SAINT VITUS, DOPELORD / 12.04.2019 – Hamburg, Headcrash

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Die Karriere von SAINT VITUS scheint in zyklischen Phasen zu verlaufen; gar nicht unähnlich wie bei BLACK SABBATH, die sich mehrfach mit den Übersängern Ozzy und Dio reunierten, gab es bei Dave Chandler und Co. nun bereits mehrere Wino-Phasen, aber eben auch bereits die dritte mit Scott Reagers. Ich habe die Band zum Glück bisher mit allen drei Sängern (vier, wenn man Dave Chandler dazuzählt…) sehen können, seit 1988 immer wieder mit Wino, 1992 auf der „C.O.D.“-Tour mit Ex-COUNT RAVEN-Sänger Christian Lindersson und auf der 94er Tour zur „Die Healing“ mit Scott Reagers. Dass letzterer als Gründungsmitglied abermals zurückgekehrt ist, finde ich spannend und meine Erwartungshaltung an das kommende Album ist durchaus nicht gering. Dafür verantwortlich ist auch der Verlauf des heutigen Abends.

 

SAINT VITUS

Bilder von Thomas Ertmer - https://www.facebook.com/th.ertmer/

 

Das Headcrash erweist sich als zu klein für SAINT VITUS, bereits beim Opener DOPELORD wird es heiß, stickig und eng in dem Schuppen. Die Polen, die übrigens 2016 mal im Kieler Hochbunker gastierten (Dirk Sackers berichtete), zocken eine melodiöse Stoner/Doom-Variante mit sehr gut abgemischtem zweistimmigem Gesang. Ich muss erst mal die irritierende Tatsache verdauen, dass gerade die drei Frontmusiker identische Rasuren und Frisuren tragen (gepflegte Bärte, geschorene Schädelseiten), aber da dat ja auch völlig wumpe ist, vermag ich mich schnell auf diesen Sound einzulassen. Im Gegensatz zu vielen anderen Stonerbands verlieren sich DOPELORD nicht in unfokussierter Repetition, sondern halten ihre Stücke knackig, kompakt und melodisch. Ich hätte mir vielleicht eine Scheibe geholt, wenn SAINT VITUS nicht so geilen Kram am Merch liegen hätten! Es gibt nämlich richtig schöne gewebte Patches mit dem „V“-Albumcovermotiv und in Sachen Vinyl die Livescheibe „Marbles In The Moshpit“ sowie die erste SST-12“ „The Walking Dead“. Das heißt abernten!

 

SAINT VITUSSAINT VITUS

 

Yeah, der Vierer betritt tiefenentspannt die Bühne, der mittlerweile ergraute Reagers packt seine mit BLACK FLAG-Patches benähte Jacke in eine Bühnenecke, greift sich eine Tasse Tee und sabbelt mit den Leuten bzw. äfft deren Zwischenrufe nach. Die Stimmung in der Band scheint gut, auch der seit 2016 zum Line-Up gestoßene Pat Bruders (b) passt perfekt in den Haufen, Schlagzeuger Henry Vasquez zockt ja mittlerweile seit über zehn Jahren bei den Doombuben und setzt den typischen Armando-Acosta- (RIP!) Stil gekonnt fort. Es gibt bis auf eine Ausnahme ausschließlich Stücke von den Reagers-Platten, z.B. „Dark World“, „White Magic/Black Magic“, „War Is Our Destiny“, „Burial At Sea“, „Saint Vitus“ oder „Hallow’s Victim“. Reagers‘ Stimme ist in Intonation und Klangfarbe im Grunde ja noch spezieller als Winos, beide passen natürlich perfekt zu den jeweiligen Songs und ich könnte nicht entscheiden, wen ich favorisiere. Manche bemängeln heute übrigens einen undifferenzierten Sound, ich habe offenbar einen guten Standort oder mein Gehörschutz pegelt das zufällig optimal aus, aber ich finde den Klang total gut und höre Reagers auch schön raus. Es kommen auch diverse Songs vom demnächst erscheinenden Album zum Zuge, die mir auf Anhieb sehr gelungen erscheinen. Da könnte ein Doom-Hammer auf uns zukommen. Dave Chandler kommt immer mehr in Wallung, spielt die Saiten mit den Zähnen, zockt mit dem Instrument überm Kopp und stellt seine Flying V mit der Nase auf den Boden, um das Griffbrett gefühlvoll zu streicheln. Reagers springt in die erste Reihe und lässt die Leute den Refrain von „Saint Vitus“ in das hingehaltene Mikro shouten. Geil, und die einzige erwähnte Setlist-Ausnahme kommt natürlich mit „Born Too Late“, das wirklich jeder im Raum mitschmettern kann.

 

SAINT VITUSSAINT VITUS

 

Immer noch gilt das Band-Zitat von 1984: „The things we stand for are that the original, old-style metal still lives, and that you can be in a loud, raunchy hard-core heavy metal band and not have to praise the devil!“

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