TRUE THRASH FEST: RAZOR, TOXIK, BLOOD FEAST, AT WAR, RIVERGE, EXCUSE / 23.11.2019 – Hamburg, Kulturpalast

4 Dislike0

Lange drauf gewartet und nun ist es da: Das erste TRUE THRASH FEST in Hamburg. Name und Logo stammen vom japanischen Original, für das Veranstalterin Steffi ein deutsches Schwesterfestival schaffen wollte. Steffi hat durch ihre jahrelange Mitarbeit beim HEADBANGERS OPEN AIR und im BAMBI GALORE mittlerweile unzählige Kontakte zu Menschen und Thrasher*innen aus aller Welt hergestellt. TTF-Gründer Mikitoshi Matsuo gehört dazu und lässt sie nicht nur erwähntes Logo nutzen, sondern kommt auch gleich selbst rübergejettet und bringt die japanischen Thrasher RIVERGE mit. Wir haben es nicht ganz so weit und genießen in fünfköpfiger Reisegruppe die Zugfahrt nach Hamburg, welche mal wieder viel zu schnell vorüber geht (zurück sieht die Sache dann ganz anders aus…).

 

Unser Timing ist perfekt, denn wir können noch ein paar Sekunden Streetboozing betreiben und die schicken Hardtickets abgreifen (sogar Stoffbändchen gibt es heute), da beginnen auch schon die Finnen von EXCUSE ihr Set. Ich bin gespannt, gehören sie doch zusammen mit RIVERGE zu den beiden Bands im heutigen Billing, welche mir noch vollständig unbekannt sind. Die Optik stimmt mit Leder, Ketten und Schnurrbärten schon mal (erster Haken auf der Checklist) und trotz des anfänglich etwas verwaschenen Sounds wird die musikalische Klasse des Quartetts sofort deutlich. Die Hunde sind tight, lassen aber nicht zu sehr den Technik-Willi raushängen, zocken lieber geradlinig und schnell wie alte SLAYER oder SACRIFICE. Der Gesang könnte insgesamt etwas charismatischer und auch kräftiger kommen, aber ansonsten gefallen mir EXCUSE sehr gut. Eine Entschuldigung ist jedenfalls unnötig, hö.

 

Nun folgen RIVERGE aus Japan, die heute ihren ersten Auftritt in Europa spielen. Die Jungs kommen rum, waren sie doch kürzlich auf dem legendären Steel Assassins Festival in Australien. In der Halle ist es jetzt schon gut gefüllt und alle grinsen, als der obersympathische Mikitoshi Matsuo „seine“ Schützlinge ansagt. Übrigens kommen auch die Ansagen vom TORTURE GUT-Kollegen richtig knackig – es gibt ja so Laberansager, denen man anmerkt, dass sie gar keinen Bezug zur jeweiligen Band haben oder eben Freaks mit Bock und Ahnung. Die Atmosphäre ist eh schon positiv und als RIVERGE losballern, sind überall grinsende Gesichter zu sehen. Blickfang ist Sänger Shoji Nakamura, dessen blondierte Haarpracht aus der tief ins Gesicht gezogenen Mütze baumelt. Ob das Japanisch ist, was er da gerade singt? Könnte auch Klingonisch sein. Der Kerl stakst mit rudernden Armen über die Bühne, springt herum und strahlt wie die gesamte Band eine mitreißende positive Power aus. Musikalisch gibt’s geradlinigen Thrash mit HC/Punk-Anleihen, der sehr gut zündet.

 

Was jetzt passiert, ist der Hammer: Vier Old-School-Thrash-Legenden geben sich nacheinander die Klinke in die Hand und überzeugen allesamt mit infernalischen Auftritten! Wer braucht da die BIG FOUR? Das hier sind die MAYBE NOT THAT BIG FOUR, und sie stehen unter Strom. AT WAR haben mich live nicht immer überzeugt, aber heute kommt ihr fieser Asi-Thrash so rüde aus der PA gerumpelt, dass man einfach die Fäuste in die Luft recken muss. Der Bass ist herrlich laut im Mix vertreten, was dem Trio hervorragend zu Gesicht steht. „Ordered To Kill“, „Ilsa (She-Wolf Of The SS)“ und das mit einem unwiderstehlichen Mitgrölchorus versehene „At War“ pushen das Publikum in den Exzess. Textlich fragwürdig finde ich den Song „Rapechase“, in welchem eine Vergewaltigung beschrieben wird. Klar, extreme Metal- und Punkbands haben immer schon schreckliche Dinge beschrieben und man muss zwischen der Beschreibung einer (fiktiven) Tat und mit der Identifikation mit derselben unterscheiden, aber mir persönlich fehlt in diesem Text jegliche Distanz.

