THUNDERMOTHER, HARDBONE / 09.08.2020 – Heide, Autokino am Sendeturm

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Philipp: Noch bis zum Tag der Veranstaltung rechnete ich fast täglich mit der Absage, gab es doch eine Woche vorher direkt in Heide erneut Kontaktbeschränkungen wegen eines Corona-Ausbruchgeschehens. Doch THUNDERMOTHER scheinen gerade von der Glücksfee gesegnet zu sein: Ihr neues Album „Heatwave“ chartet in Deutschland auf Platz 6 und die Schwedinnen sind offenbar gerade weit und breit die einzig tourende Band. Das Tourkonzept mit dem umfunktionierten Truck ist purer Rock’n’Roll, da fügt sich sogar der bisher wankelmütige Sommer und lässt pünktlich zum Albumrelease eine tatsächliche Hitzewelle über Deutschland rollen. Der Aspekt des steigenden Erfolges ist da jedoch nicht einfach „Glück“ zuzuschreiben, ackern sich THUNDERMOTHER doch unnachgiebig durch die Clubs und waren nicht umsonst auch eine der letzten Bands, die noch direkt VOR Corona auf Tour waren. Und „Heatwave“ ist ein verdammt starkes Album mit geilen AC/DC-Grooves und tollen Melodien. Wir sind nun gespannt, wie das alles in einem Autokino rüberkommen möge und rollen im vollbesetzten Bus gen Heide.

Torsten: Tatsächlich! Es gibt sie noch: KONZERTE! Nachdem der Corona – Virus seit März diesen Jahres alles lahmgelegt hat, was mit Kultur im Allgemeinen und Live – Auftritten im Speziellen zu tun hat, ist allein schon die Ankündigung eines Konzertes die reinste Wohltat! Es ist fast unglaublich, aber am Sonntagnachmittag ist unsere "Konzertgruppe" (fünf ausgehungerte Gestalten) mit Abstand auf dem Weg nach Heide. Im dortigen Autokino finden nicht nur Discos statt, sondern auch LIVE – Konzerte. Heute mit den umtriebigen Schwedinnen THUNDERMOTHER. Die vier Mädels haben echt Mut! Fahren tatsächlich eine kleine Tour durch Deutschland und zeigen dem ollen Virus den fuckin' Middelfinger! Yeah! Respekt!

 

THUNDERMOTHER

Doppelbericht von Torsten und Philipp, Fotos von MJ.

 

Philipp: Wie alle Mitglieder unserer Reisegruppe war ich noch nie in einem Autokino. Muss man dort etwa meilenweit von der Bühne entfernt im Auto sitzen und hört die Band nur über das Autoradio? Die Karte verkündet: „Stuhlplatz oder im PKW“, weswegen wir vorsichtshalber Klapp- und Regiestühle mitnehmen. Bei bestem Wetter und kühlen Drinx geht’s gen Heide. Vor dem Autokino treffen wir gleich diverse Bekannte, die am Ellenbogen getackelt werden. Es zeigt sich erfreulicherweise, dass es neben einem Bereich für Autos direkt vor der Bühne auch Sitzplätze in voneinander abgetrennten Bereichen gibt. Dort stehen Bänke, Tische und Liegen. Das ganze Konzept erscheint recht gut durchdacht. Für Gänge zur Toilette oder zum Tresen geht man halt mit Mund-Nasen-Bedeckung, auf den Plätzen kann man die Masken auch abnehmen. Die Crew hat auch Leute, die Bestellungen direkt an den Tischen aufnehmen und einem Getränke und Snacks bringen. Etwas komisch fühlt man sich natürlich spätestens dann, wenn die Bands spielen, denn man kann nicht aufstehen: „Wall Of Love“, Engtanz und Stirnleckerei – sonst ja selbstverständlicher Standard – sind in diesen Zeiten halt nicht drin. Hätte mir ein Zeitreisender vor fünf Jahren ein Foto dieser Veranstaltung gezeigt, hätte ich wohl auf Seniorenkonzert oder so getippt…

