen, grenzt an reines Glück). Anyway, bestes Wetter, Dosenbier im Rucksack und die Aussicht auf FÜNF Livebands – das Leben kann so schön sein, wenn du willst!

 

NO SUGAR

Bilder von Kocky und Elli

 

Ein wichtiger Aspekt an Konzerten ist ja die Vernetzung, das Treffen mit anderen Menschen. Ich mache mir da durchaus Sorgen um unsere überregionale Szene, die nicht ausschließlich über soziale Medien aufrecht erhalten werden kann. Ich muss die ganzen Hackfressen jedenfalls auch mal in echt sehen! Das ist zumindest für den Kieler Raum heute endlich mal wieder der Fall. Schon beim Warten vor dem Einlass treffe ich zahlreiche Nasen, die ich lange nicht begrüßen durfte. Zwar sind es heute für mich die Corona-Konzerte Nr. 7 und 8, aber die anderen Veranstaltungen waren doch sehr klein und/oder fanden zum Teil privat im Nirgendwo statt.

 

GORDON SHUMWAY, so nennt sich nicht nur Alf, damit er telefonisch irgendwelche Scheiße bestellen kann, sondern halt auch dieses Kieler Punkrock-Duo. Ich weiß so gut wie gar nichts über die Band, bin aber positiv überrascht, wie rotzig sie klingt. Sehen können wir von unserem Standort wenig, aber offenbar singen und schreien beide Bandmitglieder, während sie Schießbude und Axt bedienen. Für zwei Instrumente wird respektabler Krach erzeugt. Hätte mir jemand erzählt, dass da gerade mehrere Gitarren brettern und eine Horde Affen mit Mülleimerdeckeln randaliert, hätte ich dies für glaubwürdig gehalten. Das Publikum wird auch noch beschimpft, alles ganz wunderbar.

Das Areal des Bootshafensommers ist bekanntlich recht geräumig. Die Veranstalter haben Tische, Sitzbänke und Stühle aufgestellt, sodas der Abstand gewahrt bleibt. So wie man es halt mittlerweile von Corona-Konzerten gewöhnt ist, setzt man beim Bierholen und Toilettengang (Profi-Klowagen, umsonst) halt die Mund-Nasen-Bedeckung auf. Ich finde das alles nicht weiter schlimm. Was halt immer noch schade ist: Tanzen und Singen bleiben wegen der Aerosole etc. untersagt, daher sitzt man bei diesen Konzerten halt die ganze Zeit, was dem Ganzen so einen seniorenhaften Touch verleiht. Nichts gegen Senior*innen, ich möchte möglichst ja selbst mal einer werden, aber ich freue mich jetzt schon auf die Zeit NACH Corona, wenn man wieder richtig durchdrehen darf. Oder habe ich das Tanzen bis dahin verlernt?  

 

Als nächstes spielen PFUND, die ich vorsichtig im Bereich Stoner, Desert Rock und Sludge ansiedeln würde. Nicht ganz mein Style also, aber die Band nervt jetzt auch nicht. Alles klingt halt etwas monoton, am besten finde ich PFUND, wenn sich BLACK-SABBATH-Einflüsse herausschälen und die Riffs etwas zwingender klingen. Und das Logo ist schick, wie Ansager Maschine zu Recht hervorhebt.

 

Den klaren Höhepunkt dieses ersten Teils setzen die TYPHON MOTOR DUDES, die heute wirklich zu brennen scheinen und ihren Opener ungefähr doppelt so schnell wie sonst zocken. Und das obwohl laut eigener Aussage auch unter Corona-Bedingungen die Umstände gar nicht so unterschiedlich seien im Vergleich zu einem regulären TMD-Konzert: “Wir sind nur froh, dass ihr immerhin sitzt und nicht unter den Tischen liegt!” (Moe). Das Tempo wird dann gezügelt, die Power der DUDES bleibt bestehen. Besonders gut geraten heute die Gesänge, die sich melodisch und kräftig in die Gehörgänge schmirgeln. Auch ansonsten rollt und drückt es angenehm, wobei die Lautstärke moderat ausfällt, ohne Ohrschutz ist es aber auch nicht zu leise. Von Sound her ist der Bootshafen nicht die optimale Location, aber die Verantwortlichen holen das Machbare heraus. Die TYPHOON MOTOR DUDES sind jedenfalls in bester Form und bieten eine halbe Stunde ihres Repertoires feil. “Balls & Rock’n’Roll” sowie “Torn” sind da nur zwei der vielen Highlights.