 

Ohne die folgende Band hätte es laut Steffi die deutsche Version des TTF nicht gegeben: BLOOD FEAST haben in den vergangenen Jahren immer überzeugt und mehrfach den Garten des HOA komplett durchgepflügt. Heute setzen sie powermäßig noch ein Level drauf und zelebrieren ihren Speed/Thrash, als wollten sie das Genre neu definieren. Der Schlagzeuger gibt uns ein durchgehendes Sperrfeuer, auf dem aufbauend die Band ein Killerriff nach dem anderen raushaut. Bei Granaten wie „Menacing Thunder“, „Kill For Pleasure“, „Off With Their Heads“ oder „Blood Lust“ vergehen mir fast Hören und Sehen. Chris Natalini muss unbedingt explizit hervorgehoben werden,  bietet er mit hemmungslosem Schädelspaltgeshoute doch die bisher beste Gesangsleistung des Abends. Band und Publikum steigern sich zusammen in einen Geschwindigkeitsrausch. Danach siehst du überall begeisterte Gesichter.

 

Gespannt bin ich nun auf TOXIK, die bei ihrem gestrigen Auftritt auf dem Warm-Up bereits vollständig überzeugt haben sollen. Unter dem Namen FALSE PROPHETS gab es ein „World Circus“-Set, während der heutige Auftritt dem zweiten Longplayer „Think This“ gewidmet ist. Alle, die vom neuen Sänger geschwärmt haben, haben Recht: Der Typ ist der Todd LaTorre des Thrash Metal! Ron Iglesias heißt er, offenbar erst 30, und bereits auf der neuen 7“ „Kinetic Closure“ zu hören (geiles Anti-Trump-Cover). Was für ein Organ! Glasklare hohe Schreie, die mühelos durch die Bandklassiker schneiden. Boah, da kommen „Think This“, „Greed“, „Spontaneous“, das hochemotionale „There Stood The Fence“ oder “Shotgun Logic” in Gänsehautversionen. Obwohl diese Stücke technisch und komplex sind, kann man zu ihnen abgehen und zum Teil auch mitsingen. Zu meiner Freude beschränken sich TOXIK nicht auf „Think This“-Material, sondern ballern im Anschluss noch den Übersong „Heart Attack“ vom Debut: „HEART HEART HEART HEART HEART ATTACK!“ Danach ist die Sause immer noch nicht vorbei, es folgen „Social Overload“ und „Victims“, ebenfalls vom Debut. Knaller!

 

Das war alles jetzt schon legendär, aber die kanadische Abrissbirne RAZOR setzt tatsächlich noch einen drauf! Von Anfang ab rasten die Leute komplett aus, denn Dave Carlo, Bob Reid, Mike Campagnolo und ein mir bisher unbekannter Drummer bieten eine Best-Of-Setlist mit den allerstärksten Songs der Bandgeschichte. Die Vibes kommen so originalgetreu, dass auch totale Anhänger des Sheepdogs (1984 – 1988) ihre Köppe aneinanderhauen. Der mittlerweile stark seheingeschränkte Dave Carlo scheint großen Spaß zu haben, er begibt sich sogar mit Hilfe eines Stagehands mitten in den tobenden Mob und spielt einfach weiter. Songbeispiele gefällig? „Cross Me Fool“, „Iron Hammer“, „Violent Restitution“, „Cut-Throat“, “Hot Metal”, “Stabbed In The Back”, “City Of Damnation”, “Take This Torch” und der ultimative Mitgröhler “Evil Invaders”. Zu letzterem Song fordern RAZOR alle Maniacs dazu auf, auf die Bühne zu kommen und zu stagediven. Haha, was für’n Anblick, als Dutzende Kuttenträger auf der Bühne abthrashen. Natürlich trampeln einige auf Kabel und Equipment, aber die paar Gitarrenaussetzer sind den Spaß allemal wert. Auch wenn der Kulturpalast ja leider eine etwas sterile Atmosphäre hat, war das heute ein herrlich räudiges Thrashfest.

 

Ob es im nächsten Jahr eine Fortsetzung gibt? Ich hoffe ja! Wie wäre es dann mit SACRIFICE, DEMOLITION HAMMER, DARK ANGEL, MORBID SAINT, SADUS, VIO-LENCE, BULLDOZER, RIGOR MORTIS, HOLY TERROR, BLESSED DEATH und/oder EVILDEAD?

 

Kommentare   

0 #1 Philipp 2019-11-26 13:51
Nachtrag: Der "unbekannte" Drummer von Razor heißt Rider Johnson, und ist schon seit 6 Jahren dabei.
Zitieren

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

Bewertung: 4 / 5

Stern aktivStern aktivStern aktivStern aktivStern inaktiv