Torsten: Ende Juli erschien das neue Langeisen von THUNDERMOTHER. "Heatwave". Passender könnte dieser Titel nicht sein, denn seit Tagen bullert eine enorme Wärmeblase über unseren Köpfen. Das Quecksilber im Thermometer steigt und steigt. Genau wie das neue Album: an ebendiesem Sonntag steht es auf Platz 6 der deutschen Albumcharts! Herzlichen Glückwunsch, die Damen! Jetzt zahlt sich die Ackerei der Mädels aus, die in den letzten Jahren und Monaten quasi an jeder Milchkanne gespielt haben. Heute nun also der letzte Tag dieser "Corona-Tour". An den vorangegangenen Tagen wurde auf Booten geschippert oder ‘ne Hallig versenkt. Zu diesen eher ungewöhnlichen Orten gesellt sich jetzt ein Autokino hinzu. Als unser Grüppchen ankommt, stehen schon etliche Autowagen auf dem Parkplatz "unter dem Turm". Beim Begrüßen und Herumhören stellt sich heraus, dass man sowohl mit dem Auto auf das Gelände kommt, als auch "zu Fuß". Dann sitzt man auf Bierbänken in mit Absperrgittern abgetrennten Karees. Hier heißt es "Sitzenbleiben". Nur zum Klo (nur EIN Dixi steht zur Verfügung), zum Bierholen oder zum Merchstand darf man maskiert antanzen. IMMER mit Abstand und nie mehr als nur ein paar Nasen gleichzeitig. Das klappt auch supergut! Alle halten sich an die Regeln, sind ungestresst und freundlich zueinander! Aber alle wollen nur eines: Rock'n'Roll LIVE! Und zwar jetzt! Gleich! Sofort!

 

THUNDERMOTHERHARDBONE

 

Philipp: Aber die Beschränkungen müssen halt sein. Das Virus ist da und ernst zu nehmen und wer das nicht tut, dem sollte man widersprechen. Als HARDBONE loslegen, steigt ein euphorisches Gefühl in mir auf. ROCK’N’ROLL! LIVE! Ich hatte HARDBONE seltsamerweise lange nicht auf dem Schirm gehabt, sie erst letztes Jahr auf dem ENZO Festival zum ersten Mal live gesehen. Dort gefielen sie mir schon sehr gut, heute vertieft sich dieser Eindruck. Der natürlich extrem AC/DC-lastige Stil wird kompetent rübergebracht und besitzt die nötige Kombination von Läassigkeit und Tightness. Nummern wie „Bang Goes The Money“, „Off The Beaten Track“ oder “Breaking The Chains” gefallen mir derart gut, dass ich danach das neue Album “No Frills” abernte. Die Band freut sich offensichtlich, eine der seltenen Chancen der Livedarbietung nutzen zu können und bedankt sich mehrfach beim Publikum, was in dieser Situation wirklich authentisch rüberkommt. Schönes Ding!

Torsten: Das wissen auch die Hamburger Jungs von HARDBONE, die dann auch fulminant loslegen! Ihr AC-DC getränkter Sound geht sofort ins Ohr und in die Beine. Da wackelt der Klappstuhl und die desperadische Sonnenliege, auf der ich mich räkele, zuckt wohlig im stampfendem Takt. Der Sound klingt'n büsch'n leise, aber gut temperiert. Wir, die wir recht weit vorne sitzen, kriegen die Action auf der Bühne noch direkt mit. Die Autoinsassen weiter hinten haben eher die riesige LED – Wand vor Augen. Verschiedene Kamerapositionen und Kamerafahrten sorgen dafür, dass jede/r alles mitkriegt. Wer sein Autoradio auf eine vorher angegebene Frequenz einstellt kriegt den Klang fett ins Auto gepustet.

HARDBONE haben Bock und geben Vollgas! Auch an ihnen ist die Zwangspause nicht spurlos vorübergegangen. Die Freude endlich wieder vor Publikum auftreten zu können, steht der Band ins Gesicht geschrieben. Den Überschwang nutzt Frontmann Tim gleich aus und stürzt – allerdings ungewollt - ins Schlagzeug. Egal! Haare Schick machen. Weiterrocken! Mehr kreischige Vocals, mehr "Angus – Young – Riffs", mehr pumpenden Bass! HERRLICH!!! Obwohl man das alles nur im Sitzen verfolgen kann, ist die Stimmung super! Klar ist es dann schwerer die Leute zu animieren, aber zum Glück geht das Mitklatschen fast von alleine. So rocken sich die sympathischen Riff – Worshipper amtlich durch ihre Songs (aktuelle Scheibe "No Frills"), wohlwissend, dass die Meute vor der Bühne sehnlichst die DONNERMÜTTER erwartet.