 

Ruckzuck eimern wir rüber zur Krusenkoppel, wo wir uns mit Strecker treffen und reibungslos einchecken. Auch hier ist alles sehr liebevoll organisiert, gestaltet und umgesetzt worden. Im Vergleich zum Bootshafen sind die Fressbuden nicht so umfangreich ausgestattet (ich bestelle einen vegetarischen Taco und bekomme so eine Art blattdünnen Fladen mit ‘nem Blumenkohl druff), dafür sind die klanglichen Verhältnisse überlegen. Denn die Freilichtbühne befindet sich schließlich in einem Amphitheater und der Sound ist hier einfach umwerfend. Einige Besucher*innen haben sich Sitzkissen und Decken mitgenommen, was beides nicht unschlau ist, sitzt man doch auf bloßem Stein und es wird nun recht schattig, gegen Ende sogar arschkalt.

 

NO SUGAR

 

NO SUGAR haben offensichtlich richtig Bock und so geht es wohl gerade jeder Band auf diesem Planeten. Nach nahezu sieben Monaten ohne Auftritt wird nun aus allen Rohren Rock’n’Roll gefeuert. Beide Bands haben gute Laune, machen aber auch ernste Ansagen zum Thema Moria, treffen dabei einen angemessenen Ton. Finde ich sehr gut, dieses Thema darf nicht verschwiegen oder ignoriert werden und wenn Flicke darauf verweist, dass offenbar nur Druck von der Straße Veränderungen bewirken könne, hat sie damit wohl leider Recht. Es muss aber auch mal um Pizza gehen können, schließlich gilt: “Du kannst es nicht allen Recht machen. Du bist keine Pizza!” Yeah, der Vierer überzeugt wie immer mit dieser eigenständigen Mischung aus Garage, 60ies Rock’n’Roll und 80er Pop-Melodien. Großes Hallo gibt’s bei einem schönen Bühnenmoment, als Tim einen Stick verliert und die Band alles versucht, um wieder in den Rhythmus zu finden. “Rock’n’Roll isn’t boring!”

 

THE DETECTORS

 

Zeit für THE DETECTORS, deren neue Platte “Ideology” ich vor wenigen Tagen erst online direkt bei der Band bestellt hatte, weil ich nicht wusste, dass ich sie heute bereits live sehen würde. (Am nächsten Tag kommt das Ding bereits an – und ist super!) Die Bühnenpräsenz ist absolut mitreißend, der Sound einfach Hammer und so fällt es jetzt besonders schwer, nicht einfach aufzustehen und vor die Bühne zu rennen. Aber das muss auch mal positiv erwähnt werden: Bei beiden Veranstaltungen halten sich alle Besucher*innen an die Regeln. Auch wenn die DETECTORS darauf verweisen, so gut wie gar nicht geprobt zu haben, klingen sie eingespielt, als hätten sie eine Tour hinter sich. Vor “To Live And To Let Love” formuliert Henning ein schön spontan wirkendes Statement für die Liebe zwischen Menschen jenseits aller Geschlechterstereotype und Flicke steuert als Gastsängerin ein paar Zeilen bei. Auch Willer reißt es später von seinem steinernen Sitzplatz, er flitzt auf die Bühne und schmettert offenbar ungeplant kurz mit. Das Ganze ist übrigens eine Veranstaltung des MUDDI MARKTES IM EXIL, wofür allen Mitwirkenden gedankt wird. Kocky (JUNGE BÜHNE und so) bekommt mit einem BEASTIE BOYS-Cover einen Song gewidmet ("Sabotage"), der das grandiose Konzert abschließt.

 

Herrlicher Tag, ganz im Zeichen des Punk/Rock’n’Roll! In der Freilichtarena müssten viel häufiger Konzerte stattfinden, es ist doch schade, dass das Ding das ganze Jahr über kaum genutzt wird.

 

Bewertung: 5 / 5

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