HELL OVER HAMMABURG VIII: NIFELHEIM, ARGUS, VEMOD, JOSEPH THOLL, (DOLCH) / 06.03.2020 – Hamburg, Markthalle

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Am Freitag um 16:00 Uhr beginnt das HELL OVER HAMMABURG, was für uns heute logistisch leider nicht zu schaffen ist. Obwohl wir durch geschickte Planung und die „günstigste Route“ sogar früher als befürchtet vor Ort sind, gehen uns so TRAVELER durch die Lappen. Schade, aber sie sollen wieder richtig gut gewesen sein. (DOLCH) spielen bereits. Pullern, 30 endlose Sekunden lang Händewaschen (die Leute machen das alle recht akribisch), Bier und ab nach vorne!

 

(DOLCH) gefallen mir live besser als auf den (bereits guten) Platten. Die Band agiert jenseits jeglicher Genre-Schubladen und zählt zu den wenigen, die von Metalheads, Punks und „Indie“-Hörer*innen gleichermaßen goutiert wird. Wären Sie nicht auf Ván und hätten sie nicht diesen sprituell-düsteren Überbau, spielten sie möglicherweise gar nicht auf Festivals wie dem HOH. Aber egal, dieser hypnotisierende, unheilschwanger und beklemmend wabernde Sound hat die knackvolle Markthalle bereits eingefangen, als wir hinzukommen. Ich bin sofort drin und finde, dass (DOLCH) bei aller Schroffheit wunderschön klingen. Übrigens gilt dies auch für die Optik von Band UND Publikum, sieht das von blauem Licht bestrahlte Publikum doch aus wie Seeanemonen, die sich in ihrer Unterwasserwelt hin- und herwiegen. Sängerin M. scheint erkrankt zu sein, berichtet Jan später, der als Knipser vom Graben aus ihre Batterie an Schnupfsprayfläschchen, Taschentüchern etc. sehen konnte, aber man hört absolut keine Beeinträchtigung ihrer Stimmgewalt. Für uns ein sehr schöner Einstieg!

 

JOSEPH THOLL (Ex-ENFORCER, Ex-BLACK TRIP…) hat 2019 mit „Devil’s Drum“ ein großartiges Hardrockalbum veröffentlicht, welches ich auf Augenhöhe mit ROBERT PEHRSSON’S HUMBUCKER sehe. Apropos: Neben Tholl steht auch Pehrsson auf der Bühne und wir erleben somit das vielleicht beste Gitarrenduo Schwedens live. Die Songs, die ohnehin schob top sind und mich häufig an 70er KISS-Songwriting erinnern, werden in astreiner Qualität dargeboten. Auf der Bühne steht ein Reisekoffer auf einem Stativ, welchen Joseph Tholl irgendwann mit einem lauten Quietschen öffnet – natürlich befindet sich ein Keyboard darin, charmante Idee. Die Stücke sind echte Perlen, hervorheben möchte ich „It’s Just Rock’n’Roll“, „They Fell From The Sky“, „Devil’s Drum“ und „I’m The Machine“. Zwischendurch verpassen wir leider ein Viertelstündchen, weil wir eine Parkuhr füttern müssen. Laut Jan habe die Band in der Zeit ein NIRVANA-Cover gezockt. Für mich ein Highlight, welches heute nur ARGUS und NIFELHEIM übertreffen.

 

Was aber nicht heißt, dass die einzige mir bisher völlig unbekannte Band des Tages VEMOD schlecht sei. Black Metal aus Trondheim mit leichten Post-Einsprengseln und Räucherstäbchen-Olfaktorik, der sowohl etwas von alten Helden wie DARKTHRONE oder frühen EMPEROR als auch neuen Vertretern wie SOLBRUD hat, prasselt auf unsere Ohren ein. Die Texte sind zwar auf Norwegisch gehalten, scheinen aber BM-Plattitüden zu meiden (die Band selbst nennt ihren Stil „Dark Ethereal Metal“).und sich eher philosophischen und transzendentalen Themen zu widmen. Wenn flirrende Gitarren und Blastbeat-Teppiche in gezielter Monotonie verschmelzen und die Band das in überlangen Stücken zelebriert, muss man einfach an 90er Black Metal denken. Eine positive Überraschung.

 

Endlich wieder ARGUS! Das letzte Hamburger Gastspiel der Heavy / Doom Metal Freaks ist auch schon wieder bald drei Jahre her. Bei tollem Sound präsentiert der Fünfer aus Pennsylvania Stücke von allen vier Alben, wobei der Schwerpunkt auf der zweiten LP „Boldly Stride The Doomed“ liegt. Nummern wie „A Curse On The World“, „Durendal“ oder „Pieces Of Your Smile“ verkörpern schweren, echten Heavy Metal, der leidenschaftlich und unaufgeregt zugleich vorgetragen wird. Die akribisch ausgearbeiteten Gitarrendetails und die eindringlichen Gesangslinien zaubern mir eine Gänsehaut nach der anderen auf die Arme. Butch Balich punktet mit seiner beeindruckend voluminösen Stimme, die völlig eigenständig und erhaben klingt, und freut sich offenbar sehr über die euphorischen Reaktionen der HOH-Besucher*innen. Man könnte zwar sagen, dass ARGUS sich zwischen Einflüssen von CANDLEMASS, THE LORD WEIRD SLOUGH FEG und IRON MAIDEN bewegen, dabei aber eine eigene Identität erarbeitet haben. Begeisterung!

 

NIFELHEIM beweisen, was wir insgeheim schon immer wussten: Je mehr Nieten und Leder, desto geiler klingt auch die Musik. Per und Erik haben offenbar jeden Nietenschrotter abgegrast, den sie an Day-Offs der laufenden MAIDEN-Tour aufsuchen konnten – Per trägt heute sogar einen nietenbewehrten Stahlschlüpper und dass die beiden sich vor Stacheln überhaupt bewegen können, gleicht einem Wunder. Die Macht ist eben stark in ihnen. Das zeigt sich auch gleich im Opener „Infernal Flame Of Destruction“, der zerstörerisch durch mein Gehirn stakst. Flammen, Hölle – alles in blutrotes Licht getaucht, das nehme ich kurz wahr, wenn ich nicht gerade headbange und im Stakkato mitschmettere. (Da die NIFELHEIM-Platten ja stets ohne Textblätter kommen, brülle ich übrigens reine Fantasietexte.) „Unholy Death“, „Evil Blasphemies“, „Bestial Rites“, „Storm Of The Reaper“, “Satanic Sacrifize”, “Possessed By Evil” oder “The Bestial Avenger”, sie alle befinden sich in der Setlist. Und herrlicherweise auch ein neuer Song von der gleichnamigen 7”, die heute am Merch liegt, betitelt „The Burning Warpath To Hell“. Das Ding prescht ungestüm nach vorne und müffelt förmlich nach Leder, Bier und Satan. Wenn also endlich ein neues Album kommt, wie Per heute ankündigt, und dieser Song ein Indikator ist, dann darf man Vorfreude hegen.

 

Yeah, das war wieder ein gelungenes Fest! Leider wird es zumindest von mir keinen Bericht des zweiten Tages geben, denn der 7. März war bereits fürs FUCK CANCER reserviert. Aber vielleicht mag jemand anders?

 

Bewertung: 5 / 5

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