 

THUNDERMOTHER

 

Philipp: Gitarristin Filippa Nässil hat heute Geburtstag und wurde bereits beim Soundcheck gefeiert. Ob THUNDERMOTHER deswegen noch ein Quäntchen Extra-Motivation verspüren? Auf jeden Fall ist die Band on fire! Ich mochte ja auch die alte Besetzung und stand dem aktuellen Line-Up längere Zeit skeptisch gegenüber, doch spätestens „Heatwave“ hat mich jetzt überzeugt. Guernica Mancini schmettert mit souliger Power, die gesamte Band ist trotz der lütten Bühne ständig in Bewegung. Wie Torsten schon sagte, bewegt sich die Lautstärke eher im moderaten Bereich. Ohne Hörschutz ist es aber gerade laut und druckvoll genug. Mit jedem Song wird es schwieriger, nicht durchzudrehen, alternativ schütteln wir im Sitzen die Rüben, rütteln am Gitter unseres „Geheges“ und verkleckern unser Bier. Ein Mitglied unserer Reisegruppe sagt mir später, ihm sei wohl etwas ins Bier getan worden, weil er plötzlich so enthemmt gewesen sei. Ich aber verkünde: Wer sich ca. zehn Bier bei 30 Grad wie Limo in den Schlund kippt, der könnte auch ohne „Zutaten“ irgendwann betüdelt sein. „Heatwave“, „Driving In Style“ und „Loud And Alive“ markieren nur einige der Höhepunkte des Auftritts, der von viel Spielfreude, Spontanität und Rock’n’Roll-Zitaten geprägt ist.

Torsten: Ebendiese sind, genau wie die Fans, schon gut vorgewärmt. Gitarristin Filippa hat heute Geburtstag und die gute Laune der Mädels spricht für Partystimmung hinter der Bühne. Neben den (von Die – Hard – Fans) überbrachten Luftballons gibt's später auch noch Schampus zum Anstoßen. Prost und Herzlichen Glückwunsch! Unser Tisch lässt sich von der fleißigen Bedienung noch ein paar Humpen bringen, damit die "Hitzewelle" besser zu vertragen ist. Natürlich steht die neue Scheibe der Schwedinnen im Mittelpunkt. Ich hatte die Platte bis dahin noch nicht gehört, aber Chefeinkäufer Philipp W. hatte das Ding beim letzten Besuch in Hamburgs kultiger PLATTENKISTE bereits abgeerntet und einige Male durchgehört. Ist wohl auch ganz gut ;) LIVE lassen THUNDERMOTHER eh nix anbrennen. So oft und so lange, wie sie unterwegs waren und sind, fließen Rhythmen und Riffs wie von selbst aus der tighten Band. Zwischen all den coolen Eigengewächsen, zwischen AC-DC und Breitbeinrock, tauchen immer wieder Reminiszenzen an die Urväter des Rock auf. Eiserne Jungfrauen und Zeppeline fliegen tief und werden von Motörköpfen wohlwollend begleitet. Genau das Richtige für eine ausgelassene Party! Die Stimmung steigt unaufhörlich! Irgendwann wird an den Absperrgittern gerüttelt, Haare fliegen und die Fäuste sind permanent in der Luft. Scheiß auf Corona! Der Virus kann dem Rock'n'Roll nichts anhaben! THUNDERMOTHER spielen quasi um ihr Leben und beweisen uns (und nicht zuletzt sich selbst), daß der gute alte Rock und Live - Shows nicht tot zu kriegen sind! Die Show strotzt nur so vor Spielfreude und Energie. Auch wenn die Umstände eben anders sind. Zwischen Bühne/Leinwand und Fans sind etliche Meter Abstand. Trotzdem (oder gerade deshalb) springt der Enthusiasmus über. Die Meute ist hungrig und verlangt mehr. Ohne Zugaben werden die Thundermöthers nicht nach Hause gelassen. Filippa Nässil läßt es sich trotz Abstandsregelungen nicht nehmen ihre Gitarrensoli direkt unter die Leute zu bringen. Mit Maske bewaffnet begibt sie sich in die breiteren Zwischengänge um dort zu zocken und den Fans wenigstens ein bisschen Normalität zu bringen. Einfach nur geil! Band und Publikum sind bester Laune. Und alle wissen, dass das so wie heute etwas Einmaliges ist. Das wird ALLEN in Erinnerung bleiben! Soviel ist sicher! Danke an HARDBONE, THUNDERMOTHER, all ihre HelferInnen und nicht zuletzt dem "ROCK UNTERM TURM" – TEAM für diesen sonderbar unvergesslich verrockten, heißen, charmanten und freudetrunkenen Abend! Ihr habt den Rock'n'Roll gerettet!!!

Philipp: Yeah, YOU CAN’T STOP ROCK’N’ROLL!

 

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